_____________________
_______________________
Lang lebe die
Beutelratte!
...
Höhenflüge anläßlich des neuen Albums von Lou Reed
("Ecstasy")
___________________________________
Man soll mit Superlativen ja vorsichtig sein, selbst bei einer Rubrik, die sich vorgenommen hat, alles andere als vorsichtig zu sein. Aber - dieses "aber" muss jetzt ganz einfach kommen - dieses Album, das Lou Reed da vorgelegt hat, in diesem Frühjahr, und das bereits von vielen Kritikern in den höchsten Tönen gelobt wurde, könnte das Album des Jahrzehnts (des letzten und nächsten) sein. (Könnte! Es werden nämlich noch weitere Jahrzehntealben besprochen werden!).Diese Meinung muss natürlich untermauert bzw. erklärt werden. Was macht dieses Album so einzigartig? Warum wird es selbst nach dem 30. Mal nicht fad?
Sind es die Texte, die vor Sarkasmus sprühen? Ist es dieser leichte Ton der Vergeblichkeit, der in mancher Textzeile anklingt, ohne auch nur den geringsten Anflug von Selbstmitleid aufkommen zu lassen? Ist es die Kunst, einen melancholischen Spannungsbogen mit Hilfe von ironisch-sarkastischen Untertönen herzustellen, der einen Absturz in das Pathos verhindert?
|
Dieses Album ist tiefsinnig und trotzdem
witzig. Es ist gedankenvoll entspannt. Das gilt nicht nur für die Texte, denn ein gutes Album kommt ohne gute Musik nicht aus. Und Lou Reed will kein Schriftsteller, sondern höchstens ein Rockpoet sein. Er setzt das ein, was er kann. Das sind vor allem seine schlampig gespielte, aber umso wirkungsvollere Rock-Gitarre, sein lakonischer Sprechgesang, der in all den Jahren noch kräftiger und ausdrucksstärker geworden ist, und dann natürlich noch seine Band: Mike Rathke an der zweiten Gitarre, Fernando Saunders am Bass und Tony "Thunder" Smith am Schlagzeug. |
|
Das sind alles exzellente Musiker, die bei manchen Songs noch durch Trompeten, Saxophon, Violine oder Cello unterstützt werden. Reed hatte ja einst behauptet, dass zwei elektrische Gitarren, Bass und Schlagzeug nicht zu überbieten seien. Amplified purity. |
![]() |
|
|
Wie sehr man es mit dieser
einfachen Besetzung krachen lassen kann, beweist "Future Farmers of America". Das ist Rock: einfach, geradlinig, rauh, klar. Keine verschnörkelten Feinsinnigkeiten, über die man sich den Kopf zerbrechen könnte, sondern eine klare Aussage: Ich zeige euch jetzt, was Rockmusik ist. Ich bin ein Musiker, der die Kraft und den Mut dazu hat:
Das sollt ihr hier spüren. Nicht mehr und nicht weniger. |
![]() |
|
Aber Reed kann natürlich auch ruhigere Töne anschlagen. Er tut das gelassen wehmütig oder mit unvergleichlichem Sarkasmus. In punkto Sarkasmus ist "Mad" herausragend, in dem der New Yorker perfekt den selbstgerechten, genervten Ehemann imitiert, der in bösartigster Manier seinen Seitensprung rechtfertigt:
I know I shouldn't a had someone else in our bed
But I was so tired, so tired
Who would think you'd find a bobby pin
It just makes me mad, makes me madund seiner Frau nebenbei auch noch Vorwürfe macht:
You said you're out of town for the night
And I believed in you
I believed you
And I was so tired
It makes me so mad, it makes me so madWer könnte dem Fremdgeher angesichts solcher Ungerechtigkeiten noch böse sein? Auch der Chauvinist braucht die Selbstrechtfertigung. Gerade in Zeiten, in denen es für die Männer ohnehin immer härter wird, wie in "Baton Rouge" klar wird:
Well I once had a car
Lost it in a divorce
The judge was a woman of course
She said give her the car and the house und your taste
Or else I set the trial dateDas ist Männerschmäh - und der tut gut. Nicht weil wir uns von den Frauen verraten und ausgenützt fühlen, verdammt zur partnerschaftlichen Beziehung, die keine Männlichkeit mehr zulässt, weil wir keine Abenteuer mehr erleben, nein, sondern weil wir uns lächelnd und mitunter grölend zugestehen, dass wir ein anderes Geschlecht sind.
Handelt es sich also um ein Männeralbum? Vielleicht. Das sollte die Frauenwelt aber nicht davon abhalten, Reeds schöne und zurückhaltende Gedanken über so schwierige Themen wie die Liebe anzuerkennen. (Auch "echte" Männer können tiefsinnig und manchmal sogar sensibel sein.) In "Turning Time Around" versucht er auszudrücken, was für ihn Liebe ist:Turning time around
That is what love is
[...]
My time is your time
When you're in love
And time is what you never have enough of
You can't see or hold it
It's exactly like loveKeine abgedroschenen Metaphern für das, was wir alle kennen und wollen, sondern ein kleiner Vergleich, der mehr sagt als manches dicke Buch darüber.
Gerade diese Zurückhaltung zeichnet den Sänger und Songwriter Lou Reed auf diesem Album aus. Er lässt bei aller Tiefsinnigkeit keine Schwermut aufkommen. Wenn er in "Tatters" singt:I guess it's true that not every match burns bright
I guess it's true not all that I say is righthat man nicht das Gefühl, einem unbewältigbaren Weltschmerz ausgeliefert zu sein, sondern einem Menschen zuzuhören, der die Widersinnigkeiten des Lebens kennengelernt hat, aber nicht an ihnen zerbrochen ist. Singt, spielt oder spricht hier also Lebenserfahrung?
In jedem Fall bringt sich hier einer zum Ausdruck, der es beherrscht, seinen Texten Leben einzuhauchen, ohne sich selbst völlig aussetzen zu müssen. "Ich habe Lou Reed erschaffen. Ich habe nicht im entferntesten etwas mit dem Typen zu tun, doch ich kann ihn gut imitieren - absolut gut", sagt der Mann über sich und seine Kunst. Wer ist dieser Lou Reed, der singt:Feel like a possum in every way - like a possum
[...]
I got a hole in my heart the size of a truck
It wont be filled by a one night fuck
Like a possum, like a possum
Calm as an angel
[...]
Now you know me I like to drink a lot
The only one left standing
The girls in the market know what Im about
They pinch their nipples and they lift their skirts
Licking below a stained tee shirt
Calm as an angel
Smoking crack with a downtown flirt
Shooting and coming baby til it hurts
Wouldnt it, wouldnt it be, wouldnt it be love, wouldnt it be lovely
("Like A Possum")? Ein Verrückter? Ein Engel ? Eine Beutelratte?
Wir brauchen uns nicht weiter darum kümmern. Geben wir uns dieser Flut an Wahnsinn und Groteske einfach hin. Lassen wir uns treiben, wenn uns danach ist.
Reed lässt uns unsere Freiheit. Seine Kunst lässt uns die. Künstler und Zuhörer können intensiven Erfahrungen folgen, ohne ihnen verfallen zu müssen. Kunst als Broterwerb und Erlebnis.An Intensität fehlt es in diesem Kosmos an Witz, Emotion, Wehmut, Abgebrühtheit und Kraft jedenfalls nicht. Hier hat der Chauvinist genauso Platz wie der der Liebe Verfallene, der "indentured servant":
Im your indentured servant
I can no longer pretend
That Im a lover or an equal
Im not even a friend
Im not good enough to serve you
Im not good enough to stay
So it is that I beseech you
To please turn me away
("White Prism")Der Mann kann auch Schmerz und Demütigung thematisieren. Und er kann Geschichten erzählen - mit Hilfe seiner Musik. Gerade mit "Baton Rouge" ist Reed ein Song geglückt, der beinahe alles enthält, was man sich von einem Song wünschen kann. Was das ist?
Anhören.
Markus Murauer
=== Zurück zur Übersicht ===