.
..

"
Und ich müsste ganz woanders sein"
...
Der Berliner Liedermacher Funny van Dannen beschreibt
herrlich banal, wie Deutschland ist

Von Bernhard Flieher



"Warum soll man die Leute denn mögen? Was ist so toll an denen?"


"Wir saßen da und freuten uns/
wir freuten uns einfach nur/
wir saßen da und freuten uns/
über die Infrastruktur"

"Das ist nicht meine Stadt, das ist nicht mein Land. Ich glaube das ist gar nicht meine Welt"

"Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet"

    Die Titelzeile dieses Artikels stammt aus dem Song "Grooveman" (von der gleichnamigen Platte aus dem Jahr 2002). Sie beschreibt, wie sich der 48-jährige Funny van Dannen anhört. Seine Stimme erzählt ohne Aufregung. Niemals erweckt sie das Gefühl, als müsste von Wichtigem berichtet werden. Wer kleine Lästigkeiten des Alltags – ein paar Beispiele: Indisch essen, Parkplatzsuche, Infrastruktur, Deutsche Bank, abgefuckte Feelings – endlich in Liedform aufgearbeitet haben will, ist bei ihm richtig. Und ist es nicht höchste Zeit wie van Dannen zu fragen: "Warum soll man die Leute denn mögen? Was ist so toll an denen?"

Der Mann kommt so harmlos daher, wie es nur jene können, die es faustdick hinter den Ohren haben. Und wie anders könnte ein Refrain verstanden werden wie dieser: "Wir saßen da und freuten uns/wir freuten uns einfach nur/wir saßen da und freuten uns/über die Infrastruktur." Was van Dannen als Alleinunterhalter mit Gitarre erzählt, kommt simpel gestrickt daher. Immer muss jedoch ein doppelter Boden vermutet werden. Immer reicht es aber genauso gut, das einfach lustig oder irre oder banal zu finden. Hauptsache man findet es überhaupt. Es scheint nicht in diese Welt zu passen. "Das ist nicht meine Stadt, das ist nicht mein Land. Ich glaube das ist gar nicht meine Welt", singt er. Dabei erzählt er wie kein anderer von seiner deutschen, Berliner Welt und er sucht – oft vergeblich – in allem eine Seele. Das ist so romantisch wie schräg. Charme und hanebüchene Zusammenhänge zeichnen seine Songs aus. So war es immer. So ist es auch auf seinem aktuellen, neunten Album "Authentic Trip" (erschienen bei Trikont/Vertrieb: Hoanzl). Also berichtet er von großen Ereignissen, die er immer im Kleinen verortet und damit nachvollziehbar macht, was in der großen Politik nur langweilt. Im Gegensatz zu Politikern lügt van Dannen nicht, sondern schleudert bittere Wahrheiten von der Bühne: "Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet", "Junger Mann mit Zukunft" oder "Du und ich in einem In-Lokal".

"Ein Genie des Trivialen" sei er, schrieb einst die Zeit. Und im Trivialen entwirtf er einfache, treffende Bilder seiner Welt. Ein Mann gegen jedes coole Getue ist er. Van Dannen schrieb, malte, lernte Werbegrafiker, komponierte und sang in Punkbands. Er war Mitbegründer der Lassie Singers. Vor 20 Jahren begann er mit Lesungen (sechs Bücher sind bisher erschienen). Die Resonanz war so klein wie die Lokale, in denen er auftrat.

    In den vergangenen Jahren wuchs seine Bekanntheit wohl auch, weil er eine Gegenwelt schafft zu rasendem Konsum, zum deutschen Jammertal und zu einer Politik der Blendung und Vernachlässigung. Mit "Clubsongs" hat er 1995 sein erstes Album aufgenommen. Mit den Alben "Grooveman" (2002) und "Herzscheiße" (2003) verließ er den Status des schrulligen Untergrundpoeten. Er trifft den Nerv einer Zeit, die blanker Ironie überdrüssig war und der harten Realität ohnmächtig gegenüberstand. Dazwischen siedelt van Dannen, bei dem alles, was er tut, dem angeblich so angesagten coolen Getue widerspricht. In einer Welt der blinkenden Reklametafeln und der lauthals hinausgeschrienen Aktionsangebote auf dem Ramschmarkt der Popmusik lehrt er die Demut vor kleinen Dingen. Dabei spielt er sich nie lehrerhaft auf. Seinen Zeigefinger braucht er, um Gitarre zu spielen und nicht, um anderen zu drohen. "Gefühlstäter" wurde er genannt. Das schließt puren Ärger und tiefe Lust, gnadenlose Abrechnung und beinharten Protest mit ein.

Das Land des polternden Gerhard "Acker" Schröder, des cleanen FC Bayern und der Herren Schrempp und Ackermann lässt sich hier hören. Das Land der Angie Merkel und Ede Stoibers sowieso. Und wo Dieter Bohlen schon wieder darüber befinden darf, ob jemand für ein paar Monate Superstar werden kann oder nicht, bleibt einer wie van Dannen zwar immer ein Geheimtipp, aber ein unverzichtbarer. "Seine CDs und seine Konzerte gehören seit Jahren beständig zum Großartigsten, was es in deutscher Sprache gibt", schrieb die Frankfurter Rundschau.

...

(Ausdrucken?)

...Bernhard Flieher ist Redakteur bei den Salzburger Nachrichten.




=== Zurück zur Übersicht ===