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Österreichs Visitenkarte à la Salzburg
"Literatur und Kritik" auf zwanzigtausend Seiten

Vierzig Jahre nach ihrer Gründung erscheint Österreichs traditionsreiche
Literaturzeitschrift
mit einer Auswahl von Beiträgen aus den ersten fünfundzwanzig
Jahren ihres Bestehens, um wieder einmal das schreibende Österreich
zu beleuchten: von H.G. Adler bis O.P. Zier.

Von Vasile V. Poenaru





Heft Nr. 1, April 1966

 

    Hausgemachte Skandale. Liebe Worte, böse Worte, große Worte, kleine Worte. Sie liegen in vielen Zeiten, sie liegen in vielen Heften zerstreut oder je nach Perspektive geordnet. Literatur und Kritik, die Nachfolgerin von Wort in der Zeit (1955-1965), erhebt den Anspruch auf hohes Niveau und kompromisslose Geistesschärfe. Starke Worte? Mancher treffsicherer Mitstreiter der jodelnden Sagbarkeit griff nach ihnen, um den Mythos vom sich gleich gebliebenen Ständestaat zu wahren (oder zu brechen) und das wandelnde Selbstverständnis des Donaulandes möglichst adäquat zu umschreiben. Manch einer vollzog die stillen oder doch lauten Wendungen der Nachkriegsgeschichte wie ein geschickter Walzertänzer – denn am Anfang lag die Redaktion in Wien. Manch einer stolperte über sie hinweg und ließ nie mehr von sich hören.

Literatur und Kritik ist nun vierzig Jahre alt und wird in der Stadt der Mozartknödel herausgegeben. Wäre die offizielle österreichische Literaturzeitschrift ein Mann, so würde man sagen, bald komme das beste Mannesalter. Wäre sie eine Frau, so würde man sagen, ihre Gunst habe viele Liebhaber beglückt. Wäre sie ein Traum, so könnte man wohl schließen, Schlafen sei ergiebig.

 

 

 

Aus vielerlei Perspektiven formulierte Fragezeichen. Zum Teil verflogene und zum Teil verwirklichte Hoffnungen. Dazu ein Hauch von Wehmut (aber eben nur ein Hauch): all dies bietet das November-Heft des Jahres 2005

    Nein, echt: Das sprachlich gewandte rot-weiß-rote Geburtstagskind hat seinem internationalen Lesepublikum eine Überraschung vorbereitet, so dass sich jeder deutschsprachige Kulturkonsument in aller Ruhe anschauen darf, wie die seit der päpstlichen Aufhebung des "Index librorum prohibitorum" 1966 gedankenreich vergangenen Zeiten unter dem Dirigentenstab eines Salzburger Redakteurs Revue passieren. Das Konglomerat von Neuaufbruch, Schreibkunst und kritischer Stellungnahme zieht uns hinan. Wie ein wahrhafter Buchstabenschmaus, wie eine längere Lesung, ja wie eine dicke Scheibe Kulturpolitik kommt das daher.
Vierzig Jahre nach seiner Gründung rückt Literatur und Kritik mit einer Auswahl der Beiträge aus den ersten fünfundzwanzig Jahren seiner Existenz in den Vordergrund omagialer Betrachtungen, um wieder einmal das schreibende Österreich zu beleuchten: von H.G. Adler bis O.P. Zier. Den wörtlich destillierten Einblick in ein tüchtiges Vierteljahrhundert österreichischer und europäischer Identität auf zweihundertvierundzwanzig Seiten. Aus vielerlei Perspektiven formulierte Fragezeichen. Zum Teil verflogene und zum Teil verwirklichte Hoffnungen. Dazu ein Hauch von Wehmut (aber eben nur ein Hauch): all dies bietet das November-Heft des Jahres 2005.

 

 

Die ersten Herausgeber waren Gerhard Fritsch, Rudolf Henz und Paul Kruntorad

Eine österreichische Zeitschrift, die in Wien redigiert, in Wels gedruckt und in Salzburg verlegt wurde. Ein großzügiges Medium kommunizierbarer Befunde, innerhalb dessen auch Prag, Warschau, Budapest, Bukarest, Sofia und Moskau keine Fremdwörter sein sollten: nichts weniger hatte man mit Heft 1 im April 1966 im Sinn. Das Echo dieses ehrgeizigen Schlachtplans reicht heute bis in sämtliche Österreich-Bibliotheken aller vier Winde.
Die Idee einer stärkeren Vermittlung zwischen Wort und Welt, zwischen Ost und West, zwischen Vergangenheit und Neuaufbruch lag während der sechziger Jahre in der Luft der Berge und am Strome. Als erste Herausgeber traten Gerhard Fritsch, Rudolf Henz und Paul Kruntorad hervor, von denen der zweitgenannte gleichsam als Ausdruck der Verbundenheit (und Abhängigkeit) zum damals noch vielgeliebten Geldgeber, dem Staat, agierte, wohingegen die anderen erfreulicherweise schon eher nach vorne blickten.

 

 

"In gewissen Filmgesellschaften stößt man nur allzuhäufig auf Leichen, die sich fest einbilden, lebendig zu sein. (...) Ihre Zeit ist vorbei, aber sie sind geblieben; niemand weiß, warum."

    Visconti und Canetti schafften es unter vielen anderen damaligen und späteren Berühmtheiten in die Ausgaben des ersten Jahres. Die Auseinandersetzung mit einer unbehaglichen und vor allem unproduktiven Autorität in Sachen der Kulturverwaltung, der Zwist mit dem Gespenst der Vergangenheit tritt bezeichnenderweise in Viscontis "Leichen" (S. 12) besonders plastisch zutage: "In gewissen Filmgesellschaften stößt man nur allzuhäufig auf Leichen, die sich fest einbilden, lebendig zu sein. (...) Ihre Zeit ist vorbei, aber sie sind geblieben; niemand weiß, warum." In dem Auszug aus Canettis "Aufzeichnungen" wird der Gedankenzug gleichsam kurzerhand weitergeführt: "Respekt vor Unsterblichkeit? Vor wem? Vor Cäsar, Dschingiskhan, Napoleon? Sind die allergrößten und zähesten Namen nicht die furchtbarsten?"

 

 

Seit 1991 leitet Karl-Markus Gauß die Geschicke der Zeitschrift. Er sitzt in seinem Büro in der Ernest-Thun-Straße und verträgt sich bestens mit aller Welt

Mit furchtbaren Namen um sich zu schleudern, davor hat sich die Redaktion gehütet. Allerdings kam es auch nie zu falscher Bescheidenheit, sondern ganz im Gegenteil. Ein Anflug selbtbewusster Herausforderung begleitete stets Sinn und Klang jeder Seite, jeder Zeile, jeder überdurchschnittlichen oder durchschnittlichen Leistung, jeder gemütlichen Tasse Kaffee, die ins Wort floss. Seit 1991 leitet Karl-Markus Gauß die Geschicke der Zeitschrift, um das mal so auszudrücken. Er sitzt auf der Festung Hohensalzburg und kämpft ununterbrochen mit den grimmigen Haufen der Autoren, Kritiker, Professoren, Staatsleute und sonstiger Verfechter sämtlicher herkömmlicher wie revolutionärer Literaturtheorien und sozial-politischer Tendenzen. Genauer gesagt: Er sitzt in seinem Büro in der Ernest-Thun-Straße und verträgt sich bestens mit aller Welt. Denn das "Heulen der Hunde" (S. 222) ist längst vorbei. Jetzt gibt der Staat Geld her, ohne dafür gelobt werden zu wollen. Toll.

 

 

 

"Ich empfinde die Frage Was ist Lyrik? usw. misslich. Sie beantworten, bessert nichts, vergrößert nur das Thema und ruft den Sophismus auf den Plan, der jedem Machwerk Bahn bricht."

    Wenn sich einer so durch die fünfundzwanzig hierin exponierten Jahre herumtut, trifft er das Diskussionsobjekt Österreich in einer Gestalt vor, die schon fast historisch anmutet. Man spürt die Bemühungen zur gesteigerten Lebendigkeit des Wortes, zur sinnvollen Integration, zur Herausbildung eines glaubwürdigen gemeinsamen Nenners, doch zugleich wird auch ein besonderes Augenmerk für kapriziös herausgebildete Eigenart und persönliches Einstellungvermögen offensichtlich. 1969, im letzten Lebensjahr von Gerhard Fritsch, gab es eine Umfrage zum Thema Lyrik. Bei Ingeborg Bachmann waren die Antworten Variationen von "Ich weiß es nicht." (S.41) Und Michael Guttenbrunner meinte schlechthin: "Ich empfinde die Frage Was ist Lyrik? usw. misslich. Sie beantworten, bessert nichts, vergrößert nur das Thema und ruft den Sophismus auf den Plan, der jedem Machwerk Bahn bricht." (S.46) Um derartige krtitische Impulse geht es immer noch, wenn sich die Buchstaben auf Papier reihen, was freilich nicht immer jedermanns Sache ist.

 

 

Vasile V. Poenaru
(bardaspoe@rogers.com),
Germanist und Autor (geb. 1969),
mehrjährige Tätigkeit als Journalist
für kanadische Zeitungen,
derzeit Doktorand an der
Universität Toronto.

Das Österreichische Alphabet, an das sich die Leser des Heftes schon so sehr gewöhnt hatten, fehlt dieses Mal. Aber freilich ist ja die ganze Nummer nichts anderes als ein großes österreichisches Alphabet auf kleinem literarischen und kritischen Raum: ein Alphabet, das man antasten darf, um die Sprache der dichtenden Spezies zu üben und ein Land kennenzulernen, so wie ist, so, wie es war, so wie es gern sein wollte. Ja was darf man da noch tun? Nachschlagen darf man. Blättern. Sich einfühlen. Bekannte oder halt weniger bekannte literarische Produktionen aus der Wörterschar heraus fischen. Biographien erfassen. Situationen der Sprache umdrehen. Ihren Sinn ergreifen. Träumen. Aufwachen. Von der Lebendigkeit eines Vierteljahrhunderts Zeugnis ablegen.

Literatur und Kritik Made in Austria. Wie war das damals? Wie ist das jetzt, vierzig Jahre später? Es gibt kein Rezept für Literatur. Es gibt aber ein Rezept für Spitzengefühl: In seinem Gedicht Beweisführung schreibt Gerhard Fritsch:

"Ich schwöre mit meinen Fingern,
die sich genau erinnern" (S.53)

(Ausdrucken?)


S
ämtliche Zitate stammen aus Literatur und Kritik 399/400,
November 2005, 224 S. Herausgeber: Karl-Markus-Gauß, Arno Kleibel


 

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