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Lemminkainen und seine Mutter
Eine Studie des finnischen Nationalepos Kalevala


Die Kalevala ist ein von Elias Lönnrot im 19. Jahrhundert auf Grundlage der mündlich
überlieferten finnischen Volksdichtung zusammengestelltes Epos. Es gilt als das finnische
Nationalepos und zählt zu den wichtigsten literarischen Werken in finnischer Sprache.

Von Nina Michael


   Das finnische Volk interessiert sich seit Kurzem wieder für seine Wurzeln und vertieft sich dabei in sein Nationalepos Kalevala. Ich bin fasziniert und verzaubert von der Schönheit und unergründlichen Weisheit dieser alt-finnischen Volkspoesie und meine, dass man hier geistige Schätze finden kann, die auch noch heute Aktualität haben. Nach einer kurzen Einführung in "Finnlands Homer" gehe ich auf ein wissenschaftliches Werk über Kalevala ein und zitiere einige Runen aus der deutschen Übersetzung von Gisbert Jänicke (2004). Die Hauptakteure sind dabei Lemminkäinen und seine Mutter.

Kalevala ist ein Hauptwerk der finnischen Literatur. Der Arzt Elias Lönnrot sammelte in den 1820er Jahren in Kareliens Wäldern (an der Ostgrenze zu Russland) zehntausende von alten, volksnahen Mythen. Er formte Verse lyrischen, beschwörenden und vor allem epischen Inhalts und schuf so das Epos Kalevala, was "das Land Kalevas" bedeutet. Lönnrots Tätigkeit hat zur Bildung der Identität des finnischen Volkes wesentlich beigetragen. Die Veröffentlichung der Kalevala stärkte die Rolle der finnischen Sprache, die zuvor nicht als Schriftsprache verwendet worden war. Einige der Hautpersonen sind Väinämöinen, ein schamanischer Sänger, der Schmied Ilmarinen und der hübsche, aber leichtsinnige Lemminkäinen.

    Die 2004 erschienene umfangreiche Arbeit Kalevala ja laulettu runo (Kalevala und das gesungene Gedicht) beschreibt, wie diese Volksdichtung entstanden ist. Sie beschäftigt sich mit Lönnrots schöpferischer Arbeit, verschiedene Versionen daraus zu sammeln und zu interpretieren. Das wissenschaftliche Werk besteht aus Essays von 16 Autoren. Senni Timonen interpretiert in ihrem Essay die Rolle der Mutter Lemminkäinens als "Mama" und als Schamanin (Schamane = ein Wissender), die ihren Sohn in ihre Lehre einweist. Lemminkäinens Mutter ist die vielleicht wichtigste der Frauengestalten Kalevalas. Sie ist den meisten Finnen durch Akseli Gallen-Kallelas Gemälde bekannt, das sie trauernd neben dem Körper des toten Sohnes zeigt (s. linkes Bild). Timonen hebt drei wesentliche Motive am Portrait von Lemminkäinens Mutter hervor: Autorität durch Wissen, die Beziehung zwischen Mutter und Sohn sowie die Beziehung zweier konträrer Frauenideale: die Frau als passiv Wartende und als aktiv Handelnde.

Die Weisheitslehre als höchste Kunst

    Den Helden vor dem Tod zu retten, ist ein Thema in den Mythen der Antike, dem Christentum, in der ägyptischen sowie in der nordischen Epik. Diese Thematik finden wir auch in der Erzählung darüber, wie Lemminkäinens Mutter die zerstückelte, sterbliche Hülle ihres Sohnes aus der Flut einsammelt und ihn zu neuem Leben erweckt. Lönnrot wählte die Version seines ersten Runensängers Juhana Kainulainen, der von Ulla Piela näher in dem Buch vorgestellt wird. Andere berühmte Sänger meinten, dass Lemminkäinen in der Stromschnelle starb.

Für Lönnrot war die Zauberkunst das höchste Wissen. Er betonte, dass Lemminkäinens Mutter in dieser Kunst, wie auch in Singen und Erzählen von Runen, sehr bewandert war. Der Sohn sollte sich mit der Zeit das Können der Mutter aneignen. Als Lemminkäinen sich wieder nach Norden (in Kalevala auch in der Bedeutung von "die unsichtbare Welt") begibt, ist er nicht mehr so hilflos wie früher, weil die Mutter ihm beigebracht hatte, die Rune über die Entstehung der Schlange zu singen.

    Björn Collinder schreibt in der Einleitung der schwedischen Übersetzung Kalevalas, dass es eine Tatsache ist, dass die Helden der Wikingerzeit sich mit Magie beschäftigten. Collinder schreibt, dass Magie für die Wikinger war, was Radium, Narkose und Hypnose jetzt für uns sind. Für diese Menschen war Magie die Blüte der Weisheit. Was wir jetzt Aberglaube nennen war die Erkenntnis der Ordnung der Natur, und Können bedeutete auch Macht für sie, so wie heute auch für uns (Collinder 1987). Timonens Ansicht nach trat der Schamanismus der Mutter zwei Formen auf: als Ratschlag oder Warnung und als Fähigkeit die Zukunft vorauszusagen:

Mutter wollte es ihm wehren, die Alte wollte ihn warnen:
Geh bloß nicht, mein Sohn, zu den Hütten von Nordort,
ohne das nötige Wissen, ohne die Zauberworte zu kennen,
gegen die Burschen von Nordort, gegen Lapplands Buben!
Dort verzaubert der Lappe dich, stößt der Schamane dir
das Maul in die Kohle, den Kopf in den Lehm, den Arm in die Asche,
die Hand in die Glut, in die glühenden Wacken.

Geh nicht in den Krieg, fahr nicht an den Kalten Ort,
nach dem dunklen Nordort. Die Untergang ist Dir gewiss,
Verderben kommt über dich, Lemminkäinen, mein Sohn.
(das zwölfte Lied)

Die Mutter-Sohn-Beziehung

    Lönnrot stellte an Lemminkäinens Mutter auch die Beziehung zwischen Mutter und Kind dar. Timonen meint, dass die erzählende Volkspoesie Gefühle durch Handlungen Ausdruck verleiht. Lönnrot verwendete diese Stilart in seinen früheren Varianten der Kalevala, später wurden die Gefühle zwischen Mutter und Sohn direkter ausgedrückt:

Lemminkäinens Mutter kam, sich die Bürste anzusehn;
Tränen stiegen ihr in die Augen: Ach, ich Unglückliche, ich Arme,
was wird aus meinem Leben! Es ist um ihn geschehn,
es ist schlimm ergangen meinem unglückseligen Kind.
Unheil ereilte Lemminkäinen, meinen tüchtigen Sohn.
Blut quillt aus der Bürste, rotes Nass kommt aus dem Kamm.
(das fünfzehnte Lied)

Das Blut auf der Bürste ist das Zeichen, das die Mutter zum Handeln bewegt, und sie fängt an, ihren Sohn zu suchen. Durch wiederholte Bilder von Blut wird hier die enge Verbindung zwischen Mutter und Sohn sowie ihr gemeinsames Schicksal symbolisiert. Die Mutter sieht sich und ihren Sohn als eine Einheit, der Sohn ist ihr Fleisch und Blut. Das Blutsymbol bedeutet für sie, dass der Sohn sich in Gefahr befindet. Der Sohn wird aber als selbstzentriert beschrieben und unfähig, sich in die Mutter einzufühlen. Die Mutter aber lebt für ihn, unabhängig davon, ob er für sie lebt oder nicht.

    Timonen meint, dass in der jüngsten Frauenforschung außer den unbestrittenen, ideologischen Eigenschaften der Mutter auch der Machtfaktor hervorgehoben wurde. Lemminkäinens Mutter habe nicht nur selbstlose Beweggründe gehabt, sondern sie versuchte, den Sohn so zu beeinflussen, dass er nach ihrem Willen handelte. Die bösen Voraussagungen der Mutter werden wahr:

O Mutter, die du mich geboren hast!
Wenn du wüsstest oder fühltest, wo dein armer Sohn ist,
kämst du gleich herbeigelaufen, eiltest mir zu Hilfe,
um deinen armen Sohn aus Todes Klauen zu befreien,
dass er nicht so jung, so blutjung ums Leben kommt.

Leichtfuß Lemminkäinen stürzte in die brausenden Schnellen
Und wurde vom Strom rasch in Tuonelas* [=das Reich der Toten] Säle getrieben.

Der blutige Tuoni, Tuonelas Herrscher, blieb mit dem Schwert,
schlug mit der Klinge zu. Mit einem einzigen Schlag hieb er
Lemminkäinen in fünf Stücke, teilte er den Mann in acht Teile,
warf in Tuonelas Fluss, die Urwasser des Totenlands, und sagte:
Lieg da für ewig mit deinem Bogen, deinen Pfeilen!
Schieß die Schwäne vom Fluss her, die Wasservögel vom Strom!

So fand Lemminkäinen, der große Freier, sein Ende
In Tuonelas schwarzem Strom, den Urwassern des Totenlands.
(das vierzehnte Lied)

Die passiv wartende / aktiv handelnde Rolle

    Lemminkäinens Mutter verkörpert nach Timonen zwei fast gegensätzliche Frauenideale: das passiv wartende und das aktiv handelnde. So versucht sie mit ihrer aufopfernden Liebe, dem Sohn zu helfen – mit einer Liebe, die den Tod überwinden kann. Timonen zufolge hat diese Eigenschaft sie, als eine finnische Vertreterin des Pietá-Motivs, zu einer mythischen Heiligen gemacht. (Die Pietá stellt die Jungrau Maria mit dem toten Christus in ihrem Schoß dar.)

Die Maria der Volkspoesie suchte unaufhörlich ihren verschwundenen Sohn. Timonen beschreibt, wie die Mutter, als der Sohn wegfährt und wiederkommt, ständig anwesend ist. Sie will ihn vor Gefahren warnen, aber er hört nicht auf sie:

Sie wusste nicht, die arme, unglückliche Mutter,
wo ihr Fleisch und Blut, ihr eigenes Kind sich befand -
ob es über Kiefernhügel wanderte, durch Heidenkraut im Wald
oder es zur See fuhr, auf schaumgekrönten Wellen umhertrieb?
Oder war es im großen Krieg, schrecklichen Tumult geraten,
wo rotes Blut bis zu den Waden geht, bis an die Knie steht?
(das fünfzehnte Lied)

    Lemminkäinens Mutter wandert, zu einem Tier verwandelt, durch Wald und Feld und fragt den Weg, den Mond und die Sonne nach ihrem Sohn. Sie bittet die Sonne um Hilfe, und als der Tod droht, führt sie ihn wieder in den Kreis der Lebenden. Schließlich erzählt die Sonne die Wahrheit und hilft ihr, den Sohn aus dem Grab zu bekommen. Dieses Motiv gibt es auch in den Maria-Runen: Lemminkäinen ist in der Stromschnelle, Jesus in dem Grab. Der Unterschied ist, dass Lemminkäinens Mutter nicht Maria ist, die den Gottessohn sucht, sondern sie sucht einen menschlichen Sohn.

Im Laufe der Arbeit betonte Lönnrot immer mehr die passive Rolle, also die Mutter die zuhause wartet. Dabei entsteht ein Konflikt: Die Mutter möchte den Sohn zuhause haben, der Sohn aber möchte fort. Sie verspricht ihm ein Versteck, falls er einen Eid schwört, dass er nicht in den Krieg geht, was er dann halbherzig und mit gemischten Gefühlen tut.

Kalevala und die heutige Zeit

    Ich meine, dass die Kalevala zu konkret verstanden wird und man in der heutigen Zeit denkt, Schamanen seien nicht ernst zu nehmen, weil das, was hier erzählt wird, unmöglich mit Hilfe übersinnlicher Kräfte oder der Anwendung von Magie zustande gekommen sein kann. Meiner Meinung nach ist der hier beschriebene Zustand, dass Lemminkäinen zerstückelt im Wasserfall von seiner Mutter vorgefunden wird, symbolisch zu verstehen. Es geht eigentlich darum, dass der Sohn nach den Kriegserlebnissen innerlich zerstört ist und von der Mutter aufgebaut wird, und darüber hinaus um das hier auch erwähnte Motiv der Sehnsucht der Frau nach Bindung und Geborgenheit und jener des Mannes nach Freiheit, Risiko und Bewegung. Und dies ist auch in heutiger Zeit wenn man die unterschiedlichen Erwartungen von Frauen und Männern zueinander und das daraus resultierende Konfliktpotential bedenkt ein immer noch aktuelles Thema.
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