Der Steppenwolf tanzt
...
"Und auch das unglücklichste Leben hat seine Sonnenstunden und seine
kleinen Glücksblumen zwischen dem Sand und Gestein." (Steppenwolf, 49)

Von Hermann Maier


      Einer der schönsten Momente in der deutschsprachigen Literatur ist jener, wo Harry Haller, der Steppenwolf, mit Hermine tanzt.
Für einen Augenblick bekommt man hier das gute Gefühl, als könne ein Mensch tatsächlich die Balance zwischen dem Ja und dem Nein finden. "Jetzt wollen wir beide voneinander lernen und miteinander spielen", beschwört Hermine in schweißiger, überhitzter Atmosphäre den Steppenwolf, "[...] ich lehre dich tanzen und ein bisschen vergnügt und dumm sein, und du zeigst mir deine Gedanken und etwas von deinem Wissen." (Steppenwolf, 138).
Die Umarmung der beiden ist freiwillig und enthält keine Spur von Zwang oder Bevormundung. Harry und Hermine überzeugen einander, ihrer Art entsprechend, allein durch Sanftmut und Leidenschaft. Ihr Ziel besteht nicht darin, das Gegenüber abzuschaffen oder abzuwerten, sondern es ein wenig auf die eigene Seite zu ziehen. In der Tat gelingt es Harry Haller ein paar Takte lang, Hermines Perspektive einzunehmen. Er sieht, was Hermine sieht: Er sieht, dass es in dieser Welt nicht nur Kieselsteine und Abfall gibt, sondern eben auch Edelsteine und Glitzerzeug. Eine Zeit lang erkennt und anerkennt er ihre Schönheit und ihr Funkeln. Hermine ihrerseits blickt hinab in Harrys dunkle Welt.

      Die Dichtung Hesses bewegt sich auf die Harmonie zu, und zeigt doch die Unmöglichkeit der Harmonie: Darauf beruht ihre Wirkung. Die Helden Hesses sind dem gemäß Zerrissene. Sie sind extrem und maßlos in ihren Anlagen und wollen doch beide Bereiche des Seins, d.h. die Ebene des Geistes und der Kunst, der Ideale und der Dauer und die Ebene der Realität und der Sinnlichkeit, der Bürgerlichkeit und Vergänglichkeit, kurzum das Ja und das Nein, in ihr Leben integrieren.
Längst haben sie im Übrigen aufgehört, in dieser Unterscheidung eine Unterscheidung zwischen gut und böse zu sehen. Ihre Sinnsuche kennt keine vorgegebenen Grenzen, das macht sie modern: Beide, darüber herrscht bei Hesse Einigkeit, die Gedanken wie die Sinne, waren hübsche Dinge, hinter beiden lag der letzte Sinn verborgen, beide galt es zu hören, mit beiden zu spielen, beide weder zu verachten noch zu überschätzen, aus beiden die geheimen Stimmen des Innersten zu erlauschen. (Siddhartha, 42-43)

   Hesses Helden wollen wissen, wer sie sind, und lassen daher nichts unversucht: Sie schließen nicht aus, dass das Glück auf der Straße, im Gewöhnlichen, im Weltlichen liegt. Umgekehrt preschen sie auf ihrer Suche weit ins Unbekannte und Unendliche vor. Ihr Ziel sind sie selbst: "Wie weit kann ich die Wirklichkeit hinnehmen und wie weit muss ich sie ablehnen?", das ist ihre zentrale Fragestellung.
Sowenig sie dabei auf Schranken Rücksicht nehmen, kümmert es sie, ob das, was sich für sie als richtig erweist, ein allgemein gangbarer Weg ist. Einzig ihrer Sehnsucht fühlen sie sich verpflichtet, wenn sie den nächsten Schritt tun.
Die Sinnsuche bei Hesse endet, wie schon angedeutet, in der Paradoxie: Seine Protagonisten wollen den Wunsch nach einem anderen, besseren Leben und den Wunsch, die vorhandenen Schönheiten zu erkennen, zwar in ein Gleichgewicht und in Einklang bringen – Josef Knecht beispielsweise spürte oft ein brennendes Verlangen nach Welt, nach Menschen, nach naivem Leben (Glasperlenspiel, 301) -, und sind doch, weil sie nicht anders können, entweder mit der Welt zerfallen, wie Narziß, Knecht oder eben Harry Haller, oder ganz und gar in sie verstrickt, wie Goldmund, Hermine oder Kamala.

      Manchmal allerdings, und das sind die mit Spannung erwarteten, und dann doch verblüffenden Sternstunden seiner Dichtung, lässt Hesse Trieb und Geist Versöhnung feiern. So im Falle Siddharthas, der plötzlich einen Sinn für die Herrlichkeit des Da-Seins gewinnt:
Schön war die Welt, vermerkt er still und leidenschaftlich, wenn man sie so betrachtete, so ohne Suchen, so einfach, so kinderhaft. Schön war Mond und Gestirn, schön war Bach und Ufer, Wald und Fels, Ziege und Goldkäfer, Blume und Schmetterling. Schön und lieblich war es, so durch die Welt zu gehen, so kindlich, so erwacht, so dem Nahen aufgetan, so ohne Misstrauen. Anders brannte die Sonne aufs Haupt, anders kühlte der Waldschatten, anders schmeckte Bach und Zisterne, anders Kürbis und Banane. (Siddhartha, 41)

Die Harmonie bei Hesse ist freilich fragil, seine Figuren in ständiger Auflösung begriffen: Die Erneuerung des Ungenügens – einmal an der Mittelmäßigkeit, der Mitte zwischen den Extremen, wie es im Steppenwolf heißt (59), ein andermal an der Welt, dann wieder am Geist – setzt nach einer kurzen Weile wieder ein.

     Das Schicksal Harry Hallers, um zu unserem Lieblingshelden zurückzukehren, ist der Geist: Dieser richtet ihn auf und schließlich zugrunde. Hermine braucht nicht lange, um Harry Haller zu durchschauen. "Du bist für diese einfache, bequeme, mit so wenigem zufriedene Welt von heute viel zu anspruchsvoll und hungrig, sie speit dich aus, du hast für sie eine Dimension zuviel", (Steppenwolf, 165) sagt sie zum Steppenwolf und verdeutlicht ihm durch ihre Worte, dass sich ihre Wege in naher Zukunft wieder trennen werden.

Gewiss, Harry Haller will mit Hermine tanzen, möglichst lange. Allein er ist ein schlechter Tänzer: Ein Plumpfüssler von Anbeginn (Nietzsche), der seine Beine nicht recht hoch kriegt. Sein Fatum ist die Freiheit, das Denken, die Tiefe und gleichzeitig die Verstopftheit aller Gefühle, diese tiefe böse Verdrossenheit, diese Dreckhölle der Herzensleere und Verzweiflung, (Steppenwolf 76 u. 83) kurz die Unlust am Dasein, am Da-Seienden. Als Harry Haller Hermine, das Weibliche, die Freude in sich, tötet, hat er sich längst aus ihren Armen entfernt. Doch einmal, die Sehnsucht des Steppenwolfs ist so hoffnungslos wie unauslöschlich, würde [er] das Lachen lernen. (Steppenwolf, 237)

 


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