Findelgeschichten


Miniaturen aus Kursachsen im 18. Jahrhundert

Von Hermann Maier
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     Helmut Bräuer, als Historiker ein hervorragender Kenner der Sozialgeschichte der frühen Neuzeit, bemüht sich mit seiner historisch-belletristischen Kurzprosa (Neben den "Findelgeschichten" sind hier die Titel "Gemeyne Leute" (1996) und "Aufruhr in der Stadt" (1997) zu nennen.) darum, die Lebensverhältnisse der damaligen Zeit greifbar zu machen: Natürlich zuvorderst für Leser, die nicht jeden Tag Geschichtsbücher wälzen. Aber selbst den historisch Versierten wird es verblüffen, wie anschaulich und plastisch die Prosa Bräuers die frühe Neuzeit und hier vor allem den Alltag der Unterschichten, macht.

    Die so genannten Findelgeschichten sind in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts angesiedelt. Sie erzählen vom Findelkind Johann oder Hänsel, das von Mutter und Vater nichts wusste. Hänsels Geschichte ist nicht allzu lustig: Fünf Jahre lang läuft er mit einem ausgedienten Soldaten bettelnd durchs Land.

Als dieser, der einzige Mensch, der ihm auch mal die Hand auf die Schulter gelegt hat, sich von ihm trennen muss, ist Hänsel elf. In der Folge erleben wir ihn als Dienstboten bei einem Gassenmeister, im Zucht- und Waisenhaus, als Laufbursche bei einem Schuhmacher, als Mitglied einer Diebesbande und dann, kurz bevor sich seine Spur verliert, als Knecht bei einem Bauern: Selten bekommt Hänsel mehr als Schläge und Kopfnüsse von seiner Umgebung. Aber für ihn, das Findel, sei die Welt [eben] nicht gemacht. Für ihn sei sie zu kurz, habe überall Ecken oder spitze Kanten, an denen man sich die Haut aufreiße. Und alle Wege seinen voller scharfer Steine, erinnert er sich daran, was der Scherenschleifer einmal gesagt hat.

Im Nachwort zu den Findelgeschichten, die übrigens ganz in der Sprache des 18. Jahrhunderts erzählt werden, verweist der Autor darauf, dass sich für ihn die "Miniatur" bzw. das "Fragment" als literarische Form aus der tatsächlichen Quellenlage zu Waisenschicksalen ergeben hat:

"Mir schien [es] wichtig zu sein für die Winzigkeit und das Bruchstückhafte der Überlieferung auch eine adäquate Darstellungsform zu finden, so dass sich eine lockere und bewusst unterbrochene Folge von „Miniaturen“ anbot, in denen oft nur mit Andeutungen umgegangen wurde. Aus ihnen wird dennoch ein Stück des persönlichen Lebensweges erkennbar – freilich nur ein Stück, wie über die archivischen Zeugnisse meist auch nur ein Partikel erhellt und zum Bekannten werden kann, während Weiteres im vielzitierten Dunkel", schreibt Bräuer.

Bleibt zu hoffen, dass sich Hänsels Traum vom fetten Schweinefleisch und warmen Brot erfüllt hat. Und natürlich auch der von seinem Kutschenmädchen.
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