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Warum nerven Österreicher?
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Jenseits von Austropop, Wiener Schnitzel und böhmischen Knödeln.

Von Vasile V. Poenaru
(29. 02. 2012)

...



Vasile V. Poenaru
bardaspoe [at] rogers.com

geboren 1969, zweisprachig
aufgewachsen, Studium der
Germanistik in Bukarest,
darauf Verlagsarbeit und
Übersetzungen. Lebt
in
Toronto.

 

 

 

Walter Lendl.
Darum nerven Österreicher.
Piper, 2009, 224 S.
ISBN:
3492253539.

 

 

 

 

Der reichlich argumen-
tierte und meist recht
verständlich gestaltete
Diskurs über die soge-
nannten nervenden Öster-
reicher dreht sich oft um
die einfachen Dinge, kratzt
aber immer wieder auch
an der Oberfläche, an der
Tradition, an den Mythen,
um das schöne Sein hinter
dem schönen Schein
durchblicken zu lassen.

 

 

 

 

 

 

Was übrig bleibt, ist
die Frage: Hat dieses
essayistische Werk des
außenstehenden Insiders
einen Nerv der Österreicher,
des Österreicherseins
getroffen?

 

 

 

 

 

 

"Die Ösis sind die besseren
Deutschen", meint Lendl
ironisch. Und der Leser
weilt in Gedanken in der
guten alten Hauptstadt
des Landes Tirol – und
liest dort die Werbung am
Flughafen: Innsbruck ist
das bessere München
.

 

   "Gibt es kein Kaffeehaus, nehmen die Österreicher auch mit einer Konditorei vorlieb. Hauptsache, es gibt eine ordentliche Kaffeemaschine. Und eine Tischkultur. Denn im Stehen schnell einen Espresso geschlürft zu haben, nein, das ist nicht gefragt." Der Exil-Österreicher Walter Lendl geht in seinem 2009 bei Piper erschienenen Band über die nervenden Österreicher aufs Ganze. Er will wissen, wie "die Ösis" eigentlich sind. Besser gesagt, er weiß es. Er will, dass es auch die Deutschen wissen, er will wissen, wie man’s Wissen weiß ... Nein, schon wieder verfehlt. Das ist Brecht. Und Lendl hat zwar ein klein bisschen Brecht, ein klein bisschen Bernhard und ein klein bisschen Kraus an sich, bleibt aber oft eben doch eher im Alltäglichen verankert, das er allerdings recht gut (und auch mal kreativ) abbildet. Unterhaltsam, informativ und scharfsinnig gestaltet sich sein Diskurs, der Diskurs eines gemäßigten Nörglers (wenn es sowas gibt), fast immer auf den Punkt gebracht und oft genug sachlich und diszipliniert aufgebaut.

Möglicherweise ist der Titel dieses vorzüglich unkonventionell-provokativ geratenen Kaleidoskops des Wesens der Österreicher und des Österreichischen insofern irreführend, als er der Breite des vom Autor im Rahmen seiner durchaus lobenswerten Ansätze einer Definition der spezifisch österreichischen Eigenschaften herangezogenen analytischen Arsenals nicht ganz Genüge tut. Es werden in diesem lustigen Buch nämlich auch viele durchaus ernsthafte, ja gravierende geschichtliche, sozialpolitische und kulturtheoretische Aspekte rund um die Hauptstadt der Musik angesprochen, so der in den zwanziger Jahren erfolgte Aderlass der Intelligenz, der dann 1934 der Ständestaat und 1938 der Anschluss endgültig den Garaus machten, wonach sich das einst so prächtige und auch auf geistiger Ebene so lebendige Österreich nie wieder erholte – oder doch jedenfalls jahrzehntelang nicht. Der reichlich argumentierte und meist recht verständlich gestaltete Diskurs über die sogenannten nervenden Österreicher dreht sich oft um die einfachen Dinge, kratzt aber immer wieder auch an der Oberfläche, an der Tradition, an den Mythen, um das schöne Sein hinter dem schönen Schein durchblicken zu lassen.

   Österreichisches Deutsch (Deitsch?): "Nach der Ausbildung geht man 'hack'ln' (von Salzburg bis ins Burgenland), 'schöpfen' (Steiermark und Kärnten) oder 'sich schinden' (Tirol), während man in Deutschland bis zur Rente schuftet." Der Makler ist (bzw. war) in Österreich ein Realitätenhändler, der Einmarsch der Alliierten wird nicht Befreiung, sondern Zusammenbruch genannt, und die Realität im großen Ganzen ... nun gut, die wird jetzt nachträglich ganz anders gehandelt als bis in die Achtziger hinein.

Alles Erdreich ist Österreich untertan. Ins Kulinarische umgesetzt? Land der Strudel, Land der Schnitzel: Auf dem Umschlag der Piper-Edition stolziert kongenial ein Knödel. Reichlich mit Petersilie versehen, zentral angelegt, und vor allem groß. Hoch oben auf dem "Gipfel" des Knödels die österreichische Fahne, daneben ein Schiläufer (apropos "Schifoan"), der gerade nach unten jagt – ins zusammengeschrumpfte Land jenseits der Berge. Eine leere Seilbahn, die Verbindung schafft, gibt's auch.

"Je mehr Walter Lendl sich über seine Landsleute aufregt, desto deutlicher wird, wie gern er sie eigentlich hat" (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung), heißt es leider sonderlich unpassend im Klappentext, regt sich der scharfsinnige, witzige und oft nüchtern schneidige und offensichtlich bestens informierte Exilösterreicher in diesem Buch doch keineswegs etwa über seine Landsleute auf – und dass er sie gern hat, mag wohl stimmen, macht dabei jedoch gewiss keine so pointierte Begebenheit aus, wie es diese Formulierung andeuten will.

   Gleich im ersten Kapitel wird der Begriff Österreich, genauer gesagt, die Republik (Deutsch-)Österreich satirisch als Negativ-Produkt definiert, und zwar in Anlehnung an die 1918 ausgesprochenen Worte des damaligen französischen Ministerpräsidenten Clemenceau: "L’Autriche, c’est ce qui reste." Und wie sieht der Unterricht in der Volksschule aus? "Alles das gehörte zu uns", sagt die Lehrerin. Und jetzt? Verschwunden. Verloren. Verpufft. Weg.

Was übrig bleibt, ist die Frage: Hat dieses essayistische Werk des außenstehenden Insiders einen Nerv der Österreicher, des Österreicherseins getroffen? Über den Stil lässt sich streiten, doch hier steht jedenfalls vieles drin, was dem "Deitschen" unbekannt sein dürfte, und manches auch, was dem Österreicher unbekannt sein dürfte – aber wer will es schon so genau wissen? Gemeinplätze haben sich im Rahmen der polemisch orientierten Aufzählung dessen, was als österreichisch gelten darf, freilich auch verirrt, etwa: "Die Österreicher lassen sich gerne sehen. Wer drin ist, ist in. Wer draußen ist, existiert nicht."

"Die Ösis sind die besseren Deutschen", meint Lendl ironisch. Und der Leser weilt in Gedanken in der guten alten Hauptstadt des Landes Tirol – und liest dort die Werbung am Flughafen: Innsbruck ist das bessere München. Gemütlich. Majestätisch. Österreichisch. Von draußen gesehen tadellos.

   Asakalano? (Ein Sackerl auch noch) wird die Berlinerin an einer Wiener Supermarktkasse gefragt. Asakalano! antwortet sie höflich, so als würde sie einen exotischen Gruß erwidern, als würde sie Sayonara sagen – und darf für das Sackerl 25 Cent rausspringen lassen, so Lendl. Zwar sitzt die Anekdote, nur: Ob eine Berlinerin aus "A Sackerl a no" wirklich nicht klug wird?

Vergangenheitsbewältigung: "Adolf wer?" Und: "Vorsicht, Feschisten". Schlagzeilen aus der "chronisch reaktionären" Wiener Presse, als Bertolt Brecht (1950) österreichischer Staatsbürger wurde: "Kulturbolschewistische Atombombe auf Österreich abgeworfen" und "Wer schmuggelte das Kommunistenpferd ins deutsche Rom?" Auch das kommt alles zur Sprache – wie auch die vom "österreichischen McCarthy", dem Herausgeber der insgeheim von der CIA finanzierten Zeitschrift FORVM, Friedrich Torberg, bis in die siebziger Jahre geleiteten "wilden Attacken gegen alle Kollegen, die sich links der alles umfassenden Mitte – zu der nun auch wieder die ehemaligen Nationalsozialisten zählten – positionierten."

Lendl vergisst auch nicht, wie "die SPÖ-ÖVP-Koalition dem Volk 1995 unter dem Motto 'Erdäpfelsalat bleibt Erdäpfelsalat' die EU-Mitgliedschaft schmackhaft gemacht hatte, indem die Bürger im EU-Land Österreich vertragsgemäß Faschiertes (Hackfleisch), Paradeiser (Tomaten), Fisolen (grüne Bohnen), Obers (Sahne) usw. sagen dürfen, wie das 'Protokoll Nr. 10 über die Verwendung österreichischer Ausdrücke der deutschen Sprache' zum Beitrittsvertrag vorsieht. Heimische Esskultur auch in der EU.

   Und das höchste der Gefühle? "(...) einen Slibowitz zum Seidl, also einen Obstler (Klaren, Korn) zum kleinen Bier (0,3 Liter)" – oder am besten gleich zum Krügerl (0,5 Liter). Wozu? Diese Frage scheint der Autor in gespielter neu-österreichischer Gerissenheit vorwegzunehmen: Am End' is' ollas umasunst, wie die wienerische Übersetzung des Wahlspruchs der Habsburger (Austria erit in orbe ultima / Österreich wird ewig währen) lautet.

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