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"Ich kam nach
Hollywood, und las den 'Fänger'.
Danach war alles anders, es ging los."
(Johnny
Depp)
Einführend
Dieser Essay
ist zunächst nichts weiter, als eine ausufernde Darstellung gesammelten
Wissens, das nun zur eigenen Entlastung niedergeschrieben werden soll. Die
darzulegenden Hintergrundinformationen wurden nie gesucht, haben sich aber
trotzdem über die Jahre hinweg im Gedächtnis des Verfassers angesammelt. Für
den Wahrheitsgehalt eines jeden Details wird keine Bürgschaft übernommen,
allerdings kann versichert werden, dass die ganze Geschichte nur so bekannt
ist und nicht anders. Nichts ist erfunden, alles ist Teil des mystischen
Puzzles zu dem immer noch zu viele Teile fehlen; das aber noch nie so sehr
in sich passte, wie heute Abend, da ich den Fänger im Roggen nun
ausgelesen habe. Hier also meine Gedanken:
"Und auch D.B. dürfte
eine Zeitlang kommen, wenn er einen schönen, friedlichen Ort zum
Schreiben brauchte, aber Filme dürfte er in meiner Hütte nicht
schreiben, sondern nur Erzählungen und Bücher. Es wäre mein Gesetz, dass
niemand, der mich besuchte, etwas Verlogenes tun dürfte. Falls jemand
etwas Verlogenes tun wollte, könnte er nicht bei mir bleiben."
J.D. Salinger
ist der Fänger
Salinger,
am 1.1.1919 in New York geboren, ist das größte lebende
Schriftsteller-Phantom. Seit 49 Jahren gibt es von ihm kein öffentlich
gesprochenes Wort, seit 36 Jahren keinen neuen Text. Als junger Mann kämpfte
er im Krieg Seite an Seite mit keinem geringeren als Ernest Hemingway und
gemeinsam marschierten sie in Paris ein, wo es am Tresen des "Ritz" 1944 zum
Streit kam: Hemingway schoss, nur um die Durchschlagskraft seines neuen
Revolvers zu demonstrieren, unvermittelt einem Hund den Kopf herunter.
Holden Caulfield schimpft später über Hemingways Kriegsroman In einem
anderen Land: "Ein verlogenes Buch". Bis heute hat J.D. Salinger – von
seinen Bekannten seit jeher nur "Jerry" genannt – nur vier schmale Bücher
veröffentlicht, und wäre damit wohl ein Niemand, ein wahrer Holden Caulfield
geblieben, hieße nicht eines dieser Bücher The Catcher in the Rye
("Der Fänger im Roggen"). Ein Werk, über das Hermann Hesse sagt:
"In einer problematischen
Welt und Zeit kann Dichtung nichts höheres erreichen. Keine andere
Romanfigur durchlebte und durchlitt den Schmerz erwachsen zu werden, so
eindringlich und symbolkräftig dargestellt wie Salingers jugendlicher
Held Holden Caulfield, der zum Mythos, zum ersten Pop-Star der
Weltliteratur wurde. Wenn man jung ist, gibt es Dinge, nach denen das
Leben nicht mehr so ist wie vorher: Der erste Kuss, das erste Geld, die
erste Droge, der erste Sex und Der Fänger im Roggen."
Durch
dieses Buch wurde Salinger schlagartig zum Multimillionär und die Tantiemen
würden sicherlich für ein tausendjähriges Leben reichen: The Catcher in
the Rye ist die weltweit wohl meistverbreitete Schullektüre, und wird
in Amerika von annähernd jedem jungen Menschen im Laufe einer normalen
schulischen Laufbahn gelesen. Aber auch im europäischen Englischunterricht
ist das Buch weit verbreitet und allein die von Heinrich und Annemarie Böll
ins Deutsche übersetze Taschenbuchausgabe des rororo-Verlages erscheint
inzwischen in der Auflage 1.256.000 – 1.285.000 gedruckte Stück. Der
Fänger im Roggen ist somit eines der meistgelesensten Bücher überhaupt.
Doch nach der Veröffentlichung,
1951, scheint etwas merkwürdiges mit dem Autor passiert zu sein. Sicherlich
ist es nichts Neues, dass ein Schriftsteller, der ja berufsbedingt
Einsamkeit gewohnt ist, mit Popularität, Preisen, Fans oder Interviews nicht
umzugehen weiß - man denke nur an Rimbaud oder Kerouac, die daran starben –
doch die weitere Vita Salingers erscheint besonders bemerkenswert in ihrer
Konsequenz: Schon 14 Monate nach erscheinen des Bestsellers, noch bevor er
für 29 Wochen die amerikanischen Buch-Charts damit anführen sollte, schloss
Salinger mit jeglicher Leistungsgesellschaft vollkommen, plötzlich und
unvermittelt ab. Er, der eigentliche Vordenker, war offensichtlich nicht
mehr in der Lage den weltlichen Veränderungen der frühen Fünfziger zu
folgen, und verließ das System für immer, ohne sich zu verabschieden.
Typisch Holden Caulfield, weiß der Kenner des hier thematisierten Buches.
Daher meine These: J.D. Salinger ist Holden Caulfield.
Der
Fänger im Roggen ist ein ganz besonders autobiographischer
Roman. Die Konsequenz mit der Salinger höchstpersönlich das virtuelle Leben
des von ihm erschaffenen Helden weiterlebt, ist beeindruckend: Egoistisch,
melancholisch, hilflos und vollkommen entfremdet.
Von seinem Domizil,
irgendwo in den Bergen New Hampshires, verjagt Salinger Fans und
Journalisten seit 1953 mit Gewehrsalven und bissigen Hunden. Die letzte
Handlung des mythischen Zweimetervier-Mannes, bevor er sich in der
Einsamkeit dem Zen-Buddhismus verschrieb, war sein Verleger per
Gerichtsbeschluss zu verbieten weiterhin sein Bild auf den eigenen Büchern
abzudrucken. Der weltweiten Hoffnung bezüglich einer Verfilmung des
Fänger im Roggen wurde schon vor Jahrzehnten quasitestamentarisch der
Todesstoss verpasst, nachdem ihm ein bekannter Regisseur, der schließlich
ersatzweise "Denn sie wissen nicht, was sie tun"
verfilmen sollte, wohl etwas zu nahe gekommen war. Von 1986 stammt sein
letztes literarisches Lebenszeichen: In einem Urheberrechtsprozess gegen den
bekannten Biographen Ian Hamilton, soll er im Rahmen einer Zeugenvernehmung
nuschelnd ausgesagt haben, er liebe das Schreiben, er schreibe seit 40
Jahren jeden Vormittag drei Stunden.
1995 wurde die journalistische Nullnummer
Salinger kurzzeitig wieder thematisiert, als seine Frau, mit der er über
vierzig Jahre verheiratet war, und zwei mehr oder weniger verhasste Kinder
hat, die Scheidung einreichte. Frau Salingers Begründung war, er hätte seit
Monaten kein einziges Wort mehr mit ihr gewechselt. Heute ist der alte
"Jerry" dafür bekannt, dass er Internetseiten, die ihn thematisieren
weltweit konsequent anwaltlich verfolgen lässt und wie schon seit 35 Jahren
gibt es wieder Gerüchte um ein neues Buch. Die wenigen Fotos, versteckt
aufgenommene Abschüsse von Paparazzi, zeigen einen weißhaarigen, fluchenden
Riesen.
Wer sich
fragt, wie ein Mann so werden konnte, der sollte den Fänger im Roggen lesen.
Alle Antworten und der ganze Charakter Salingers finden sich schonungslos in
diesem Buch. Wer soviel
"Ich"
preisgibt, wer so denkt wie Salinger/Caulfield in diesem autobiographischen
Roman, für den gibt es tatsächlich nur noch den Ausweg ins selbstgewählte
Exil, sobald dies finanziell möglich ist. Noch nie war ein Romancier so
offensichtlich ein und dieselbe Person mit seinem Helden.
"Ich ging also wieder an
die Tür und wartete auf Phoebe. Ich dachte, dass ich sie jetzt
vielleicht zum letzten Mal sehen würde. Ich meine, ich stellte mir vor,
dass ich meine Verwandten zwar irgendwann wiedersehen würde, aber sicher
viele Jahre lang nicht. Vielleicht käme ich zurück, wenn ich
fünfunddreißig oder so wäre, dachte ich, falls jemand krank würde und
mich vor seinem Tod noch einmal sehen wollte, aber jedenfalls würde ich
meine Blockhütte nur aus diesem einzigen Grund verlassen."
Der "Fänger im Roggen"
Der
Fänger im Roggen ist die Geschichte weniger Tage im Leben des Teenagers
Holden Caulfield, einem Charakter, der im Laufe des Buches so scharf
gezeichnet wird, als stamme er aus der Feder eines modernen Shakespeare.
Sein kleiner Bruder ist an
Krebs gestorben, der Mutter möchte er keine Sorgen bereiten, "Phoebe", seine
Schwester, ist wohl der einzige Mensch, dem Holden wirklich vertraut und
sein großer Bruder ist Schriftsteller. Der belesene Holden liebt dessen
älteren Werke, verachtet ihn aber, weil er neuerdings im kapitalistischen
Hollywood sein Geld als Drehbuchautor verdient. Das ist eigentlich schon
alles, was man über das Vorleben des Helden erfährt, der aus der
Ich-Erzähler-Position ausschließlich die Geschehnisse weniger Tage zu
schildern hat.
Holden
Caulfield weiß bereits alles, was für ihn selbst wichtig ist. Er hat die
Hoffnung aufgegeben, sich noch einmal ändern zu können und das vielleicht
größte gesellschaftliche Problem, das der Roman aufzeigt, ist, dass ein
solcher Clown, ein Niemand wie Holden Caulfield, einzig und allein Recht
hat. Nur kann er (ganz im Gegensatz zu dem zum Zeitpunkt der Niederschrift
13 Jahre älteren Autor) dies natürlich noch nicht verstehen. Er ist einfach
noch nicht so weit, wie zum Beispiel ein Kerouac, der in einem höheren Alter
zu Papier bringen konnte:
"Und ich fragte mich, wer
nun verrückt geworden war. Ich oder die Welt? Und ich tippte auf die
Welt! Und natürlich hatte ich Recht!".
Trotzdem weiß es der Teenager wirklich besser
als die verhasste, falsche Welt der Erwachsenen. Er denkt nicht in
Schubladen; muss alles global sehen. Seine unheimlich ausgeprägte Fähigkeit,
zwischen Gutem und Bösem unterscheiden zu können, ohne sich dabei von
äußeren Einflüssen lenken zu lassen, ist Programm des Buches. Holden
erkennt, wer wirklich hinter jeder Person steckt und manchmal schockiert das
sogar noch einen derart weisen Menschen, wie unser kleiner, tapferer Held
einer ist. Dem Leser wird schon bald bewusst, dass, sollte Holden halbwegs
unbeschadet durch diesen Roman kommen und sollte er irgendwann die nötige
Ruhe finden, seine Gedanken zu ordnen, er so etwas ähnliches wie ein
zukünftiger Nobelpreisträger sein könnte. Und er würde ihn zweifelsohne
ablehnen!
In
seiner Welt der Jungeninternate fehlt es ihm an keiner Erfahrung: Er hat
Selbstmorde und Schwulitäten erlebt; durchschaut den erfahrensten Pädagogen,
weiß im Gegensatz zu Denen, was es bedeutet Kunst zu machen; versteht
komplexen Jazz, und geht mit Alkohol um wie ein Frank Sinatra zu seiner
besten Zeit – Kurzum: Er ist Gleichaltrigen hoffnungslos überlegen und von
den Erwachsenen interessiert sich niemand für ihn. Holden Caulfield ist
nicht mehr oder weniger als ein Ungehörter, der eigentlich etwas zu sagen
hätte.
Aber was passiert eigentlich auf den knapp
200 Seiten? Alles in Allem ist es die Vorgeschichte eines
Nervenzusammenbruches. Holdens psychische Situation spitzt sich unbemerkt zu
und tatsächlich wollte er doch nichts weiter, als der hysterischen Mutter
noch ein paar Tage die Nachricht vom erneuten Schulverweis ersparen. Er ist
einer jener Menschen, die mit einem speziellen Sinn für die sich langsam um
den eigenen Hals schließende Schlinge der Gesellschaft belastet sind. So
trägt er sich mit dem Gedanken, für immer wegzugehen. Zunächst nur
unterbewusst; und die wahre Kunst des Romans liegt darin, dem Leser das
unausgesprochene Unterbewussten Holden Caulfields vorzugeben, bis es sich
schließlich tatsächlich manifestiert. Man kann diesen Jungen so gut
verstehen: Einerseits hat er es noch nicht geschafft, den jugendlichen
Idealismus abzustreifen und andererseits ist seine Kenntnis über die
weltlichen Zusammenhänge so weit fortgeschritten, dass es für ihn keinen
Lehrmeister mehr gibt, der ihm weiterhelfen könnte.
Mancher
Leser meint sich selbst in jedem einzelnen Satz wiederzuerkennen. Ein
anderer wird froh sein, in solch jungen Jahren nicht den Reifegrad eines
Holden Caulfield gehabt zu haben. Ein Dritter wird ihn, ob seiner
autodidakten Art und seiner Unfähigkeit, im Kollektiv zu funktionieren,
abgrundtief hassen. Nur eines scheint sicher: Niemand konnte Holden
Caulfield helfen außer er selbst. Holden Caulfield hatte sich nach seinem
Nervenzusammenbruch wohl noch zirka 13 weitere Jahre mit der Gesellschaft zu
plagen, lebt aber noch heute: Zurückgezogen irgendwo in den Bergen von New
Hampshire.
"Auf der Bank neben mir
hatte jemand ein Magazin liegen lassen, und ich blätterte darin, weil
ich dachte, dass ich dann Mr. Antolini und einen Haufen anderes Zeug
wenigstens für kurze vergessen würde. Aber der erste blöde Artikel, den
ich zu lesen anfing, machte es fast noch schlimmer. Er war über Hormone.
Es wurde beschrieben, wie man aussähe, wenn die Hormone intakt wären,
und ich sah absolut nicht so aus. Auf mich passte die Beschreibung von
dem Kerl in dem Artikel, bei dem die Hormone nicht in Ordnung sind. Ich
fing an, mir über meine Hormone Sorgen zu machen. Dann las ich einen
Artikel darüber, wie man feststellen könne, ob man Krebs habe. Wenn man
wunde stellen im Mund habe, die nicht sofort heilen, hieß es, dann sei
das ein Zeichen, dass man vermutlich Krebs habe. Und ich hatte ja seit
gut zwei Wochen innen an der Lippe eine wunde Stelle. Deshalb vermutete
ich, dass ich Krebs bekäme. .... Ganz im ernst. Ich war überzeugt davon.
Das besserte meine Stimmung absolut nicht."
Der "Fänger im Roggen":
Unschöne Folgen & ein bisschen Fantasterei
Das
Buch brachte es 1980 zu trauriger Berühmtheit. Aber auch über den Mord an
John Lennon hinaus, scheint Der Fänger im Roggen so etwas wie die
Bibel einiger der gefährlichsten Gewaltverbrecher überhaupt gewesen zu sein.
Warum? Leider? Zwangsläufig?
Was hat ein Autor damit zu schaffen, wenn sich Fanatiker sein Werk als
Rechtfertigung zum Mord auslegen? Fragen, die nicht unbedingt den Roman
selbst betreffen, die sich im Rahmen der Recherche zu diesem Thema aber
verselbstständigt haben, und deswegen an dieser Stelle noch aufzuwerfen
sind:
Da ist ein
auf Video vorliegendes Interview mit dem Kaiser der gefährlichen Verrückten:
Auf der Stirn ein Hakenkreuz tätowiert, sitz Charles Manson, wahrhaftig und
immer noch am Leben, hinter einer Panzerglasscheibe im Hochsicherheitstrakt
eines US-Gefängnisses, und weiß davon zu berichten, wie ihn die Beatles
mit versteckten Botschaften in ihrem Lied "Helter Skelter" seinerzeit zum
Mord befahlen. Ein Lebenslänglicher in einem Staat der USA ohne Todesstrafe,
der laut davon spricht, seine Aufgabe noch nicht vollendet zu haben. In
einem grauenhaften Nebensatz beantwortet er die Frage:
"Wen oder was stellt ihre
Maskerade eigentlich dar?" mit:"I am ... the Catcher in the Rye".
Weiterhin
ist von einer fantastischen, aber ebenso bemerkenswerten Begebenheit zu
berichten, die dem Verfasser schon seit Jahren rudimentär bekannt ist, und
merkwürdigerweise im Laufe der Zeit mehr und mehr Sinn ergeben hat. Eine
wahre Verschwörungstheorie, deren Vortrag die Glaubwürdigkeit dieses Essays
zerstören wird; Ein Puzzle, dem nun, nach der Lektüre des Fängers,
ein weiteres Teil eingepasst werden kann, das jetzt plötzlich aber auch noch
die Frage aufwirft, was der Regisseur Roman Polanski mit der ganzen Sache zu
tun haben soll.
We try our best:
Charles Manson war jener Sektenführer, der den Mord an Roman Polanskis
Ehefrau Sharon Tate in Auftrag gab und nebenbei bemerkt, hatte es die
sogenannte "Manson-Family" damals weniger auf Sharon Tate selbst, als auf
Polanskis ungeborenes Kind abgesehen. Wie schon ausgeführt, bezog Manson
laut eigener Angabe seine Botschaften aus Liedern der Beatles. Dabei wusste
er genau zwischen Lennon- und McCartney-Songs zu unterscheiden. Roman
Polanski lernte Sharon Tate während den Dreharbeiten zu seinem Film
Rosemaries Baby kennen und lieben. Dieser Film wurde größtenteils in jener
Villa, dem sogenannten "Dakota", aufgenommen, die John Lennon zuletzt mit
seiner Frau Yoko Ono bewohnte. Vor dieser Villa wurde John Lennon, der
Schöpfer Mansons vermeintlicher Botschaften, von einem gewissen Mark
Chapman, einem fanatischen Jesusjünger, 1980 erschossen.
So
weit, so gut. Um diese Informationen im Rahmen dieser Abhandlung bestätigt
zu wissen, musste nun aber die bombastische Biographie John Lennons von
Albert Goldmann zu Rate gezogen werden, um schon nach wenigen Sekunden auf
den Namen Holden Caulfield
zu stoßen. Nun wurde der Sachverhalt wirklich interessant, aber leider
nunmehr auch derart kompliziert, dass eine weitergehende Wertung zum
gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich erscheint. Folgende Zitate aus dem
vorletzten Kapitel "Peng, Peng, Du bist tot" von Goldmans Buch, in dem der
Mord an Lennon detailgenau rekonstruiert wird, sollen aber trotzdem nicht
vorenthalten bleiben:
S.893: "Ein
sehr wichtiger Faktor bei der Auswahl, Ausspähung und Ermordung John
Lennons bestand darin, dass Chapman sich mit Holden Caulfield
identifizierte, dem Helden von J.D. Salingers Der Fänger im Roggen.
Als Chapman sein Opfer getötet hatte, legte er die Waffe hin und griff
zum Fänger. Er stand gelassen in der Einfahrt des Dakota, las
in dem Buch und bot ganz das Bild eines bibellesenden jungen Missionars,
der gefasst seinem Märtyrertod entgegen blickt. [...] Denn seit er als
achtzehnjähriger auf den berühmten Prototyp des modernen jungen Mannes
gestoßen war, hatte er zwischen eigenem Leben und dem Holden Caulfields
eine Parallele nach der anderen Entdeckt. [....] (Vernehmungsprotokoll:
'dieses außergewöhnliche Buch, das viele Antworten enthält')."
S.898: "Er besuchte den See am Südrand des Central Park, wo die Frage
nach dem Verbleib der Enten den Helden des Fänger so verwirrt
hatte. [...] und kam zu dem Museum, wo Holden sich mit seiner geliebten
Schwester Phoebe getroffen hatte."
S.907: "Er aß im Hotelrestaurant
und vollzog dann die dramatische Episode des 'Fängers' nach, indem er
eine Prostituierte kommen ließ."
S.908: "...ging er hinunter und
kaufte den Fänger im Roggen.."
S.914: "...dann ließ er seine
leergeschossene Waffe fallen - wie Holden Caulfield"
Dieses letzte Zitat von Seite 914 ist in
Anbetracht der deutschen Übersetzung des Buches nicht nachvollziehbar. Mehr
kann hierzu an dieser Stelle aber nicht verraten werden, um die Handlung
nicht vorweg zu nehmen. In jedem Falle trägt diese Feststellung Goldmans nur
noch mehr zur allgemeinen Verwirrung bei, kann alleine aber noch nicht den
Schluss zulassen, dass der Fänger im Roggen zu irgendeinem
Zeitpunkt in den letzten fünfzig Jahre stark verändert worden ist.
Festzuhalten
bleibt: Dieser Roman scheint definitiv so etwas wie die "Bibel" einiger der
brutalsten und populärsten Gewaltverbrecher der neueren Geschichte zu sein.
Im Rahmen dieses Exkurses wurde festgestellt, dass sowohl Charles Manson als
auch Marc Chapman das Buch liebten. Von Lee Harvey Oswald wird vermutet,
sofern er denn Kennedy autodidakt erschossen hat, dass sein Killerinstinkt
durch den Roman geweckt wurde und eventuell könnte man an dieser Stelle
sogar schlafende Hunde wecken, und den Status des Fängers
als weitverbreitete Schullektüre in einen interessanten Zusammenhang zu den
Mördern von Littleton im Speziellen und der zunehmenden Gräueltaten an
amerikanischen Schulen im Allgemeinen herstellen.
Unabhängig voneinander
scheinen in jedem Fall einige Verrückte ihren Antrieb in Salingers Buch
gefunden zu haben. Was nicht leicht zu erklären ist, und eigentlich auch gar
keinen positiven Schluss zulassen dürfte. In jedem Fall deutet es aber
darauf hin, dass der Fänger ein gutes Buch ist. Ein zulässiger Schluss?
Zumindest ein Buch, das ganze Generationen – in welcher Form auch immer –
beeinflusst hat. Eines der seltenen Bücher, die zumindest theoretisch das
Potential mitbringen, zu verändern. Wohl weniger ein Aufruf. Eher der
Protest eines verzweifelten Schreibers!
"Schön, dann werde Rechtsanwalt –
wie Dad und so."
"Rechtsanwälte sind schon Recht,
vermutlich – aber mich lockt das nicht", sagte ich, "Ich meine, sie sind
mir recht, wenn sie unschuldigen Leuten das Leben retten, aber das tut
man als Rechtsanwalt ja gar nicht. Man verdient nur einen Haufen Geld
und spielt Golf und Bridge und kauft Autos und trinkt Martinis und sieht
furchtbar bedeutend aus. Und außerdem – auch wenn man irgendwelchen
Leuten das Leben retten würde, woher könnte man wissen, ob man das getan
hat, weil man ihnen wirklich das Leben retten wollte, oder ob man es
tut, weil man nur ein fabelhafter Anwallt sein wollte, dem alle auf die
Schulter klopfen und im Gerichtssaal gratulieren, wenn die verdammte
Verhandlung vorbei ist – die Reporter und alle, so wie es in den elenden
Filmen ist? Woher würde man wissen, dass man nicht nur ein Heuchler ist?
Das Schlimmste ist eben, dass man es nicht wüsste."
Quellen
J.D. Salinger. "Der Fänger im
Roggen". rororo, 1999. Frederik Hetmann. "Bis ans Ende aller Strassen
– Die Lebensgeschichte des Jack Kerouac". Beltz & Gelberg, 1989.
Albert Goldmann: "John Lennon". rororo, 1989. Jochen Siemens. "Auf
der Suche nach dem verschollenen Dichter". (aus dem Stern vom 9.10.97)
unbekannter Autor. "Biographie des J.D. Salinger". (Facharbeit)
Wolfram Bernhard. "Die Zeugenaussage von Charles Manson". Rapid Eye;
1971.
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