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Thomas Bernhard und der Hippinger Hansi
Eine FreundschaftDer "Hippinger Hansi" alias Johannes Fink wurde am 13. April 1930 geboren, also fast
genau zehn Monate, bevor Thomas Bernhard im holländischen Heerlen zur Welt kam.
Jene Zeit, die Bernhard dann als Kind mit ihm in Seekirchen am Wallersee
verbrachte, war möglicherweise seine glücklichste.Von Matthias Part
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Johannes Fink
Thomas
Bernhard.
Gerda Maleta.
Rudolf
Brändle.
Hans Höller.
"Das letzte Mal war er 1986 bei mir. Da ist es ihm gesundheitlich schon sehr schlecht gegangen. Ich hab mir gedacht: 'Thomas, irgendwie nagt der Wurm an Dir!'" |
Einige wenige hatten das allerhöchste Glück, das naturgemäß auch manchmal die größte Schwierigkeit darstellen konnte, mit Thomas Bernhard über Jahrzehnte hinweg befreundet zu sein. Manchen von ihnen war diese Freundschaft sogar ein eigenes Buch wert: "Seteais" von Gerda Maleta, 1992 in der Bibliothek der Provinz erschienen, gehört beispielsweise dazu. Oder das Erinnerungsbuch "Zeugenfreundschaft", das Rudolf Brändle, Bernhards Leidensgenosse in der Lungenheilstätte Grafenhof, 1999 bei Residenz publizierte. Andere Wegbegleiter Bernhards schrieben keine Zeile über ihre persönliche Beziehung zum großen Dichter. Bestenfalls in Form von Interviews konnte man mehr von ihnen erfahren. Dazu zählt etwa der "Hippinger Hansi", dem Thomas Bernhard im autobiografischen
Band "Ein Kind" ein literarisches Denkmal setzte. Der Hansi aus Seekirchen war
gemeinsam mit dem Schorschi aus Ettendorf wohl der wichtigste Freund Bernhards aus der
Kinderzeit, und er begleitete des öfteren den Schriftsteller Johannes Freumbichler und
dessen geliebtes Enkelkind bei den so wichtigen Spaziergängen.
Der "Hippinger Hansi"
alias Johannes Fink wurde am 13. April 1930 geboren, also fast genau zehn Monate, bevor
Thomas Bernhard im holländischen Heerlen zur Welt kam. Jene Zeit, die Bernhard dann als
Kind in der Wallerseegemeinde verbrachte, war möglicherweise seine glücklichste.
Jedenfalls stellte für ihn der Hippinghof, wie er gleich sechsmal in dem autobiografischen
Buch festhielt, das "Paradies" dar. Er schreibt sogar vom "Riesenreich, in
welchem die Sonne nicht unterging". Mit dem "Hippinger Hansi", seinem
Spiel- und Schulkameraden, habe ihn "eine innige Freundschaft" verbunden. Sie
seien "ein Herz und eine Seele gewesen". Die beiden lernten einander kennen, nachdem
Thomas Bernhard im Jahr 1935 gemeinsam mit seinem Großvater, dem aus Henndorf stammenden
Autor Johannes Freumbichler, und dessen Lebensgefährtin, Anna Bernhard, von Wien in den
Flachgau gezogen war. Zuerst waren die armen Leute wie in Hans Höllers
Rowohlt-Monographie nachzulesen ist in der Seekirchner Bahnhofswirtschaft
einquartiert. Dann wohnten sie in einem baufälligen Haus im Zentrum der Marktgemeinde.
Letztlich brachten sie ihre wenigen Habseligkeiten mit einem Handwagen ins
Mirtelbauernhäusl in die Ortschaft Wimm. Von dort waren es nur wenige hundert Meter zum
Hippinghof, wo Anna Bernhard arbeitete, um ihr Enkelkind und den großen, aber weitgehend
erfolglosen "Heimatschriftsteller" ernähren zu können. "Eine selten nette, gute Frau" sei Berhards Großmutter gewesen, erinnert sich
Johannes Fink. Abgewaschen habe sie auf dem Bauernhof, die Kleidung gereinigt, gestopft
und gebügelt, viel gestrickt und ähnliches. Bezahlt wurde sie hauptsächlich mit
Fleisch, Eiern, Mehl, Gemüse oder Erdäpfeln. Die Mutter, die "mit dem Thomas sehr
streng gewesen" sei, habe er nur selten gesehen.
Bernhards Großvater, der für den Hippinghof übrigens einen Segensspruch gereimt hat,
habe er eher als launischen Menschen in Erinnerung. Die auffälligsten Gemeinsamkeiten von
Johannes Freumbichler und Thomas Bernhard im Rückblick: "Erstens einmal das Gehabe,
etwas aristokratisch und auf die Kleidung sehr bedacht. Der Freumbichler hat zudem sehr
knapp geredet, und das hat der Thomas damals auch gemacht. Kurz und bündig. Johannes
Freumbichler hat eben nicht einen Schwall losgelassen, sondern seine Rede war kurz und
überlegt." Überschwenglich und euphorisch war Bernhard beim Erzählen von seiner paradiesischen Zeit
auf dem Seekirchner Bauernhof. Johannes Fink kann diese idyllische Darstellung seines
Freundes gut nachvollziehen: "Der Thomas war praktisch in die Familiengemeinschaft
integriert. Er war tatsächlich die meiste Zeit bei uns herüben. Daß ihm der Hippinghof
als Paradies vorgekommen ist und für ihn Seekirchen so etwas wie ein ruhender Pol war,
hat wohl den Grund, daß er bis dato ja nichts Gutes gehabt und nichts Schönes erlebt
hatte. Für mich ist das alles ja völlig normal gewesen!"
Auch Bernhards Hinweis, daß die beiden Buben "die strengsten Geheimnisse"
gehütet und die "ungeheuerlichsten Pläne" gemacht hätten, bestätigt Fink:
"Ja, in dieser Beziehung ist er zweifellos der Rädelsführer gewesen. Ihm ist ja
ständig etwas eingefallen. Er hat damals offenbar schon einen Hang fürs
Schauspielerische gehabt. Theater machen, sich verstellen und so! Solche Sachen haben wir
dann natürlich gehütet, die wir da aufgeführt haben." So manches beschriebene Detail wie könnte
es bei dem "Übertreibungskünstler" Thomas Bernhard auch anders sein?
entspricht aber nicht immer der historischen Wahrheit. Wie etwa jene Schilderung:
"Die sogenannten alten Hippinger starben und waren nur wenige Wochen nacheinander im
Zuhaus aufgebahrt. Zweimal zog sich der Leichenzug von Hipping nach Seekirchen
hinunter." Das könne so nicht stimmen, meint Johannes Fink, weil sein Ururgroßvater
1933 und seine Ururgroßmutter 1938 gestorben sei. Aber das sei ihm nicht so wichtig. Er
akzeptiere "die Freiheit des Erzählers und Lyrikers". Bernhards Autobiografie
hat Johannes Fink aber doch überrascht, "weil er hat immer gesagt, eine solche
schreibt er nie. Das ist uninteressant."
Wie hat er Thomas Bernhard in Erinnerung behalten? "Als netten, freundlichen,
humorvollen Menschen, überhaupt nicht radikal oder so was!" Diese Freundschaft wäre
ihm heute also nicht deshalb wichtig, weil aus Bernhard eine echte Berühmtheit wurde?
"Das ist völlig unabhängig von dem! Wir haben uns immer gegenseitig geschätzt.
Keine Rede davon, daß er auf mich heruntergeschaut hätte. Er hat mich immer wieder um
Rat gefragt, wenns ums Bauen oder um die Landwirtschaft ging. Und wenn er mich
besucht hat, dann sind wir gerne spazierengegangen. Die Runde, die auch sein Großvater
mit ihm und manchmal auch mit uns beiden gegangen ist. Dann ist er irgendwann mal
stehengeblieben und hat zu mir gesagt: Siehst, in dieses Waldeck oder auf diese
Wiese setze ich meine Handlung hin. Aber in welchem Buch oder welchem Theaterstück
das sein soll, hat er nie gesagt", so Johannes Fink, der übrigens heute noch
mit fast 70 Jahren ein begeisterter Spaziergänger und Wanderer ist, wenn er nicht
gerade am Arbeiten ist. Die innige Freundschaft zwischen Thomas Bernhard und dem "Hippinger Hansi" hat
also die Jahrzehnte überdauert, obgleich in "Ein Kind" zu lesen ist, daß sie
sich später nichts mehr zu sagen gehabt hätten? "Freilich, die Freundschaft ändert
sich und kann hin und wieder Pausen einlegen. Aber sie verschwindet deshalb nicht! Wir
haben uns über die vielen Jahre hinweg gegenseitig besucht. Das letzte Mal war er 1986
bei mir. Da ist es ihm gesundheitlich schon sehr schlecht gegangen. Ich hab mir gedacht:
'Thomas, irgendwie nagt der Wurm an Dir!' Aber wir haben nie über seine
Krankheit geredet. Als ich im Februar 1989 in der Zeitung gelesen habe, daß er gestorben
ist, da hat es mir direkt einen Stich im Herzen gegeben." Zehn Jahre nach dem Tod des
Schriftstellers war Johannes Fink wieder zu Besuch im Bernhard-Haus in Ohlsdorf. Das
Museum und auch die Johannes-Freumbichler-Ausstellung hat ihm sehr gut gefallen.
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