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Eine Jugend in Marokko

Den deutschen Juristen und Mitarbeiter in verschiedenen Bundesministerien,
Indrikis Harold Martinson, verschlug es 1958 in die sagenumwobene Stadt Tanger. Mit
seinem kurzen Erstlingswerk "Mein Tanger – Mein Marokko" legt er nun eine faszinierende
Teilautobiographie vor, die sein dortiges Heranwachsen bis 1969 beschreibt.

Von Peter Oefele
(05. 01. 2009)

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Peter Oefele
peter.oefele [at] gmx.net

geb. 1974, ist hauptberuflich
in der Öffentlichkeitsarbeit
verschiedener Unternehmen tätig. Er verbrachte seine
Jugend in Dießen am Ammer-
see, studierte in Augsburg,
lebte Jahre in Berlin und Leipzig.
Als freier Kultur-Journalist und
Autor veröffentlicht er im komp-
letten deutschsprachigen Raum.
Er ist freier Mitarbeiter der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Weitere Veröffentlichungen u.a.
in Wiener Kurier, Augsburger
Allgemeine, Das Magazin,
Abenteuer & Reisen, Du (CH),
Globetrotter-Magazin (CH),
Handelsblatt (News am Abend).

Buchveröffentlichung

"Fiesta, Ramadan und
tote Helden – Unterwegs in
Frankreich, Spanien, Marokko
und Portugal", literarischer
Reisebericht, pro literatur
Verlag, 2003.

Homepage
www.peter-oefele.de

 

 

Martinson hat das
seltene Talent zur Lücke.
In eben diesen Lücken
findet sich genügend Raum
für kaum angedeutete und
doch wuchtige pubertäre
Emotionen.

 

 

Indrikis Harold Martinson.
Mein Tanger – Mein Marokko
Books on Demand, 2008.
ISBN: 3833488727, 140 S.

 

 

 Die Beschreibung eines
Erwachsenwerdens in
Tanger sollte sprachge-
waltiger angelegt sein. Es
fehlen Hitze, Gerüche
und schillerndes Licht.
 

   Wer die Welten wechseln oder nur über deren jeweiligen Tellerrand hinausschauen wollte, der war in Tanger zu jeder Zeit richtig. Tanger: stadtgewordener Mythos vom "Tor zu Afrika", Schnittstelle zwischen Okzident und Orient, berühmt-berüchtigtes Sammelbecken für Glücksritter, Hedonisten und weltbekannte Autoren. Truman Capote beispielsweise schrieb: "Bevor du nach Tanger kommst, solltest du drei Dinge tun: Dich gegen Typhus impfen lassen, deine Ersparnisse von der Bank abheben und deinen Freunden Lebewohl sagen. Der Himmel weiß, ob man dich jemals wieder sieht". Robert Ruark hingegen wusste: "Verglichen mit Tanger ist Sodom ein Gemeindepicknick und Gomorra ein Versammlungsort von Pfadfinderinnen …".

Den deutschen Juristen und Mitarbeiter in verschiedenen Bundesministerien, Indrikis Harold Martinson, verschlug es 1958 – im zarten Alter von zehn Jahren – in diese sagenumwobene Stadt. Mit seinem kurzen Erstlingswerk "Mein Tanger – Mein Marokko" legt er nun eine faszinierende Teilautobiographie vor, die sein dortiges Heranwachsen bis 1969 beschreibt. Dabei lässt Martinson auch seine Erziehung Revue passieren. Ein wichtiger Akzent, der vor dem Hintergrund der Gegebenheiten von Ort und Zeit besonders interessant erscheint. Mit seinen Eltern war er Mitglied der legendären internationalen Gesellschaft Tangers. Gegen Ende seiner Teenager-Zeit bereiste er alleine per Auto das gefährliche Land. Viele Male verliebt, geizt der Autor nicht mit der Beschreibung einiger spannender erotischer Abenteuer. Dies gelingt ihm trotz seines sachlichen Stils überraschend gut. Martinson hat das seltene Talent zur Lücke. In eben diesen Lücken findet sich genügend Raum für kaum angedeutete und doch wuchtige pubertäre Emotionen (die man fast ein halbes Jahrhundert später wohl auch gar nicht mehr versuchen muss, in konkrete Worte zu fassen).

   Für Tanger-Fans deutlich schwerer zu verkraften sind jene Lücken, die das Buch hinsichtlich der politischen und kulturellen Bedeutung dieser Epoche (kurz nach Tangers Wiedervereinigung mit Marokko) lässt. Immerhin nutzt Martinson an manchen Stellen die historische Gelegenheit, politische und gesellschaftliche Hintergründe zumindest anzudeuten. Selbst wenn er dabei immer an der Oberfläche und somit weit unter seinen Möglichkeiten bleibt, wird sein Buch schon allein dadurch zu einem wertvollen und unverzichtbaren Beitrag zur Detailbeleuchtung dieser Zeit.

Martinsons Zeugnis einer aufregenden Jugend bleibt immer sachlich und entwickelt dabei doch erstaunliche, sehr persönliche, sehr ehrliche Erkenntnisse. Es ist auch ein Buch über Werte, und steigert sich mit der Sicherheit, die ein Erstlings-Autor mit jeder Seite mehr erfährt.

   Ein Erstlingswerk, das auf weitere Bücher hoffen lässt. Am Ende von "Mein Tanger – Mein Marokko" stellt Martinson in Aussicht, auch über seinen folgenden Lebensabschnitt schreiben zu wollen. Dies klingt zweifelsohne interessant. Vielleicht hat der Autor sein großes Thema aber bereits gefunden: Tanger! Sein zweites Buch, ein kurzer Roman, "Zimt auf meiner Haut", liegt griffbereit zu weiterer Besprechung.

Fazit: Vier von fünf möglichen Sternen, weil sehr lesenswert!

Minus einen halben Stern, weil sich der Autor zu sehr zurück genommen hat (er ist sich dessen selbst bewusst). Für Prosa ist das Buch zu förmlich. Starke Bilder kommen vor, sind aber leider zu selten. Die Beschreibung eines Erwachsenwerdens in Tanger sollte sprachgewaltiger angelegt sein. Es fehlen Hitze, Gerüche und schillerndes Licht.

Minus einen weiteren halben Stern, weil die Produktion ohne professionelle Verlagsberatung auskommen musste (Gestaltung, Satz, Lektorat). Hierfür kann der Autor nichts eben dies hätten seine zukünftigen Vorhaben aber zweifelsohne verdient.
 

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