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Der Mann im Griensteidl

Ein Papierstich des Wiener Germanisten Günter Schopf.

Von Vasile V. Poenaru
(31. 10. 2014)

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   Eigentlich hätte es ja Kartonstich heißen sollen – nur, wer führt schon Karton mit sich, wenn er auf Reisen geht? Papier hingegen? Jederzeit! Im Wiener Café Griensteidl mangelt es nämlich keineswegs an Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten, die der Weltbürger ungeniert benutzen kann, um sich ein Bild von seiner näheren Umgebung (oder eben ein Bild von dieser Welt) zu machen. Und das Griensteidl ist – mit dem "obligaten" Kleinen Braunen, seinen gepriesenen Mehlspeisen und anderen ewig-wienerischen Kulturkonstanten – sozusagen das höchste der Gefühle. An einem sonnigen Nachmittag am Michaelerplatz in Wien die Weiten der verschollenen k. und k. Schreibweise, der guten alten demolierten Literatur erkunden: ein bisschen Karl Kraus, ein bisschen Hermann Bahr, ein bisschen Arthur Schnitzler und Hugo von Hofmannsthal, ein bisschen Hofburg, ein bisschen Burgtheater, a bisserl Oberösterreich, a bisserl Schifoan, a Hond voll Paradeiser (die kuman direkt vom Kaisa), a bisserl ... jo wos? Und ... derf's a no a bisserl mehr sein? So beginnt unser Porträt, das Porträt eines Germanisten österreichischen Schlages.

Tatsache: Im Café Griensteidl wimmelt es nur so von bekannten Persönlichkeiten aus der literarischen Welt, das weiß jeder in der Vergangenheit lebende Bücherwurm. Als ich mich aber anno 2012 kurz nach den Iden des März da mal ein bisschen umschaute, sah ich eine einzige mir bekannte Person: Dr. Günter Schopf of Schärding, einen gewiegten Germanisten und Deutschlehrer mit Rumänien-Erfahrung, der sich vor geraumer Zeit in Wien breitgemacht hatte. Groß. Schlank. Zielsicher. Freundlich. Strenger Blick. Dabei doch sehr offen, muss man schon sagen.

   Servus. Mein Wiener Germanist war pünktlich – stimmt, eine überflüssige Angabe, denn dieser Germanist, der nun schon seit gut zehn Jahren als Lehrbeauftragter der Universität Wien u.a. vor allem auch in Sachen Translationswissenschaft durch den neuen multi-wie-auch-immer Raum, durch den resonanzstarken Sprachraum, ja durch einen gesamteuropäischen Traum ungehemmter Kommunikationsprozesse spaziert, wandelt, geistert, ist immer pünktlich. Habe die Ehre. Ich saß dem Mann entgegen, der in den frühen Neunzigern als Inhaber des Amtes eines österreichischen Gastlektors vom Kaiser und König höchstpersönlich mit der nagelneuen Austria-Bibliothek in Bukarest belehnt worden war.

Jetzt, da ich in Kanada lebe, komme ich ihm andauernd zu spät. Seine Stimme ertönt mir noch wie ein sanfter, gewissermaßen gutmütig verösterreicherter, aufblitzender Donner im Ohr: "Du musst bedenken, ich bin dir immer ein paar Stunden voraus. Du kannst laufen, rennen, stürmen und sogar dahinfegen, das ist nicht aufzuholen." Na ja, sechs Stunden Vorspung. Stimmt, nicht einmal Wildtöter (oder wollen wir ihn gleich Falkenauge nennen?) könnte das wettmachen. Unsereiner, das Rudel der kanadischen Übersetzer, schläft noch, wenn in Wien nach all der vorzüglichen Translationswissenschaft des Vormittags bereits eine zweite üppige Mahlzeit auf ihre Kosten kommt.

   Und ich mach mal schnell a Buckerl, teils nur so, zum Spaß, und teils, oh well, teils halt vorsichtshalber, man kann ja nie wissen, sagen wir mal zum Abschied, just in case, denn jedes Ankommen, jedes Willkommen ist, wie uns der Dichter lehrt, zugleich ein Abschied, und mein aus dem Geiste der Translation wundersam erkorener Freund, der mit allen Wassern der Donauländer gewaschene Wiener Germanist oberösterreichischen Schlages, ist eben mal selbst unter Heranziehung modernster Translationsmaschinen bei bestem Willen nicht einzuholen – und zu Fuß schon gar nicht. Bevor ich richtig Gulasch sagen kann, ist er schon in Budapest und isst mir den Gulasch weg. So beweglich darf ein Übersetzer-Guru sein.

Dieser donaukundige Sprachwissenschaftler saust gerne auch mal dem Ursprung der Sprache nach, fast noch besonnener als Herder, und hackt dabei ungeniert und ohne mit der Wimper zu zucken (wie der berühmte Grieche Alex) das Teil vom Urteil ab, wenn's mal zu philosophisch wird. Der Nibelungendichter könnte seine Uhr nach ihm stellen (wenn er denn bloß eine hätte) – und erst recht der postmoderne Uhrenmacher Salvador Dalí, bei dem nicht nur die Zeit verfließt, sondern auch die Zeiger. Außerdem sind Wiener von alters her große Frühaufsteher – und berüchtigte Frühstückspersonen. Ach ja, und Kaffeetrinker. Und Raucher? Das war früher. Das ist heute aber gar nicht mehr so gesund. Also sagen wir mal: Nichtraucher.

   Ich merke schon, dieser Kartonstich beflügelt mich, ich will das Großartige auf Papier bringen, im Netz festhalten, in höheren Gefilden verwalten, um wie zufällig auch mal das Artige von österreichischer, von deutscher Art und Kunst zu entfalten. Unsere Germanistik spielt sich dabei wohlgemerkt hier und jetzt ab, nicht im schönen schwäbischen Stuttgart des Sturm und Drang und auch nicht im alten, 1897 abgerissenen Griensteidl, das übrigens auch Café Größenwahn genannt wurde. Und unser Germanist ist ein entsprechend wackerer Zeitgenosse, der die Zeit, unsere Zeit, aus vollen Touren genießt, einer, der sich gerne auch an die stilleren, an die sanfteren Gesetze hält und den Krug demzufolge am liebsten in zeitgenössischen Zügen entleert. Deswegen das neue Griensteidl (und das alte gleichsam im Ohr, damit es uns Licht spendet).

Günter Schopf heute. Zentrum für Translationswissenschaft. Universität Wien. "Da' sigur că da." Ergo: Er kann immer noch wenigstens ein bisschen Rumänisch. Aber natürlich. Rumänien ist er nie so richtig losgeworden.

Mal näher hinschauen: Ist das der Mann, der damals nur mit seinen siebentausend Büchern und seinem österreichischen Akzent bewaffnet auf seinem mittelalterlichen Streitross und mit seinem mittelhochdeutschen Wortschatz im Handumdrehen Bukarest, die famose Stadt im Zentrum der Walachischen Tiefebene, stürmte? Ein bisschen vergilbt wirken sie schon, meine ersten Schopf-Erinnerungen. Ich kann mich aber noch gut darauf besinnen, wie ich in den frühen Neunzigern in meiner doppelten Eigenschaft als Hungerleider und Student oft in der Bukarester Österreich-Bibliothek herumlungerte (dabei auch mal an den frischen Büchern schnupperte) und intensiv darüber grübelte, wie wohl Besitz und Bildung an den Mann kommen mögen, an den Menschen, den Textmenschen. Der "amtierende" österreichische Gastlektor (heute auch als "der Mann im Griensteidl" bekannt) legte mir ein Buch von Alfred Kolleritsch in die Hand. Die grüne Seite. Hier mein komprimierter Bericht dazu: alles brav gelesen und dann später einen Auszug daraus für die rumänische Kulturzeitschrift Secolul XX übersetzt. So funktioniert ein Austauschdienst – auch im Winter, wenn es schneit.

   Kartonstich in der Nähe des Heldenplatzes: Wie macht man das? In kurzen Zügen mal schnell die Umrisse eines Menschen wiedergeben, das braucht freilich einen tüchtigen Anlauf, einen scharfen Blick, eine sichere Hand und – warum nicht? – einen kräftigen Handschlag. Wollen wir also lieber beim Schloss Belvedere anfangen, wo sich naturgemäß (ja, jetzt schleicht sich schon wieder a bisserl Thomas Bernhard ein) der Laufsteg des Germanisten Günter Schopf befindet; oder jedenfalls wird das behauptet. Klatsch? Das Rückgrat der Germanistik. Dort beginnt unser Porträt.

Ein Meister der zweiten Lautverschiebung, mehr, einer, der im Oberdeutschen so sehr zu Hause ist, dass er das Griensteidl schon allein deswegen braucht, weil er kein richtiges grün hinkriegt ("Stimmt net, natürlich krieg i a richt'ges grien hin", meine ich ihn schon sagen zu hören – doch es ist nur der Wind). Einer, der stets gerne mit dabei ist, wenn die deutsche, wenn die deutschsprachige Literatur die Donau runterfließt, einer, der auch immer hundertprozentig hilfreich gleich einen Vierzeiler zur Hand hat, wenn der Student, der Kontrahent, der vriunt (aus dem sich dann später noch der Freund entwickelt) mal nicht so recht weiß, "waz sider da geschach".
 
Dass Günter Schopf irgendwann in den guten Neunzigern über das Thema Fest und Geschenk in mittelhochdeutscher Epik promovierte, versteht sich von selbst. Als österreichischer Buchstabenwärter in rumänischen Gefilden hat er jedenfalls so durch und durch im Nahkampf mit der mittelhochdeutschen Vergangenheit seinen Mann gestanden.

   Zufälligerweise sollte im Juli 2012, ein paar Monate nach dem historischen Griensteidl-Treff, ein – selbstverständlich in angemessener weiblicher Begleitung auftretender – grüngefärbter Mann im Garten des Schlosses Belvedere, in unmittelbarer Nähe des Laufstegs, auf dem wir beide, der ehemalige Student und der ehemalige Gastlektor, wenige Monate vorher einen gemeinsamen "Einblick in den österreichischen Zusammenhang" gewagt hatten, rund um den Begriff "bewegte Skulptur" tanzen (mehr dazu auf derstandard.at). Na wenn des net grien genuag is!
 
Um es auf den Punkt zu bringen: Der Mann im Griensteidl hat 1897 wegen seiner "Abrechnung mit der demolirten Literatur der Caféhausliteraten des Jung-Wien" von dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Felix Salten eine stattliche Ohrfeige verabreicht bekommen. Jener hieß Karl Kraus. Hundertfünfzehn Jahre später? Dem Mann im Griensteidl werden von seinem ehemaligen Studenten die Leviten gelesen (dieser heißt nicht Kraus) – oder ist das umgekehrt? Nur die Zeit kann diese Frage beantworten, die Zeit und die Germanistik. Und Germanistik, das ist ja vor allem ... jo

Jo brauch ma dn ... wollte sagen: Mein Kartonstich ist fast fertig; nun gut, es ist bis zuletzt doch noch ein Kartonstich geworden. Das ist anständiger als ein Papierstich, das ist gutes Deutsch. Das passt so durch und durch; kann man auch pressen, wenn man will. Und schlägt man ihn etwa als eine Art Kultur-Steckbrief an die Tür, dann blicken die besseren Zehntausend der Donaugermanistik in ein vertrautes Gesicht.

   Ein Denkmal zu Ehren des fleißigsten Österreichers in Rumänien errichten? Hab schon daran gedacht, dazu reicht aber der Marmor nicht. Doch mal kurz das Profil eines Wiener Kulturmenschen (und Deutschlehrers) ausschneiden, der sich auch in Bukarest die Füße zertreten hat und an dessen Gemüt immer noch ein Haufen rumänisches Deutschtum klebt? Das kriegen wir mit einem tüchtigen Stück Zeitungspapier hin. Und – wie gesagt – mit Germanistik. Denn die leisetreterische Kraft und die Macht der Wissenschaft‏ ...

Aber mir woin ja net gleich an Schmäh machen – wobei die dem Autor dieser erbaulichen Zeilen zur Verösterreicherung eines freilich auch ohne bereits a bisserl an einem Übermaß an Gemütlichkeit (ja fast will einer da auch gleich sagen: an Freizügigkeit) leidenden Diskurses rund um die deutsche Sprache und ihr anhand eines Wiener Germanisten kristallisierendes Verständigungs- bzw. Translationsvermögens zur Verfügung stehende Hintergrundinformation nur allzuleicht in der Tat zu einem Schmäh einlädt. Wollen wir also vielleich doch? ...

   Nein, begnügen wir uns ausnahmsweise  mit diesem sauberen Kartonstich. Und  ziehen wir ganz einfach noch einmal den Hut. Servus, meine ich, der erinnerungsreiche Kartonstichzauberer, eine vertraute Stimme aus meinem immerhin leidlichen Papierknäuel mit beschränkter Haftung heraus zu vernehmen. Und ich antworte mit einem Anflug von einschlägiger G‘schichtlichkeit: G'schamsta Diener.

 


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