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Von
Peter Oefele |
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"Ich kam nach
Hollywood, und las den 'Fänger'. Einführend Dieser Essay ist zunächst nichts weiter, als eine ausufernde Darstellung gesammelten Wissens, das nun zur eigenen Entlastung niedergeschrieben werden soll. Die darzulegenden Hintergrundinformationen wurden nie gesucht, haben sich aber trotzdem über die Jahre hinweg im Gedächtnis des Verfassers angesammelt. Für den Wahrheitsgehalt eines jeden Details wird keine Bürgschaft übernommen, allerdings kann versichert werden, dass die ganze Geschichte nur so bekannt ist und nicht anders. Nichts ist erfunden, alles ist Teil des mystischen Puzzles zu dem immer noch zu viele Teile fehlen; das aber noch nie so sehr in sich passte, wie heute Abend, da ich den Fänger im Roggen nun ausgelesen habe. Hier also meine Gedanken:
J.D. Salinger ist der Fänger Salinger, am 1.1.1919 in New York geboren, ist das größte lebende Schriftsteller-Phantom. Seit 49 Jahren gibt es von ihm kein öffentlich gesprochenes Wort, seit 36 Jahren keinen neuen Text. Als junger Mann kämpfte er im Krieg Seite an Seite mit keinem geringeren als Ernest Hemingway und gemeinsam marschierten sie in Paris ein, wo es am Tresen des "Ritz" 1944 zum Streit kam: Hemingway schoss, nur um die Durchschlagskraft seines neuen Revolvers zu demonstrieren, unvermittelt einem Hund den Kopf herunter. Holden Caulfield schimpft später über Hemingways Kriegsroman In einem anderen Land: "Ein verlogenes Buch". Bis heute hat J.D. Salinger – von seinen Bekannten seit jeher nur "Jerry" genannt – nur vier schmale Bücher veröffentlicht, und wäre damit wohl ein Niemand, ein wahrer Holden Caulfield geblieben, hieße nicht eines dieser Bücher The Catcher in the Rye ("Der Fänger im Roggen"). Ein Werk, über das Hermann Hesse sagt:
Durch dieses Buch wurde Salinger schlagartig zum Multimillionär und die Tantiemen würden sicherlich für ein tausendjähriges Leben reichen: The Catcher in the Rye ist die weltweit wohl meistverbreitete Schullektüre, und wird in Amerika von annähernd jedem jungen Menschen im Laufe einer normalen schulischen Laufbahn gelesen. Aber auch im europäischen Englischunterricht ist das Buch weit verbreitet und allein die von Heinrich und Annemarie Böll ins Deutsche übersetze Taschenbuchausgabe des rororo-Verlages erscheint inzwischen in der Auflage 1.256.000 – 1.285.000 gedruckte Stück. Der Fänger im Roggen ist somit eines der meistgelesensten Bücher überhaupt. Doch nach der Veröffentlichung, 1951, scheint etwas merkwürdiges mit dem Autor passiert zu sein. Sicherlich ist es nichts Neues, dass ein Schriftsteller, der ja berufsbedingt Einsamkeit gewohnt ist, mit Popularität, Preisen, Fans oder Interviews nicht umzugehen weiß - man denke nur an Rimbaud oder Kerouac, die daran starben – doch die weitere Vita Salingers erscheint besonders bemerkenswert in ihrer Konsequenz: Schon 14 Monate nach erscheinen des Bestsellers, noch bevor er für 29 Wochen die amerikanischen Buch-Charts damit anführen sollte, schloss Salinger mit jeglicher Leistungsgesellschaft vollkommen, plötzlich und unvermittelt ab. Er, der eigentliche Vordenker, war offensichtlich nicht mehr in der Lage den weltlichen Veränderungen der frühen Fünfziger zu folgen, und verließ das System für immer, ohne sich zu verabschieden. Typisch Holden Caulfield, weiß der Kenner des hier thematisierten Buches. Daher meine These: J.D. Salinger ist Holden Caulfield. Der Fänger im Roggen ist ein ganz besonders autobiographischer Roman. Die Konsequenz mit der Salinger höchstpersönlich das virtuelle Leben des von ihm erschaffenen Helden weiterlebt, ist beeindruckend: Egoistisch, melancholisch, hilflos und vollkommen entfremdet. Von seinem Domizil, irgendwo in den Bergen New Hampshires, verjagt Salinger Fans und Journalisten seit 1953 mit Gewehrsalven und bissigen Hunden. Die letzte Handlung des mythischen Zweimetervier-Mannes, bevor er sich in der Einsamkeit dem Zen-Buddhismus verschrieb, war sein Verleger per Gerichtsbeschluss zu verbieten weiterhin sein Bild auf den eigenen Büchern abzudrucken. Der weltweiten Hoffnung bezüglich einer Verfilmung des Fänger im Roggen wurde schon vor Jahrzehnten quasitestamentarisch der Todesstoss verpasst, nachdem ihm ein bekannter Regisseur, der schließlich ersatzweise "Denn sie wissen nicht, was sie tun" verfilmen sollte, wohl etwas zu nahe gekommen war. Von 1986 stammt sein letztes literarisches Lebenszeichen: In einem Urheberrechtsprozess gegen den bekannten Biographen Ian Hamilton, soll er im Rahmen einer Zeugenvernehmung nuschelnd ausgesagt haben, er liebe das Schreiben, er schreibe seit 40 Jahren jeden Vormittag drei Stunden. 1995 wurde die journalistische Nullnummer Salinger kurzzeitig wieder thematisiert, als seine Frau, mit der er über vierzig Jahre verheiratet war, und zwei mehr oder weniger verhasste Kinder hat, die Scheidung einreichte. Frau Salingers Begründung war, er hätte seit Monaten kein einziges Wort mehr mit ihr gewechselt. Heute ist der alte "Jerry" dafür bekannt, dass er Internetseiten, die ihn thematisieren weltweit konsequent anwaltlich verfolgen lässt und wie schon seit 35 Jahren gibt es wieder Gerüchte um ein neues Buch. Die wenigen Fotos, versteckt aufgenommene Abschüsse von Paparazzi, zeigen einen weißhaarigen, fluchenden Riesen. Wer sich fragt, wie ein Mann so werden konnte, der sollte den Fänger im Roggen lesen. Alle Antworten und der ganze Charakter Salingers finden sich schonungslos in diesem Buch. Wer soviel "Ich" preisgibt, wer so denkt wie Salinger/Caulfield in diesem autobiographischen Roman, für den gibt es tatsächlich nur noch den Ausweg ins selbstgewählte Exil, sobald dies finanziell möglich ist. Noch nie war ein Romancier so offensichtlich ein und dieselbe Person mit seinem Helden.
Der "Fänger im Roggen" Der Fänger im Roggen ist die Geschichte weniger Tage im Leben des Teenagers Holden Caulfield, einem Charakter, der im Laufe des Buches so scharf gezeichnet wird, als stamme er aus der Feder eines modernen Shakespeare. Sein kleiner Bruder ist an Krebs gestorben, der Mutter möchte er keine Sorgen bereiten, "Phoebe", seine Schwester, ist wohl der einzige Mensch, dem Holden wirklich vertraut und sein großer Bruder ist Schriftsteller. Der belesene Holden liebt dessen älteren Werke, verachtet ihn aber, weil er neuerdings im kapitalistischen Hollywood sein Geld als Drehbuchautor verdient. Das ist eigentlich schon alles, was man über das Vorleben des Helden erfährt, der aus der Ich-Erzähler-Position ausschließlich die Geschehnisse weniger Tage zu schildern hat. Holden Caulfield weiß bereits alles, was für ihn selbst wichtig ist. Er hat die Hoffnung aufgegeben, sich noch einmal ändern zu können und das vielleicht größte gesellschaftliche Problem, das der Roman aufzeigt, ist, dass ein solcher Clown, ein Niemand wie Holden Caulfield, einzig und allein Recht hat. Nur kann er (ganz im Gegensatz zu dem zum Zeitpunkt der Niederschrift 13 Jahre älteren Autor) dies natürlich noch nicht verstehen. Er ist einfach noch nicht so weit, wie zum Beispiel ein Kerouac, der in einem höheren Alter zu Papier bringen konnte:
Trotzdem weiß es der Teenager wirklich besser als die verhasste, falsche Welt der Erwachsenen. Er denkt nicht in Schubladen; muss alles global sehen. Seine unheimlich ausgeprägte Fähigkeit, zwischen Gutem und Bösem unterscheiden zu können, ohne sich dabei von äußeren Einflüssen lenken zu lassen, ist Programm des Buches. Holden erkennt, wer wirklich hinter jeder Person steckt und manchmal schockiert das sogar noch einen derart weisen Menschen, wie unser kleiner, tapferer Held einer ist. Dem Leser wird schon bald bewusst, dass, sollte Holden halbwegs unbeschadet durch diesen Roman kommen und sollte er irgendwann die nötige Ruhe finden, seine Gedanken zu ordnen, er so etwas ähnliches wie ein zukünftiger Nobelpreisträger sein könnte. Und er würde ihn zweifelsohne ablehnen!
In
seiner Welt der Jungeninternate fehlt es ihm an keiner Erfahrung: Er hat
Selbstmorde und Schwulitäten erlebt; durchschaut den erfahrensten Pädagogen,
weiß im Gegensatz zu Denen, was es bedeutet Kunst zu machen; versteht
komplexen Jazz, und geht mit Alkohol um wie ein Frank Sinatra zu seiner
besten Zeit – Kurzum: Er ist Gleichaltrigen hoffnungslos überlegen und von
den Erwachsenen interessiert sich niemand für ihn. Holden Caulfield ist
nicht mehr oder weniger als ein Ungehörter, der eigentlich etwas zu sagen
hätte.
Aber was passiert eigentlich auf den knapp
200 Seiten? Alles in Allem ist es die Vorgeschichte eines
Nervenzusammenbruches. Holdens psychische Situation spitzt sich unbemerkt zu
und tatsächlich wollte er doch nichts weiter, als der hysterischen Mutter
noch ein paar Tage die Nachricht vom erneuten Schulverweis ersparen. Er ist
einer jener Menschen, die mit einem speziellen Sinn für die sich langsam um
den eigenen Hals schließende Schlinge der Gesellschaft belastet sind. So
trägt er sich mit dem Gedanken, für immer wegzugehen. Zunächst nur
unterbewusst; und die wahre Kunst des Romans liegt darin, dem Leser das
unausgesprochene Unterbewussten Holden Caulfields vorzugeben, bis es sich
schließlich tatsächlich manifestiert. Man kann diesen Jungen so gut
verstehen: Einerseits hat er es noch nicht geschafft, den jugendlichen
Idealismus abzustreifen und andererseits ist seine Kenntnis über die
weltlichen Zusammenhänge so weit fortgeschritten, dass es für ihn keinen
Lehrmeister mehr gibt, der ihm weiterhelfen könnte.
Der "Fänger im Roggen": Unschöne Folgen & ein bisschen Fantasterei Das Buch brachte es 1980 zu trauriger Berühmtheit. Aber auch über den Mord an John Lennon hinaus, scheint Der Fänger im Roggen so etwas wie die Bibel einiger der gefährlichsten Gewaltverbrecher überhaupt gewesen zu sein. Warum? Leider? Zwangsläufig? Was hat ein Autor damit zu schaffen, wenn sich Fanatiker sein Werk als Rechtfertigung zum Mord auslegen? Fragen, die nicht unbedingt den Roman selbst betreffen, die sich im Rahmen der Recherche zu diesem Thema aber verselbstständigt haben, und deswegen an dieser Stelle noch aufzuwerfen sind: Da ist ein auf Video vorliegendes Interview mit dem Kaiser der gefährlichen Verrückten: Auf der Stirn ein Hakenkreuz tätowiert, sitz Charles Manson, wahrhaftig und immer noch am Leben, hinter einer Panzerglasscheibe im Hochsicherheitstrakt eines US-Gefängnisses, und weiß davon zu berichten, wie ihn die Beatles mit versteckten Botschaften in ihrem Lied "Helter Skelter" seinerzeit zum Mord befahlen. Ein Lebenslänglicher in einem Staat der USA ohne Todesstrafe, der laut davon spricht, seine Aufgabe noch nicht vollendet zu haben. In einem grauenhaften Nebensatz beantwortet er die Frage: Weiterhin ist von einer fantastischen, aber ebenso bemerkenswerten Begebenheit zu berichten, die dem Verfasser schon seit Jahren rudimentär bekannt ist, und merkwürdigerweise im Laufe der Zeit mehr und mehr Sinn ergeben hat. Eine wahre Verschwörungstheorie, deren Vortrag die Glaubwürdigkeit dieses Essays zerstören wird; Ein Puzzle, dem nun, nach der Lektüre des Fängers, ein weiteres Teil eingepasst werden kann, das jetzt plötzlich aber auch noch die Frage aufwirft, was der Regisseur Roman Polanski mit der ganzen Sache zu tun haben soll. We try our best: Charles Manson war jener Sektenführer, der den Mord an Roman Polanskis Ehefrau Sharon Tate in Auftrag gab und nebenbei bemerkt, hatte es die sogenannte "Manson-Family" damals weniger auf Sharon Tate selbst, als auf Polanskis ungeborenes Kind abgesehen. Wie schon ausgeführt, bezog Manson laut eigener Angabe seine Botschaften aus Liedern der Beatles. Dabei wusste er genau zwischen Lennon- und McCartney-Songs zu unterscheiden. Roman Polanski lernte Sharon Tate während den Dreharbeiten zu seinem Film Rosemaries Baby kennen und lieben. Dieser Film wurde größtenteils in jener Villa, dem sogenannten "Dakota", aufgenommen, die John Lennon zuletzt mit seiner Frau Yoko Ono bewohnte. Vor dieser Villa wurde John Lennon, der Schöpfer Mansons vermeintlicher Botschaften, von einem gewissen Mark Chapman, einem fanatischen Jesusjünger, 1980 erschossen. So weit, so gut. Um diese Informationen im Rahmen dieser Abhandlung bestätigt zu wissen, musste nun aber die bombastische Biographie John Lennons von Albert Goldmann zu Rate gezogen werden, um schon nach wenigen Sekunden auf den Namen Holden Caulfield zu stoßen. Nun wurde der Sachverhalt wirklich interessant, aber leider nunmehr auch derart kompliziert, dass eine weitergehende Wertung zum gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich erscheint. Folgende Zitate aus dem vorletzten Kapitel "Peng, Peng, Du bist tot" von Goldmans Buch, in dem der Mord an Lennon detailgenau rekonstruiert wird, sollen aber trotzdem nicht vorenthalten bleiben:
Dieses letzte Zitat von Seite 914 ist in Anbetracht der deutschen Übersetzung des Buches nicht nachvollziehbar. Mehr kann hierzu an dieser Stelle aber nicht verraten werden, um die Handlung nicht vorweg zu nehmen. In jedem Falle trägt diese Feststellung Goldmans nur noch mehr zur allgemeinen Verwirrung bei, kann alleine aber noch nicht den Schluss zulassen, dass der Fänger im Roggen zu irgendeinem Zeitpunkt in den letzten fünfzig Jahre stark verändert worden ist. Festzuhalten bleibt: Dieser Roman scheint definitiv so etwas wie die "Bibel" einiger der brutalsten und populärsten Gewaltverbrecher der neueren Geschichte zu sein. Im Rahmen dieses Exkurses wurde festgestellt, dass sowohl Charles Manson als auch Marc Chapman das Buch liebten. Von Lee Harvey Oswald wird vermutet, sofern er denn Kennedy autodidakt erschossen hat, dass sein Killerinstinkt durch den Roman geweckt wurde und eventuell könnte man an dieser Stelle sogar schlafende Hunde wecken, und den Status des Fängers als weitverbreitete Schullektüre in einen interessanten Zusammenhang zu den Mördern von Littleton im Speziellen und der zunehmenden Gräueltaten an amerikanischen Schulen im Allgemeinen herstellen. Unabhängig voneinander scheinen in jedem Fall einige Verrückte ihren Antrieb in Salingers Buch gefunden zu haben. Was nicht leicht zu erklären ist, und eigentlich auch gar keinen positiven Schluss zulassen dürfte. In jedem Fall deutet es aber darauf hin, dass der Fänger ein gutes Buch ist. Ein zulässiger Schluss? Zumindest ein Buch, das ganze Generationen – in welcher Form auch immer – beeinflusst hat. Eines der seltenen Bücher, die zumindest theoretisch das Potential mitbringen, zu verändern. Wohl weniger ein Aufruf. Eher der Protest eines verzweifelten Schreibers! "Schön, dann werde Rechtsanwalt – wie Dad und so." "Rechtsanwälte sind schon Recht, vermutlich – aber mich lockt das nicht", sagte ich, "Ich meine, sie sind mir recht, wenn sie unschuldigen Leuten das Leben retten, aber das tut man als Rechtsanwalt ja gar nicht. Man verdient nur einen Haufen Geld und spielt Golf und Bridge und kauft Autos und trinkt Martinis und sieht furchtbar bedeutend aus. Und außerdem – auch wenn man irgendwelchen Leuten das Leben retten würde, woher könnte man wissen, ob man das getan hat, weil man ihnen wirklich das Leben retten wollte, oder ob man es tut, weil man nur ein fabelhafter Anwallt sein wollte, dem alle auf die Schulter klopfen und im Gerichtssaal gratulieren, wenn die verdammte Verhandlung vorbei ist – die Reporter und alle, so wie es in den elenden Filmen ist? Woher würde man wissen, dass man nicht nur ein Heuchler ist? Das Schlimmste ist eben, dass man es nicht wüsste."
J.D. Salinger. "Der Fänger im
Roggen". rororo, 1999. |