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traum von der rauchenden stadt

Eine CD von Wolfgang Hermann und Peter Madsen

Von Vasile V. Poenaru
(24. 03. 2005)



(c) Vorarlberger Landesbibliothek

"traum von der rauchenden stadt"

Wolfgang Hermann und
Peter Madsen
(Vlb. Landesbibliothek, 2004)

Internet:
www.vorarlberg.at/vlb/shop

 

 

Wörter werden lebendig, wenn sich einer um sie kümmert

     Die Angst vor dem Sagen. Der Kampf mit abweichenden Bedeutungen. Das Streben um jenes Wahre, das jeder insgeheim in sich trägt, die Suche nach einer wörtlichen Verbundenheit übertragbarer Empfindungen, die mehr Segen erteilt als bloße Begriffe, die wir stiften, mehr als die Stadt, von der wir träumen, oder unser Reich im Osten, dem wir gute wie schlechte Gedanken frönen, ohne sie je zu Ende zu denken.

Das Wort von Wolfgang Hermann (Autor) und der Ton von Peter Madsen (Musiker) wurden in eine CD eingespielt. Jetzt sind sie ein kleines Kulturding, das man sich aneignen kann, das man bewundern oder verwerfen kann: eine drohende "niemandsstimme" im Ohr.

Wörter werden lebendig, wenn sich einer um sie kümmert. Die rauchende Stadt zwingt sich in den Traum hinein. Schon die Aufmachung der CD läßt eine gepflegte grüne Seite der Redetexte hinüberschwingen. Die Frage nach der Funktion der Sprache wird freilich so gut wie nie gestellt. Und trotzdem:

"niemand sagt, was er denkt. zu sagen, was er denkt, wäre für einen Menschen von hier verrat. wozu sage ich es, wenn ich es doch denke."

Ein erster Ton durchbricht die Stille: ein erstes Wort. Daraus gewinnt dasjenige, was da kommt, einen Hauch von Identität, wenn schon nicht Ganzheit:

"verlangen ganz zu sein:
und doch
der weg so gering
und der keil unterm rad
so lang"

 

 

 

Bei Wolfgang Hermann wird aber wieder einmal eindeutig spürbar, daß Sprache einen Klang hat. Und Farbe. Und mehr Urtümlichkeit, als einem auf Anhieb dünken würde

    Der kurze Schnitt der Sätze, die Atemlosigkeit der Verse, die Beiläufigkeit von Vorstellungen: Alles deutet auf die Kargheit einer entstellten poetischen Landschaft hin, die wir als Hi-Tech-Produkte unserer öden Unterhaltungskultur zwar beleben, von der wir aber oft genug gar nicht mehr wissen, daß sie noch poetisch sein kann.

Bei Wolfgang Hermann wird aber wieder einmal eindeutig spürbar, daß Sprache einen Klang hat. Und Farbe. Und mehr Urtümlichkeit, als einem auf Anhieb dünken würde, wenn er wie gewöhnlich nur so auf die Vokabeln blickt, die um uns, die in uns herumwimmeln, um zu sein.

Die Reihenfolge der Wörter ist gleichsam mühelos auf die Klangwelt der Musik abgestimmt. Unbefangenheit? Die CD hört sich jedenfalls beinahe gemütlich an. Der Rhythmus bleibt sich gleich, die Stimmung schwankt kaum, die Worte gehen am Hörer vorbei – oder doch nicht? Da kommt nämlich jemand. "Wer sind sie, die da kommen?" heißt es gleich am Anfang. Ja wer sind sie denn? Mit wem wollen wir, müssen wir kommunizieren, um auf dieser Welt der Sagbarkeit zu überleben, um den Sinn des Beieinanderseins von Wort und Ton einzufangen? Wer bringt Bedeutungen zutage? Wer tötet sie? Wie heißt die Last, die wir tragen? Anders gesagt: Kommt da jemand?

 

 

 

Wer vermag die Rauchzeichen zu enträtseln, die in dieser CD verschlüsselt sind? Wer vermag das Wort zu bergen?

     Den Traum von der rauchenden Stadt kann man zwar mitträumen, dabei aber nicht undebingt in seinem Sinn nachvollziehen. Denn: Was ist sein Sinn? Jeder trägt ja seine eigene Vorstellung der Dinge in sich. Wenige haben noch den Mut, Gedanken zu hegen. Viele haben Angst, sie zu formulieren. An den Umrissen kaum sagbarer Regungen des Gemüts, des Verstands, läßt der Autor sichtbar werden, wie ausschlaggebend wörtliche Differenzierung auf das Bild zu wirken vermag, das wir uns von der Sprache machen, die zu den Dingen führt.

Man denkt sich gleich den Zusammenprall von Natur und Kultur dazu. Hinter den Wegen, hinter den Hügeln, hinter den Wäldern liegt möglicherweise eine Stadt. Der Qualm bringt uns auf die richtige Spur. Oder vielleicht bringt er uns auch von ihr ab. Wer könnte da schon die Hand ins Feuer legen?

     Ein Dichter lauert wie immer auf die mutmaßliche Bedeutung seiner sprechenden Triebe. Er macht es sich nicht leicht. Sein Rhythmus ist der Jazz, seine Heimat das Wort, seine Verzweiflung die Unsagbarkeit von Paradigmen des Eigentlichen, dessen Rauch er gleichsam im Traum erhascht und an uns weitergibt. Weil Musik da ist. Und weil Töne auffangen, was Wörtern abgeht. Wer vermag die Rauchzeichen zu enträtseln, die in dieser CD verschlüsselt sind? Wer vermag das Wort zu bergen?

 

 

Verschweigen gehört ebensogut zum Überleben wie Sagen. Der Dichter verbirgt seine Gedichte, um sie, um sich selbst vor dem Untergang zu bewahren

Irgendwann merkt einer an den Gedichten, an den Geschichten, die da kommen: Man denkt nicht, was man denkt. Zwischen uns und unseren Wörtern waltet ein "zentraler Rat". Es ist fast unmöglich, an das Eigentliche der Sagkraft vorzudringen. Nur dem Träumer gelingt manchmal ein verstohlener Seitenblick ins Vorfeld der Gefühle. Deswegen der Traum.

"aus einem menschen wird rasch eine falle. eine falsche bewegung genügt, ein wort zuviel, und der boden weicht zurück, deshalb herrscht im ostreich schweigen, und wo gesprochen wird, wird in die irre geführt und verschwiegen."

    Verschweigen gehört ebensogut zum Überleben wie Sagen. Der Dichter verbirgt seine Gedichte, um sie, um sich selbst vor dem Untergang zu bewahren. Der Denker wendet sich von den Gedanken ab, die er hegt, um nicht etwa auf frischer Tat ertappt zu werden. Außerdem: Gedanken kommen immer von irgendwo her.

Was passiert, wenn die gewöhnlichen Bedeutungen der Worte an ihr Ende kommen? Was wird in Wege geleitet? Die Frage nimmt einen mit auf die bedachtsame Reise durch ein – freilich fingiertes – Durcheinander von Sinn und Ton. Die Antworten liegen herum, man hat bloß zu wählen. Was hat ein Anrecht auf Sein? Etwa der Neuanfang? Nein, das wäre zu gängig. Oder vielleicht einfach irgendein Ton, besser noch, ein besonderer Ton. Doch welche Instanzen der Urteilskraft mögen wohl am Werke sein, wenn jenseits der etablierten Richtlinien der Informationsverarbeitung Gedanken dämmern, deren Seinsberechtigung eine Angelegenheit des inneren Kampfes zwischen einem kanonisierten Anstand lebloser Definitionen und dem Drang der Empfindung ist, ins Wort vorzurücken?

 

 

Die Aufgabe der Deutung steht fest: in Erfahrung bringen, was sich diesseits wie jenseits der Dichtung tut: nach sagbaren Dingen greifen

"so vieles berühren wir in gedanken. doch so wenig ist uns zugedacht. wie können wir uns davor bewahren, zuviel zu wollen?"

     Eine Nachricht ertönt aus der semantisch destillierten Last der Bedeutungsträger heraus. Ein erster Ansatz ist da, weitere werden sich bald zu ihm hinzufügen. Die Aufgabe der Deutung steht fest: in Erfahrung bringen, was sich diesseits wie jenseits der Dichtung tut: nach sagbaren Dingen greifen, "nebel an den händen".

Wenn man im Ostreich noch träumen kann, dann wird dieser Traum geträumt, den die Voralberger Landesbibliothek verpackt und feilgeboten hat. Den Ton setzen: Dazu gehört gewiß viel mehr als die jeweilige Wahl der rechten Worte. Aber eben auch die Wahl der rechten Worte.

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