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You need music more than you need love

Ein kurzer Rückblick auf die irische Band Therapy? anlässlich des Erscheinens
von "So Much for the Ten Year Plan" zum 10-jährigen Band-Bestehen.

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       Irland, um 1990. Ein verrauchtes, kleines Studio irgendwo im Norden des Landes - Männer, Bier, geile Stimmung. Nikotinwolken vermengen sich mit Kreativität, Bierfahnen mit Nonkonformismus und alkoholbedingtes Lallen mit dem unbändigen Drang nach musikalischer Artikulation. Dieser Ursuppe an Schaffenskraft entspringt der Song "Meat Abstract". Andy Cairns, Michael McKeegan and Fyfe Ewing, sprich Therapy?, haben den ersten Schritt getan, der sie innerhalb weniger Jahre von 1000 selbstgemachten Tapes zu einem mehr als 500.000 Mal verkauften Album ("Troublegum") bringen sollte.

Zeitgerecht zum 10jährigen Band-Bestehen erscheint nun das "best of" Album "So Much for the Ten Year Plan". Eine arttypische Kompilation, die sowohl alte Hits als auch die obligaten unveröffentlichten Tracks enthält. Bringt nun gar jene Band, die bisher jeglichen kommerziellen Trends trotzte, jene Band, die nach Einleiten des Punkhypes (1994 und 1995) und Dauerpräsenz auf MTV einen Cellisten engagierte und demonstrativ ein Album produzierte ("Infernal Love", 1995), das als unverkäuflich galt, bringt nun diese Band eine CD auf den Markt, die den simplen Zweck des kommerziellen Recyclings alter Hits erfüllen soll?  Oder ist es ein verzweifelter Schrei nach Aufmerksamkeit, ein letztes Lebenszeichen vor dem Kollaps, sprich ein Abschiedsalbum?

England, 1999. Ein Schmetterling findet seinen Weg in ein Studio. Verzweifelt versucht er seinen Weg in das Freie zurückzufinden. Bevor Andy Cairns ihn der englischen Sommersonne aussetzt, wird sein Flügelschlag aufgenommen. Dieser fungiert schließlich als Einleitung zu "Jam Jar Jail"…

Well you walk just like a tourist
and I know where you're coming from
cuz you come
from underneath the same stone
that I have often crawled
and I know you need music
more than you need love…

Unter der Regie von Head (bekannt geworden als Produzent von PJ Harvey) ensteht "Suicide Pact - You First", eines der besten Rock-Alben des Jahrzehnts. Ein Rock-Album fern von industriellen Einflüssen, ein Rock-Album, das ohne die üblichen Herz-Schmerz-Geschichten auskommt, das sich mit Nietzsche ("Hate Kill Destroy") und Bukowski ("Six Mile Water") auseinandersetzt und  "oh, baby"-Verse anderen Bands überlässt.
Obwohl "Suicide Pact - You First" weit von einem Verkaufsschlager entfernt war, war es dennoch Balsam für die wunden Seelen der Bandmitglieder, die nach dem Erscheinen von "Semi-Detached" (1998) über ihr eigenes Werk so unglücklich waren, dass eine gemeinsame weitere Zukunft mehr als fraglich schien.
Endlich konnten sie wieder an das Niveau anknüpfen, dass sie vor dem Ausscheiden von Drummer Fyfe Ewing (er wurde 1996 durch Graham Hopkins ersetzt) und der Hochzeit von Andy Cairns (ein post-maritales Trauma?) hatten.

Ein Abschiedsalbum ist "So Much for the Ten Year Plan" also genauso wenig wie ein letzter Aufschrei. Ein Erscheinen des Geldes Willen wage ich den Iren nicht zu unterstellen. Es ist, was es ist. Eine Auflistung an Highlights, eine Gelegenheit für viele, die sich den rauhen Riffs und sarkastisch, ironischen Texten bisher entzogen haben, auf den Geschmack zu kommen. So findet sich beispielsweise ihr Erstling "Meat Abstract“ auf diesem Sampler:

When I grow up wanna be
Gonna be like me
You'll be dying, I'll be smiling
Just you wait and see
Hate, freedom
Hate, freedom
Hate, freedom
(aus "Meat Abstract")

Ein Beispiel für Therapy's eigenwilligen Umgang mit der "Erblast" an irischem Kulturgut ist "Potato Junkie“:

I'm bitter, I'm twisted
James Joyce is fucking my sister
How can I remember 1690?
I was born in 1965
(aus "Potato Junkie")

Wer sich auf Therapy? einlässt, wird auf ein Feuerwerk an nihilistischen, witzigen, bedrückenden, surrealen, einzigartigen, skurrilen und verworrenen Statements treffen. Der Gang zum CD-Geschäft zahlt sich aus - eine Gänsehaut (spätestens bei "Stories") ist so gut wie garantiert.


Martin Prlic


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