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Keiner geht voran! Rock, was nun?

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Weil die Menschen von den Bulldozern der Unterhaltungsindustrie jeder Individualität
beraubt werden, hat es die Rockmusk schwer. Sie braucht nämlich Helden, die lautstark
gegen alle Regeln verstoßen. Das ist im Moment allerdings eher unpopulär.

Von Bernhard Flieher


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m Ende wird eine Gitarre bleiben. Sie wird dröhnend auf dem Boden liegen und das Dasein bleibt eine bebende Dauerparty. Das Leben, ein endloser Rausch voller Jugend und Unbeschwertheit. Die Wahrheit, ein schwüles Nebenzimmer in einem aalglatten Geschäftsgebäude. So haben wir uns den Rock 'n' Roll immer vorgestellt, seit die Hüfte von Elvis Presley und der Entenschritt von Chuck Berry die Tür zum Nebenzimmer der wirklich alltäglichen Welt aufgestoßen haben.

Rock 'n' Roll begleitet als Musik den Aufstand und den Aufruhr, der vor allem eine Angelegenheit der Jugend ist. Im Lauf der Jahrzehnte wurde aus dem Aufstand ein Riesengeschäft. Der Aufruhr bezieht sich mittlerweile bedingungslos auf die Frage: "Wies chnell kann wie viel verkauft werden, damit am Ende vor allem die Buchhalter in den Chefetagen der global agierenden Mega-Konzerne jubilieren?"

     Rockende E-Gitarren, rollende Schlagzeuge, hämmernde Bässe und jaulende Stimmen - die ästbetischen Grundessenzen des Rock gibt es noch. Von Techno und HipHop wurden sie aber als bestimmender Teil der Jugendkultur abgelöst. Wer Rock 'n' Roll immer noch als sexuelle Anmache, als jugendliches Aufbegehren gegen jede Obrigkeit, als musikalisches Werkzeug der Revolution verstanden haben will, gehört zu den Altmodischen. Und überhaupt: Welche Revolution denn? Haben wir nicht längst alles erkämpft, wofür Elvis in die Knie ging, sich die Stones die Haare haben wachsen lassen und Hendrix die Gitarre angezündet hat?

Denn so viel muss schon klar sein: Wo junge Helden auftauchen (sollen), müssen die alten Helden schon längst herbeizitiert worden sein. Da mag der Rock noch so sehr (und bisweilen übermäßig angestrengt) in der Gegenwart verortet werden, nur für das Hier und Jetzt Geltung haben: Er trägt schwer an seiner Geschichte, auch wenn die heuer erst ihr Halbes-Jahrhundert-Jubiläum begeht. War schon alles da. Und war schon alles besser. Und ab sofort geht nichts mehr. Glam Rock, Art Rock, Progressive Rock, Soft Rock, Schock-Rock, Hard Rock, Melodic Rock - alles Kinder derselben Schule, nur aufgewachsen in völlig unterschiedlichen Zeiten. Weil alles immer mehr wurde, wurde es immer schwerer, herauszuragen.

     Außerdem war der Optimismus der so genannten Goldenen Rockära in den 50er und 60er Jahren, die Unbekümmertheit dieser Tage, in denen ein simples "AWopBopALooBop" und ein "Love Me Do" die Welt aufstacheln konnten, ohnehin spätestens mit dem schnellen Ende der Punk-Zeit in den späten 70er Jahren verschwunden. Der letzte weltweit vernommene Schrei der Sehnsucht und Verzweiflung liegt auch schon lange zurück und stammt von Kurt Cobain und Nirvana. Cobain ist seit zehn Jahren tot.

Manchmal tönt aber doch wieder die alte Hoffnung aus allen Kanälen. "This Band will change your life!", plärrte der New Musical Express zu Beginn dieses Jahres. Dass gerade erst die zweite Single von Alex Kapranos und seinen Kumpels, die sich als Band Franz Ferdinand nennen, passt prototypisch in die Rockgeschichte. Wie wenn nicht in einem Drei-Minuten-Song, ändert jemand die Welt? Wann, wenn nicht genau jetzt und durch drei längst bekannte Akkorde, soll das Universum aus den Angeln gehoben werden? Auch das seit eineinhalb, zwei Jahren hochglänzend unter dem Markenzeichen "Die Rückkehr des Rock" vermarktete Treiben von Bands wie Black Rebel Motorcycle Club, Yeah Yeah Yeahs, The Libertines, The Strokes, The Hives, The Vines, The White Stripes oder The Darkness macht klar, dass der alte Spruch von Woody Guthrie noch stimmt: "This Guitar kills Fascists."

     Die Anpreisungen für diese neue Generation müssen aber immer lauter werden, weil der Markt immer unüberschaubarer wird. Wenn Rockmusik aber Anpreisungen braucht, die lauter sind als die Musik selbst, gibt es kein Gewinnen. Aber wenn Industrialisierung und Globalisierung mit ihren kunterbunten Werbestrategien zum Zweck der Gewinnmaximierung irgendwo perfekt und reibungslos funktionieren, dann in der Unterhaltungsindustrie. Was nach Trend riecht, wird ausgepresst. Da können sich die Geschäftemacher des Showbusiness noch so sehr anstrengen und uns alle die "The"-Bands als neueste, verheißungsvollste Zukunft des Rock verkaufen wollen.

Im vergangenen Frühjahr meinte MTV-Europe-Chef Simon Guild, dass die Zeit des physischen Tonträgers abgelaufen sei. Plattenläden seien also künftig überflüssig. Die Frage sei nicht, wie es mit dem konventionellen Handel mit Tonträgern weitergeht, sondern ob es überhaupt noch Tonträger im bisherigen Sinne - also Vinyl, das eine Renaissance erlebt, und CDs - geben wird. Die Krise auf dem Markt ist evident wie nie zuvor.

     Das liegt allerdings weniger an den Künstlern, als an ihren Möglichkeiten, die Öffentlichkeit zu erreichen. Wo ein Radiosender das ganze Land mit leicht verkäuflichen Banalitäten beherrscht, hat nichts die Chance, aus dem Untergrund zu wachsen. In einer Welt, die für die Live-Übertragung von Promihochzeiten und von halbwichtigen Champagner-Empfängen die Berichterstattung über Hungerkatastrophen, soziales Elend oder die Schrecken eines Krieges opfert, wartet niemand mehr auf einen Aufbruch in eine neue Zeit. Da wartet jeder nur darauf, einmal eine Einladung zu einer wichtigen Party zu bekommen.

In einer Welt, die das Individuum nach allen Regeln der Brutalunterhaltung auflöst, die es zur wählbaren Nummer einer Fernsehshow degradiert, tut sich die Rockmusik aber schwer. Der Rock braucht nämlich wahre Helden, die gegen alle Regeln verstoßen und entlang einer schneidenden E-Gitarren-Linie aus der Reihe tanzen. Aber klar: Wer seinen Grundbedarf an Lautstärke per Handy-Klingelton bezieht, muss das altmodisch finden.

     Gerade mit Hinblick auf den Markt der billig zu kaufenden (Alb-)Träume aber bieten sich der Rockmusik gute Chancen.Warum sollen die Regale mit der neuen Britney-Spears- rällerei, dem neuesten Prolo-Hip-Hop oder der letzten Ausscheidung aus einer Casting-Show voll gestopft werden, wenn sich das die superschnellen Hör-Youngsters ohnehin lieber als Download besorgen? Warum also nicht die wenig bekannten Feinheiten pflegen? Warum nicht als plattendealer (ja die gibt es noch!) derzeit recht vernachlässigten Stoff besorgen und damit auf den wahren Liebhaber zielen? Was in der Electronic-Szene seit Jahren funktioniert, muss für den Rock auch passen. Weg mit dem Einheitsbrei. Her mit den Individualisten. Und solange noch eine einzige E-Gitarre röhrt, wird der große Rock-Vorsitzende Neil Young Recht haben: "Rock 'n' Roll will never die."
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