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Flüsternde Wut
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Pearl Jam, letzte Überlebende der Grunge-Ära, zeigen auf ihrem neuen Album
"Riot Act", wie leise Weltschmerz klingen kann.

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      I
'm still alive", sang Eddie Vedder vor elf Jahren. Er sollte Recht behalten. Kurt Cobain beendete mit einer Schrotladung alles, was Grunge war. Einige Bands der erfolgreichen Generation des Genres überlebten ihn. Aber nicht lange. Alice-in-Chains-Sänger Lanye Staley starb im vergangenen April. Soundgarden lösten sich auf. Die Stone Temple Pilots sind abhängig von der Drogensucht oder den Gefängnisaufenthalten ihres Sängers, Girtarristen und Songschreibers Scott Weiland. Pearl Jam, deren Sänger Vedder ist, haben überlebt. Das muss hart sein für welche, die immer nur das Schlechteste, das Dunkle im Leben, erkennen mögen. Pearl Jam zogen jenseits der Bühne in viele Kriege - vom Kampf um soziale Gerechtigkeit bis zum Durchsetzen künstlerischer Selbstbestimmung gegen Großkonzerne -, um sich ihren Status als Unbeugsame, als Alternative zu erhalten. Sie erlebten den Albtraum von Roskilde, wo während ihres Auftritts im Juni 2000 neun Fans zu Tode gedrückt wurden.

Zwangsläufig machen sich da Ermüdungserscheinungen breit. Vor allem, wenn sie auf ihrem neuen Album "Riot Act" mit harter Hand ein paar Fetzer hinknallen. Die klingen nach früher, nach Überbleibseln von Alben wie "Vitology" (1994) oder "Vs" (1993). Sie dröhnen - im wörtlichen Sinn - abgedroschen.

     Wenn sich Vedder aber, fast flüsternd, traurig gequält, mit Sprechstimme zu Wort meldet, hinterlässt er Spuren. Dann gräbt sich Vedder während der Strophen mit kryptischen Versfragmenten in die Seele, um beim Refrain in einer schaurig schönen Melodie zu verharren. Niemals aber verwendet er deren Schönheit, um womöglich einen positiveren Weltentwurf daraus zu gestalten. Ein Rettungsanker gilt ihm gleich viel wie einem großen Komiker die billige Pointe: nichts.

Dieses Pearl-Jam-Muster funktioniert seit Beginn der Band Ende der 80er Jahre und bis in alle Ewigkeit. Das liegt auch daran, dass Vedder, Stone Gossard, Jeff Ament, Mike McCready und der 1998 dazugestoßene Ex-Soundgarden-Drummer Matt Cameron im Laufe von sieben Studio-Alben ein untrügliches Gespür entwickelten, mit ihrer Musik den assoziativen Texten ein übergeordnetes Gefühl, ein Leitmotiv mitzugeben. Klage, Trauer und Wut herrschen - was sonst sollten alternative Rockhelden im Bush-Amerika spüren? Liebeslieder im eigentlichen Sinn oder auch Fröhlichkeit kennen Pearl Jam außerdem ohnehin nicht. Die Welt ist nämlich schlecht. Vieles gibt es zu beklagen. Wer jedoch meint, das ließe sich nur durch wütende Schreie und ohnmächtige Lautstärke artikulieren, hat die brutale Gewalt des Jammers, die rohe Kraft des Flüsterns noch nicht entdeckt. Ein "Riot Act" muss sich nicht zwangsläufig mit einer geballten Faust entladen, sondern lässt sich auch als Rückzug in eine geschundene Seele verstehen. Vedder weiß das - und zwar schon seit langer Zeit. Am liebtsten, und für Zuhörer am eindrücklichsten bewegt er sich zwischen Qhnmacht und Sehnsucht.

("Riot Act" erschien bei Epic/Sony).

Bernhard Flieher
(Bernhard Flieher ist Redakteur
bei den Salzburger Nachrichten)


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