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Kritik des reinen Herzens

"Wer sich aber zu einer Kultur bekennt, muß Schuld auf sein Gewissen laden.
Es ist der Genuß einer Kultur, zu dem man sich bekennt, die Wollust einer Sprache,
die man sein eigen nennt, die ästhetische Verführung einer Mode, von der man
nicht weiß, wohin sie führt. Viel Glaube und viel Aberglaube sind
zu überwinden, wenn man weiter will..."

Von Vasile V. Poenaru


    Ich bin nun dreiunddreißig: an der Mitte eines Weges, der mich wo hinführt. Ich habe bisweilen sehr stark an verschiedene Dinge geglaubt, mal mit Herz, mal mit Verstand, und bin verhältnismäßig früh darauf gekommen, daß ein Infinit auch im Kleinen existieren mag. Die Konsequenzen blieben mir meist versperrt.

Dem Nachhall trauter Werdung nachzulauschen war nie mein einziger Zweck, doch wohl eines meiner liebsten Gepflogenheiten. Weil Zeit ein so großes Fragezeichen ist, staunte ich ebenso gut wie jeder andere, wenn ich irgendwo darauf stieß. (Es gibt ja überall so viele Falten in dem lichten Material, das unsere empirischen Erfahrungen ausmacht.) Die Uhr tickt zwar freilich auch, aber wer hört schon auf sie? Und außerdem tickt sie unregelmäßig. Daß zwischen den Sekunden was übrigbleibt, war mir mehr als einmal aufgefallen. Es zog mich dahin, nach einer Gesamtperspektive des Augenblicks Ausschau zu halten. Es zog mich dahin, wo im Gedanken Gedanken blitzen, weit hinaus und tief hinein, allein ich wußte nie gut, warum und wie. Und ich konnte das Blitzen nie richtig deuten und die Gesamtperspektive nie richtig erfassen. Alle höheren Befunde lagen nämlich immer sehr hoch, ich schaute sie mir manchmal neugierig oder gar bestürzt an und ging dann wieder weiter durch gängigere Worte und Pässe und Erfahrungen und Offenbarungen.

     Nicht selten war ich in meinen jüngeren Jahren bereit, mich hundertprozentig für sogenannte Ideen einzusetzen, hinter denen sogenannte Ideale standen, die ich ahnte. Ich bin auch jetzt noch bisweilen gerne bereit, mich unter Umständen für jedes auch nur halbwegs anständige Beschäftigungssegment des Geistes hinzugeben. Da die Reizschwellen der Vernunft unentwegt modelliert werden, sind vernünftige Reize bei jeder begrifflichen oder sonstigen Bedeutungsproduktion vonnöten. Ich sehe deshalb die universale Brauchbarkeit wahrhafter Genüsse auch im erkenntnistheoretischen Bereich durchaus ein. Nur sind sie so schwer ins Konzept zu bringen.

Wo das Licht an ist, will ich sehen. Wo das Licht aus ist, will ich erkennen. Wenn mein Licht ausgeht, wird es sein, damit die Leute merken, daß ich da war. Ich will dazu beitragen, angemessene Wege in das Verständnis von Algorythmen des Gemüts zu erschließen: zur Phänomenologie biomagnetischer Willenskraft: zur Ästhetik innerer Protokolle : zur Rethorik angelernter Streitsucht: zu den ontologischen Neudefinitionen der Stunde. Aber natürlich sind das auch wieder nur Phrasen. Ich will mehr.

    Kritisch weilt mein satter Blick diesseits des Vorhangs, die Bewegung in den Kulissen ist nur gedacht. Mysterien wandern um mich herum, warten auf eine rationale Deutung, auf eine dinglichere Verwendung. Schräge Wahrheiten versperren den Weg. Viele Gewißheitsbedürftige postulieren tagsüber, schlafen in der Nacht. Traumlos. Aus halber Seele. Bei den Postulaten hat man aber sehr spärlich zu sein, sehr sorgfältig, sie kippen leicht um. Dann müssen sie neu gesetzt werden, ganz hoch droben und ganz geradlinig. Dicke Bücher werden darüber tagsüber verfaßt, manche versperren den Weg. Ich hab nur einen Faden.

Denn mein Nachhall soll nicht überheblich sein. Er soll nicht an den letzten Dingen kleben, und auch nicht an den ersten. Anschauung und Ersinnung sind mir gleich wichtig, auch Lust und Unlust an den Dingen und deren Beweisführung. Die Angst auch: die Angst, da zu sein: die Angst, nicht da zu sein. Und sämtliche Impulse des Menschlichen, vor allem die angenehmen. Ich kann nämlich leider ganz schlecht mit Schmerz umgehen, deswegen werde ich auch den Weltschmerz weitgehend meiden. Aber die Sinne sind bei mir ansonsten ganz in Ordnung. Jeden Morgen pumpt mein Herz munteres Blut durch einen offensichtlich mir gehörenden sinnlichen Körper, durch meinen sinnierten Körper. Es trommeln sich Partikeln von Kunst und Idee in die Sagkraft hinein, die wiederum zu sinnstiftenden Wellen pulsierender Lebensdynamik gehören. Irgendwie treibe ich, doch irgendwie lenke ich. Flut und Ebbe einer Semiotik der Instinkte umfangen Vernunft wie Verstand. Was bleibt, ist eine Kritik des Herzen, des reinen Herzen.

     Nach Dreiunddreißig folgt die Ewigkeit. Es folgt das Unbehagen an Vorstellungen, die mit Glück und Zweck und Selbst und Sinn zu tun haben. Es folgt das Ineinanderfallen sequentieller Bedingtheit von Träumen, das Auseinandergehen von Mythen. Die Metapher wirken fremd, die Erfolge wirken fremd, und sogar das Versagen wirkt fremd. Ich bin nicht mehr, der ich bin.

Ein zwingender Multiplikationsfaktor liegt jedem Gedanken zugrunde, den ich je hegte. Das Echo kann man immer dreimal hören, und dann geht es im Stillen weiter. Weil nichts, was je war, je vergeht. Ich hab mir darüber lange den Kopf zerbrochen, es ist wirklich so. Von jedem Ereignis eines jeden Universums bleibt eine elektromagnetische oder biomagnetische Welle übrig. Das Überleben von Sinnbildern ist eine Frage der Modulationen. Was wir als Personen zu empfinden meinen, sind Gefühle. In der Datenverarbeitung aber sind es nur Ziffern. Seitdem ich die Frequenzen in den Computer gespeichert habe, kann ich ihn nicht mehr ausschalten.

     Gut sei der Mensch, edel und gerecht. Ich hab mir sagen lassen, daß der Kulturmensch höhere Ansprüche darauf walten läßt, gut, edel und gerecht zu sein. Wer sich aber zu einer Kultur bekennt, muß Schuld auf sein Gewissen laden. Es ist der Genuß einer Kultur, zu dem man sich bekennt, die Wollust einer Sprache, die man sein eigen nennt, die ästhetische Verführung einer Mode, von der man nicht weiß, wohin sie führt. Viel Glaube und viel Aberglaube sind zu überwinden, wenn man weiter will. Ich hab mir sagen lassen, daß die Ewigkeit greifbar ist, weil sie räumlich ist. Deswegen wurden Hemmungen eingebaut, damit der Mensch sich nicht frühzeitig am Zeitlosen vergreift und zu viele unerlaubte Dimensionen zeitigt. Ich hab mir sagen lassen, daß man kein Licht sieht, wo es nur Licht gibt.

Natürlich fällt es eher schwer, an der Zweckmäßigkeit kognitiver Prozesse zu nagen. Man muß immer vortäuschen, mehr aus dem All zu bergen, als wirklich da ist. Doch wie sonst könnte sich denn einer noch für irgendeine Idee begeistern? Auch fällt es zum Beispiel nicht leicht mit Genauigkeit zu bestimmen, was ein Junge und ein Mädchen denn eigentlich wollen, wenn sie was wollen. Deswegen hatten die Fürsten früher immer einen Haufen Dichter um sich. Und Philosophen. Und Weissager und Träumedeuter und Musikanten und sonstige professionelle Hoflieferanten.

     Heute war ich wieder einmal draußen bei den Tateifrigen. Sie haben viel Material angehäuft für die Gewährleistung optimaler Glückseligkeit. Ich soll ihnen bei der Arbeit helfen. Ein ganz großes Teleskop haben sie sich angeschafft, durch das man sich die Wahrheit unseres Daseins und das Wesen der Dinge vorzeigen lasse, besonders das Wesen derjenigen Moleküle, aus denen geistige Befunde enstehen. Weil das gegen meine Prinzipien stieße, werde ich keinen Blick darauf richten, und wenn schon, dann doch vielleicht nur einen ganz flüchtigen. Ich zweifle jedenfalls sehr stark daran, daß Liebe ein quantifizierbarer Wert sei.

Über geistige wie materielle Gewinne und Verluste hinweg reicht das Bedürfnis einer erbaulichen Tätigkeit positiv dünkender Instinkte immer weiter in die Geworfenheit expandierender Paradigmen des Seins. Ob nun mikroskopisch oder kosmologisch: Es ist eine unwahrscheinliche Anmaßung, dem Prinzip nahe zu kommen, an dem herzhafte Algorythmen der Bedeutungsdämmerung beseelt werden, und ich weiß auch warum. Schon Confucius vertrat ja die Meinung, daß nichts schwerer fällt als eine schwarze Katze in einem dunklen Raum zu finden, besonders dann, wenn keine Katze da ist.

     Mein Schicksal hat einen Sinn, jedes Schicksal hat seinen Sinn. Mit Zuversicht, nein, mit Verzweiflung krampfe ich mich jeden Morgen an diesen wohltuenden Gedanken. Ich glaube daran, daß es irgendwo in den tieferen Gründen bestmöglicher Anschaulichkeit darauf ankommt, was sich im Herzen abspielt: dort wo die Gemüter tanzen: wo das Ebenbild einer Träne die Paradoxe der Innenwelt widerspiegelt: wo die Heiterkeit des Augenblicks aus unendlicher Dichte wahrscheinlicher Bezugsysteme hervorsprudelt. Wenn ich nicht daran glauben könnte, wäre ich ärmer.

Das offene Fenster läßt ein Leuchtbild fremder Sterne in mein Zimmer. Phantasien der nächsten dreiunddreißig Jahre reihen sich um meinen Schreibtisch. Das Telefon klingelt. Termine warten vor der Tür. Der Mensch ist ein soziales Wesen.

Eine leise Stimme ruft aus mir hervor: ein loser Schall entwirrter Sehnsucht, der beständigeren Koordinaten des Gemüts entsagte und nun gemeinsam mit mir in die loderne Flüchtigkeit spontaner Genugtuung der Erkenntnis strömen will. Ein leises Rufzeichen. Soll ich ihm folgen?

Vielleicht ist es mir ja wirklich beschieden, gut zu sein. Und edel. Und gerecht. Vielleicht besteht in der Tat irgendein Kontinuum von Herz und Verstand, das sich durch die Linearität der ungestümen Wörterschar falten läßt? Vielleicht sollte ich die verpachtete Anständikeit der Empfindung bis auf Widerruf im Reiche meiner Reflexion aufheben? Wenn ja, dann gibt es in der nächsten Weile wieder einmal viel zu tun.


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