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Sehr geehrter Herr Sichrovsky !

Von Peter Hodina

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       Vor nicht ganz einer Woche habe ich an Sie einen Brief geschrieben - siehe unten -, der leider etwas ausgeufert ist. Das Wort "Brief" kommt ja bekanntlich von lateinisch "brevis" = "kurz", und lange Briefe könnten durchaus als Zumutung empfunden werden.

Angeregt worden war dieser untenstehende lange Brief durch die Lektüre Ihres vor Jahren erschienenen Buches 'Seelentraining', das mir, wie Sie sehen werden, außerordentlich gut gefallen hat.

Ich machte den Fehler, mich nicht vor Verfassen jenes Briefes im Internet nach Ihnen zu erkundigen. Das ist erst im nachhinein geschehen. Gewisse Fragen, die ich in jenem Brief aufwerfe, sind somit bereits beantwortet, z.B. die Frage, ob es einmal wieder von Ihnen ein neues Buch geben würde. Im 'Antifa-Komplex' liegt dieses Buch also bereits vor. Ich werde es mir besorgen und durchstudieren.

     Auch die Frage, Ihre Mitgliedschaft und Ihr ehemaliges Generalsekretariat in der FPÖ betreffend, hat sich mit der Tatsache Ihrer heutigen Parteilosigkeit erübrigt. Dies alles habe ich wie gesagt erst aus dem Internet im nachhinein recherchiert. Ich erwarte mir auch nicht unbedingt eine Antwort von Ihnen. Ich hätte auch den Brief, ohne ihn abzusenden, ad acta legen können. Trotzdem entschließe ich mich dazu, ihn abzusenden.

Vielleicht haben Sie wenig Zeit und auch wenig Lust, ihn zu lesen. Das ist für mich auch nicht schlimm. Das Lesen dieses Briefes eilt jedenfalls nicht. Ich würde mich natürlich freuen, wenn Sie ihn lesen würden; er zeugt von einer intensiven Auseinandersetzung mit Ihrem Buch 'Seelentraining', das ich als einen Roman gelesen habe.

     Ihre im 'Antifa-Komplex' vorgetragene These, daß erst Normalität in unseren Landen eingekehrt wäre, sofern eine NSDAP als solche kandidieren und dabei keine Stimme erzielen würde, hat mir zu allererst Bauchweh verursacht. Dann aber hat sich der Gedanke in mir tagelang weitergewälzt, bis mir diese These jedenfalls als diskussionswürdig erschienen ist, obwohl ich sie nicht teilen kann. Ich fürchte, daß eine solche braune Partei sich ähnlich wie die NSDAP in der Weimarer Republik entwickeln könnte: von einer Sekte schließlich zur stärksten Kraft. Das NSDAP-Verbot, das Verbot der nationalsozialistischen Wiederbetätigung, der Parteisymbole, des Hakenkreuzes, der paramilitärischen Formierung usw. erscheint mir als eine immer noch nötige gesetzliche Sicherung.

Trotzdem hat Ihr provokativer Gedanke etwas in einem idealen Sinne Richtiges. Er hat etwas geradezu Kantianisches. Sie haben nämlich durchaus - im Prinzipiellen, meine ich - recht, wenn Sie sagen, daß die Dinge erst dann in Ordnung wären, wenn eine NSDAP kandidieren könnte und keine Stimme bekäme. Das wäre Ausdruck einer demokratischen Normalisierung; dann befänden wir uns wirklich - kantisch gesprochen - in einem "aufgeklärten Zeitalter".

Doch ich zweifle an der Reife der Leute. Ich halte gesetzliche Sicherungen - obwohl sie doch nur inkonsequent gehandhabt werden, siehe die immer noch erlaubte NPD in Deutschland - für unerläßlich. In diesem Punkt denke ich wie ein besorgter Konservativer. Allein daß Sie einen Linken wie mich in dieses Paradox treiben, ist schon von einigem aufdeckerischen Wert. Wenn ein Linker plötzlich erkennen muß, selbst zu rechtsstaatlichen Hilfsmitteln, ja zu Repressionen greifen zu müssen. Das ist auf jeden Fall das Gute Ihrer These, daß sie Nachdenkprozesse - auch über sich selbst - in Gang bringt.

     Am 1. Mai war ich Augenzeuge eines Neonazi-Aufmarsches in Berlin-Lichtenberg geworden. Die etwa 5000 Marschierer trugen die Landesfahnen ihrer jeweiligen Bundesländer, doch ohne die Kronen, die sich zumeist auf diesen Landeswappen befinden. Auch eine kleine Abordnung aus Oberösterreich marschierte mit. Ich fragte mich - noch ganz unabhängig von Ihrem Buch, von dem ich ja noch nichts wußte -, was wäre, wenn sie mit Hakenkreuz-Fahnen und im zackigen Rhythmus des Badenweiler-Marsches marschieren würden. Es sind ja eine Reihe von Symbolen, die sie statt der verbotenen Hakenkreuz-Fahne wählen wollten, also Lebensrunen u.dgl. ebenfalls verboten worden. Daß sie nun aber mit den Landesfahnen, die ja offizielle Fahnen sind, marschieren, ist ja auch keine glückliche Lösung. Diese seriösen Fahnen geben ihnen nun den Schein des Rechts. Sie marschierten unter der Parole "Wir sind das Volk!".

Aber ich will Ihnen noch - dabei durchaus sogar Wasser auf Ihre Mühlen leitend - etwas zitieren, was Sie in eigener Sache verwenden könnten, um Ihre These zu illustrieren: Der Schriftsteller Wilhelm Genazino (der heurige Büchner-Preisträger) hat im Jahr 2000 bei Rowohlt ein Bilderbuch mit Texten von sich veröffentlicht - unter dem Titel 'Auf der Kippe. Ein Album'. Allerdings spielt die Handlung retrospektiv in einer Kleinstadt während der Weimarer Jahre. Das Foto zeigt eine katzenkopfgepflasterte Straße, im Hintergrund zwei Häuser, das eine düster, das andere offenbar ein Gasthaus mit Blumenkisteln vor den Fenstern. Von dem Gasthaus hängt eine Hakenkreuzfahne herunter, die sich in einem Blumenkistel verfangen hat. Ein einzelner Passant nur ist zu sehen, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sonst ist nichts los.

Nun der Begleittext von Genazino dazu (ebd., S. 64):

"Zum Schluß ein schöner Tagtraum. Er spielt sich auf dem Marktplatz einer deutschen Kleinstadt ab. Es ist Sonntagmorgen, die Leute sind noch in der Kirche. Bald soll sich der Platz füllen mit Neugierigen, Unzufriedenen und Sensationslüsternen. Eine neuartige Partei will hier eine Großkundgebung veranstalten. Ganz und gar umwälzend soll sein, was der Parteiredner zu sagen haben wird. Doch es ist nicht ausgemacht, ob die Partei wirklich die Massen anlocken kann. Schon ihr Name ist wenig attraktiv, in Wahrheit fast unaussprechlich. Die Partei nennt sich tatsächlich Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, abgekürzt N.S.D.A.P. Dieser Zungenbrecher geht den Leuten bis jetzt nicht recht von den Lippen, genaugenommen gar nicht. Jeder weiß doch, dem einfach strukturierten Menschen soll alles, was ihn lenken soll, kurz und griffig ins Bewußtsein fließen, sonst funktioniert die Beeinflussung nicht. Auch die Fahne der fast unaussprechlichen Partei ist kein Glücksfall, im Gegenteil. Auf unserem Bild sehen wir sie rechts von einem Dach herunterhängen. Es handelt sich um ein rotes, langgezogenes Rechteck mit einem weißen Rund in der Mitte, in dem sich ein schwarzes Hakenkreuz befindet. Kaum jemand weiß, was mit diesem Symbol gemeint sein soll; schlimmer noch: Es will auch niemand wissen. Fast noch schlimmer als die Unklarheit des Parteisymbols ist die Grundfarbe der Fahne. Dieses schrille und peinigende Rot verschreckt die Menschen, besonders an einem Sonntag, wenn sie aus der Kirche kommen und wohlmeinend gestimmt sind. Ist es ein Wunder, daß der Platz den ganzen Sonntag über leer bleibt? Nur ein einziger Kundgebungsteilnehmer ist erschienen (links am Rand des Platzes). Der Redner hielt seine Rede nicht und zog wieder ab. Wie peinlich! Von diesem Scheitern wird man sicher noch lange sprechen."

Ja, schön wäre das gewesen, wenn es so gekommen und geblieben wäre!

Ich denke, daß dieser Text und das Foto dazu sich gut für Vorträge eignen würde oder für Präsentationen Ihres Buches 'Der Antifa-Komplex'.

Und nun mein eigentlicher Brief an Sie von voriger Woche:

 

Sehr geehrter Herr Sichrovsky,

     In einem Berliner Antiquariat erstand ich gestern nachmittag Ihr Buch 'Seelentraining. Wie man in sechs Tagen sein Gesicht verliert. Eine Aufdeckung' (Wunderlich Verlag, 1988; ich sehe gerade, daß das Copyright bei Rowohlt ist; gab es auch bei Rowohlt eine eigene Auflage?), und ich habe dann die ganze Nacht in diesem spannenden Buch gelesen und alles andere liegengelassen. Obwohl ich ein ausgesprochener Leser bin, an höchste Qualität gewohnt, ich also auch im Proust hätte weiterlesen und mich früher zu Bett hätte begeben können...

Aber manchmal gibt es Bücher, die handeln von einem selbst oder von der aktuellen gesellschaftlichen Umwelt oder von einem Zeitabschnitt, den man selbst erlebt hat und mit dem man nicht ganz klargekommen ist. Hier besteht dann Aufklärungsbedarf. Die Notwendigkeit, das Erlebte und oft auch nur unsicher, bang Erahnte nachzubearbeiten, zu wiederholen, durchzuarbeiten, um klarer zu sehen. Die Erkenntnis, der Erkenntnishunger ist dann die treibende Kraft der Lektüre.

1988 war das Jahr vor der Wende im Osten. Ich war damals 25 Jahre alt. Und damals, nur zwei Jahre vorher, bewegte die Waldheim-Kandidatur die ÖsterreicherInnen, aber auch das Ausland. Durch viele Familien ging ein Riß, auch durch meine. Meine Eltern gehörten zu jener Waldheim-Generation, waren also für Waldheim, während ich gegen ihn war (mehr wegen meiner Eltern als wegen Waldheim).

     Kurz vorher hatte sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ereignet, wenige Wochen vor diesen Auseinandersetzungen wegen Waldheim ging man mit Geigerzählern zu den Gemüse- und Obstständen am Wochenmarkt und riet Kindern davon ab, barfuß durch die Wiesen zu streifen oder in Sandkisten zu spielen. Das war eine geradezu traumatische Zeit. Stürzte man sich nicht mit voller Energie auf das Waldheim-Thema, um das andere, noch bedrohlichere, unheimlichere, verborgenere - nämlich die mögliche Dauerverstrahlung Europas - desto besser verdrängen zu können?

Mir schien im Zusammenhang mit meiner Familie diese selbst "verstrahlt" zu sein. "Ihr seid ja selbst von der NS-Zeit seinerzeit verstrahlt worden!", warf ich damals meinen Eltern vor - und fühlte mich gleich mitverstrahlt.

     Warum entwerfe ich dies alles vor Ihnen? Weil damals auch ein Buch von Ihnen erschien, nämlich 'Schuldig geboren. Kinder aus Nazifamilien'. Es war ungefähr während jener Waldheim-Wahlkampfzeit in einer nachmittäglichen Rundfunksendung besprochen worden, oder war es ein Interview, das mit Ihnen geführt worden war? Jedenfalls brachte dieses Buch oder dieses Interview meinen Vater heftig gegen Sie auf. Er schimpfte herum.

Ich war entsetzt und schämte mich jahrelang meines Vaters. Dabei hatte das Buch doch Sensibilität schaffen wollen, eine differenziertere Betrachtungsweise. Aber zu sehr waren die meisten dazumal - ich selber schließe mich da gar nicht aus - von Reflexen beherrscht. Und war ich nicht selber, wenn mein Vater sich so vergaß, ein Nazikind, ohne es zu wissen?

"Kinder aus Nazifamilien" - ich denke natürlich dabei sofort an Haider, aber auch an einen Schriftsteller wie Klaus Hoffer, der vor langer Zeit einmal in den 'manuskripten' über seine Nachkriegsjugend geschrieben hatte: er war ein Kind aus einer Nazifamilie gewesen und erlebte sich selbst als Opfer, als Angegriffener in jenen links politisiert gewesenen Nachkriegsjahren.

Es ist niemals gut, wenn jemand - gleich um wen es sich handelt - in eine Opferrolle gedrängt wird. So ist es auch gekommen, daß manche Nazifamilien sich als charakterlich "anständig" begreifen konnten, bis zum heutigen Tag.

     Das schematische, klischeehafte Denken, das in Wirklichkeit kein Denken ist, sondern reflexhaftes Reagieren, ist jeglicher Sensibilisierung abträglich. Aber wir sollten als Menschen doch immerzu Lernende und Neues Erfahrende sein, uns darum bemühen zu verstehen, statt uns in Selbstgerechtigkeit zu sonnen und sich einfach ohne Aufwand den "Guten" zuzurechnen und andere ebenso reflexhaft - wie aus der Pistole geschossen - den "Schlechten".

Ich bin kein Freund der Rechten, der Nazis schon gar nicht, aber noch viel weniger bin ich ein Freund jener ehemaligen Linksradikalen, die sich zu Rechtsradikalen gemausert haben, wie z.B. in Deutschland der seinerzeitige RAF-Terrorist Horst Mahler, der heute ein führender NPD-Funktionär ist, hauptsächlich wohl, um seinen Antiamerikanismus und seinen alten Ruf als "Staatsfeind" pflegen zu können. Oder Roger Garaudy in Frankreich und auch noch andere... Manche finden eben ihr Lebenselement bis ins fortgeschrittene und hohe Alter im bloßen Provozieren, aber ich halte das für unreif und unwürdig, auf jeden Fall für unbefriedigend. Aufschlußreich ist es allemal. Denn waren diese Linken seinerzeit wirklich links? Man weiß ja inzwischen, wie z.B. die RAF von - teilweise unbewußten - Antisemitismen durchsetzt war. "Nazikinder" - das trifft es viel eher; und sie haben es sich zu leicht gemacht... Bis zum heutigen Tag!

Manche möchten eben ihrer Umwelt ein Rätsel aufgeben, wie jener Seminarleiter Robert Steiner in Ihrem Buch, der die Versammelten zunächst nur anschweigt, eine Schweigemauer vor ihnen errichtet. Schöner ist es, finde ich, wenn ein Mensch sich erklärt, sich anderen aufschließt und sie nicht brüskiert. Doch wir leben wahrscheinlich nicht in schönen Zeiten...

     Zu vieles landet weiterhin im Schweigekeller. Die Vergangenheit aufarbeiten bedeutet auch und vor allem: die eigene Vergangenheit zunächst einmal aufarbeiten, den Kampf mit den blinden Flecken darin aufnehmen. Und ich erinnere mich nur zu gut an derlei brüskierende Situationen, vor allem auch an der Universität. Gerade Linke hatten mich immer wieder wie jener Seminarleiter vor den Kopf gestoßen. Mitte der 80er Jahre: Ein sich als "letzten übriggebliebenen Linken" bezeichnender und anpreisender Uniprofessor spielt sich als unangreifbarer Tyrann auf, grüßt grundsätzlich nicht zurück (ohne dieses Verhalten zu erklären, und wenn, dann wirft er einen unverdaulichen Brocken hin wie: "Du hast heute morgen wieder einmal kein Gesicht gehabt"), behandelt die StudentInnen (es war ein Dissertantenseminar) grundsätzlich als Kollektiv, man wurde für die Fehler und Unsicherheiten der anderen verantwortlich gemacht und diese wieder für die eigenen Fehler und Unsicherheiten. Weil ich einmal Goethe und dann wieder Thomas Mann zitierte, wurde ich gleich ein "Bildungsbürger" genannt, "der noch nicht genug Prügel bekommen hat" - und zwar nicht ironisch, sondern sarkastisch. Nicht die geringste Freundlichkeit war zugelassen, die normalen höflichen Verkehrsformen wurden beirrt. Man wurde mit der Zeit zur Schnecke gemacht. Der Guru indessen sonnte sich in seiner beschissenen "Authentizität". Dann aber hielt der gleiche Mann - abseits davon - vor dem Rotary Club Vorträge über "Die Bedeutung der Manieren", der selber vor den StudentInnen sich wie ein sexistischer Rüpel benahm, wie ein Zuhälter, der seine "Pferdchen" einreitet und ihnen beibringt, wo´s langgeht. Eine solche Zwei- oder Mehrschneidigkeit ist mir später in einer derartigen Perfidie nicht mehr begegnet. Dieser Mann machte sich später wichtig in der Suizidprävention, während er andere in die Nähe des Suizids trieb. Er war in Wirklichkeit ein CVer, der im Seminar den Atheisten heraushängen ließ, christliche StudentInnen als "Hostienschlucker" anpöbelte. Sein Grundzug war Menschenverachtung. Seine bevorzugte Organisationsform der Männerbund. Seine Wunderwaffe der Zaun. Stets mit bitterem Zug um den Mund, eingerahmt von langen Haaren, sich in der Pose des "gefallenen Engels" präsentierend. Narziß. Seine Geschmacklosigkeiten, Abgeschmacktheiten hält er für "Stil". Seine bevorzugten Sinne: Geschmack und Geruch. Der Rüssel statt des Auges und Ohrs. Ein Linkskulinariker.

Wer aufzeigte, kam grundsätzlich nicht zu Wort, man mußte sich mit Ellenbogeneinsatz, mit Hinausschreien durchkämpfen. "Wir sind hier nicht mehr in der Schule", sagte er, der Hochschullehrer. Reichte ihm jemand zum Abschied die Hand, ließ er den mit seiner Hand allein. Irgendetwas zerbrach da in einem mit der Zeit. ("Ich reiße sie auf und schicke sie wieder nach Hause, ohne sie zuzunähen", bekennt Steiner ein; 'Seelentraining', S. 136.)

     Oder ein anderer Uniprofessor - ein sogenannter Kommunikationswissenschaftler -, der uns auch minutenlang anschwieg, dann angrinste, ganz genauso wie Robert Steiner zu Beginn Ihres Buches. Es kommt mir das alles wieder hoch, weil ich es bis heute nicht habe bewältigen können. Diese Leute haben mich ganz unsinnigerweise für mein weiteres Leben beschädigt (diese Ausdruckweise halte ich nicht für übertrieben, sondern für angemessen) - und man muß sie deshalb angreifen, zur Rechenschaft ziehen. Ich nenne sie heute ohne zu zögern "linke Herrenmenschen". Und sie haben auch im kulturellen Bereich, in der Kunstszene gewütet und sehr viel verhindert, Talente nicht ermutigt, sondern im Keim erstickt. Schon bei Brecht gibt es ja diesen - mir unerträglichen - Zug zum Pädagogisieren. Zudem verkündeten diese Leute vorschnell das "Ende der Kunst", den "Tod der Philosophie", das Verbot, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, wollten uns weismachen, daß nicht mehr erzählt werden dürfe. Sie raubten einem sämtliche Kompetenzen. Für mich sind sie inzwischen ganz einfach Dreckskerle, nicht Philosophen, sondern Sophisten. Sie praktizierten das, was Peter Sloterdijk in eben jenen achtziger Jahren das "zynisch aufgeklärte Bewußtsein" nannte. Zu einem großen Teil sind es Ihre Generationsgenossen, Herr Sichrovsky. Sie selber sind eine geradezu wohltuende Ausnahme, weil Sie früher als andere auf die faulige Stelle zeigten. Und wenn man Ihnen vorwirft, Sie hätten Geld verdient, was ist dann mit jenen pragmatisierten Uniprofessoren, die sich auf Lebenszeit ins gemachte Bett legen konnten?

Etwa zu der Zeit, als Ihr 'Seelentraining' erschien, hatte Heidi Urbahn de Jauregui folgendes geschrieben:

"Das Gros der heutigen westlichen Kritiker zehrt von den 68er Jugendjahren. Mit nichts kann man sie so sehr verärgern als mit Klassikern. Man bedenke: Goethe war ihr Jugendschreck! Der sitzt ihnen einmal in den steifgewordenen Gliedern. Käme ein unberatener Dramatiker auf die seltsame Idee, eine 68er Satire zu schreiben, so fände er schwerlich ein Theater, das ihn aufführte. Welcher Lektor, welcher Dramaturg will sich schon seine Jugend kaputtmachen lassen! Würde die Satire aber diese Hürde nehmen, so wartete auf sie die Phalanx der Kritiker, die sie auf ihren Index setzten - aus den gleichen Gründen. Im Zuschauerraum sitzen ja, sonderbar neu gestylt, die ehemaligen Barrikadenkämpfer und wollen Nostalgisches. Und die Jungen, ich meine diejenigen, die es tatsächlich noch sind? Aber sie haben sich noch in keiner Kritikerstimme zusammengefunden. Mag sein, daß irgendwo aus ihrer Mitte ein Werk sich absondert, mag sein, daß eine besonders feine Kritikerzunge es früh erleckt - und schon läuft der Kunstbetrieb."

Usw. (Heidi Urbahn de Jauregui: Über Nutzen und Nutzlosigkeit der Literaturkritik, in: Sinn und Form, 1990, 6. Heft, S. 1207 -1231, hier S. 1229).

     Damals war in unseren Breiten noch überhaupt nicht von "Mobbing" die Rede. Es gab auch noch keine Fernsehshows wie 'The Weakest Link', noch kein sozialdarwinistisches Reality-TV, noch keine Feuer- und Glasscherbenläufe für Manager und Angestellte - diese Dinge haben sich erst in den Jahren danach voll ausgebildet. Ihr Buch liest sich im Vergleich zu dem Späteren an einigen Stellen direkt nostalgisch.

Doch es bleibt die erstaunliche Hellsicht und Lebensnähe, auch die Frauenfreundlichkeit dieses Buches zu vermerken. Es kann sogar heute noch helfen, den damaligen Zeitgeist besser zu verstehen; heute hat sich alles nur noch weiter zugespitzt, wenngleich auch Gegentendenzen sich bemerkbar machen, jedoch noch nicht durchgesetzt haben. Aber es ist denkbar, daß die meisten von uns irgendwann einmal lernen werden, fair und nicht abstoßend zu sein, daß das Bedürfnis nach einem halbwegs anständigen Umgang miteinander sich allgemein Bahn bricht, daß dieses Bedürfnis uns zu einer Lebensnotwendigkeit wird. Dies bleibt für die Zukunft zu hoffen. Daß Menschenverachtung einfach auch keine Einschaltquoten mehr zu steigern vermag, daß wir solcher Primitivismen überdrüssig werden. Ich selber schalte zum Beispiel Filme, die zu viel Gewalt zeigen, einfach deswegen ab, weil sie mich langweilen und anöden.

     Ihr recht beworbenes Buch 'Seelentraining' war mir seinerzeit, als es erschien, schon aufgefallen, aber ich las damals keine solchen - wie mir irrtümlich schien, oberflächlichen - Bücher, sondern hauptsächlich Klassiker, vor allem Philosophen. Doch jetzt sehe ich, daß dieses Buch geradezu ein Roman ist, daß eigentlich nur wenige Sätze umgestellt werden müßten, um daraus einen Roman zu machen. Im Klappentext werden Sie ja als "freier Schriftsteller" bezeichnet. Der Buchdeckel läßt aber etwas anderes als einen Roman vermuten. Vielleicht war das auch Absicht, um andere Leserkreise zu erreichen statt die typischen Romanleser, vielleicht auch, um größere Verkaufszahlen zu gewährleisten. Vielleicht aus mehreren Motiven zusammen. In oberflächlicher Beurteilung könnte man sagen, dies Buch, womöglich auch sein Autor sei nicht Fisch, nicht Fleisch. Aber wie gesagt: Ich lese es inzwischen eindeutig als Roman, als einen Roman, der mir die Wirklichkeit vor allem der achtziger Jahre, aber auch die heutige Wirklichkeit zu erschließen hilft.

Es bleibt für mich wie für andere ein gewisses Rätsel, warum Sie FPÖ-Politiker geworden sind. Ich lege mir verschiedene Varianten zurecht, warum das so gekommen ist. Es wäre deshalb falsch und eine Phrase, so wie viele andere auszurufen: "Ich kann nicht begreifen, warum einer der seinerzeit mutigsten investigativen Publizisten in Österreich, der größte Hoffnungen für die weitere Zukunft verhieß, ausgerechnet in Haiders FPÖ gelandet und von den listigen Reaktionären entschärft worden ist, die ihn dann einmal, wenn er seine Schuldigkeit als Alibi-Attrappe getan hat, fallen lassen werden!"

Ich kann mir wie gesagt diverse Variationen ausdenken; ich erwarte mir von Ihnen auch nicht, daß sie mich diesbezüglich aufklären würden. Vielleicht ist Ihnen sogar zu verdanken, daß sich die FPÖ mit antisemitischen Sagern weitgehend zurückhält, wer weiß. Vielleicht sind Ihre Verdienste sogar beträchtlich, nur einfach nicht gesehen, nicht eingestanden, auch der Öffentlichkeit nicht bekannt.

     Vielleicht war es aber hauptsächlich die Frage, wie Sie als "freier Schriftsteller" angemessen hätten leben können; womöglich gehören Sie zu jenen Menschen, die einen angemessenen Lebensstandard brauchen, unter den sie nicht fallen wollen. Das Leben als freier Schriftsteller ist riskant, mühselig und entbehrungsreich, nicht jedermanns Sache. Oder war es eine Freundschaft mit Jörg Haider gewesen, der doch auch noch andere - sagen wir mal smartere - Züge hat (ob dies nun Maske ist oder gar ein Anflug von Schizophrenie, kann ich nicht beurteilen), die Sie dazu gebracht hatten, in dieser Partei eine Rolle zu spielen? Lust am Abenteuer? Oder werden Sie gar eines Tages eine "Aufdeckung" der FPÖ vornehmen?

Und weitere "Erklärungen", besser: Erklärungsversuche solcher Art. Solche Gedanken kreisen in bezug auf Ihre Person in meinem Kopf. Aber inzwischen bin ich gelassen genug, auch damit leben zu können, wenn dieses Problem sich mir niemals aufklären sollte.

     Haider hatte unter anderem sich ja auch bemüht, den politischen Filz in Österreich zurückzudämmen. Und es wäre überdies unzutreffend, die FPÖ als angestammten alleinigen Hort der Altnazis und Antisemiten zu begreifen; auch in den anderen Parteien gab und gibt es wahrhaftige Scheusale. Man denke nur an den "Spiegelgrund"-Doktor Heinrich Gross, der Mitglied beim Bund Sozialistischer Akademiker gewesen war und auf Veranlassung von sozialistischer Seite als Gerichtsgutachter mit höchsten Auszeichnungen und Orden bedacht worden war. Das ist nur ein Fall unter vielen.

Vielleicht waren es auch deprimierende Erfahrungen, die Sie mit hysterisch politisierten Linken seinerzeit gemacht hatten und immer noch machen...

Über all diesen Rätseln bleibt eines bestehen: Sie haben etwa mit 'Seelentraining' ein durchaus wertvolles Buch geschrieben, ganz gleich, wie Sie selber heute dazu stehen mögen. Jemandem, der ein solches Buch geschrieben hat (und auch die anderen Bücher, die Sie geschrieben haben), ist ein differenzierte Sicht zuzutrauen. So jemand muß ganz einfach ein intellektueller Kopf sein, und es gibt zu wenig wahrhaft intellektuelle Köpfe in der österreichischen Politik!

     Einmal sah ich Sie noch im Fernsehen (inzwischen sehe ich kaum noch fern, lese stattdessen lieber und höre meine Klassik-CDs oder gehe ins Kino), aber Sie wirkten in dieser Diskussion ein wenig farblos, eben bloß ein eloquenter Funktionär, undurchdringlich, obzwar selbstsicher. Ich fragte mich natürlich: Was geht in einem solchen Menschen mit einem solchen Hintergrund wirklich vor? Kommt von ihm noch irgendetwas, das interessieren, ja aufrütteln könnte?

Doch bin ich weit davon entfernt, in die Diktion der Hetze auszubrechen, die vorschnell aburteilt und abkanzelt: "Verräter!" oder "Er hat selber sein Gesicht verloren!" oder gar (antisemitisch wäre das) "Hofjude!". Sie werden schmerzend bis gelassen solche Aburteilungen Ihrer Person angehört oder in anonymen Zuschriften erduldet haben. Oder gemäßigter, aber vielleicht desto schmerzender, wenn jemand schriebe: "Schade um diesen Mann! Er war seinerzeit ein so Mutiger gewesen - und jetzt..." Nichts von alldem werden Sie von mir hören.

Sondern nur: Es gibt von Ihnen gute, auch heute noch lesbare Bücher. Sie sind beinahe wirklich ein "freier Schriftsteller" gewesen, und wo gibt es heute Schriftsteller in der Politik?

     Etwas wehmütig sogar erinnere ich mich an Zeiten zurück, da der schon lange verstorbene Wolfgang Kraus (er liegt übrigens am Wiener Zentralfriedhof neben Falco bestattet) im ORF-Fernsehen seine etwas altmodische Sendung 'Jour fixe' moderierte. Hier kamen Intellektuelle zu Wort - und zwar ausgiebig. Zeit spielte da keine große Rolle. Der ein wenig schmalzige Kraus, ein an sich konservativer Mann, hatte immer das gleiche Sakko an, auf einem Büchertisch wurden die Werke der Eingeladenen präsentiert, die in der Sendung ausführlich zu Wort kommen konnten, ohne zynisch und effekthascherisch unterbrochen und gemein aufs Glatteis geführt zu werden. Wolfgang Kraus brachte es zuwege, daß die Eingeladenen vielleicht mehr aus Ihrem Leben preisgaben, als Sie vorgehabt hatten. Das ist ja die Kunst eines guten Interviewers alter Schule. Am Schluß pflegte er an die Eingeladenen die Frage zu richten: "Und was würden Sie einem jungen Menschen heute raten? Wo sehen Sie einen Ansatz für die Bewältigung der Zukunft?"

Ich stelle mir manchmal vor, man würde Ihnen eine solche Sendung gönnen und Sie ausgiebig ohne Unterbrüche und ohne Schläge unter die Gürtellinie reden lassen. Es ist kulturlos, unzivilisiert, aus Reflexen heraus - wie ein Tier - zu handeln, ein Mißstand, ein Übelstand.

Oder ein Gespräch mit Helmut Zilk über den Dächern von Wien?

Es wird Gründe gegeben haben, sich in Ihrem Leben zu entwickeln, wie Sie sich entwickelt haben. Da Sie eine Person des öffentlichen Lebens sind, mache ich mir auch kein schlechtes Gewissen daraus, einige Mutmaßungen darüber zu äußern.

Das Wort "Problem" kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet "ein vor die Füße Geworfenes". Ich habe - wie viele andere auch - da ein Problem mit Ihnen. Aber die Aufklärung dieses Problems ist andererseits nicht so dringlich, weil Sie ja nicht Jörg Haider sind. Wären Sie Jörg Haider, wäre das Problem weitaus virulenter. Aber könnte nicht sein, daß es in Zukunft einmal von Ihnen wieder Bücher geben wird? Irgendwann einmal Memoiren, die Licht in dieses Dunkel bringen? In zehn oder erst in zwanzig Jahren?

     Ich halte es schlechtweg für ausgeschlossen, daß ein so einfühlsamer und realistischer und keineswegs unmenschlicher Schreiber - also ein Mann von auffälliger emotionaler Intelligenz - mit der Zeit sein Herz so verhärtet hätte, daß er die Dissonanz nicht nachvollziehen könnte, die sein Wirken insgesamt in der Öffentlichkeit hinterlassen mußte.

Noch ein vorletzter Gedanke - hoffentlich habe ich Ihre Zeit nicht überbeansprucht: Die Vorgänge in Ihrem Buch 'Seelentraining' erscheint mir wie eine auf den Kopf gestellte, pervertierte Genesis. Gott schuf ja die Welt in sechs Tagen, am siebten ruhte er. Und der Untertitel des Buches lautet: 'Wie man in sechs Tagen sein Gesicht verliert'. Weiters heißt es in der Bibel: "Gott sprach: 'Es werde Licht!'". Demgegenüber schweigt der Seminarleiter die Anwesenden in einer brüskierenden und provozierenden Art an, statt zu sprechen und ihnen ein Licht anzustecken. Beinahe allein durch dieses initiale, offensive Anschweigen nimmt in der Geschichte das weitere Übel seinen Lauf. Eine Art Anti-Schöpfungsgeschichte, ja eine Erschöpfungsgeschichte im kleinen. Destruktion statt Konstruktion.

Ist nicht dieses Schweigen das Hauptproblem (man sprach ja auch einmal von der "schweigenden Generation")? Dieses Abstrafen von Menschen durch Schweigen? Die Selbstgefälligkeit, die sich im Schweigen sonnt, die ihr Schweigen auf Kosten der andern auslebt, förmlich ihre Schweigegewalt?

     Übrigens wird die Figur Robert Steiner im Verlauf der Handlung immer sympathischer, obwohl er am Anfang nur als das Arschloch erscheint. Aber er selber war ja dem dilettantischen Konzept der Management-Seminare ("linke Ideen zu rechten Preisen verkaufen", S. 188) auf den Leim gegangen. "Kinder, die mit Rasierklingen spielen" - dieser Satz fällt mir auch dazu ein. Das Buch ist von großer Folgerichtigkeit; der Suizidversuch des Thomas Fiedler am Schluß ist realistisch. Und keiner will die Verantwortung übernehmen. So ist es doch meistens.

Weniger die Menschen in diesem Roman (ja, ich bleibe dabei, es ist ein Roman, nur die Aufmachung des Buches, der Umschlag lenkt davon ab) sind "kaputt", sondern die Situation, in die sie - ganz überflüssigerweise - gebracht worden sind, ist es, die sie kaputt macht. Die Figuren im Roman sind ja ohne Ausnahme normale, alltägliche.

Entschuldigen Sie bitte diesen etwas zu lang geratenen Brief, aber diese Gedanken haben sich mir beim Lesen Ihres Buches einfach so aufgedrängt.

     Ihr Buch - vielleicht haben Sie sich schon lange nicht mehr damit beschäftigt, vielleicht ist der Inhalt Ihnen schon zum Teil entfallen, schon etwas verblaßt - liest sich auch streckenweise als eine köstliche Satire, es regt jedenfalls zu vielfältigem Nachdenken an und wird lange als Eindruck im Gedächtnis bestehen bleiben. Ein solches Buch vergißt man als Leser auch über die Jahre nicht.

Ich wünsche Ihnen, obwohl ich mich weiterhin (allerdings zögernd) der Linken zurechne, wirklich alles Gute für Ihre weitere Zukunft, Sie sind ein Schriftsteller!

Freundliche Grüße aus Berlin!

Peter Hodina
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Weitere Texte des Autors, Kontaktadresse und Kurzbiographie:
http://www.aurora-magazin/autoren/bio_hodina_frm.htm
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