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Wahrheit im Rausch zwischen Fiktion und Fakten

Hunter S. Thompson, harter Journalist, unbarmherziger Schriftsteller und immer
in Abgründe blickend, starb am 21. Februar 2005

Von Bernhard Flieher
(26. 02. 2005)



Bernhard Flieher

ist Redakteur bei den
Salzburger Nachrichten

 

 

 

Hunter S. Thompson kreierte einen neuen Stil des Berichtens, den "Gonzo Journalismus"

 

 

 

     Wofür Hunter S. Thompson bekannt wurde, entstand in der Hitze des Redaktionsschlusses. Über das Kentucky Derby sollte er für das Scanlan Magazine berichten. "Mein Kopf platzte vor lauter Drogen. Ich konnte nicht arbeiten", erzählte er später im Playboy-Interview. Also riss er wahllos Zettel aus seinem Notizblock, nummerierte sie und sandte sie der Redaktion. "Ich war sicher, ich würde nie wieder irgendetwas für irgendwen schreiben." Entweder ist das gut erfunden oder ein großer Zufall – in jedem Fall ist es ideal geeignet, seine eigene Legende zu basteln.

Hunter S. Thompson, geboren 1937 in Louisville, Kentucky, und später nur "Doktor" oder "Dr. Gonzo" genannt, kreierte im Rausch einen neuen Stil des Berichtens, der noch dazu seinem Lebensstil entsprach. Man nannte "Gonzo Journalismus", was Thompson tat. Er rückte den gewöhnlich hinter die Story zurücktretenden Reporter ins Geschehen, machte ihn zum Ich-Erzähler, zu einem zentralen Charakter in der Geschichte. Außerdem ging er (und später seine treue Anhängerschaft) davon aus, dass die "echte Wahrheit" im Bereich zwischen Fakten und Fiktion" zu finden sei. "Anstatt mich zu verdammen, kamen nach der Story über das Derby Briefe und Anrufe, die von einem Durchbruch im Journalismus sprachen", sagte Thompson. Er habe sich gefühlt, als "rase ich einen Liftschacht hinunter und lande in einem Pool voller Meerjungfrauen."

 

 

Mitte der 60er Jahre war Thompson plötzlich ein Star des in den USA hoch respektierten investigativen Journalismus

    Nach ersten Gehversuchen bei einer Air-Force-Zeitung und den Lehrjahren bei lokalen Blättern war Thompson Mitte der 60er Jahre plötzlich ein Star des in den USA hoch respektierten investigativen Journalismus. Die Grenzen zwischen selbst erbauter Legende, genialer Selbstvermarktung, dem ehrlichen, unbedingten "Drang, die Verhältnisse zu ändern" und mit Worten in seinem Land aufzuräumen, verschwammen dabei in einem exaltierten Leben als Outlaw, der niemals ohne Sonnenbrille oder Zigarette auftauchte.

"Er schrieb provokant und um zu schockieren, zu protestieren und zu verärgern", schrieb Timothy Crouse in seinem Buch "The Boys on the Bus" über Thompsons Berichterstattung über den US-Wahlkampf 1972. Mit diesem Stil wurde er zu einem Helden der Gegenkultur, zu einem Kultautor, der bei den Hippies als erster gut ankam, dessen Wirkung allerdings bis heute anhält. "Niemand weiß, was das Beiwort Gonzo denn wirklich bedeutet. Es ist mir nur eines klar: Mein Schreiben kann ein bedeutendes, politisches Werkzeug sein", sagte Thompson.

 

 

Thompson verfasste neben seinen Reportagen rund ein Dutzend Bücher – darunter die Kultwerke "Hell’s Angels" (1966) und "Fear and Loathing in Las Vegas"

     In seinen Reportagen und rund in einem Dutzend Bücher – darunter die Kultwerke "Hell’s Angels" (1966) und "Fear and Loathing in Las Vegas" – verband er grundlegende Kritik an der US-Gesellschaft mit drastischen Schilderungen eigener Drogentrips und Grenzerfahrungen. 1971 erschienen, ist "Fear and Loathing in Las Vegas", der in der ersten Person verfasste Bericht eines Journalisten über eine Reise nach Las Vegas, die er mit seinem Anwalt unternimmt, um über eine Konferenz von Drogenermittlern sowie ein Motorradrennen zu berichten. Mit Johnny Depp und Benicio del Toro wurde das Buch 1998 brilliant verfilmt.

Das Leben beschrieb Thompson als Zwischenland zwischen Wahrheit und Erfindung, zwischen Nüchternheit und Rausch – egal, ob er Politikern nachstellte, ob er von Sportereignissen berichtete oder ob er von eigenen Drogenerfahrungen schrieb. In einem solchen Rausch dürfte sich Hunter S. Thompson nun auch "stilgerecht" verabschiedet haben. Am Sonntag (19. 2. 2005, Anm.) wurde seine Leiche in seinem Haus in Woody Creek bei Aspen im US-Bundesstaat Colorado gefunden – mit einer "offensichtlich selbstzugefügten Schusswunde im Kopf", wie die Polizei meldete.

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