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Moderne wieder besucht
Deep Purple: Alles lauter als alles andere
Von Benedikt Hotze
Discographie: Das Album enthält ein komplettes Konzert ohne Zugaben (77 min, allerdings nicht ganz in der originalen Reihenfolge). Es handelt sich keineswegs um dumpfbackenen Hardrock, sondern um schnellen, druckvollen, groovenden, vielfach gar "swingenden" Rock - ausgiebig angereichert durch artistische Fingerübungen der jeweiligen Soloeinlagen. Mit "Smoke on The Water" und "Highway Star" gibt es zwei partytaugliche Rocknummern. Child In Time ist eine auf Steigerungseffekte angelegte Schrei-Hymne, "The Mule" ein ausgiebiges Schlagzeugsolo, "Strange Kind Of Woman enthält ein wunderbares Gitarre-Gesang-Duell, und "Lazy" ist eine flotte Rhythm'n'Blues-Nummer mit kakophonischem Intro. Gekrönt wird das Konzert von dem leicht
psychedelischen, zwanzigminütigen "Space Truckin', das ausreichend Raum für Orgel-
und Gitarrensoli bietet und an dessen Ende Blackmore oftmals sein Instrument zerstörte.
Die Zugaben ("Black Night", "Speed King" und / oder
"Lucille" - von Little Richard - erschienen auf anderen Ausgaben dieser Platte. Noch Fragen? Scandinavian Nights |
Erst schraddelt ein an- und abschwellendes
Bocksgeheul aus den rotierenden Hochton-Hörnern des Lautsprechers an der Hammond-Orgel,
dann donnert ein atonales Gitarren-Gerödel aus dem Marshall-Verstärker. Derlei
Geräusche fahren eine Weile unverbunden nebeneinander her, bis sich erste Ordnungsmomente
im Chaos einstellen. Kaum wird der Lärm als gewollte Musikdarbietung erkannt, beginnt
eine gesengte Sau, mit einer sich überschlagenden Falsettstimme zusammenhanglose
Little-Richard-Zitate zu kreischen. Ob sich das Ganze nun "Kneel And Pray"
(Arbeitstitel) oder "Speed King" (endgültiger Song-Titel seit Ende 1969) nennt,
ist zweitrangig: Es handelt sich in jedem Falle um den herrlichsten Lärm, den die
internationale Rockmusik bis dato hervor gebracht hatte. Dass im sedierenden Mittelspiel
des genannten Stückes eine Kirchenorgel friedlich Boogie Woogie tanzt, ändert
daran nichts. Wer als pubertierender Jung-Achtundsechziger
seine Erzeuger mit dem Abspielen von Tonträgern ernsthaft ärgern wollte, hat damals
nicht Bob Dylan, nicht die Rolling Stones, nicht mal The Who aufgelegt.
Sondern: Deep Purple. Inhaltlich erzählt das Stück von der wahren Begebenheit, dass
im nebeltrüben Dezember 1971 ein altes Casino am Genfer See abgebrannt ist. Musikrelevant
wurde dieser Vorgang dadurch, dass der Brand erstens während eines Konzerts von Frank
Zappa stattfand und zweitens die begabte Jungspielschar Deep Purple in diesem Saal ihr
neuestes Album hatte live einspielen wollen.
Geprägt wurde der Deep-Purple-Lärm ab 1969 hauptsächlich durch den damals 25-jährigen Gitarrero Ritchie Blackmore, der sich als Berufsmusiker mit seiner Fender-Stratocaster-Gitarre und seinen Marshall-Röhrenverstärkern nicht nur technisch, sondern auch stilistisch in der Jimi-Hendrix-Nachfolge verortet hatte. Blackmores Trick: Schwer verzerrte Gitarrenriffs, die durch die inzwischen entwickelte Verstärker-Technik erstmals auch ausreichend laut gespielt werden konnten, werden durch filigran-virtuos gezupfte Klassik-Einlagen konterkariert. |
| Deep Purple verwendete mehr Beethoven-, Tschaikowski-, Gershwin- und Jingle-Bells-Zitate als irgendein anderer Rock-Act jener Jahre |
Als erklärter
Fan des barocken Ordo-Langweilers Johann Sebastian Bach erfand Blackmore eine
klassizierende Gangart der harten Rockmusik, mit der er bei seinem Gegenspieler an der
Hammond-Orgel, dem als Konzert-Pianisten ausgebildeten und selbst ernannten
Orchesterwerke-Komponisten Jon Lord, offene Türen einrannte. Die vermeintlich kulturlose Bürgerschreck-Combo Deep Purple hat damals jedenfalls mehr Beethoven-, Tschaikowski-, Gershwin- und Jingle-Bells-Zitate im Bühnen-Repertoire verwendet als irgendein anderer massenrelevanter Rock-Act jener Jahre. Die Gruppe schreckte nicht einmal vor großen Kompositionen für Rockgruppe und Symphonieorchester zurück, auch wenn diese nie zu mehr als kuriosen Fußnoten der Musikgeschichtsschreibung getaugt haben. |
"...hochfrequentes Geschrei im Stile einer Schiffssirene, Jammerorgel und groovende Rhythmus-Sektion aus Bassgitarre und Schlagzeug..." |
IV. Deep Purple, das sind vor allem zwei melodieführende Instrumente: Jon Lords Hammond-Orgel kommt von Vanilla Fudge und vom Cool-Jazzer Jimmy Smith; Ritchie Blackmores Gitarre kommt als super-verstärkte Weiterführung aus der britischen Rock-and-Roll-Nachspiel-Szene der frühen Sechziger, aus der im Prinzip auch die Beatles hervorgegangen waren. Mit dieser Mischung prägte Deep Purple den Sound des klassischen Hardrock der frühen Siebziger: Virtuos-brachiale Gitarrenarbeit, "Gesang" als hochfrequentes Geschrei im Stile einer Schiffssirene, Jammerorgel und groovende Rhythmus-Sektion aus Bassgitarre und Schlagzeug - kurz: Lärm als strukturierter Angriff auf das Musikverständnis nicht nur von Wehrmachts-Opa. Improvisationsfreudig wie alte Jazzer spielte die Gruppe ihr Repertoire in jedem Konzert ein bisschen anders - zeittypisch in ausgedehnten Versionen von bis zu über 30 Minuten Länge. Von naserümpfenden Kritikern notorisch ignoriert, wurde die Gruppe - weit über die sich damals gerade herausbildende engere Heavy-Metal-Szene hinaus - sagenhaft populär. |
David Coverdale, der neue Frontmann der lautesten Band der Welt
1976: |
V.
Nachdem die MkII-Besetzung mit Ian
Gillan am Gesang und Roger Glover am Bass nach einer Japan-Tournee im Jahre 1973 im vollen
Flug abgestürzt war, wurden neue Leute mit neuen Ideen rekrutiert: Ein
Boutiquen-Verkäufer namens David Coverdale, der bisher keiner nennenswerten Musiktruppe
angehört hatte, bekam den Millionen-Job als Frontmann der lautesten Band der Welt bereits
nach einer kurzen Anhörung; Stimme und unverhohlen sexistische Pose des Seiteneinsteigers
wurde hernach zum Vorbild aller Rock-Shouter. Der zweite Neuling, Glenn Hughes an der
Bassgitarre, konnte seine eigentlichen Ambitionen auf den Posten des leitenden Sängers
nur schwer verbergen. Er sorgte, damals très à la mode, für einen
"schwarzen", funky Sound der Gruppe. Dies trieb Gründungsmitglied Ritchie
Blackmore erst in die Verzweiflung und zwei Jahre später dann in sein Solo-Projekt
"Rainbow" - welches fortan als die Gruppe mit der höchsten
Personal-Fluktuationsrate in die Rockgeschichte einging. Deep Purple, das war vor allem live auf der Bühne eine Attraktion. Zu Lebzeiten der Gruppe waren allerdings gerade mal zwei, drei Konzertmitschnitte seitens der offiziellen Plattenfirma erhältlich. Mit dem Aufkommen der CD um 1990 herum begann eine bespiellose Serie von Neuveröffentlichungen live mitgeschnittenen Materials aus den verschiedenen Perioden und Besetzungen der Band - inzwischen sind aus der Phase 1969 bis 1976 über ein Dutzend solcher Aufnahmen auf dem Markt. So veröffentlicht die Plattenfirma rund ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen des Live-Doppelalbums "Made in Japan", das aus Aufnahmen von drei aufeinanderfolgenden Konzert-Abenden in Tokio und Osaka vom August 1972 zusammengestellt worden war, eine Dreier-CD-Box mit den (nahezu) kompletten Aufnahmen aller drei Acts - bei identischer play-list -, damit die Fans nachvollziehen können, ob die Gruppe die "richtige" Auswahl für das inzwischen zum absoluten Rock-Klassiker avancierten Album getroffen hatte. Eine solche Veröffentlichungspolitik ist unikat im Pop-Geschäft. |
Deep Purple 1984:
Hardrock-Frührentner |
VI. Nach ihrer Auflösung 1976 ist die Combo im Jahre 1984 in der klassischen MkII-Besetzung wieder erstanden, blieb jedoch seitdem ein Schatten ihrer selbst: Ian Gillan kann heute nicht mehr singen - jedenfalls nicht mehr die hohen Töne, die ihn einst berühmt machten. Eine Aufführung der Schrei-Hymne "Child in Time" würde heute seine Stimmbänder ruinieren. Gitarrist Blackmore spielte nach der Wiedervereinigung schon sehr bald nicht mehr mit Lust, sondern nur noch aus Last. Konzerte wurden zu vorhersagbaren Best-Of-Hitsammlungen, neue Platten waren belanglos. Die Rockgeschichte war unüberhörbar weiter gegangen, mit Punk und New Wave waren die 70er anders ausgeläutet worden, als die Rock-Pioniere sie begonnen hatten. Heute erfreuen sich die verbliebenen Deep-Purple-Musiker einer treuen Fangemeinde und füllen als gut gelaunte Hardrock-Frührentner kleinere Hallen. Ein hervorragender "offizieller" Internetauftritt, von Fans für Fans gestaltet, ganz ohne das sonst übliche Marketing-Gewäsch der Plattenfirmen, hält die Gemeinde weltweit zusammen. Der ewig egomane Blackmore ist (schon wieder) seit Jahren nicht mehr dabei, er wurde durch einen Flitzefinger namens Steve Morse ersetzt. Blackmore macht jetzt im Kreise einer flötenden und rasselnden Dilettanten-Truppe pseudo-mittelalterliche Musik auf akustischen Instrumenten. |
"Made in Japan" gilt neben The Who's "Live in Leeds" als das beste Live-Album der Rock-Geschichte |
VII. Tokio, August 1972: Das Orgelgeheul klingt wie ein startender Düsenjager; fiese elektro-akustische Fehltöne sägen aus den Lautsprechern. Das Intro zur Live-Version von "Lazy", einer flotten Rhythm'n'Blues-Nummer, senkt sich langsam in geordnete Bahnen: Die Japaner steigen auf ihre Klappstühle und beginnen, im Takt mitzuklatschen. "Made in Japan" gilt neben The Who's "Live in Leeds" als das beste Live-Album der Rock-Geschichte. Wer sich mal dem Experiment unterzogen hat, diese Musik ganz leise zu hören, womöglich übertönt durch Geräusche von außen, sagen wir: beim Autofahren, wird Erstaunliches heraushören: Die lauteste Band der Welt klingt, leise gehört, fast wie eine jazzige Kammercombo. Nur: Wer wollte diesen herrlichen Lärm freiwillig leise hören? |
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Editorische Notiz: |
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