Die Kunst, ein Motorrad zu warten


Robert M. Pirsig, Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Ein Versuch über Werte, 26. Aufl., Fischer: Frankfurt am Main 2000.

Von Hermann Maier


    On the road again: "Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" ist ein Buch über einen Motorradtrip von Minnesota nach Kalifornien, den der Ich-Erzähler, er verdient sich sein Geld übrigens mit dem Schreiben von technischen Handbüchern, gemeinsam mit seinem elfjährigen Sohn Chris und einem befreundeten Ehepaar unternimmt. (Allein als Reisebeschreibung wäre dieses Buch schon lesenswert, ist doch der Protagonist ein nachdenklicher, aufmerksamer, mit einer hervorragenden Beobachtungsgabe ausgestatteter Reisender.)

"Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten" ist aber auch ein Trip in die Vergangenheit des Ich-Erzählers: Dieser, so erfährt man nach und nach, war einmal ein ganz anderer, nämlich ein hochbegabter Universitätsprofessor, den sein Denken schließlich in den Wahnsinn trieb. Eine ohne seine Zustimmung an ihm vorgenommene Elektroschocktherapie -   in der Absicht, ihn von seiner "Geisteskrankheit" zu heilen -, hat aus ihm eine vollkommen andere Persönlichkeit gemacht, die Persönlichkeit, die er jetzt ist. So sehr hat die Behandlung den Protagonisten verändert, so sehr hat sie ihn von seiner 1. Existenz abgetrennt, dass er in dieser überhaupt eine andere Person, er nennt sie Phaidros, erkennt. Beharrlich versucht der Ich-Erzähler herauszufinden, wer dieser Phaidros war, wie seine Gedankenwelt aussah; am Ende muss er sich eingestehen dass er niemals alles wissen wird, was er damals im Kopf hatte. (S. 199)

    Natürlich ist nicht die ganze Seele, sind nicht die ganzen Gedanken Phaidros' verloren gegangen: Woran sich der Ich-Erzähler noch sehr gut erinnern kann, sind die Ausführungen Phaidros' zur Qualität. Diese sind dann auch das eigentliche und durchgehende Thema des Romans. "Was ist Qualität?", fragt sich Phaidros immer und immer wieder und formuliert darauf schließlich eine so einfache wie geniale Antwort: Das Schlüsselwort ist "besser" – Qualität. (S. 300) Phaidros ist ein Besessener der Qualität. Leidenschaftlich setzt er sich dafür ein, dem Sein Qualität zu geben: Die Welt kann ohne Qualität funktionieren, aber das Leben wäre so öde, dass es kaum noch lebenswert wäre. Es wäre überhaupt nicht mehr lebenswert. Das Wort wert drückt Qualität aus. Das Leben wäre bloßes Existieren, ohne jeden Wert und ohne jeden Sinn und Zweck. (S. 228) Das ist es: Offensichtlich haben manche Dinge mehr Wert als andere. Offensichtlich sind manche Dinge besser [und wertvoller] als andere... (S. 193)

Solche Worte gehen am Leser nicht spurlos vorüber: Ich verspreche Ihnen eines: Wenn Sie Pirsigs Buch gelesen haben, werden Sie, auch wenn darin weitgehend und wohlweislich offen gelassen wird, was Qualität konkret ist, viel von Qualität reden: Sie werden von Dingen sagen, dass sie Qualität besitzen, sie werden so manch einem Lebensstil Qualität zuschreiben, und Sie werden hoffentlich behaupten können, dass ihre Freundschaften und Beziehungen Qualität haben. Sie werden sich aber auch zunehmend über die Qualitätslosigkeit [des Seins] beklagen. (S. 229) Und man wird Sie immer öfter und in den verschiedensten Situationen sagen hören: "Das hat doch alles keine Qualität!" Alles in allem werden sie bewusster leben und aufmerksamer für Unterschiede sein.
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