Schriftstellerei: ein Job

Wie funktioniert die Textbörse zur Reality Show?

Fast Food statt tiefgehender Analyse: Wer heute Texte verkaufen will, muß sich immer
hemmungsloser den Erfordernissen des Marktes, der Politik und der schweigenden Mehrheit
anpassen, um überhaupt noch auf der Bildfläche zu erscheinen.

Von Vasile V. Poenaru



(c) privat

Vasile V. Poenaru (bardaspoe@rogers.com),
Germanist und Autor (geb. 1969), mehrjährige Tätigkeit als Journalist für kanadische Zeitungen, derzeit Doktorand an der Universität Toronto.

Veröffentlichungen:

Literaturwissenschaftliche Abhandlungen, Essays, Kurzgeschichten, Kurztheater, Lyrik, Theaterkritiken,
Buchrezensionen und Übersetzungen in Rumänien, Deutschland, Österreich, Kanada und USA.

     Kein Beruf (keine Berufung?), sondern bloß ein Job. Writer, darunter versteht man in der freien Wirtschaftswelt nicht mehr etwa den Autor als reflektionstüchtigen Weltenstifter und Künstler, nicht mehr den geistreichen Ideenhüter und Wortfreund oder gegebenenfalls den ehrlichen Berichterstatter und Analyst, nein, gemeint ist der geschmeidige Postermacher, der fügsame Anzeigenschreiberling, der politische Demagogenknecht, gelegentlich die prompte Vierzeiler-Aushilfe zu geldstarken Anlässen. Stillosigkeit macht keinem was aus. Rückgrat schon.

Keine Zeit. Keine Lust. Kein Geld. Kein semantisches Erfassungsvermögen und vielleicht auch keine sprachliche Begabung: Dies sind die jüngsten linguistischen Grundlagen der zivilisierten Menschheit, so wie sie von den vermittels leisetreterisch intellektueller Zuruckhaltung bekräftigten Think Tanks der Stunde verschrieben wurden. Deswegen eine Vorbemerkung. Beim Schreiben wie beim Lesen: Tiefsinn ist derzeit – international bedacht - offensichtlich kaum Mode, und Wahrheiten haben kurze Beine. Das weiß, wer versucht hat, die Feder in die Hand zu nehmen. Sorgenvoll kunden-(macht?)gefälliges Fragenstellen beginnt auf schreibender Ebene vorschriftsgemäß schon beim ersten Satz. Und aufhören tut’s nie. Daß jedes Wort dem launischen Augenblick dient, ist ein bedauernswertes, doch gängiges Axiom der dumpfen Vervielfältigung kultureller Wenigkeit. Sprache gibt sich billig her. "Kritik" auch. Denkt sich das schreibende Ich: Womit kann einer anfangen? Was kann einer anfangen?


"Die, die das Sagen haben, haben nicht immer viel zu sagen"

 

 

Die Gefahr der Vereinfachung

Die Mainstream-Antwort: Egal, Hautpsache, man bringt eine denkbar zusprechende Bedeutungskiste schlicht und prompt "an den Mann". Tell a simple story. (Nur so drauf hin?) Etwa die Story vom Sieg. Balsam für eine unerbarmliche Wirklichkeit. Kriegsjournalisten werden von nun an allein "unsere" Geschichte schreiben, Reality-Show-Leute allein unsere Reality wiedergeben, Säuglinge allein unsere Milch trinken und Kleinkinder allein unsere Hymnen erlernen. Freilich: Die das Sagen haben, haben nicht immer viel zu sagen. Der schlechtbürgerliche Mythos, daß Wörterwahl jedermanns Sache sei, führt leicht zur ungelenk normgerechten Vereinfachung ohnehin nicht immer zahlreicher Gedanken im Vorhof der Textmasse. Dagegen läßt sich wenig tun, aber immerhin einiges schreiben. Der Muskel flektiert, das Hirn reflektiert. Texte auch.

 

 

"Konsumentenfreundliche" Textproduktion

    Reflexionsübertragung – ein sehr weitragendes, ein sehr technisches, ja ein zusammengesetztes Wort. Da sind wir verhältnismäßig gut dran: Die Meinungs-, die Gedankenfreiheit des Individuums reicht in den westlichen Konsumdemokratien bis zum großzügig überdimensioniert entworfenen Horizont unserer zweckmäßig optimierten Denkoberfläche, gesetzt freilich, daß man ausgerechnet diejenigen benutzerfreundlichen Gedanken hegt, die einem produktionstüchtig von der Konsumobrigkeit verabreicht werden. Mindestens haltbar bis.

 

 

 

Information = Präsentation?

Das große, das kleine Wort führen: Dazu gibt’s Regeln. Der Schlaue fügt sich, um nicht zu verstummen. Alles sei nun anders, meint die zentrale Sinn- Industrie neuerdings. Womit der leider keineswegs zentrale Menschenverstand freilich wenig anfangen kann. Es geht sowohl im Fernsehen als auch im Kurzsehen laut einstimmiger Feststellung seit geraumer Zeit nicht mehr sozial oder etwa rechtlich und schon gar nicht mehr traditionell zu, soweit so gut, doch irgendwie muß es auch weiterhin zugehen. Die Informationsgesellschaft verzehrt als eines ihrer kennzeichnenden Materialien Unmengen an Information, das leuchtet ein. Im Unterschied zu Erdöl, Blei, Tod und Genf liegt aber an sich so gut wie keine Information als Rohstoff vor. Sie muß "präsentiert" werden. Hier schalten die Medien ein.

 

"NACHRICHTEN"
Das heißt: Sich nach dem Willen der Mehrheit richten (müssen)

 

 

 

"MEINUNGSBILDUNG"
Das heißt: Ein guter, netter und anständiger Staatsbürger sein

Gäbe es nur Patrioten, so gäbe es nur patriotische Schriftstücke. Die Gedanken der Mitbürger würde man problemlos allesamt in dieselbe Richtung tragen, und nichts Böses könnte sich je ereignen. Dann hätten wir viel Disziplin in der Verwaltung der Instinkte und in der besonnenen Verbreitung zweckmäßiger Gerüchte. Und damit stecken wir bereits mitten drin in der postmodernen Definition des Begriffes Nachrichten: sich danach richten. Folgen. Gehorchen. Treu zur Führung. Eine interaktive Verfügungstechnik steht bereits im Dienste einer koordinativen Macht- und Kulturpolitik. Die Meinungsbildung ist eine flotte Industrie, viele Millionen fallen täglich darauf rein. Wer sich durch müdes Zeitungspapier herumblättert, kommt nicht immer weit. Und wer fernsieht, bleibt gewöhnlich sitzen: auf garantiert festen Ansichten, die nicht zu teilen schwerfällt. Denn wer will schon nicht mit Leib und Seele ein guter, ein anständiger und netter Staatsbürger sein? Wer will nicht gern eine zurechtgeschnittene preiswerte Ethik genießen? Wer würde schon ohne weiteres einer leichten und dazu noch erbaulichen Lektüre entsagen? Wer würde nicht gern tun, was er will, wer würde nicht gern wollen, was es will?

 

 

Gegen die Propaganda anzuschreiben, erfordert Mut

    Oft muß der schreibende Mensch sündigen. Einwandfreie Prinzipien werden regelmäßig im festlichen Rahmen ausgerufen, als geflügelte leere Sätze in eine Welt geschleudert, die ihnen wandelnde Bedeutungen gibt. Wahrheit. Treu. Anstand. IT-Revolution. Die Einen. Die Anderen. Die eigentliche Wirklichkeit. Dieses Hier und jenes Drüben. Wie setzt man (mindestens) haltbare Definitionen des Alltags? Woher nimmt einer die Kühnheit, aggressiv anempfohlenes Propagandamaterial gegen den Strich zu bürsten? Woher die Anmaßung, Fragen zu stellen, die nicht in unsere Partitur passen? Woher das Geld, woher den Mut, woher die Würde? Freilich: Die unabhängigen Leitartikel des auflehnenden Journalistenvolkes sind oft genug zugleich unanständig, die anständigen dafür in der Regel alles andere als unabhängig. Das ist nicht tragisch, es ist nur dramatisch.


"JOURNALISMUS"
Das heißt: Skandal-Effekt.
Oder ganz einfach: PR

Journalismus-Produktion gibt es an sich unter anderem entweder als gängigen Skandal-Effekt oder aber ganz einfach als PR. Die Branche konzentriert sich natürlich schon aus reinen Selbsterhaltungstrieben auf zeitliche Zweckmäßigkeit, was man bis zu einem allerdings längst überschrittenen Punkt zugegebenerweise kaum übelnehmen darf. Und die Impulse zur unterwürfigen Hingebungsbereitschaft intellektuell gemeinter Dienstleistungen kommen meist von seiten des wirtschaftlich-politisch- militärischen Komplexes, den man Vaterlandsliebe zu heißen hat und dessen Autorität folglich nicht in Frage gestellt werden darf. In Turbulenz-Situationen marschieren alle Papierleute gern auf unsicher beklommen schrilles (Präsidial?)Kommando mit Flagge, Tinte, Desktop und Trompete brav hinter den selbstgefälligen Exponenten der Staatsgewalt einher, was als vorsichtig, weise, patriotisch und (warum nicht?) tapfer gilt. In Abwesenheit beträchtlicher Turbulenz geht’s in erster Linie um die mehr oder weniger erhabene Befriedigung der wohlbedacht gedrillten Verbraucherschar. Was der Mensch braucht: Sex and violence. You got it, man! Das gilt selbstredend nur, solange es einem nicht selber schadet. Menschsein hört auf, wo Anderssein anfängt.


Der Autor als "Schreib-Maschine"

Es gibt heutzutage viele Computerprogramme, die einem die Arbeit abnehmen, beim Rechnen wie beim Dichten. Der Autor als produktionstüchtige Schreibmaschine: Aus trautem Nichts entstandene Texte ohne Seele überschwemmen die Gefühlsindustrie, schaffen verbindliche Stereotype, zaubern ordnungsgemäß beglaubigte Werte aus eitler Wenigkeit allmächtiger Perspektiven und schreiben sie zum engen Wettbewerb aus, der uns in eine Zukunft führt, wo wir noch nicht waren. Jenes ungewisse Etwas zwischen den Zeilen hat aufgehört, zu existieren. Jeder Absatz wird mit regelmäßigen Herzschlägen uniformisiert, jedes Wort, jeder Einfall, den man hätte haben können. Was herauskommt, paßt direkt ins (Militär)Lexikon. Ein neuer Sprachkörper. Ein neuer Mensch? Eigentlich gar nicht so uninteressant. Und auch gar nicht so ungefährlich.

 

 

"ZENSUR"
oder: Die Macht
kollektiver Instinkte

 

 

 

 

 

 

 

Der Anspruch auf ein eigenständiges Sein

     Wie kommen Schreibwerke zustande? Wo geht’s entlang? Wie kriecht man aus der Schublade, wie kriecht man aus dem Internet, wie kriecht man aus dem Buch, wie kriecht man aus wohlgeordneten Textideologien heraus? Ein mögliches Szenario: Der Bleistifthüter ist traurig. Er war nicht engagiert genug. Er scheint das Vaterland nicht zu lieben, die Trommeln des Gutseins nicht zu vernehmen. Sein Text wird nicht veröffentlicht. Zu lang. Zu kurz. Zu kompliziert. Zu einfältig. Zu unoriginell dünkt er, und dabei gleichzeitig zu unkonventionell. Er hat ihn mit Leidenschaft geschrieben. Er findet den Satzbau gut. Jede Silbe hat Sinn, jedes Fragment paßt überall. Die Kompromisse warten.

Schreiben ist nämlich eine soziale Sache, eine sozial-demokratische Angelegenheit der Gleichschaltung, nein, eine sozial-undemokratische Machenschaft kollektiv gemeinter Instinkte. Auch nicht: Schreiben ist die Erfassung von Einzelstimmungen im Akkumulationspunkt des Wortfangs. Alles rundherum wird weggefegt, die psychische Energie des Umfelds im Laufe des einen unwiederholbaren Aktes freigelegt, der sich selbst generiert und ins Unendliche steigert.

Lesen ist die Erfassung der Schrift im Akkumulationspunkt einer überindividuellen Gesamtperspektive. Jeder Leser hat seine ganz präzisen Koordinaten im Bezugsystem der Auslegung. Wenn die verschiedenen Koordinaten so vieler Leser zu einem Punkt zusammenschießen, daß die Abstimmung biokultureller Schwingungen eine wesenhafte Erscheinungsform mit eigenen Trieben und einem intrinsischen Genealogierverständnis der Selbstsetzung zeitigt, die Ansprüche auf eigenständiges Sein und Absolutheit erhebt, kann der Autor ruhen. Dann ist seine Arbeit getan.

 

Der Erfolgsautor schreibt, was er zu schreiben hat

     How much needs reality to be really reality? Wieviel braucht der Erfolgsautor, um wirklich ein Erfolgsautor zu sein? Mobilmachung der Künste: Happy End. It’s just there, man. Ein mögliches Szenario: Der Bleistifthüter ist glücklich. Er bekennt sich zur Nation. Er schreibt, was er zu schreiben hat. Sein Text wird veröffentlicht. Ein kleiner Schritt zur Druckerei. Eros im Worte: Der Übergang von Werk zu Meisterwerk. Darauf kommt es an. Wer schreibt, bleibt.

 

Je vollständiger die Anpassung, desto größer
der Neid

Viele Schüler litten früher einmal in gerne vergessenen Lehrjahren an mehr oder weniger katastrophalen Schwierigkeiten im Sprachunterricht, von Literatur erst gar zu schweigen. Deswegen gilt es oft eher als eine Schande, sich mit dem Buchstabengewerbe abzugeben (Ach, das ist ja so von gestern!). Doch hat der Erfolg (nennen wir ihn Sieg?) einmal eingesetzt, so wird die Schande im Nu weggefegt, wenigstens für eine kurze Weile. Ein seltsames Gemisch aus Neid und Verachtung macht sich dann allmählich rund um die schreibende Person breit, von dem diese unter anderem dadurch loskommt, indem sie eine warme und dicke – vorzüglich medienjournalistisch, oder, wagen wir es zu sagen, realitätsanschauend gemeinte - Haut besitzt (erwirbt). Schließlich hat man ja nur seine Pflicht getan in der kanonengetreuen Darstellung starker Männer und Worte! Und weil alles seinen Preis hat, gibt es auch für Literatur welche. Cool.

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