Hand in Hand mit Ulysses
Auf literarischen Spuren durch die irische Hauptstadt

Es gibt sehr ungewöhnliche Arten des Reisens. Manche machen sich weltweit auf die Suche nach bestimmten Pflanzenarten. Einige fahren von Rock-Festival zu Rock-Festival. Und andere folgen gerne literarischen Spuren. Der Sauwald zwischen Donau und Inn ist für Letzteres ein idealer Ort. Aber natürlich auch eine Großstadt wie Dublin.


       Es ist schier unmöglich, in der irischen Hauptstadt umherzuspazieren, ohne dauernd mit Literaten und ihren Werken konfrontiert zu werden. Ein Schild an der Hauswand, eine Statue in der Fußgängerzone, ein Pub mit dem Konterfei eines berühmten Schriftstellers, ein Buchzitat im Gehsteig verewigt: Wo immer du gehst, George Bernard Shaw, William Butler Yeats und Co. sind mit dir!
Sogar den blutigen Spuren von Graf Dracula kann man hier folgen. Sein Erfinder, der Dubliner Autor Bram Stoker, war zeitlebens kein einziges Mal in Transsylvanien. An seinem Wohnhaus in der Kildare Street wurde eine Plakette angebracht. Der gegenwärtige Besitzer seines Geburtshauses in Marino Cressent wehrte sich allerdings gegen das Anbringen einer Gedenktafel. Wohl nicht in Panik vor dem Vampir, sondern aus Angst vor dem Andrang der Dracula-Fans aus aller Welt.

         Das Dubliner Musterbeispiel für den literarischen "Mister Everywhere" ist James Joyce. Wahrlich nicht der einzige Literaturnobelpreisträger, der in der schönen Stadt am schmutzigen Liffey River geboren wurde! Die Familie Joyce ist auf Grund von Kinderreichtum, schlechter Haushaltsführung und den vehementen Geldforderungen der Hauswirte öfter als 20-mal in Dublin umgezogen. Wer also glaubt, das Haus mit der Gedenktafel in der Carysfort Avenue sei das einzig wahre Wohnhaus des großen Dichters, irrt gewaltig.

         Es gibt auch mehr als nur ein Museum, das sich mit seinem Leben und Werk beschäftigt. Der James Joyce Tower liegt außerhalb des Stadtzentrums, in Sandycove. Das Dublin Writers Museum mitten drin, genauer gesagt am Parnell Square 18. Von dort ist es nicht weit zum James Joyce Center in der North Great George’s Street. Ein Haus im georgianischen Stil. Als Tanzakademie des Professors Dennis J. Maginnis auch ein literarischer Schauplatz im "Ulysses".
Brav und bieder, wie hier James Joyce, seine Familie und wichtige Figuren präsentiert werden. Welch Gegensatz zu seinem modernen, aufregenden Werk, in dem die Sprache und nichts als die Sprache der wahre Held ist! Am besten vielleicht hinsetzen in der Studienbibliothek und lesen, lesen, lesen. "Ulysses" und "Finnegan’s Wake" sind aufregende Reisen im Kopf. Und die Lektüre der "Dubliners" ist ideal für jedermann, der sich ein Bild vom kleinbürgerlichen Leben in der irischen Hauptstadt zur Zeit der Jahrhundertwende machen will. Was übrigens Gabriel, eine zentrale Figur aus der berühmten Schlußerzählung "The Dead", feststellt, ist allgemeingültig: "Mit jedem neuen Jahr empfinde ich lebhafter, daß unser Land keine Tradition hat, die ihm so zur Ehre gereicht und die es so eifersüchtig hüten sollte wie die seiner Gastfreundschaft." Recht hat er, der Dubliner!

         Die Iren sind tatsächlich sehr gastfreundlich, sie reden gerne und trinken dazu ein Guinness – oder mehr. Das gilt auch für Dichter, die man in Irland wie normale Menschen zu behandeln weiß. Und die manchmal auch Trinker sind. Wie etwa Flann O’Brien, zu dessen Popularität in unseren Landen Harry Rowohlts Lesungen ihren Teil dazu beigetragen haben. Oder auch das "Dubliner Original" Brendan Behan, der einerseits Gedichte schrieb, andererseits tagtäglich ein Dutzend Biere und drei Flaschen Whiskey trank. Seine letzten Worte sprach er im Meath Hospital zu einer katholischen Nonne: "Mögen Sie die Mutter eines Bischofs werden!" Halb Dublin war bei seinem Begräbnis im Jahr 1964 dabei.
Der ideale Ort für einen literarischen Umtrunk oder eben nur ein gewöhnliches Besäufnis ist ohne Zweifel Temple Bar. Seriöser und gebildeter geht’s gleich nebenan im Trinity College zu, wo keine Geringeren als Jonathan Swift, Thomas Moore, Samuel Beckett oder Oscar Wilde studiert haben. Letzterer schrieb zwar geniale Gedichte, war aber wegen seiner Homosexualität bei den ach Gott so katholischen Iren weniger beliebt.
Bücherfreunde kommen an den Trinity College Calonnades unmöglich vorbei. Dort befindet sich der "Long Room", wohl eine der schönsten Bibliotheken Europas. Und das Buch der Bücher für viele Iren und bibliophile Menschen auf der ganzen Welt: das "Book of Kells", eine wunderschöne Evangelien-Handschrift aus frühchristlicher Zeit.

         Dublin verkauft sich, seine Literatur und seine Schriftsteller fast so gut wie Salzburg "seinen" Mozart. Aber Tatsache ist und bleibt, dass viele von ihnen – wie anno dazumal der berühmte Komponist ja auch – das Weite suchten: Beckett ging nach Paris, Joyce auch in die französische Hauptstadt und nach Zürich, Wilde nach London. Die Heimatlosigkeit, das Auswandern und das Weggehen sind bis heute zentrale Themen der irischen Literaten geblieben. Man denke nur an Colum McCann und "sein" New York. Umgekehrt hat Irland viele Autoren ins Land gelockt. Darunter auch die Österreicher Christoph Ransmayr und Felix Mitterer. Keineswegs nur wegen der Steuervorteile, die Dichter dort genießen.

        Wer die literarische Spurensuche nicht auf Dublin beschränken will, der kann sich beispielsweise auf den Weg nach Limerick auf die gegenüberliegende Seite der grünen Insel machen. Dort spielt Frank McCourts Bestseller "Die Asche meiner Mutter". Und auf dem Weg dorthin lassen sich kulturelle Besonderheiten wie das King‘s High Cross in Durrow und das ehemalige Kloster Clonmacnoise oder Naturschönheiten wie die berühmten Cliffs Of Moher und die Mondlandschaft des Burren bewundern.

        Zum Schluss ein Buchtipp für literaturinteressierte Irland-Reisende: "Treffpunkt Irland". Ein literarischer Reiseführer von Hans-Christian Oeser (Reclam Verlag). Und ein Internet-Tipp vor allem für junge Menschen, die kostengünstig nach Irland und in andere schöne Länder dieser Welt reisen möchten: http://www.usitcampus.de

Matthias Part

Literatur: James Joyce. Ulysses. (Suhrkamp Verlag)


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