Paul Auster.
Im Land der letzten Dinge.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch, 2000.

 




Anna Blume geht durchs 20. Jahrhundert

Von Hermann Maier

      Paul Auster ist ein Schriftsteller, der seine Figuren immer wieder an den Anfang zurückkehren lässt: Es ist ihnen nicht bestimmt, sich in Gewissheit zu wiegen: weder was das Wesen der Welt, noch was sie selbst betrifft. Sie bleiben Suchende: "Was heißt leben?" – "Wozu leben?" Diese Fragen lassen sie nie ganz los. Sie sind der rote Faden, der sich, wie der Autor in einem Interview festhält, durch sein Werk zieht:

Es geht [darin] um Leben und Sterben und um den Versuch, zu begreifen, was wir hier eigentlich machen. All die grundsätzlichen Fragen, die man sich als Fünfzehnjähriger stellt, wenn man versucht, sich mit seinem Dasein auf diesem Planeten abzufinden, wenn man ergründen will, warum und wozu man hier gelandet ist. (Die Kunst des Hungers, 251-252)

Möglicherweise macht gerade die Vorstellung, dass sich die essentiellen, die "existentiellen" Fragen niemals wirklich erledigen, die Paul- Auster-Lektüre so faszinierend. Einer "verliert" sich, muss sich wieder(er-)finden; jemand weiß sein Hier-Sein nicht mehr zu rechtfertigen; ein Sinn verblasst, erschöpft sich, ist neu zu formulieren: Darüber spricht Paul Auster in seiner Dichtung: ganz selbstverständlich und unspektakulär; als einer, der erkannt hat, welch zentrale Rolle die Sinnfrage in einem Menschenleben einnimmt. - Nicht bloß für den Fünfzehnjährigen.*

     Wer es sich wie Paul Auster zur Aufgabe gemacht hat, die Welt zu begreifen, zu "durchdringen", wie er sagt; (vgl. Mond über Manhattan, 216) wer ihr gewissermaßen auf die Schliche kommen will, der muss sich ihr unvoreingenommen öffnen, aufmerksam "zuhören", was sie zu sagen hat, - gleich was kommt. Auster hält sich im strengsten Wortsinne für einen Realisten. (Die Kunst des Hungers, 204) Seine Dichtung will Abbild der Wirklichkeit sein: Unmöglich also, die Augen vor dem Unglücklichen und Traurigen zu verschließen: ... Menschen, die sich aufgegeben haben. Menschen ohne Zukunft. Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen als den Tod. Hunger, Diebstahl und Mord. Natürlich Schmutz und Kälte. Der Mangel an Kohle, Freundlichkeit und Träumen. Vor Einsamkeit Verrückte. Hoffnungslosigkeit, die zum Himmel schreit ... : wenn Paul Auster seine Helden auf die Reise schickt, dann offenbart sich die Monstrosität der Welt. - - Jeder weiß, dass man die Wahrheit oft nicht wahrhaben will, zumal sie schrecklich ist: Wahr wird falsch. Paul Auster verteidigt sich, indem er betont, dass alle seine Bücher, selbst wenn die darin beschriebenen Grausamkeiten, etwa das "Menschenschlachthaus", so unglaublich sind wie "Im Land der letzten Dinge", fest in historischen Realitäten verankert sind: (Die Kunst des Hungers, 236) "Anna Blume geht durchs 20. Jahrhundert." Diesen Satz hatte [er] ständig im Kopf, als [er] an diesem Roman arbeitete. (Die Kunst des Hungers, 237) Darüber reden, es weitererzählen, das Schweigen zu brechen ist die Pflicht des realistischen Autors: Er schreibt, um eine Ahnung von dieser Welt zu geben: Ich schreibe dir, weil du keine Ahnung hast. (Im Land der letzten Dinge, 11)

Im Gegensatz zu anderen "Realisten" erzählt Paul Auster aber auch von der unerhörten Schönheit des Da-Seins: Er [schildert], wie schön und außerordentlich beglückend es ist, am Leben zu sein, zu atmen, in der eigenen Haut zu stecken. (Die Kunst des Hungers, 251) Das ist, selbst als Andeutung, selten geworden in der modernen Literatur. Auster schreit das Glück hinaus, kann es nicht für sich behalten: die unerwartete Großzügigkeit Sam Austers etwa, oder Iris’ und Peter Aarons "Happy-End", die tanzende Kitty Wu und die unerschöpfliche Güte im Woburn-House ... : Peinlich wirkt der Autor bei all dem nie: Das Schöne ist ins Hässliche eingebettet, wird von ihm umringt, das lässt er nie vergessen.

Die Konventionen der so genannten realistischen Literatur (Die Kunst des Hungers, 205) sind Paul Auster noch in einem weiteren Punkt zu eng: In deren Wirklichkeit hat das Wunderbare und Zufällige, hat das "Unwahrscheinliche" keinen Platz. Es gilt als Hirngespinst. Aber, entgegnet Auster:

Der Zufall ist Bestandteil der Realität: Zufällige Ereignisse formen unser ganzes Leben, das Unerwartete tritt mit schier überwältigender Regelmäßigkeit an uns heran. Und doch herrscht weithin die Vorstellung, man solle es in einem Roman mit der Phantasie nicht zu weit treiben. Alles, was "nicht plausibel" scheint, wird ohne weiteres als gezwungen, erkünstelt, "unrealistisch" bezeichnet. Ich weiß nicht, in was für einer Realität solche Menschen leben, aber meine Realität ist es jedenfalls nicht. (Die Kunst des Hungers, 204-205)

      Im Zentrum Austers Dichtung steht, darin trifft er sich mit Montaigne, die eigene Erfahrung, das eigene Erleben, das eigene Ich: als Quelle, als Stoff, als konkreter Bezugspunkt. (Jeder Schriftsteller verarbeitet sein Leben in seinen Büchern; jeder Roman ist mehr oder weniger autobiographisch, bemerkt der Autor an einer Stelle. (Die Kunst des Hungers, 210)) "Dennoch" sprechen uns Austers Romane an: weil sie, bei aller Subjektivität und Individualität, Fragen berühren, mit denen wir es alle irgendwie zu tun haben, die uns alle in gewisser Weise angehen. Kurzum: Paul Auster erzählt Lebensgeschichten, die mehr sind als simple Privatdramen. Man entdeckt darin Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen, etwas, was sich aufs eigene Dasein "übertragen" lässt. **

Austers Literatur ist in unserer unmittelbaren Nähe angesiedelt: wir kennen die Sprache, wir kennen die Umstände, viele der darin beschriebenen Gewohnheiten und Konflikte sind uns vertraut; aus ebendieser Nähe erzählt der Dichter so spannende wie nachdenkliche Geschichten. Und Geschichten sind [ja] die Grundnahrung der Seele. Ohne Geschichten können wir nicht leben. Auf die eine oder andere Weise lebt jeder Mensch davon, vom zweiten Lebensjahr bis zu seinem Tod. (Die Kunst des Hungers, 252)

Der deutsche Filmemacher Wim Wenders lässt Paul Auster durch einen Brief Folgendes wissen:

Lieber Mr. Auster, ich habe alle Ihre Bücher gelesen, sie gefallen mir sehr, und es betrübt mich nur, dass es nicht noch mehr davon gibt [...]. (Die Kunst des Hungers, 254)

Ich teile sein Bedauern aus vollem Herzen.

 

 

* Noch viel eindringlicher als bei Auster wird die Sinnfrage im Werk Hermann Hesses gestellt und thematisiert. Das scheint der schlechte Grund zu sein, warum sich die Literaturkritik vor ihm verschließt. Nichtsdestotrotz haben Millionen Hesse gelesen. Und Millionen werden ihn noch lesen.

** Die "Übertragbarkeit“ ist ein wesentliches Merkmal des Kunstwerks. Solange ein Kunstwerk übertragbar ist, solange ist es aktuell und zeitgemäß: Es geht uns nahe, schafft Identifikation, mag sein Entstehen noch so viele Jahre oder Jahrhunderte zurückliegen


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