Ingeborg Bachmanns Werk von der
Lebensgeschichte her verständlich machen

  Hans Höllers 1999 erschienene 'rowohlts monographie' über Ingeborg Bachmann

Von Matthias Part


     Der 1947 in Vöcklabruck geborene und an der Universität in Salzburg lehrende Germanist Hans Höller beherrscht eine Gabe, die bei Biografen eher selten ist:
Er versteht es, das Werk eines Autors bzw. einer Autorin mittels deren Lebensgeschichten zu erhellen, ohne deswegen diesen Menschen preiszugeben und zu verraten. Er belässt ihnen ihr Geheimnis und ihre Würde. Auf voyeuristische Details kann er verzichten. Und doch erfährt man jede Menge Neues und Aufschlussreiches! Diese hohe Qualität hat schon seine mittlerweile in der 5. Auflage bei Rowohlt erschienene Thomas-Bernhard-Monografie ausgezeichnet. Gleiches gilt für den im Juni 1999 publizierten Band zu Leben und Werk von Ingeborg Bachmann.

Von der aus Linz stammenden Studentin und Kulturarbeiterin Ines Schütz in einem Radiointerview danach gefragt, welchen Hauptschwerpunkt er beim neuen Bachmann-Buch gesetzt habe, erläuterte Hans Höller: „Ich habe versucht, von der Lebensgeschichte her ihr Werk besser verständlich zu machen. Das ist, denke ich, etwas Neues, weil selbst der schwierigste Teil ihres Werkes, der „Malina"-Roman, so neu lesbar gemacht werden kann."

Von dieser Lesbarkeit profitieren nicht nur Germanisten oder Bachmann- Spezialisten, sondern grundsätzlich jedermann und jede Frau. Höller versteht es ab der ersten Zeile, die Angst vor der angeblich ach so schwierigen Autorin und ihrem ach so komplizierten Werk zu nehmen. Ja selbst für jemanden, der sich nur wenig für diese vielleicht wichtigste österreichische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts interessiert, zahlt sich das Lesen aus. Es geht dabei ja um so allgemein gültige Themen wie die Liebe und das Glück. Aber auch um den Krieg, die Sucht, die Abhängigkeit von bestimmten Menschen und Städten und die unterschiedlichen Todesarten.

Hans Höller, der sich seit etwa 20 Jahren wissenschaftlich mit dem literarischen Werk Ingeborg Bachmanns beschäftigt und drei Jahre lang intensiv an dieser Monografie gearbeitet hat, begnügte sich nicht mit den üblichen chronologischen Abhandlungen, die brav und langweilig von der Geburt bis zum Tod führen. Hier wird viel mehr erzählt als nur von den einzelnen Lebensstationen einer großen Lyrikerin und Prosaschreiberin, die 1926 in Klagenfurt zur Welt kam und 1973 an den Folgen eines Brandunfalls in Rom starb.

Grundlage war Höllers genaue Analyse des literarischen Werks und sein genaues Studium von Interviews, Briefen und den besonders aufschlussreichen Tagebüchern aus dem Nachlass. Dieses fundierte Wissen erlaubt es ihm, Klischeebilder zu zerstören: beispielsweise jenes von der hilflosen Frau. Und er übt auch Kritik an prominenten Persönlichkeiten der Literatur- und Kritikerszene: etwa an Hans Weigel und Marcel Reich-Ranicki.
Hans Höller ist es gelungen, dieses Werk zu komponieren und ihm eine Grundmelodie zu geben. Es beginnt nicht zufällig mit einer Szene im Nachkriegs-Kärnten unter dem Titel „Das wird der schönste Sommer bleiben". Im Mittelpunkt steht die Liebesgeschichte zwischen der Maturantin Ingeborg Bachmann, die trotz der Nazi-Erziehung Bücher von Thomas Mann und Stefan Zweig, Schnitzler und Hofmannsthal gelesen hatte, und einem jüdischen, englischen Offizier namens Jack Hamesh: „Es beginnt eine Beziehung, die uns wie eine Nachkriegs-Utopie erscheint. Ein Dialog zwischen den Kindern der Generation der Täter und der Opfer."
Das ganze Buch sucht den Dialog und regt dazu an, nicht nur über „die Bachmann", sondern auch von ihr etwas zu lesen. Matthias Part


Literatur:

Ingeborg Bachmann. Dargestellt von Hans Höller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag (Rororo Monographien 50545), 192 Seiten, 94 Schilling.


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