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EU: Wie weiter? Wo geht’s entlang?

Eine Besprechung von Karl Markus Gauß’ 10-Länder-Sonderangebot:

"Wirtshausgespräche in der Erweiterungszone"

Tief in die oft divergierenden Mentalitäten der neuesten Europäer wagt sich
dieser  Salzburger Kultur-Scout hinein, um der Integration auf die Zähne zu fühlen. Er ist
nicht immer optimistisch aufgelegt, doch einfach in die Rolle des Euro-Skeptikers
zu schlüpfen, das wäre ihm zu viel
oder eben doch zu wenig.

Von Vasile V. Poenaru
(18. 09. 2006)


     Kein biederes Alltagsgeschwätz beim mehr oder weniger unentbehrlichen Veltliner, sondern regelrechte Erweiterungsgespräche mit Hand und Fuß innerhalb eines identitätsstrotzenden Gebietes, das Konjunktur verspricht. Der Titel dieses Buches hat was auf sich. Er klingt nach Wirtlichkeit, nach besonnener Bürgerlichkeit in der bisweilen unbesonnen Integrationspolitik eines Kontinents auf der Suche seines Grenzen transzendierenden Selbst.

Nein, er klingt nach Stammtisch. Nach Wandel und Einweihung. Nach einem zum Teil kapriziösen Gesamtblick über die Verwendbarkeit des neuen europäischen Zeugs. Nicht nur liegt dem Rezipienten seine überregionale kulturgeschichtliche Ausstrahlungskraft schon auf Anhieb ungemein nahe, sondern sie reicht sogar ungemein fern in die hinreißende Tiefenpsychologie der Lektüre. Ein bisschen Historiker, ein bisschen Bleistiftmeister und ein bisschen Winzer sein, dazu braucht man gute Stube und einen gesunden Appetit auf große und kleine Worte. Jedes Journal von Gauß ähnelt dem Gespritzten: halb reiner Perspektivenumschlag, halb diffuse Provokation.

    Der europäischen Stunde von ihrem mutmaßlichen geographischen Rand her auf die Schliche kommen. Gemeinsam nach Utopia aufbrechen. Durch ein Gläschen in seinen Standortbestimmungen gefestigt, durch zwei Gläschen in seinem Orientierungssinn verunsichert werden. Einfach aufbrechen: Wohin? Mit welchem Geschmack, mit welch geschichtlicher Einsicht, mit welchen Vorurteilen gewappnet? Man denkt sich leicht in verwandte semantisch-gesellige Alternativen rein, die die Zunge lockern, den Geist allerdings bis zu einem gewissen Grade trüben. Gute Küche, Geselligkeit, Rausch, sprachlich begabte Konkneipanten und die freudige Lektüre von Zeitungen und/oder Reiseberichten tummeln sich in diesem Begriff herum, geraten durcheinander, werden auseinander gerissen, von einander abgeleitet. Doch "Kneipengespräche" wäre zu Deutsch, "Heurigen-Gespräche" zu österreichisch, "Schlibowitz-Gespräche" zu östlich (zu erweitert?). Und außerdem gibt’s sowas wohl kaum. Mit "Pub-Gespräche" ist es offensichtlich auch nicht getan. "Pub", das riecht zu sehr nach Whisky oder Gin, wo doch ein anständiger Obstler, ehrlich gesagt, schon eher angebracht sein dürfte, den Beitrittsländern gleichsam als anschauliches Hilfsphänomen, ja als dienliche Alltagsmethaper des Euro-Gefühls im Rahmen des Beitritts "beizutreten". Dann eben Fine-Dining-Talk? Nein, kein Fine Dining. Und kein Talk, sondern eben Gespräche.

Als Karl-Markus Gauß im April 1998 Heft Nr. 323/324 von Literatur und Kritik der Osterweiterung widmete, meinten in Österreich noch viele, man sollte sich gegen die Beitrittsländer abschirmen, damit deren Staatsbürger nicht etwa österreichischen Grund und Boden betreten. Jetzt meinen noch viele, man sollte sich gegen das Wissen um den Kulturreichtum der neuen Euro-Länder abschirmen. Offensichtlich teilt Gauß diese Meinung nicht.

   Go East: Warum das Wort sitzt? In welche Himmelsrichtungen es eigentlich weist? Für wen es ertönt? Für wen es abtönt? Lauter Halbfragen, die zwischen den Zeilen, zwischen den Seiten dieser geistreich dargebotenen Erweiterungstour versteckt liegen. Die semantischen Nebenerscheinungen der Begriffe rufen eine unwillkürliche Neugier nach dem zugrundeliegenden politischen Diskurs wach – und zugleich ein gewisses kollektives Kompetenzgefühl. Ein Wirtshaus hat nämlich offensichtlich mit Wirtschaft zu tun. Darauf meint sich jeder zu verstehen. Und Gepräche in der Erweiterungszone muss es ganz bestimmt geben, sonst gibt es ja keine Erweiterungszone. Speisekarten schaffen Verbindung – auch in Buchform. Die Faustregel im Sack: Wer frisst, der ist.

Dass es Gauß gerade in die Gastronomie verschlagen hat, damit er aus historischer, linguistischer, ethnologischer, ethischer und ästhetischer Perspektive ermitteln kann, was denn größer wird, wenn was größer wird, weist auf das zentrale Prinzip der EU hin: auf die ökonomischen Überlegungen, aus denen sich kulturpolitische Konsequenzen ergeben. Wenn sich einer Politik und Kultur durch den Magen gehen lässt, vermag er die gesamteuropäische Speisekarte wohl besser zu lesen. Prost im Ryhthmus der Neunten so ganz ohne Umstände. À la Gauß?

    Unterwegs nach Europa. Ausganspunkt: Österreich. Endpunkt: Salzburg-Wien. Nun gut, die Strecke Salzburg-Wien ist freilich an sich kein Punkt im engeren Sinne, genauer gesagt, diese Strecke ist überhaupt kein Punkt, ja kann es nicht sein, sondern offensichtlich eine Linie, womöglich sogar eine Linie im weitesten Sinne, aber jedenfalls keine gerade, zuckt sie sich doch sozusagen recht unkontinuierlich durch ein in mehrfacher Hinsicht recht ansehnliches Stück Neu-Europa.

Lange war der Autor "nur lesend auf europäische Wanderschaft gegangen" (S. 79), und lesend folgen wir ihm nun – denn außer "seinem" Fotografen Kurt Jandl leidet er ja kaum Begleiter auf abwegigen Schnüffel-Touren. Tief in die oft divergierenden Mentalitäten der neuesten Europäer wagt sich dieser Salzburger Kultur-Scout hinein, um der Integration auf die Zähne zu fühlen. Er ist nicht immer optimistisch aufgelegt, doch einfach in die Rolle des Euro-Skeptikers zu schlüpfen, das wäre ihm zu viel oder eben doch zu wenig.

    Weil Gauß in Salzburg wohnt, fängt das Buch natürlich in Salzburg an, und zwar in einem von einem türkischen Zyprioten geführten griechischen Restaurant (in der Tat eine Erweiterung). Und dann geht es über Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, die Slowakei und Slovenien nach Malta, der Insel, die sich zum EU-Beitritt nicht weniger als 76 Sonderklauseln ausgehandelt hat, weil sie so günstig, d.h. so strategisch liegt. Die kulinarisch-diskussionsfreudig angekündigte Textreise führt dicht heran an ihre semitische, doch in lateinischen Buchstaben geschriebene Sprache, die "in der wechselvollen Geschichte des Landes gewissermaßen Grammatik geworden ist." (S. 67) Als gleichsam essayistisch-kulturwissenschaftlich bedienter Textkonsument liest man sich leicht selber mit hinein in die offene Diskussion rund um den erweiterten Alltag und fragt bald unvermittelt: Könnte eine solche Sprache etwa haltbare Spielregeln für die Integration stiften – auch über Malta hinweg?

Der Zeitplan lässt wenig Ruhe. Neue Gerichte warten, neue Urteile werden gefällt, neue Erkenntnisse gezeitigt, aneinandergereiht, aktualisiert, gestapelt. Ein leiser Verdacht schlüpft wie subversiv durch den Text: die europäischen Ecken sind in Wirklichkeit rund. Man legt den Verdacht beiseite, hebt ihn auf, schreibt ihn nieder, versiegelt das Schriftstück, archiviert es – wie als sei man in Bruxelles. Des weiteren saust man mit dem Bartok-Bela-Express nach Ungarn. Nein, nicht aus Malta, aus Salzburg. Und eigentlich geht es ja gar nicht nach Ungarn, sondern bloß nach Wien. Immerhin dauert die Fahrt volle fünf Stunden, die man ja strenggenommen in Ungarn verbringt. Denn "der Bartok Bela ist ein Zug der Österreichischen Bundesbahn, aber sein Speisewagen ist ungarisches Territorium." (74)

    Von Wirtshaus zu Wirtshaus bewegt sich der Leser innerhalb des Textes, innerhalb der jornalistisch, der literarisch verklärten Erweiterungszone europäischen Selbstverständnisses. Oder das Wirtshaus bewegt sich sogar mit – wie im Falle dieses interkulturellen österreichisch-ungarischen Speisewagens. Plaudern kann der Gesellschaftskritiker stundenlang in so einer mobilen Instanz der Doppelgastronomie, besonders, wenn er sich etwas davon verspricht. Denn zu einer ökonomisch bedingten Gemeinschaft gehört eine kulturelle Identität. Zu einer Esskultur gehört eine Quatschkultur. Zu einer Frage gehört eine Antwort.

Zwischen geschichtlichem Verhängnis und politischer Voreingenommenheit liegen viele Standortbestimungen herum – jeder Reisende kann sich bedienen, ob nun Autor oder Leser. Der Autor will allerdings keine Antworten parat haben, sondern vielmehr zum Staunen anregen (wozu sein Ton freilich unter Umständen zu belehrend klingen mag). Wenn man das Buch als eine Art Gauß-Express zur Europakunde betrachtet, so braucht man keine neunzig Seiten, um sich durch zehn Beitrittsländer, das heißt durch zehn bereits beigetretene Beitrittsländer herumzustaunen (Zählen Österreich und Bayern, so sind’s ihrer möglicherweise gar zwölf).

Ein treuer Leser, ein bildungsfreudiger Europäer, ein neugieriger Buch- und Bildkonsument wäre dann wohl sowas wie ein verdauungstüchtiger Stammgast in Gauß’ abwechslungsreichem Restaurant am unbeständigen Ende unseres nicht-linearen Kontinents.


 

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