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Erziehungsprobleme
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Auch nach fast 70 Jahren des gesellschaftlichen Wandels legt Willy Russells
Stück "Educating Rita" noch immer ähnliche Klassenunterschiede offen wie das von
George Bernard Shaw verfasste Drama "Pygmalion" aus dem Jahr 1912.

Von Jürgen Kirschner
(01. 02. 2006)



Jürgen Kirschner
(Journalredakteur@aol.com),
geboren 1964 in Heggen (Kreis Olpe), lebt heute in Stuttgart. Nach einer Lehre im Bauhandwerk folgt Weiterbildung auf dem Abendgymnasium und anschließende Orientierung zum Journalismus und den Bereich der Kulturwissenschaften.

 

 


(c) Theater Lüneburg

Für das Gastspiel "Educating Rita", vorgeführt von "The American Drama Group Europe", unter der Regie von Peter Joucla, gibt es noch einige wenige Karten im Vorverkauf ab 24 Euro. Das Theater befindet sich in 21335 Lüneburg, in der Straße: An den Reeperbahnen 3.

 

 

Willy Russell.
Educating Rita.
Reclam, 1997, 131 S.
ISBN: 978-3-15-009040-4

 

 


(c) www.willyrussell.com

Willy Russell
schrieb "Educating Rita"
im Jahr 1979.
 

 

 

 

 

In beiden Stücken wird die These aufgestellt, dass Bildung ein wichtiger Schlüssel zur Beseitigung sozialer Hürden ist und zu größerer gesellschaftlicher Anerkennung führt.

 

 

 

Aurora-Tipp

Weitere
Theaterbesprechungen

Rita: God, I’ve had enough of this. It’s borin’, that’s what it is, bloody borin’. This Forster, honest to God he doesn’t half get in my tits.
Frank:
Good. You must show me the evidence.
Rita:
Y’dirty sod.
Frank:
True, true, it’s cutting down on the booze that’s done it.

1.Akt, 3. Szene

    Wer sich wieder einmal über Klassenunterschiede amüsieren möchte, kann sich dieses Ereignis am Mittwoch, 21. Februar 2007, im Theater Lüneburg, Großes Haus, ab 20:00 Uhr antun.

Der heftig-witzige Wortschatz aus dem Arbeitermilieu der Liverpooler Unterschicht, gekonnt aufbereitet von Rita, steht den wohl eher absonderlich klingenden Äußerungen eines gebildeten, aus höheren Kreisen kommenden Frank gegenüber.

Der dem Alkohol verfallene Dr. Frank Bryant nimmt eine Stelle als Lehrkraft an der Open University an. Dort trifft er auf die abgefahrene Friseuse Rita, die versucht, sich über die Welt der Literatur aus ihrer geistig unterforderten Situation zu erheben. Zwei mehr als gegensätzliche Welten prallen aufeinander. Nachdem sich Rita und Frank zuerst nicht ausstehen können, kommen sie sich durch persönliche Äußerungen langsam näher.

    Denny, der Ehemann von Rita, hat kein Verständnis für die seltsamen Wandlungen in seiner Frau. Es kommt zu Streitereien. Schließlich verbrennt Denny Ritas Bücher und versucht, sie auf diesem Weg von ihrem Vorhaben abzubringen. Gleichzeitig beginnt Frank, Rita zu erklären, warum er aufgehört hat, Lyrik zu verfassen. Während Rita, beflügelt von innerem Enthusiasmus, in dem Kurs aufgeht und sich geistig in ferne, fremde Welten vorwagt, die so sicher nie ein Mensch zuvor bedacht hat, entpuppt sich Frank als Versager, der im Suff von oben her, dort, wo Rita hin will, abrutscht.

Frank und Rita nähern sich langsam einander an, nicht nur geistig. Er verliebt sich in ihre einfache, natürliche Art, den unterschwelligen erotischen Slang und in ihre Naivität, die Welt, und besonders auch die ihrer Literatur, durch eine rosa Brille zu sehen. Bei ihrem Gedicht über die Frucht bildende Blüte ist durchaus hinterfragbar, welche "blossom" da wohl in Liverpools untersten Gassen gemeint ist?

    Rita erscheint trotz Einladung nicht auf Frank’s Dinnerparty, da sie sich dort als misfit, als nicht zugehörig begreift. Die Lage spitzt sich zu. Denny wirft Rita raus. Beide passen nicht mehr zueinander. Die wie eine Knospe erblühte Friseuse beginnt sich zu verändern. Sie verliert ihre geistig einengenden Blütenblätter und bekommt mehr Selbstvertrauen. Die Rollen zwischen den beiden Charakteren beginnen sich zu überlappen. Rita nimmt immer mehr die Wesenszüge aus Frank’s Schicht an, während er die aus Ritas upper working class akzeptiert. Selbst was Literatur angeht, scheinen sich ihre Ansichten zu vermischen. Schließlich schreibt Rita eine Klausur, die nicht mehr ihrer ursprünglichen Wesensart entspricht. Sie nimmt die langweiligen Sichtweisen und Ideale der Figuren ihrer Bücher an. Frank ist schockiert. Er weiß zwar, dass Rita für ihre Arbeit eine sehr gute Note bekommt, doch mit dieser neuen, gesellschaftsfähigen Rita kann er nichts mehr anfangen. Sie ist nun so langweilig wie er es einmal war, vor seinem Absturz in den Alkohol.

Rita fühlt, dass sie Frank nun nicht mehr als Ideal braucht. Sie ändert ihr Leben so weit wie möglich, nimmt eine neue Stelle an und kritisiert sogar seine Gedichte. Innerlich zerbrochen, begreift dieser Dr. Bryant, dass er aus Rita, durch Bildung und Literatur, ein Monster erschaffen hat, dem jede Natürlichkeit abhanden gekommen ist. Die enge Verbindung zwischen den beiden Protagonisten bricht auseinander. Sie gehen auf Distanz zueinander. Als Frank sich aufmacht, für einige Zeit in Australien abzusacken und Abstand zu suchen, taucht Rita wieder auf und erklärt ihm in hoch aussagekräftigen Worten, wie sehr sie sich geirrt hat und dass es doch mehr im Leben gibt als nur Kunst und Literatur.

    Educating Rita kann als moderne, aufgestylte Version und gleichzeitig als Hommage an George Bernard Shaws "Pygmalion" gewertet werden. Auch nach fast 70 Jahren des gesellschaftlichen Wandels legt Willy Russells "Educating Rita", geschrieben 1979, noch immer ähnliche Klassenunterschiede offen wie das von Shaw verfasste, ideenreiche Drama "Pygmalion" aus dem Jahr 1912.

Shaws anfangs schüchternes Blumenmädchen Eliza wird bei Russell durch die coole Friseuse Rita ersetzt. Beide entstammen der upper working class, der unteren Arbeiterschicht. In beiden Stücken wird die These aufgestellt, dass Bildung ein wichtiger Schlüssel zur Beseitigung sozialer Hürden ist und zu größerer gesellschaftlicher Anerkennung führt. Doch während Eliza die Chance für eine Weiterentwicklung von ihrer fehlerhaften Aussprache begrenzt sieht, ergibt sich für Rita die Perspektive, in geistigeren Sphären, in Kunst und Literatur, ihre eigene, bessere Welt zu finden. Beide Hauptdarstellerinnen erleben jedoch auch, wie sie mit jedem Schritt, den sie sich mehr von ihrem ursprünglichen Hintergrund entfernen, sie umso stärker auch zu Randerscheinungen in ihrem jeweiligen neuen Milieu werden.

    Den Zugang zu jener anderen gesellschaftlichen Ebene können beide sich zunächst nicht vorstellen. Doch in den entscheidenden Situationen begreifen sie, dass sie schon längst zwischen den Stühlen der unterschiedlichen Milieus sitzen. Sie gehören nun nicht mehr zu der einen und schon gar nicht zu der anderen Klasse ihres jeweiligen Gegenparts. Auch ihre innerlich gewandelten Lehrer, Frank und Higgins, begreifen das von ihnen mitverursachte Dilemma.

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