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Thomas Bernhard und der Hippinger Hansi
Eine Freundschaft

Der "Hippinger Hansi" alias Johannes Fink wurde am 13. April 1930 geboren, also fast
genau zehn Monate, bevor Thomas Bernhard im holländischen Heerlen zur Welt kam.
Jene Zeit, die Bernhard dann als Kind mit ihm in Seekirchen am Wallersee
verbrachte, war möglicherweise seine glücklichste.

Von Matthias Part



Johannes Fink
alias "Hippinger Hansi"
betrachtet ein altes Foto,
auf dem auch er und Thomas
Bernhard zu sehen sind.

(Bild: Matthias Part)


Buchtipps

Thomas Bernhard.
Ein Kind.
Deutscher Taschenbuch
Verlag, 1985. 166 S.
ISBN: 342310385X





Manfred Mittermayer.
Thomas Bernhard,
Johannes Freumbichler,
Hedwig Stavianicek
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Trauner, 1999.
ISBN: 3853209955


Gerda Maleta.
Seteais.
Bibliothek der Provinz,
1992. 200 S.
ISBN: 3900878889


Rudolf Brändle.
Zeugenfreundschaft.
Erinnerungen an
Thomas Bernhard.

Suhrkamp, 2001. 132 S.
ISBN: 351839732X
 

Hans Höller.
Thomas Bernhard.
Rowohlt Taschenbuch, 1993.
157 S. ISBN: 3499505045

 

 

 

"Das letzte Mal war er 1986 bei mir. Da ist es ihm gesundheitlich schon sehr schlecht gegangen. Ich hab mir gedacht: 'Thomas, irgendwie nagt der Wurm an Dir!'"

    Einige wenige hatten das allerhöchste Glück, das naturgemäß auch manchmal die größte Schwierigkeit darstellen konnte, mit Thomas Bernhard über Jahrzehnte hinweg befreundet zu sein. Manchen von ihnen war diese Freundschaft sogar ein eigenes Buch wert: "Seteais" von Gerda Maleta, 1992 in der Bibliothek der Provinz erschienen, gehört beispielsweise dazu. Oder das Erinnerungsbuch "Zeugenfreundschaft", das Rudolf Brändle, Bernhards Leidensgenosse in der Lungenheilstätte Grafenhof, 1999 bei Residenz publizierte. Andere Wegbegleiter Bernhards schrieben keine Zeile über ihre persönliche Beziehung zum großen Dichter. Bestenfalls in Form von Interviews konnte man mehr von ihnen erfahren.

Dazu zählt etwa der "Hippinger Hansi", dem Thomas Bernhard im autobiografischen Band "Ein Kind" ein literarisches Denkmal setzte. Der Hansi aus Seekirchen war gemeinsam mit dem Schorschi aus Ettendorf wohl der wichtigste Freund Bernhards aus der Kinderzeit, und er begleitete des öfteren den Schriftsteller Johannes Freumbichler und dessen geliebtes Enkelkind bei den so wichtigen Spaziergängen.

    Der "Hippinger Hansi" alias Johannes Fink wurde am 13. April 1930 geboren, also fast genau zehn Monate, bevor Thomas Bernhard im holländischen Heerlen zur Welt kam. Jene Zeit, die Bernhard dann als Kind in der Wallerseegemeinde verbrachte, war möglicherweise seine glücklichste. Jedenfalls stellte für ihn der Hippinghof, wie er gleich sechsmal in dem autobiografischen Buch festhielt, das "Paradies" dar. Er schreibt sogar vom "Riesenreich, in welchem die Sonne nicht unterging". Mit dem "Hippinger Hansi", seinem Spiel- und Schulkameraden, habe ihn "eine innige Freundschaft" verbunden. Sie seien "ein Herz und eine Seele gewesen".

Die beiden lernten einander kennen, nachdem Thomas Bernhard im Jahr 1935 gemeinsam mit seinem Großvater, dem aus Henndorf stammenden Autor Johannes Freumbichler, und dessen Lebensgefährtin, Anna Bernhard, von Wien in den Flachgau gezogen war. Zuerst waren die armen Leute – wie in Hans Höllers Rowohlt-Monographie nachzulesen ist – in der Seekirchner Bahnhofswirtschaft einquartiert. Dann wohnten sie in einem baufälligen Haus im Zentrum der Marktgemeinde. Letztlich brachten sie ihre wenigen Habseligkeiten mit einem Handwagen ins Mirtelbauernhäusl in die Ortschaft Wimm. Von dort waren es nur wenige hundert Meter zum Hippinghof, wo Anna Bernhard arbeitete, um ihr Enkelkind und den großen, aber weitgehend erfolglosen "Heimatschriftsteller" ernähren zu können.

"Eine selten nette, gute Frau" sei Berhards Großmutter gewesen, erinnert sich Johannes Fink. Abgewaschen habe sie auf dem Bauernhof, die Kleidung gereinigt, gestopft und gebügelt, viel gestrickt und ähnliches. Bezahlt wurde sie hauptsächlich mit Fleisch, Eiern, Mehl, Gemüse oder Erdäpfeln. Die Mutter, die "mit dem Thomas sehr streng gewesen" sei, habe er nur selten gesehen.

    Bernhards Großvater, der für den Hippinghof übrigens einen Segensspruch gereimt hat, habe er eher als launischen Menschen in Erinnerung. Die auffälligsten Gemeinsamkeiten von Johannes Freumbichler und Thomas Bernhard im Rückblick: "Erstens einmal das Gehabe, etwas aristokratisch und auf die Kleidung sehr bedacht. Der Freumbichler hat zudem sehr knapp geredet, und das hat der Thomas damals auch gemacht. Kurz und bündig. Johannes Freumbichler hat eben nicht einen Schwall losgelassen, sondern seine Rede war kurz und überlegt."

Überschwenglich und euphorisch war Bernhard beim Erzählen von seiner paradiesischen Zeit auf dem Seekirchner Bauernhof. Johannes Fink kann diese idyllische Darstellung seines Freundes gut nachvollziehen: "Der Thomas war praktisch in die Familiengemeinschaft integriert. Er war tatsächlich die meiste Zeit bei uns herüben. Daß ihm der Hippinghof als Paradies vorgekommen ist und für ihn Seekirchen so etwas wie ein ruhender Pol war, hat wohl den Grund, daß er bis dato ja nichts Gutes gehabt und nichts Schönes erlebt hatte. Für mich ist das alles ja völlig normal gewesen!"

    Auch Bernhards Hinweis, daß die beiden Buben "die strengsten Geheimnisse" gehütet und die "ungeheuerlichsten Pläne" gemacht hätten, bestätigt Fink: "Ja, in dieser Beziehung ist er zweifellos der Rädelsführer gewesen. Ihm ist ja ständig etwas eingefallen. Er hat damals offenbar schon einen Hang fürs Schauspielerische gehabt. Theater machen, sich verstellen und so! Solche Sachen haben wir dann natürlich gehütet, die wir da aufgeführt haben."

So manches beschriebene Detail – wie könnte es bei dem "Übertreibungskünstler" Thomas Bernhard auch anders sein? – entspricht aber nicht immer der historischen Wahrheit. Wie etwa jene Schilderung: "Die sogenannten alten Hippinger starben und waren nur wenige Wochen nacheinander im Zuhaus aufgebahrt. Zweimal zog sich der Leichenzug von Hipping nach Seekirchen hinunter." Das könne so nicht stimmen, meint Johannes Fink, weil sein Ururgroßvater 1933 und seine Ururgroßmutter 1938 gestorben sei. Aber das sei ihm nicht so wichtig. Er akzeptiere "die Freiheit des Erzählers und Lyrikers". Bernhards Autobiografie hat Johannes Fink aber doch überrascht, "weil er hat immer gesagt, eine solche schreibt er nie. Das ist uninteressant."

    Wie hat er Thomas Bernhard in Erinnerung behalten? "Als netten, freundlichen, humorvollen Menschen, überhaupt nicht radikal oder so was!" Diese Freundschaft wäre ihm heute also nicht deshalb wichtig, weil aus Bernhard eine echte Berühmtheit wurde? "Das ist völlig unabhängig von dem! Wir haben uns immer gegenseitig geschätzt. Keine Rede davon, daß er auf mich heruntergeschaut hätte. Er hat mich immer wieder um Rat gefragt, wenn’s ums Bauen oder um die Landwirtschaft ging. Und wenn er mich besucht hat, dann sind wir gerne spazierengegangen. Die Runde, die auch sein Großvater mit ihm und manchmal auch mit uns beiden gegangen ist. Dann ist er irgendwann mal stehengeblieben und hat zu mir gesagt: ‘Siehst, in dieses Waldeck oder auf diese Wiese setze ich meine Handlung hin.’ Aber in welchem Buch oder welchem Theaterstück das sein soll, hat er nie gesagt", so Johannes Fink, der übrigens heute noch – mit fast 70 Jahren – ein begeisterter Spaziergänger und Wanderer ist, wenn er nicht gerade am Arbeiten ist.

Die innige Freundschaft zwischen Thomas Bernhard und dem "Hippinger Hansi" hat also die Jahrzehnte überdauert, obgleich in "Ein Kind" zu lesen ist, daß sie sich später nichts mehr zu sagen gehabt hätten? "Freilich, die Freundschaft ändert sich und kann hin und wieder Pausen einlegen. Aber sie verschwindet deshalb nicht! Wir haben uns über die vielen Jahre hinweg gegenseitig besucht. Das letzte Mal war er 1986 bei mir. Da ist es ihm gesundheitlich schon sehr schlecht gegangen. Ich hab mir gedacht: 'Thomas, irgendwie nagt der Wurm an Dir!' Aber wir haben nie über seine Krankheit geredet. Als ich im Februar 1989 in der Zeitung gelesen habe, daß er gestorben ist, da hat es mir direkt einen Stich im Herzen gegeben."

Zehn Jahre nach dem Tod des Schriftstellers war Johannes Fink wieder zu Besuch im Bernhard-Haus in Ohlsdorf. Das Museum und auch die Johannes-Freumbichler-Ausstellung hat ihm sehr gut gefallen.

    Das Wort "Freundschaft" für jene Beziehung zu verwenden, die Thomas Bernhard mit dem "Hippinger Hansi" verbunden hat, ist sicherlich keine Übertreibung. Auch wenn er ihm – im Gegensatz zu Paul Wittgenstein – kein ganzes Buch gewidmet hat! Der Prosaband "Wittgensteins Neffe ", der wie "Ein Kind" im Jahr 1982 erschienen ist, trägt den Untertitel "Eine Freundschaft".

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