______________________
______________________

Noch einmal frei sein

Oder was geschieht, wenn man "Blood Sugar Sex Magik" von den Red Hot
Chili Peppers aus dem Plattenregal holt.

____________________________________

...
      F
ast 10 Jahre ist dieses Album nun alt, und ich frage mich, wer es von den unter 25jährigen überhaupt kennt. Alle über 25 sollten es aber in jedem Fall so schnell wie möglich aus dem Plattenregal nehmen und es sich wieder anhören. Ihr werdet sehen Leute, dass ihr plötzlich das Gefühl habt, nicht gealtert zu sein.

Die ganze jugendliche Power, die Unbeschwertheit, der Exzess, die rohe Kraft, die Wut, die Revolte bleiben nicht nur dumpfe Erinnerung, wenn man auf "Play" drückt und "Power of equality" hört, sondern strömen in den Körper zurück - als wäre das alles nie weg gewesen.

Da rappt er wieder dieser Anthony Kiedis, der neben den Beastie Boys der erste Weiße war, der diese Stilrichtung glaubwürdig in den Rock einführte; Fleas Bass donnert wie eh und je; Chad Smith hämmert einen unwiderstehlichen Rhythmus und John Frusciante spielt die funkigste Gitarre der Rockgeschichte. Weiter geht’s mit "If you have to ask". Ein bisschen verschnaufen, einfach nur dahingrooven. Da ist sie wieder, diese unnachahmliche Mischung aus Rock’n’Roll und Funk, die die Zeit still stehen lässt und sofort den Kopf im Rhythmus von Bass und Schlagzeug bewegt. Ja... Schnell auf Cut Nr. 5 drücken, um die ganze Power dieser Band zu spüren: "Suck my kiss"

Hit me you can’t hurt me - Suck my kiss
Kiss me please perverte me - Stick with this
...

Ungezähmte Energie. Rücksichtsloses Männerbewusstsein.
Derbe, aber ehrliche Worte.

I am what I am
Most motherfuckers
Don’t give a damn

Wieder ruhiger werden. Sich der Gefühle erinnern. Zurück zu Nummer 3. Kiedis’ Stimme ist verträumt, singt von Verletzung und einem wundervollen Mädchen, von brennenden Gefühlen, von der Zerrissenheit und einer verlorenen Liebe - "Breaking the girl".

Mit den Balladen sind sie berühmt geworden. Jeder kennt "Under the bridge", jenen großen Song über die Großstadt-Einsamkeit, bei dem ich selbst nicht verstehe, dass er mir nach dem 50./100. (?) Mal noch immer so unglaublich gut gefällt. Wenn ich in der richtigen Stimmung bin, zieht es mir sogar die Gänsehaut auf. Aber dieses Lied ist wohl der reine Glücksfall. So etwas schreibt man nur einmal im Leben. Damit ist alles über dieses Lied gesagt.

Die Balladen auf diesem Album ("Breaking the girl", "I could have lied", "Under the bridge") sind schön, auch nicht wegzudenken, aber sie sind klar in der Minderheit. "Blood Sugar Sex Magik" lebt von dieser geballten Ladung an hemmungslosem Rockstar-Lebensgefühl ("Ich kann tun und sagen, was ich will... yes, I think we’re fucked... ich liebe euch und ihr könnt mich alle mal"), an ungezügelter Lebens- und Spielfreude und einem unglaublich perfekten Zusammenspiel von Gitarre, Schlagzeug, Bass und Gesang. Jedes andere Instrument wäre überflüssig.

Hier findet keine intellektuelle Auseinandersetzung mit den ungelösten Problemen des Kosmos und der modernen Gesellschaft statt, die Woody Allen und manchen Jazz-Musikern immer noch Probleme machen, hier wird gerockt, drauflos gespielt und gesungen, klar gemacht, dass Sex zu den wichtigsten Dingen im Leben gehört (Copulate to create / A state of sexual light / Kissing her virginity / My affinity / I mingle with the gods / I mingle with divinity "Blood Sugar Sex Magik"), hier kommt das Gefühl trotzdem nicht zu kurz.

Die Chili Peppers zeigen uns z.B. auf "My lovely man", dass man bei einem Trauerlied nicht unbedingt vor Schwermut vergehen muss, nicht das Herzblut aus jedem Akkord fließen muss, der Rhythmus nicht langsam und von vornherein gewichtig sein muss. Man kann auch Abschied nehmen ohne ein Gesicht, das in sich zusammenfällt, ohne gekrümmten Körper:

Well I’m cryin’
now my lovely man
Yes I’m cryin’
Now and no one can
Ever fill the
The hole you left my man
I’ll see you later
My lovely man if I can
[...]
I love you too
See my heart
It’s black and blue
When I die
I will find you

Selbst im Abschiedsschmerz nicht die Hoffnung verlieren, ohne einen Gott anzurufen, ist das Vitalität oder einfach nur bewundernswert?

Ja, die Reise zurück ins Leben geht dem Ende zu. Wir waren nackt im Regen ("Naked in the rain"), haben die ungerechte Welt angeklagt ("The Righteous & the Wicked"), haben uns in New Orleans mit Rosey amüsiert ("Apache Rose Peacock") und sogar den "Alltag" in L.A. genossen ("The Greeting Song"). Jetzt ist "Sir Psycho Sexy" schon unterwegs, dieser Wahnsinnige, "den wir alle lieben", der stellvertretend für ein Lebensgefühl steht, das ich festhalten möchte.

Aber da fällt mir ein, dass ich noch einmal die Play-Taste drücken kann...


Markus Murauer

 


=== Zurück zur Übersicht ===