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Show me the money!

Tellerrand-G’schichten zu den großen Themen Sein, Nichtsein, Geld und Sehnsucht
allesamt in ihrer unheimlichen historischen Geworfenheit erfasst: Über Karl-Markus
Gauß’ neues Buch "Zwanzig Lewa oder tot".

Von Vasile V. Poenaru
(21. 06. 2017)

...


   "I miss you so much. There is this longing inside I just can’t figure out." Ungefähr so könnte man Gauß’ inneren Drang zum transkontinentalen Je-ne-sais-quoi donauschwäbischer Art und Weise, die konnotationsreiche Mega-Reise zurück zu seinen osteuropäischen Wurzeln, das Schnell-wieder-mal-weg-zu-mir-selber ins Englische übersetzen, wenn ja wenn man sowas überhaupt ins Englische übersetzen wollen würde.

Right! Longing.

   Also Sehnsucht nach was? Nun gut, wenn die Frage jetzt so leicht zu beantworten wäre, bräuchten wir keine Zwanzig Lewa. Keine Multi-Kultur-Trips zum Europäischen Tellerrand, kein "Wechselspiel von Erinnern und Vergessen", kein "Europa im Kleinen", keine "zu Herzen gehende Reiseliteratur, wie sie kein anderer zu schreiben weiß". Okay, das ist jetzt der Klappentext.

Der Klappentext hat nie recht. Karl-Markus Gauß hingegen hat immer recht. Dafür ist er aber freilich auch kein Text, sondern bloß ein Mensch. Und hundertprozentig recht hat er streng genommen ja eigentlich auch wieder nicht immer, wie die Gauß-Forschung angeblich in ihren neueren Positionierungen nach einigem Hin und Her weitgehend einräumte. "Ich bin nicht immer meiner Meinung", verriet der Autor übrigens einst in seiner eiskalten Wut gegen festgenagelte, unabdingbar etablierte Meinungen. Doch das ist nun schon eine Weile her.

"Meine moldawische Sehnsucht", so der Titel des ersten der vier Teile des Buches. Ein Titel, der auch als Titel des Ganzen hätte herhalten sollen, können und dürfen. Und nun wissen wir’s: Es ist die moldawische Sehnsucht. Eine moldawische Sehnsucht. Seine moldawische Sehnsucht. Gauß’ Sehnsucht. Die Sehnsucht nach

Ja, nach.

   Unsinn. Wir wissen nichts. Vier Reisen. Zweihundert Seiten. Zsolnay Verlag, 2017. Zwanzig Euro. Intrinsiche Fragezeichen als Weltanschauung-Wegweiser. Achselzucken. Bejahen. Verkünden. Bezweifeln.

Kultur-Scout, fährst du nach Ga...?

   Sehnsucht nach demjenigen, "der ich einmal war oder der ich, ehe ich es vergessen hatte, gerne geworden wäre"? Da hilft nur eins: Man begebe sich auf authentische Reisen. Mit Verstand und Gemüt. Alteuropäisches Tempo. Spärlich gehupt. Augen offen. Richtung Gauß.

Jajaja! Oder besser gesagt: Jajajajaja!

   Seitdem ich nämlich irgendwie in wundersam rätselhafter Manier spürte, dass es dieses tolle Buch der zwanzig Lewa gibt, dass es diese eigenartige Devisen-Lektüre schlechthin geben muss, zerrte irgendwas in mir. Ein Gedanke aus purem Sinn: Das Ding will ich haben, werde ich haben! Ich wusste es einfach. Ebensogut wie Seine Durchlaucht der Sultan einst, vor ein paar wenigen Jahrhunderten, ganz genau wusste, dass er am allerliebsten ganz Bulgarien sein eigen nennen würde, als er eines schönen Morgens (es ward bald Frühling; türkisch: Bahar), den berühmten Spruch von sich gab: "Bulgaria jajaja!"

Gesagt, getan. Und jetzt winkten mir zwanzig fröhliche Euro aus einem reichlich mit Mehrwert bestückten Verlagsprodukt ohne Verfallsdatum. Welcher Leser würde das nicht gern haben? Einen Zwanzig-Euro-Schein als Lektüre! Zwanzig Euro oder tot. Nein, nicht zwanzig Euro. Zwanzig Lewa. Alles klar. Und ganz lebendig. Nulldefizit in Sachen Besitz und Bildung.

   Hand aufs Herz: Reiseberichte von Karl-Markus Gauß, das sind, wie der hochverehrten Leserschaft in deutschen Landen mittlerweile bereits wohlbekannt sein dürfte, partout keine bloßen Reiseberichte, sondern anspruchsvolle, kulturwissenschaftlich fundierte Kundschafter-Ritte. Ritte, die wo hin führen. Total harmlos. Im erzählenden Stil verabreicht. The price is right. Die story sitzt. Sowas gelingt nicht jedem.

Auf dem Schutzumschlag ist ein älterer Herr zu sehen, der eine Henne an der Leine führt. Nun gut, es handelt sich ja eigentlich gar nicht um eine Leine, sondern um eine Schnur. Und dieser Ansatz ist es denn auch, der uns schnurgerade ins Innere des Buches führt. In vier Welten, die Gauß genauestens ausmisst, um sie uns näher zu bringen, und in die fünfte: in sein, nein, in unser good old Salzburg. Alles ist super.

"Und plötzlich, im tiefen Wald, begriff ich, daß ich mitten im Dorf stand." So hatte uns der Autor vor ein paar wenigen Jahren veranschaulicht, was ein Perspektivenwechsel bewirken kann bzw. was es so alles mit dem schönen Begriff Standpunkt und mit seiner transeuropäischen Gewachsenheit auf sich hat. (Die sterbenden Europäer)

   So auch hier. Man schreibt das Jahr 2013 (oder 2014; wer nimmt das schon so genau? ). Man liest Seite 19. Vorne Seite 20, hinten Seite 18. Alles scheint brav linear vor sich zu gehen. Man befindet sich in Bessarabien. Hinten die Vergangenheit, vorne die Zukunft. Genau wie erwartet.

Wir wenden das Blatt. Und plötzlich, sozusagen mitten drin in Bessarabien, merken wir, dass wir ja eigentlich schon wieder in Salzburg sind. Und auf einmal geht’s die Salzburger Bessarabienstraße entlang. So hinreißend kann eine Reise in die Ferne geraten. So nah kann sie enden.

Stets mit Gauß, nie ohne ihn.

   Solche Wege, die immer wieder gerade dann zu einem selbst führen, wenn man felsenfest davon überzeugt ist, mal wirklich ganz weit weg zu sein und gewissermaßen in den exotischeren Winkeln des Gemüts die Erfahrung des Fremdartigen par excellence gemacht zu haben, verbinden in der Tat wieder, was die Mode streng geteilt. Zu solchen Ärmeltricks greift Gauß öfters, wenn er sich flink zu den anderen schleicht, um zu sehen, mit welchen Augen sie uns sehen.

Freilich sind es keine eigentlichen Ärmeltricks, keine billigen Tricks im wörtlichen Sinne, die da bei einem scharfsinnigen und sprachlich begabten Gauß ihre belehrende Wirkungskraft mitspielen lassen, wenn er aus Worten Bedeutung schöpft, sondern eben diejenigen Konnotationen des Begriffs, die etwa im englischen Ausdruck "That’ll do the trick" stecken. Das sitzt.

   Und eins steht jedenfalls fest: Gauß' Menschen werden Brüder. Dieser Autor versteht sich auf Götterfunken. Er weiß, wie man das Große aus dem Kleinen birgt und wie man die Landkarten der Seele liest. Das ist nur recht und billig. Karl-Markus Gauß erweist sich jederzeit als sehr detailfreundlich und eben auch als sehr detailkundig; nicht jedermanns Sache.

Er versteht es immer wieder, für die Schwächeren, für die Benachteiligten, für die sozusagen in Acht und Bann Geratenen zu sprechen, selbst wenn sie mal gerade nicht in Acht und Bann stehen. Geschickt baut der Autor Vorurteile und Mythen des modernen Europäers ab, etwa in der Art und Weise, wie er die "Zirkulation" des Geldstücks verfolgt, das er den drei Roma-Kindern gibt und das von diesen wider Erwarten zunächst in erstaunlicher Besonnenheit entsprechend umgetauscht und alsdann brüderlich aufgeteilt wird. Auf jeweils ein paar wenigen Seiten gelingt es dem Autor mehr als nur einmal, uns davon zu überzeugen, dass unsere Vorurteile möglicherweise selbst dann fehl am Platz sind, wenn sie auf Anhieb bewahrheitet zu werden scheinen.

Der Schein trügt. Auch der Zwanzig-Lewa-Schein. "Zwanzig Lewa oder tot" bedeutet in diesem Buch: "Wenn ihr mir nicht zwanzig Lewa schenkt, bin ich bald tot."

   Dieses unentwegte Bestreben, die Menschen vom Tellerrand und eben auch die Länder der Peripherie mit in die Diskussion zu holen, sie ins Gespräch zu retten, ihren Standpunkt zu vertreten, auf dass sie nicht verkommen, auf dass wir uns nicht von ihnen, unseren Mitmenschen, lossagen, ist eine lobenswerte humanistische Leistung. Dieses Bestreben spricht den Leser umso mehr an, als es konsequent stilvoll und oft genug mit viel Witz inszeniert wird. Auch deswegen zieht einer da gern seinen Hut.

Und irgendwie gewinnt man bei Karl-Markus Gauß bisweilen den Eindruck, er sei der letzte europäische Romantiker, der letzte letzte Romantiker Europas, unseres guten alten Kontinents. Und wenn wir mit ihm durch diese seine irgendwie doch recht rätselhafte Seelenlandschaft der Peripherie wandern, hier das Gegacker einer verwunschenen Innenstadt, da das Schweigen eines vergessenen Friedhofs erkunden, wenn wir uns mit Gauß lesend zwischen den Schlaglöchern der Geschichte sehnsuchtsstrotzender Orte hindurch schleichen, so wie er sie uns erzählt, ja dann kommt langsam, aber sicher jene Mutation der Anschauungsweise zustande, anhand derer wir Gauß’ Europa auch mal selber mit abstauben und dabei ganz gemächlich, ja ganz beiläufig unser eigen nennen. Und so werden denn auch wir, die eigentlich im Denken wie im Empfinden völlig anderswo verankerten Leser, gleichsam unwillkürlich zu einem Teil von jener Kraft.

"Hoppla!", würde der Autor jetzt sagen. Und er würde natürlich recht haben. Denn der Autor hat ja wie gesagt immer recht. Oder jedenfalls fast immer.

   Und irgendwie, irgendwo, irgendwann muss der Leser wennschon auch nur im Flüsterton (ich aber sag’s ja wie immer ganz laut) bekennen: So eine alternative Wirklichkeit unserer selbst hätten wir uns, ganz auf uns allein gestellt, nicht im Traum ausmalen können. Nostalgisch gefärbt, romantisch verklärt, und doch immer wieder so durch und durch modern, so sachlich, so naturgemäß aus den Dingen heraus geschrieben.

Irgendwo jenseits des neuen Limes ballt sich was zusammen. Es ist das Gefühl, von der Weltgeschichte fallen gelassen zu werden, aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit getilgt worden zu sein, das Gefühl, nicht mehr voll und ganz dazuzugehören. Voller Sehnsucht nach einer alternativen Existenz greift ein Österreicher namens Karl-Markus Gauß zu seinem rotweißroten Bleistift – und schreibt sich den Weg frei, der ins Innere führen soll.

Das ist so sein Ding. Unser Europa.
 


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