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Fragmente
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Eine Rezension zum Roman von Stefan T. Pinternagel

Von Peter Oefele
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    Der Titel von Stefan T. Pinternagels chic aufgemachtem neuen Buch klingt harmlos, ist in seiner Doppeldeutigkeit aber genial gewählt:

Zunächst handelt es sich bei den 32 Kapiteln tatsächlich um eine Aneinanderreihung von Fragmenten im literarischen Sinne, denn der fiktive Ich-Erzähler, der sich selbst den "Holiday-Killer" nennt, wird sicherlich auch jenseits der letzten Seite dieses Buches noch Einiges erleben, das er niederschreiben wird. Seine Geschichte bleibt unvollendet, und das ist grausam: bedeutet es doch, dass er der Typ von eben auf der Straße hätte sein können. Er ist kein Massenmörder, sondern ein Serienmörder; auf freiem Fuß befindlich, ein Monstrum und ein Meister seines Fachs. Er ist der, der das junge Mädchen an der Bushaltestelle nach der Uhrzeit fragt, oder der, der gestern Abend mit am Tisch saß. Vielleicht ist er ein Freund. - Dieses Buch ist nichts für Menschen, die zu Paranoia neigen!

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Stefan T. Pinternagel. Fragmente. Atlantis-Verlag (ISBN: 3-936742-28-6).

"Ich töte nicht bei jeder passenden Gelegenheit – Ich töte, wenn ich es für vertretbar und wichtig empfinde!"

"Kein Mensch hat so viele Tränen in
sich, als dass ich nicht ihr Versiegen abwarten könnte. Und diesmal, ja,
diesmal hatte ich wirklich Zeit!
"
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    In der Medizin bedeutet das Wort Fragmente soviel wie "Knochenbruchstücke", und unter anderem von solchen wird detailgenau erzählt. Von zerberstenden Knochen, von bestialischen Vergewaltigungen, von ausgestochenen Augen, Fäkalien, Zerstückelungen, Verstümmelungen am lebendigen Leib, Erniedrigungen, in erster Linie von Schmerzen und Quälereien. Blut, viel Blut! Keine denkbare Perversion wird ausgelassen. – Nichts für Jugendliche! Purer Horror. Härter geht nicht. Anspruchsvoller als Stephen King; schon allein deshalb, weil in der Ich-Form geschrieben.

Das Buch erzählt auf drei Ebenen von insgesamt schätzungsweise 100.000 grausamsten Morden; davon, dass sie passiert sind, davon dass sie tagtäglich passieren: So häuft der "Holiday-Killer" ganz beiläufig in zugegeben interessanten Intermezzi eine beeindruckende Enzyklopädie zu den großen seiner Zunft und deren Taten an. Daneben gibt er Episoden aus seinen Memoiren zum Besten, in denen er von einer fürchterlichen Kindheit erzählt oder sich wehmütig an bereits begangene Morde zurückerinnert. – Und dann sind da Jutta und Hans-Peter, deren Leiden den eigentlichen Erzählstrang ausmachen und den Spannungsbogen erfolgreich gewährleisten. Ihre Charaktere sind unbedeutend und werden folgerichtig auch gar nicht weiter ausgearbeitet, verkommen sie doch innerhalb kürzester Zeit zu gesichtslosen Fratzen. Ein gewöhnliches, spießbürgerliches Pärchen, das vollkommen unvermittelt in die Fänge des Killers gerät. Gerade ihre X-Beliebigkeit ist das eigentliche Drama.

    Pinternagel versetzt sich (beängstigend) glaubhaft in diese abartige Welt seines "Helden". Er zeichnet das Psychogramm eines Menschen, wie er perverser, lebensunwürdiger nicht sein könnte, und für mich persönlich ist die größte Frage: Warum? – Warum zum Teufel hat der Autor genialer Gedichte gerade dieses Buch geschrieben? Warum tut er sich das an? Warum leiht er ihm seine Sprache? Was nicht unproblematisch ist, denn die Brillanz, mit der der "Holiday-Killer" von seinen Moritaten erzählt, hebt ihn auf eine andere Ebene, macht ihn selbst zu einem Literaten ...

"... Sich der Sonne zu verweigern ist meiner Meinung nach die größte Blasphemie gegen das allumfassende, alles gebärende, alles zerstörende Universum. Wenn jemand sagt, er mag die Kirche nicht, oder Gott, - gut, damit kann ich leben. Aber wenn ich von jemandem erfahre, dass er die Sonne nicht mag, und selbst wenn er es nur aus Spaß oder Provokation sagt, dann würde ich ihn am liebsten ...."

... gibt ihm die Möglichkeit sich selbst zu rechtfertigen. Verleiht ihm die Mittel, mit dem nichtsahnenden Leser und potenziellen Opfer direkten Kontakt aufzunehmen; ihn persönlich anzusprechen. Nur, welchen Zweck verfolgt Pinternagel damit? Schürt er (destruktives) Misstrauen, oder mahnt er nur zu (konstruktiver) Vorsicht im Alltag? Und ist das wirklich notwendig? – Nichts von alledem: Fragmente ist ein literarisches Experiment. Nach eigener Auskunft ärgerte den Autor die verharmlosende Darstellung von Serienmördern in den Medien: "Die quälen ihre Opfer nicht selten über Monate. Wenn man das zeigt, entsteht ein völlig neuer Charakter." (AZ, 9. August 2003)

    Die Frage, wer ein solches Buch nun schreibt – der Autor oder das fiktive Ich - geht schon ins Esoterische, erübrigt sich bei 99% der vergleichbaren Literatur. Aber hier wagt sich jemand auf über 200 prall gefüllten Seiten an ein solches Monstrum von einem ekelhaften Thema (letztlich geht es um eine Abart sexuellen Rausches), dass sie in diesem speziellen Fall jedenfalls relevant wird. Und eben dies ehrt Pinternagel als Autoren, deckt es sich doch mit seiner Botschaft: Der "Holiday-Killer" ist fiktiv und doch real. Willkommen auf der Borderline! – Und letztlich ist es vertretbar, denn sympathisch wirkt er zu keinem Zeitpunkt. Genial ja, aber niemals sympathisch.

Wie Pinternagel selbst nun zu seinem Helden steht, ist ausschließlich sein Problem, und sei ihm im Rahmen künstlerischer Freiheit selbst überlassen, macht er doch nichts anderes als etwa ein Woody Harrelson in "Natural Born Killers" oder Götz George, der in "Der Totmacher" den Fritz Haarmann quasi neu erfand. - Punkt.

    Bei allem Respekt vor der literarischen Leistung Pinternagels, aber angesichts seines politischen Anspruchs bleibt dann doch zumindest ein kleiner Wermutstropfen: Rechtstheoretische Aspekte werden nicht behandelt. Nicht, dass solche Lücken nicht durchaus gewollt und sinnvoll sein können, aber mir fehlt es zumindest an einem Denkanstoß: Im Rahmen eines solchen Psychogramms hätte mich die Einschätzung des Autors interessiert, ob der juristische Abschreckungsgedanke bzw. seine Ausweitung auf weitere Instrumente hier Früchte tragen könnte. Gibt es Möglichkeiten der Prävention? Welche Strafe ist für solche Taten angemessen? Wie steht es in dieser Gesellschaft mit dem Vergeltungsgedanken? Kennt der "Holiday-Killer" die Bibel? Glaubt er an etwas? Was hält er von Auge um Auge, Zahn um Zahn? Kann es angehen, dass ein solches Monster im Falle seiner Dingfestmachung bestenfalls lebenslänglich hinter Gitter kommt, während in letzter Zeit nicht nur in Talkshows sondern genauso in Justizkreisen immer wieder die Folter als rechtsstaatliches Instrument (wohlgemerkt: zur Prävention) diskutiert wird? – Ich hätte den "Holiday-Killer" ganz wertfrei darüber lachen lassen, dass ihm in dieser Gesellschaft niemals auch nur annähernd dasselbe wiederfahren könnte.

Habe fertig! Fragmente in diesen Tagen ausgelesen, und es war ein merkwürdiger Kontrast. Die Sonne scheint, und eigentlich möchte man sich doch um das Schöne im Leben bemühen, nur jetzt weiß ich verdammt viel über Serienmörder und wie sie ihre Opfer hinzurichten pflegen; ob ich das nun wollte oder nicht. Ein faszinierendes Buch, sicherlich auch irgendwo der Spiegel einer perversen Gesellschaft. Voll negativer Energie. Ein Buch, dessen Mangel an jeder Pietät, dessen Sarkasmus - oder besser: Zynismus – angesichts des Themas manchmal durchaus schwer verträglich aber letztlich logisch und wohl auch notwendig ist.

 

Peter Oefele hat im April 2003 seinen Erstling: "Fiesta, Ramadan und tote Helden" (3-937034-00-5) veröffentlicht.
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