Eltern sind unser Schicksal

Von Markus Murauer
 

     Erinnern oder Vergessen? Die Vergangenheit aufarbeiten oder ruhen lassen? Monika Maron fand die Briefe ihres Großvaters Pawel in einer alten Schachtel und entschloss sich, der Vergangenheit nachzugehen. Herausgekommen ist ein Buch, das die Problemfelder der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts anhand des Schicksals ihrer Familie exemplarisch aufzeigt.

"Die Erinnerungen sind wie verwahrloste herrenlose Hunde, sie umringen und starren einen an,
sie hecheln und heulen zum Mond, du möchtest sie verscheuchen, aber sie weichen nicht, gierig
lecken sie deine Hand, und hast du sie im Rücken, beißen sie zu ..."

...schreibt Imre Kertész in seinem großen Fragebuch über das Leben "Ich - ein anderer". "Erinnerungen haben ihre Zeit", heißt es bei Monika Maron. Sie hat von ihrer Mutter gelernt, dass Vergessen auch eine Fähigkeit sein kann, als Selbstschutz vor allzu schrecklichen Bildern beispielsweise. Dabei hatte sie ihre Mutter lange dafür verachtet, dass sie immer nur positiv dachte und von ihrer schönen Kindheit schwärmte oder bedingungslos zur kommunistischen DDR stand. Wo waren der Krieg in ihrer Erinnerung, die Abschiebung des Vaters an die polnisch-deutsche Grenze ins Ghetto, die Krankheit der Mutter, schließlich die Ermordung des Vaters durch die Nazis, die bis heute nicht geklärt ist? Kann man das alles vergessen? Darf man das?

     Wir leben in einer Kultur, in der Vergangenheitsbewältigung groß geschrieben wird. Wer dem geschichtlichen Vergessen das Wort redet, wird mit einem lauten Aufschrei bedacht. Er macht sich nicht nur verdächtig, mit dem Bösen und Schlechten im Bunde zu sein, er macht sich schuldig. Zu lange hatte man gerade in Österreich über die grausamen 30er und 40er Jahre geschwiegen.

Es muss dabei freilich in einen öffentlichen und privaten Diskurs unterschieden werden. Während es im Einzelfall durchaus verständlich sein kann, nicht über die grausamen Erfahrungen des Krieges sprechen zu wollen, ist die öffentliche Meinung geradezu verpflichtet, an Unrecht und Verbrechen in der Vergangenheit zu erinnern. Der psychologische Schutzmechanismus des einzelnen, der vergessen will und vielleicht auch muss, um weiterleben zu können, darf nicht für eine ganze Gesellschaft gelten. Deshalb sind Veranstaltungen wie die Wehrmachtsausstellung, die unter anderem Titel (vorher: Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944; neuer Titel: Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 bis 1944) und stark verändert noch einmal gezeigt wird, dringend notwendige Veranstaltungen, weil sie das Bewusstsein für Unrecht schärfen. Und weil sie zeigen, dass unverständliche Barbarei und Grausamkeit auch im eigenen Kulturkreis möglich waren - Aufklärung hin, Aufklärung her. Der allgemeine kulturelle Code, sich an die Verbrechen zu erinnern, ist und bleibt eine Notwendigkeit.

     Das Problem aller Erinnerung an Verbrechen ist die moralische Wertung, die automatisch einsetzt, wenn von "Verbrechen" die Rede ist. Allein der Begriff "Verbrechen" beinhaltet einen Schuldspruch, der zwangsläufig Emotionen schürt. Deshalb ist eine sachliche Diskussion der Thematik "Kriegsverbrechen" mit der Kriegsgeneration nicht möglich. Wer lässt sich schon gerne beschuldigen, noch dazu der schlimmsten Verbrechen, die ein Mensch überhaupt verüben kann?

Aber es geht bei diesen öffentlichen Erinnerungsversuchen, sei es nun eine Gedenkstätte oder eine Ausstellung, ohnehin nicht um die Schuldzuweisung an eine ganze Generation und auch nicht um die Anklage einzelner Verbrechen, sondern um historische Tatsachen, mit denen wir nicht einverstanden sein können. Und daran sollte auch erinnert werden. Das kann und soll man der Kriegsgeneration nicht ersparen und auch den Leuten nicht, die sagen, dass sie das nichts angehe.

     Während in Österreich durch die offiziell vertretene Opferthese (Österreich als erstes Opfer der nationalsozialistischen Aggression) die Verdrängung die Aufarbeitung bis in die 1980er Jahre ersetzte, war Deutschland schon viel früher gezwungen, sich mit den Verbrechen des Nazi-Regimes auseinanderzusetzen. Gerade in der DDR, in der Maron aufwuchs und von der sie sich in ihrem 1981 erschienenen Roman Flugasche distanzierte, war die Vergangenheitsbewältigung und die verurteilende Abgrenzung vom faschistischen Deutschland wichtiger Teil der staatlichen Identität. Man sah sich hier als Vertreter des gerechten, unschuldigen Deutschland, das gierig seine Schuldsprüche über den Faschismus und den Kapitalismus ausbreitete. Die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis wurde zur Staatsdoktrin. Nicht damit hatte sie ihre Probleme, sondern mit der Verlogenheit eines kommunistischen Systems, das für Maron kein Kommunismus war, weil der Kommunismus etwas mit Freiheit und nicht so viel mit Zwang zu tun haben sollte, nichts mit Bespitzelung und Mauerschüssen. Das zog auch Familienprobleme nach sich, denn ihre Mutter Hella war seit ihrer Jugend Kommunistin gewesen und hatte nach dem Krieg die Kreisparteihochschule besucht. Monikas Stiefvater Karl Maron, den Hella 1955 heiratete, war sogar Innenminister der DDR. Hella war der DDR bis zu deren Untergang treu ergeben und sah in ihrer Treue zum Staat eine Tugend. Selbst als die Opferzahlen des Stalinismus bekannt wurden, stellte sie nichts in Frage. Das konnte Tochter Monika nur schwer verstehen. Nach dem Erscheinen von Flugasche in der Bundesrepublik redeten sie und ihre Mutter ein Jahr nichts mehr miteinander. Sie litt daran, wie (sensible) Kinder leiden, wenn die Beziehung zu ihren Eltern gestört ist. Und sie lernte, dass ideologische und politische Motivationen letztlich eine andere Ebene bedeuten als die persönlichen Gefühle.

"Eltern sind Schicksal; sie sind unser genetisches Schicksal und, solange wir Kinder sind,
auch unser biographisches." (S. 83.)

Schon ihr Großvater Pawel, der seine jüdische Herkunft vergeblich hinter sich zu lassen versuchte, hatte 1942 geschrieben:

"Es muß doch ein zu ungeheuerliches Verbrechen sein, Jüdischer Abstammung zu sein, aber glaubt es mir, liebe Kinder, ich hab es nicht verschuldet. Wenn mir die Eltern zur Wahl gestellt worden wären, ich hätte mir womöglich auch andere Eltern gewählt aber ich mußte es auch so nehmen, wie es mir geboten wurde." (S. 98.)

Eltern und Verwandte kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Darüber hinaus bleibt die Bindung an die Eltern eine besondere, eine hochkomplexe noch dazu, die der menschliche Verstand mit all seinen psychologischen Theorien nur bedingt entschlüsseln kann. Und sie bleibt eine schmerzhafte, wenn die Lebensauffassungen allzu unterschiedlich sind. Die Eltern bleiben die Eltern, wie sehr man sich auch gegen ihre Meinungen und Taten wenden mag. Eine Bindung bleibt bestehen. Die Eltern sind also auch in dieser Hinsicht Schicksal, sind etwas, das man als Grundbedingung des eigenen Lebens hinnehmen und annehmen muss, ob es einem gefällt oder nicht. Was nicht heißt, dass man sich nicht trotzdem von ihnen distanzieren kann oder ihre Lebenseinstellungen übernehmen muss.

      Marons Buch ist eine private Geschichte, die Emotionen genauso zum Ausdruck bringt, wie sie einen Einblick in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts bietet, die von Nationalismus, Judenhass, Nationalsozialismus, aber auch vom Kommunismus geprägt wurde. Die Familie Maron respektive Iglarz, wie Monikas Großeltern Pawel und Josefa hießen, wurde mit allen oben genannten Problemfeldern konfrontiert. Ihre Geschichte spiegelt auch die Geschichte Deutschlands wider.


Literaturlink:

http://www.goethe.de/os/hon/aut/demar.htm

 


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