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Der alte Mann und die Gitarre
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Anläßlich des Todes von Johnny Cash
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      C
ash ging mir lange Zeit völlig am Hintern vorbei. Okay, da gab es die ein oder andere Zeile in einem seiner Lieder, die wirklich genial war ("I shot a man in Reno just to watch him die"), aber ansonsten? Viel Nashville-Klamauk. Not my cup of tea.

Erst als sich Rick Rubin seiner annahm, und ich in eine der von Rubin produzierten "American Recordings" Platten reinhörte, war ich wirklich begeistert. Spart Euch das Gesamtwerk. Da ist so viel Schrott dabei, dass die Perlen kaum ins Gewicht fallen. Rubin hat genau das gemacht, was Cash gebraucht hat. Die Musik von allem völlig überflüssigen Firlefanz befreit und den alten Mann mit einer Gitarre ans Mikrofon gesetzt. Dazu ein paar wirklich gute (weil sich selbst zurücknehmende) Gastmusiker - fertig. Einfach, aber genial.

     Plötzlich spürt man in jeder Zeile, in jeder Note jede einzelne Droge, die der Mann jemals genommen hat, seine Krankheit ist stets präsent. Das kommt tausendmal ungeschminkter als jeder sogenannte "Unplugged"-Auftritt bei MTV.
Ich habe einer 23jährigen Arbeitskollegin, die nicht mal wusste, wer Cash ist, "The Mercy Seat" vorgespielt. Die sagte nur: "Das klingt REAL". Stimmt. Mehr ist dazu kaum zu sagen. Nach George Harrisons Tod habe ich in einem der Nachrufe im TV eine nette Szene gesehen (irgendwo auf BBC-News oder so). Das war Backstage bei einem von Elvis Presleys unsäglichen Las Vegas Auftritten. Elvis kam von der Bühne und begrüsste Harrison mit der Frage, wie dieser seinen Auftritt fand. Darauf sagte Harrison zu ihm (sinngemäß): "Warum schmeisst Du nicht die ganzen Kasper hier raus, schnappst Dir Deine Gitarre, ziehst diesen affigen Anzug aus und gehst noch mal auf die Bühne und singst 'That's allright Mama' für die Leute?" Genau das hat Cash in den letzten Jahren gemacht. Und das hat nichts mit dem Pseudo-Country-Dreck (auch ich hasse C&W) zu tun, der von Cash in den 70ern und 80ern kam. Vielleicht hätte man sogar Elvis im Alter noch mögen können.

Als ich das "Hurt" Video das erste mal sah, lief mir ein Schauer den Rücken runter. Alleine der Blick, den seine kurz vor ihm gestorbene Frau in dem Video draufhat. Sie guckt ihn an und weiß, da singt ein Sterbender. Ungeschminkt, offen.

     Ich hätte halt gerne eine weitere Platte aus der Serie gehört. Aber wer weiß: vielleicht hat er es ja noch geschafft.

Stefan Krieger


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