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Echter Heiliger und wahre Hure

Robbie Williams ließ die Hose runter und bekam dafür kreischende Liebe von
60.000 Besuchern, die nach Wien ins Happel-Stadion gekommen waren

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      "I just wanna feel real love... cause I got too much life/running through my veins to go to waste." Der Mann will nichts verschwenden von seinem Leben. "Feel", die vorletzte Hitsingle, die nach gut eineinhalb Stunden als letzter Song vor den Zugaben erlebt wird, entspricht dem Prototyp einer klassischen Robbie Williams-Beichte. Er beschreibt die Angst, dass die Fassade seines Superstar-Daseins, die "hundertmal größer als ich selbst" ist, einstürzen könnte. Da hilft nur echte Liebe. Aus einem Piano-Intro steigt ein poppiger Housebeat auf und legte sich in sehnsuchtsvoller Breite über das Stadion. Dabei muss der Mann zu dem Zeitpunkt nur Angst haben, dass die rund 60.000 Fans ihn nie wieder von dieser Bühne gehen lassen werden. Ganz sicher konnte man ohnehin nach der ersten Nummer nicht mehr sein, ob dieses Konzert überhaupt einmal aufhören würde, so sehr wird Robbie geliebt.

Pop entspricht in seinen großen Momenten kompletter Auslöschung. Nicht im Sinn einer zerstörenden Vernichtung ist das gemeint, sondern als Auflösung von Raum und Zeit, als Aufhebung des Widerspruchs zwischen Bauch und Hirn, als Fallenlassen in der Gewißheit, von reinem Wohlgefühl aufgefangen zu werden. Keine Sorgen, keine Unsicherheit - nur hemmungsloses Glücksgefühl.

     Wie die ersten Sekunden nach einem verwandelten Elfmeter, der den Abstieg der Lieblingsmannschaft in letzter Minute trotz aussichtsloser Position doch noch sichert, fühlt sich das an. Aus spannungsgeladenem Luftanhalten wird eine euphorische Raserei, der jede lähmende Hintergründigkeit, jedes intellektuelle Zerdenken fehlt und für die jede psychologische Analyse Zeitverschwendung wäre. Glück. Schwerer Jubel. So klingt es, wenn Robbie Williams auftritt. Nur schafft er es, diese Euphorie nicht nur für den Bruchteil einer Sekunde herzustellen, sondern sich für zwei Stunden völlig hinzugeben.

Williams ist hochgflogen, brutal abgestützt und nun endgültigaufgestiegen zum aktuell größten existierenden Popkunstwerk. Für den weltbekanntesten Boygroup-Rausgeworfenen nicht schlecht. Fünf millionenfach verkaufte Soloalben später erinnert er sich mit verschmitzten Lächeln an "die Jungs" von Take That. Der eine war der Schöne, einer war der Songschreiber und er sei eben der gewesen, der getrunken habe, "and that's why you love me". Das zehntausendfache Kreischen bedeutet: "Genau". Einen größeren, überzeugenderen Hingeber und Angeber als den 29-jährigen Briten wird man derzeit nicht finden.

     In Williams verdichten sich alle möglichen Widersprüche. Seine Mimik wechselt von Großkotzigkeit zur Unsicherheit, von heller Freude zu purem Sex, er ist arrogant und ironisch. Unschuldig lächelt er. Kurz darauf gibt er den unverschähmten Ranschmeißer. "Such a saint but such a whore", singt er in "Come Undone", das schonungslos sein leeres Stardasein festhält. Welch Fehler wäre es aber, Robbie Williams als zynischen Poser abzutun, nur weil er als Performer jedes Gefühl bis zum Weinen glaubwürdig darstellen kann und die Musik allein bei ihm wenig zählt. Seine Lieder sind Bekenner-Songs. Bitterkeit und ausgelassene Freude, Schmerz und sehnsüchtige Verzweiflung, Wut und das Glück (über das, was ihm gerade hier im Stadion an Zuneigung widerfährt) - all das vermittelt er als echte Emotionen. Er lässt die Hose runter - nicht nur wörtlich während der ersten Zugabe "Rock DJ".

Williams singt, komponiert und steht auf der Bühne aus dem altmodischstem aller Gründe: Er will uns teilhaben lassen an seinem Glück, seinen Sorgen, seiner Liebe. Dass er dank eines 80-Millionen-Pfund-Schecks, den seine Plattenfirma EMI im Vorjahr für einen neuen Vertrag schickte, alles hat (außer den Führerschein, weil er schlecht sieht), löst sich in dem Moment auf, da er die Arme ausbreitet. So steht er da - verwundbar - und will geliebt werden und gleichzeitig liebt er zurück.

    Als könnte er nicht richtig glauben, was vor ihm passiert, hält er einige Male inne. Egal aber, wie oft er die Augen schließt, so wie man es tut, wenn man glaubt zu träumen: Wenn er sie wieder öffnet ist der Traum Wirklichkeit. Unten auf dem Rasen erfüllen sie ihm den Wunsch aus dem Eröffnungssong: "Let me entertain you..."

Was immer über ihn geschrieben und gelogen werden mag: "I'm a singer and that's, what I do for living", sagt er und wird eindringlich ernst dabei. Singen. Tanzen. Entertainen. Mehr als das - in höchster Perfektion, aus vollem Herzen und mit sprudelnder Freude - ist es nicht. Aber das ist in überwältigendem Maß genug. Das nicht gut zu finden, macht schlechte Laune. Und wer schlechte Laune hat, hat im Pop nicht nur Unrecht, er hat im Pop nichts verloren.


Bernhard Flieher

(Bernhard Flieher ist Redakteur
bei den Salzburger Nachrichten)


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