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Moderne wieder besucht


Deep Purple: Alles lauter als alles andere


Von Benedikt Hotze



Informationen zum Autor

http://www.hotze.net/

purple_machine.jpg (7266 Byte)

 

Discographie:

Made In Japan / Live in Japan

MkII (live) Osaka / Tokio

(15., 16. und 17. August 1972)

Für die einen ist es nur nervtötendes 70er-Jahre-Gedudel, für die anderen der herrlichste Lärm, der jemals auf Schallplatten gepresst wurde. Mit dem Repertoire des "Machine-Head"-Albums im Gepäck ließen Deep Purple drei japanische Konzerte mitschneiden und zu einer der berühmtesten Live-Doppel-LPs der Rockgeschichte zusammenstellen.

Das Album enthält ein komplettes Konzert ohne Zugaben (77 min, allerdings nicht ganz in der originalen Reihenfolge). Es handelt sich keineswegs um dumpfbackenen Hardrock, sondern um schnellen, druckvollen, groovenden, vielfach gar "swingenden" Rock - ausgiebig angereichert durch artistische Fingerübungen der jeweiligen Soloeinlagen. Mit "Smoke on The Water" und "Highway Star" gibt es zwei partytaugliche Rocknummern. Child In Time ist eine auf Steigerungseffekte angelegte Schrei-Hymne, "The Mule" ein ausgiebiges Schlagzeugsolo, "Strange Kind Of Woman enthält ein wunderbares Gitarre-Gesang-Duell, und "Lazy" ist eine flotte Rhythm'n'Blues-Nummer mit kakophonischem Intro.

Gekrönt wird das Konzert von dem leicht psychedelischen, zwanzigminütigen "Space Truckin', das ausreichend Raum für Orgel- und Gitarrensoli bietet und an dessen Ende Blackmore oftmals sein Instrument zerstörte. Die Zugaben ("Black Night", "Speed King" und / oder "Lucille" - von Little Richard - erschienen auf anderen Ausgaben dieser Platte.
Denn "Made in Japan" gibt es inzwischen dreifach: Das originale Doppelalbum oben beschriebenen Inhalts ist 1989 als Einfach-CD "Made In Japan" wieder erschienen. Unter der Bezeichnung "Live In Japan" erschien 1993 eine Dreifach-CD, auf der - fast - alle drei Konzerte aus Japan dokumentiert waren. Wegen der technischen Begrenzung der Laufzeit einer CD mussten allerdings einige Aufnahmen weggelassen werden; darunter zwei Tracks, die auf dem ursprünglichen Album enthalten waren, sowie einige Zugaben.
Diese Zugaben findet man nun teilweise als Bonus-Tracks auf der 1998 erschienenen Doppel-CD "Made in Japan - 25th Anniversary Edition", die ansonsten die Originalzusammenstellung der "alten" Made in Japan aufweist - allerdings diesmal in der originalen Reihenfolge der Titel und mit der "richtigen" Zuordnung der Instrumente auf die beiden Stereo-Kanäle.

Noch Fragen?
Die hervorragende Discographie der Deep-Purple-Website beantwortet alles.


Scandinavian Nights

MkII (live) Stockholm

(12. November 1970)

Die Zwei-Stunden-Liveaufnahme von 1970 zeigt das Repertoire der frühen Konzerte der Mk II, darunter die beiden 30-Minuten-Stücke "Mandrake Root" und - das an Bach erinnenrnde - "Wring That Neck". Der Rest des Programms stammt von der damals aktuellen LP "Deep Purple In Rock". Im Gegensatz zu den knapp auf den Punkt gebrachten Stücken des Studioalbums wirkt das vom schwedischen Rundfunk aufgezeichnete Konzert wesentlich üppiger und ausgeschmückter. Besonders "Speed King" und "Child in Time" wurden später nie wieder so lang und improvisiert gespielt wie in dieser Phase. Kurios: Als Vehikel für das Schlagzeugsolo fungiert "Paint It Black" von Jagger/Richards.

     Erst schraddelt ein an- und abschwellendes Bocksgeheul aus den rotierenden Hochton-Hörnern des Lautsprechers an der Hammond-Orgel, dann donnert ein atonales Gitarren-Gerödel aus dem Marshall-Verstärker. Derlei Geräusche fahren eine Weile unverbunden nebeneinander her, bis sich erste Ordnungsmomente im Chaos einstellen. Kaum wird der Lärm als gewollte Musikdarbietung erkannt, beginnt eine gesengte Sau, mit einer sich überschlagenden Falsettstimme zusammenhanglose Little-Richard-Zitate zu kreischen. Ob sich das Ganze nun "Kneel And Pray" (Arbeitstitel) oder "Speed King" (endgültiger Song-Titel seit Ende 1969) nennt, ist zweitrangig: Es handelt sich in jedem Falle um den herrlichsten Lärm, den die internationale Rockmusik bis dato hervor gebracht hatte. Dass im sedierenden Mittelspiel des genannten Stückes eine Kirchenorgel friedlich Boogie Woogie tanzt, ändert daran nichts.

Wer als pubertierender Jung-Achtundsechziger seine Erzeuger mit dem Abspielen von Tonträgern ernsthaft ärgern wollte, hat damals nicht Bob Dylan, nicht die Rolling Stones, nicht mal The Who aufgelegt. Sondern: Deep Purple.
Das erfährt Wehrmachts-Opa ganz konkret, als er 1973 mit umgehängter Wanderklampfe in den Partykeller einbricht, um die dort versammelte fehlgeleitete Jugend vom weiteren Headbanging zur Live-Platte "Made In Japan" abzubringen. Großvatern wurde von den Langhaarigen, seiner eigenen Brut, verhöhnt und verlacht - und musste mit anhören, wie die genannte Sau sich mit ihrer letzten Lungenkraft einen bühnenwirksamen, fünfzehnsekündigen Schmerzensschrei zwischen Sopran und HNO-Ambulanz abzwang, der ebenfalls prompt in die Rockgeschichte eingegangen ist. Jesus Christ, Superstar... Denn den Jesus sang diese Sau, nennen wir sie Ian Gillan, nämlich auch: auf der Original-LP des Musicals von 1971.Die in Japan gemachte Deep-Purple-Liveplatte wurde zum notorischen Partyknaller durch die dort ebenfalls enthaltene Hymne des Unbekannten E-Gitarren-Schülers: "Smoke On The Water". Diese wäre mit Opas akustischer Konzert-Gitarre gar nicht darstellbar gewesen: Die schwermetallene Rock-Nummer lebt von einer simplen Akkordfolge im elektrisch verstärkten Kreissägen-Sound, der zur Ikone einer ganzen Musikrichtung wurde.

Inhaltlich erzählt das Stück von der wahren Begebenheit, dass im nebeltrüben Dezember 1971 ein altes Casino am Genfer See abgebrannt ist. Musikrelevant wurde dieser Vorgang dadurch, dass der Brand erstens während eines Konzerts von Frank Zappa stattfand und zweitens die begabte Jungspielschar Deep Purple in diesem Saal ihr neuestes Album hatte live einspielen wollen.
Zappa überlebte den Großbrand mit einem gebrochenen Bein, und Deep Purple holten ihre eigenen Aufnahmen ersatzweise in den leeren, kalten Fluren des im Winter verlassenen Grand-Hotels von Montreux nach. Geschadet hat es nicht: Heraus kam ihr bestes Studio-Album, "Machine Head".


II.

     In einer Fernsehaufnahme eines kalifornischen Freiluft-Konzerts aus dem Jahre 1974 sehen wir den Deep-Purple-Gitarristen, wie er sein Instrument mehrfach mit voller Wucht in die teuren TV-Kameras drischt - angeblich aus Verärgerung, weil ihm ein Kameramann zu nahe gekommen sei. Tatsächlich handelte es sich dabei um kalkulierte Gewalt gegen Sachen zum Finale der Show, zu deren Abrundung auch noch pyrotechnische Sprengsätze in Monitor-Lautsprechern am Bühnenrand gezündet wurden. Ein Helfer wurde dabei schwer verletzt.
Das Management der Gruppe entschuldigte sich hernach in einem bemerkenswert kleinlauten Ton beim geschädigten Fernsehsender und erklärte die Zerstörungsorgie als eine aus der "Begeisterung des Augenblicks" heraus erfolgte künstlerische Eruption; sämtliche Kosten würden selbst redend übernommen. Denn im Unterschied zu Pete Townshend von The Who, der solche autodestruktiven Aktionen um das Jahr 1965 herum erfunden hatte, gab es bei Deep Purple immer genug Geld, die on stage angerichteten Schäden locker zu bezahlen. Der arme Townshend dagegen hatte in den ersten Jahren seine kaputt geschlagenen Gitarren hinterher immer wieder mühsam zusammen flicken müssen, um weiter auftreten zu können...


III.

     "Can we have everything louder than everything else?" fragte Deep-Purple-Sänger Ian Gillan den Mann am Mischpult im August 1972 in Japan. "Können wir alles lauter haben als alles andere?" Der aus der Maßlosigkeit des Lärms resultierende Elternschreck-Faktor von Deep Purple war in den frühen Siebzigern Gott gegeben. Folgerichtig erteilte Gott im Jahre 1975 das Prädikat "Lauteste Rockband der Welt" zur Aufnahme in das Guinness-Buch der Rekorde. Doch 1975 - da war der laute Zauber schon so gut wie vorbei. Die britische Combo verlor zunächst 1973 nach internen Querelen ihren Sänger und ihren Bassgitarren-Spieler, machte dann noch mit zwei anderen Musikern weiter, bis im Jahre 1976 - kurz nach einem erneutem kurzfristigen Besetzungswechsel - endgültig Schluss war.
So jedenfalls sterben die schönsten Schwäne: Als es weltweit, von Palermo bis Poznan, von Pforzheim/Enz bis Phoenix/Arizona, so richtig populär geworden war, sich den Schriftzug "Deep Purple" mit Kuli auf den Parka zu malen, war das zu Grunde liegende Phänomen bereits Geschichte.

Begonnen hatte alles im Jahre 1968. Von Managern und Produzenten planmäßig zusammen gebracht, war Deep Purple so was wie eine der ersten Boygroups. Nach drei schnell hintereinander veröffentlichten, poppigen-Langspielplatten, u.a. mit Beatles-, Neil-Diamond- und Jimi-Hendrix-Songs, wurde im Sommer 1969 das Personal an zwei Positionen gewechselt. Die hernach als Deep Purple Mk. II bezeichnete neue Truppe hat in den nächsten drei Jahren so ziemlich alles abgeräumt, was man als junge, hungrige Rockgruppe damals so abräumen konnte.
Das von unerwarteter akustischer Gewalt geprägte erste Album der Mk. II zeigte auf dem Cover eine Umzeichnung des amerikanischen Präsidentenfelsens Mount Rushmore, den wir aus Hitchcocks "North By Northwest" kennen. Doch statt George Washington, Abraham Lincoln oder Cary Grant sind dort die fünf langhaarigen Briten in nicht-alphabetischer Reihenfolge zu sehen. Der programmatische Titel der Platte kam als Wortspiel: "Deep Purple in Rock".
Nicht nur, dass die Titelhelden in Fels gemeißelt waren - gerockt hat das Ding nun wirklich. Zeitlich parallel zu Led Zeppelin, jener anderen Supergroup des frühen Hardrock, haben die tieflilafarbenen Engländer hier brutalstmöglichen Lärm verewigt, der weit über das unbeholfene Gerumpel der notorischen Tierquäler-Vereinigung Black Sabbath hinaus reichte - mit der sie ehrenrührigerweise oft in einem Atemzug genannt wurden.

     Geprägt wurde der Deep-Purple-Lärm ab 1969 hauptsächlich durch den damals 25-jährigen Gitarrero Ritchie Blackmore, der sich als Berufsmusiker mit seiner Fender-Stratocaster-Gitarre und seinen Marshall-Röhrenverstärkern nicht nur technisch, sondern auch stilistisch in der Jimi-Hendrix-Nachfolge verortet hatte. Blackmores Trick: Schwer verzerrte Gitarrenriffs, die durch die inzwischen entwickelte Verstärker-Technik erstmals auch ausreichend laut gespielt werden konnten, werden durch filigran-virtuos gezupfte Klassik-Einlagen konterkariert.

 

Deep Purple verwendete mehr Beethoven-, Tschaikowski-, Gershwin- und Jingle-Bells-Zitate als irgendein anderer Rock-Act jener Jahre

Als erklärter Fan des barocken Ordo-Langweilers Johann Sebastian Bach erfand Blackmore eine klassizierende Gangart der harten Rockmusik, mit der er bei seinem Gegenspieler an der Hammond-Orgel, dem als Konzert-Pianisten ausgebildeten und selbst ernannten Orchesterwerke-Komponisten Jon Lord, offene Türen einrannte.
Die vermeintlich kulturlose Bürgerschreck-Combo Deep Purple hat damals jedenfalls mehr Beethoven-, Tschaikowski-, Gershwin- und Jingle-Bells-Zitate im Bühnen-Repertoire verwendet als irgendein anderer massenrelevanter Rock-Act jener Jahre. Die Gruppe schreckte nicht einmal vor großen Kompositionen für Rockgruppe und Symphonieorchester zurück, auch wenn diese nie zu mehr als kuriosen Fußnoten der Musikgeschichtsschreibung getaugt haben.

 

 

 

"...hochfrequentes Geschrei im Stile einer Schiffssirene, Jammerorgel und groovende Rhythmus-Sektion aus Bassgitarre und Schlagzeug..."


IV.

     Deep Purple, das sind vor allem zwei melodieführende Instrumente: Jon Lords Hammond-Orgel kommt von Vanilla Fudge und vom Cool-Jazzer Jimmy Smith; Ritchie Blackmores Gitarre kommt als super-verstärkte Weiterführung aus der britischen Rock-and-Roll-Nachspiel-Szene der frühen Sechziger, aus der im Prinzip auch die Beatles hervorgegangen waren. Mit dieser Mischung prägte Deep Purple den Sound des klassischen Hardrock der frühen Siebziger: Virtuos-brachiale Gitarrenarbeit, "Gesang" als hochfrequentes Geschrei im Stile einer Schiffssirene, Jammerorgel und groovende Rhythmus-Sektion aus Bassgitarre und Schlagzeug - kurz: Lärm als strukturierter Angriff auf das Musikverständnis nicht nur von Wehrmachts-Opa. Improvisationsfreudig wie alte Jazzer spielte die Gruppe ihr Repertoire in jedem Konzert ein bisschen anders - zeittypisch in ausgedehnten Versionen von bis zu über 30 Minuten Länge. Von naserümpfenden Kritikern notorisch ignoriert, wurde die Gruppe - weit über die sich damals gerade herausbildende engere Heavy-Metal-Szene hinaus - sagenhaft populär.

 

 

 

 

David Coverdale, der neue Frontmann der lautesten Band der Welt

 

 

 

 

 

1976:
Deep Purple lösen sich auf


V.

     Nachdem die MkII-Besetzung mit Ian Gillan am Gesang und Roger Glover am Bass nach einer Japan-Tournee im Jahre 1973 im vollen Flug abgestürzt war, wurden neue Leute mit neuen Ideen rekrutiert: Ein Boutiquen-Verkäufer namens David Coverdale, der bisher keiner nennenswerten Musiktruppe angehört hatte, bekam den Millionen-Job als Frontmann der lautesten Band der Welt bereits nach einer kurzen Anhörung; Stimme und unverhohlen sexistische Pose des Seiteneinsteigers wurde hernach zum Vorbild aller Rock-Shouter. Der zweite Neuling, Glenn Hughes an der Bassgitarre, konnte seine eigentlichen Ambitionen auf den Posten des leitenden Sängers nur schwer verbergen. Er sorgte, damals très à la mode, für einen "schwarzen", funky Sound der Gruppe. Dies trieb Gründungsmitglied Ritchie Blackmore erst in die Verzweiflung und zwei Jahre später dann in sein Solo-Projekt "Rainbow" - welches fortan als die Gruppe mit der höchsten Personal-Fluktuationsrate in die Rockgeschichte einging.
Die verbliebenen Deep-Purple-Mannen brachten mit dem 1975 flugs angeheuerten, launischen Ausnahmegitarristen Tommy Bolin das Hardrock-Schlachtross nicht mehr recht in Fahrt und lösten die wohl populärste Rockgruppe der siebziger Jahre 1976 auf - gnädigerweise knapp rechtzeitig vor Bolins Heroin-Tod.

Deep Purple, das war vor allem live auf der Bühne eine Attraktion. Zu Lebzeiten der Gruppe waren allerdings gerade mal zwei, drei Konzertmitschnitte seitens der offiziellen Plattenfirma erhältlich. Mit dem Aufkommen der CD um 1990 herum begann eine bespiellose Serie von Neuveröffentlichungen live mitgeschnittenen Materials aus den verschiedenen Perioden und Besetzungen der Band - inzwischen sind aus der Phase 1969 bis 1976 über ein Dutzend solcher Aufnahmen auf dem Markt. So veröffentlicht die Plattenfirma rund ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen des Live-Doppelalbums "Made in Japan", das aus Aufnahmen von drei aufeinanderfolgenden Konzert-Abenden in Tokio und Osaka vom August 1972 zusammengestellt worden war, eine Dreier-CD-Box mit den (nahezu) kompletten Aufnahmen aller drei Acts - bei identischer play-list -, damit die Fans nachvollziehen können, ob die Gruppe die "richtige" Auswahl für das inzwischen zum absoluten Rock-Klassiker avancierten Album getroffen hatte. Eine solche Veröffentlichungspolitik ist unikat im Pop-Geschäft.

 

 

 

Deep Purple 1984:
Ein Schatten ihrer selbst

 

 

 

 

 

 

Hardrock-Frührentner


VI.

     Nach ihrer Auflösung 1976 ist die Combo im Jahre 1984 in der klassischen MkII-Besetzung wieder erstanden, blieb jedoch seitdem ein Schatten ihrer selbst: Ian Gillan kann heute nicht mehr singen - jedenfalls nicht mehr die hohen Töne, die ihn einst berühmt machten. Eine Aufführung der Schrei-Hymne "Child in Time" würde heute seine Stimmbänder ruinieren. Gitarrist Blackmore spielte nach der Wiedervereinigung schon sehr bald nicht mehr mit Lust, sondern nur noch aus Last. Konzerte wurden zu vorhersagbaren Best-Of-Hitsammlungen, neue Platten waren belanglos. Die Rockgeschichte war unüberhörbar weiter gegangen, mit Punk und New Wave waren die 70er anders ausgeläutet worden, als die Rock-Pioniere sie begonnen hatten.

Heute erfreuen sich die verbliebenen Deep-Purple-Musiker einer treuen Fangemeinde und füllen als gut gelaunte Hardrock-Frührentner kleinere Hallen. Ein hervorragender "offizieller" Internetauftritt, von Fans für Fans gestaltet, ganz ohne das sonst übliche Marketing-Gewäsch der Plattenfirmen, hält die Gemeinde weltweit zusammen. Der ewig egomane Blackmore ist (schon wieder) seit Jahren nicht mehr dabei, er wurde durch einen Flitzefinger namens Steve Morse ersetzt. Blackmore macht jetzt im Kreise einer flötenden und rasselnden Dilettanten-Truppe pseudo-mittelalterliche Musik auf akustischen Instrumenten.

 

 

 

"Made in Japan" gilt neben The Who's "Live in Leeds" als das beste Live-Album der Rock-Geschichte


VII.

     Tokio, August 1972: Das Orgelgeheul klingt wie ein startender Düsenjager; fiese elektro-akustische Fehltöne sägen aus den Lautsprechern. Das Intro zur Live-Version von "Lazy", einer flotten Rhythm'n'Blues-Nummer, senkt sich langsam in geordnete Bahnen: Die Japaner steigen auf ihre Klappstühle und beginnen, im Takt mitzuklatschen. "Made in Japan" gilt neben The Who's "Live in Leeds" als das beste Live-Album der Rock-Geschichte.

Wer sich mal dem Experiment unterzogen hat, diese Musik ganz leise zu hören, womöglich übertönt durch Geräusche von außen, sagen wir: beim Autofahren, wird Erstaunliches heraushören: Die lauteste Band der Welt klingt, leise gehört, fast wie eine jazzige Kammercombo. Nur: Wer wollte diesen herrlichen Lärm freiwillig leise hören?

 

 

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Editorische Notiz:
Dieser Text wurde im Auftrag der Süddeutschen Zeitung (Feuilleton) für eine geplante Serie ("Modernism revisited") im Frühjahr /Sommer 2001 geschrieben. Durch einen Redakteurswechsel blieb er bislang ungedruckt.


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