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Es war einer jener
Tage, an denen man das Gefühl hat, die Welt sei ausschließlich von Idioten
bevölkert. Ein großer Teil davon hatte sich entschlossen, bei uns im Verlag
anzurufen. Die Mitteilungen hatten eine erstaunliche Bandbreite, waren aber
allesamt gar nicht oder bestenfalls am Rande mit den Aufgaben eines Verlags
in Zusammenhang zu bringen. Mittags hatte ich vorerst einmal genug und ging
in die Buchhandlung ums Eck, die mit viel Engagement (und einem
angeschlossenen Café) versucht, Käufer anzulocken. Die Buchhandlung war
leer, das Café voll, und die Buchhändlerin hockte mit trübsinniger Miene auf
einem der italienischen Designerstühle. "Bei uns rufen heute nur Vollidioten
an, das geht schon den ganzen Vormittag so . . .", versuchte ich mich in
kollegialem Jammern. Die Antwort kam prompt: "Ich wär schon um einen Idioten
froh . . . bei mir war heut noch gar keiner." Das war der Tag, an dem ich zuletzt sehr heftig über die Zukunft eines Literaturverlags nachgedacht habe. Ich neige eigentlich nicht zum Pessimismus. Ich mag die Schlussszene von "Vom Winde verweht", der Heldin ist zu diesem Zeitpunkt so ziemlich alles danebengegangen, sie sitzt fraglos gerade am kürzesten aller möglichen Äste - und überlegt sich ganz einfach seelenruhig, wie's jetzt weitergehen soll. (Womit sie vermutlich nicht gerechnet hat, war, dass Verlagskaufleute und Werbestrategen viele Jahre später für sie entscheiden würden.) Natürlich geht es immer irgendwie weiter, aber dass die Äste des Verlagsgeschäfts schon einmal länger waren, das ist kein Geheimnis. Die Kolleginnen und Kollegen aus den kleineren und größeren Häusern haben alle so ziemlich die gleichen Probleme. Gelegentlich trinkt man ein Glas Wein zusammen und gibt dann zu später Stunde auch ein paar kleinere Niederlagen zu. Die großen nicht. Denn, wie ein Kollege von Suhrkamp kürzlich in einem Interview sagte, wir fischen alle mehr oder weniger im gleichen Teich. Gemeinsame Angelausflüge verbieten sich da eher; dafür lassen wir uns gerne mit den großen Fischen, die wir an Land gezogen haben, abbilden, und dass die Verkaufszahlen, die wir dazu angeben, zumeist reines Anglerlatein sind, wissen wir auch. Dreh deinem besten Freund in der Branche den Rücken zu, und er fragt deinen Lieblingsautor, ob er nicht einmal ein paar freie Minuten hätte. Die Minuten ziehen sich dann ein bisschen in die Länge, und bald darauf steht dein zukünftiger ehemaliger Lieblingsautor in der Tür und druckst so herum. Du weißt es ohnehin schon längst, weil dein zweitbester Freund in der Branche (der es natürlich auch versucht hat, aber der Vorschuss, den er geboten hat, war eben auch nur der zweithöchste) dir mit allen gebotenen Anzeichen der Entrüstung erzählt hat, wen er da kürzlich gemeinsam im Szenelokal gesehen hat. Verlagsarbeit ist keine reine Freude. Warum sollte sie das auch sein? Würstchen verkaufen ist auch nicht lustig. Die Zielgruppe lässt sich bloß um einiges besser vorhersehen, und damit ist sozusagen die Zukunft des Würstchenverkaufs deutlich rosiger. In jeder Hinsicht. Ein Verlag produziert eine bestimmte Anzahl von Büchern pro Jahr. Wie viele es sind, hängt nicht zuletzt von der Höhe des Umsatzes ab, von der man annimmt, dass sie ausreichen wird, um den Fortbestand des Verlags zu sichern und die Angestellten zu ernähren. Tatsächlich sind jedoch gerade in einem Literaturverlag diese Annahmen sehr vorsichtig zu betrachten. Wenn wirklich alles stimmt, und davon sollte man ausgehen können - also sorgfältige Programmplanung, gutes Lektorat, fehlerlose Produktion, ansprechende Graphik, originelle Marketingideen, konsequente Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, perfekter Service für den Buchhandel, intensive Autorenbetreuung -, so ist das noch lange keine Erfolgsgarantie. Die Verkaufszahlen, die man für die einzelnen Titel angenommen hat, können weit hinter den Erwartungen zurückbleiben, aber auch plötzlich kometenhaft darüber hinausschnellen. Das unruhige Warten auf die tägliche oder wöchentliche Absatzstatistik ersetzt für einen engagierten Verlagsmitarbeiter - und einem, der das nicht aus tiefster Überzeugung ist, würde ich dringend raten, ein so schwieriges Terrain zu verlassen - jedes Spielkasino. Selbst wenn man alles für ein Buch getan hat, kann es also völlig danebengehen. Es gibt einfach zu viele Unwägbarkeiten in diesem Geschäft. Der Autor, dem es gelungen ist, einen Verlag für seinen Text zu finden, weiß zu seinem Glück noch nicht, dass damit bestenfalls der Anfang geschafft ist. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass er an einen jener Verlage geraten ist, die alles richtig machen oder zumindest machen wollen, steht ihm und seinem Werk der wahre Hürdenlauf erst bevor. Vertreterkonferenzen Welcher hoffnungsfrohe junge Mensch würde auch nur eine einzige Zeile schreiben, wenn er das Wort "Vertreterkonferenz" kennen und in seiner ganzen Bedeutung erfassen würde? Ein Kollege, Lektor bei Rowohlt, hat mir einmal erzählt, dass ihm auf seiner ersten Vertreterkonferenz vor Nervosität mehrfach die Stimme weggeblieben sei. Ich dachte bis dahin immer, das sei einzig und allein nur mir passiert, und mochte ihn nachher viel lieber. Da hat man nun endlich mit großer Mühe den Autor, für den man selbst so ziemlich alle Freunde verraten hätte, an Bord geholt, da steht man und redet sich die Seele aus dem Leib, und dann lächeln die Kollegen vom Aussendienst mit all ihrer Erfahrung nur müde, und einer sagt: "Die Erbsen heut Mittag, die war'n doch 'ne Katastrophe." Doch gehen wir einmal davon aus, dass der Vertreter - der seinerseits mit einem gewissen Recht erwartet, dass wir ihm Bücher liefern, von deren Verkauf er auch leben kann -, gehen wir von dem (relativ unwahrscheinlichen Fall) aus, dass dieser Vertreter ausgerechnet das Buch unseres bisher völlig unbekannten Jungautors für ein solches hält. Wer sagt uns, dass die Begeisterung, mit der der Vertreter das Werk unseres jungen Autors preist, sich auf den Buchhändler überträgt, der wiederum seinerseits ganz genau rechnen muss, was in seiner Buchhandlung (und in seinem Budget) Platz hat? Vielleicht kauft er es ja ein, weil er den Vertreter mag oder weil der ihm schon den einen oder anderen guten Tipp gegeben hat oder weil er einfach gut aufgelegt ist. Vielleicht nimmt er drei oder fünf oder sogar zehn. (Vergessen wir dabei nicht, dass sich die Begeisterung des Vertreters nicht gleichmäßig über das ganze Verlagsprogramm verteilen kann. Das nimmt ihm keiner ab, schon gar nicht der Buchhändler. Während also das Werk unseres Jungautors eingekauft wurde, sind drei bis fünf andere Autoren zumindest in dieser Buchhandlung durch den Rost gefallen. Die Großmutter eines dieser Autoren wird mit schlafwandlerischer Sicherheit demnächst genau diese Buchhandlung betreten, der Autor wird mich kurz darauf kontaktieren und mir einige Fragen stellen, die schwer zu beantworten sind.) Doch zurück zu unserem Erfolgsprojekt. Es wurde nicht durch einen kurzzeitig verwirrten Mitarbeiter der Buchhandlung im Regal versteckt, es liegt auf dem Tisch mit den literarischen Neuerscheinungen der Saison. Es hat natürlich weder den Sprung ins Schaufenster noch den neben die Kasse geschafft, doch es ist immerhin da. Es ist, rein theoretisch, zu kaufen. Der Autor trägt es in wechselnden Verkleidungen einmal in der Woche hinüber zum Bestsellertisch, und eine großzügige Buchhändlerin, die jedes Mal wieder so tut, als ob sie das nicht bemerke, räumt es anschließend wieder an seinen Platz zurück. Und dann ist es endlich so
weit. Die heilige Kuh, der Leser, betritt die Buchhandlung. Gehen wir jetzt
noch von dem Fall aus, dass unserem Leser der Sinn nach Literatur steht. Er
sucht kein Fachbuch zum Thema Webdesign, keinen Reiseführer für die nächsten
Griechenlandferien, nein, er ist auch kein Freund der Bestsellerliste, er
ist eher in der Stimmung, sich auf etwas Neues einzulassen. Rollen des Kritikers Wir haben allerdings bisher einen unserer Mitstreiter nicht erwähnt: den Kritiker. Er ist, zumeist, ein Freund der Literatur. Der Kritiker kann durch eine begeisterte Rezension den Leser dazu bringen, dass er in der Buchhandlung erscheint und ein ganz bestimmtes Buch verlangt. Der Buchhändler ist, sagen wir einmal, ein guter Buchhändler. Er sagt an dieser Stelle nicht: "Gibt's nicht! Nie erschienen! Nicht mehr lieferbar . . ." Nein, der Buchhändler ruft den Vertreter an und bestellt. Beim dritten Leser, der das Buch verlangt, legt er es sich sogar auf Lager, der Vertreter wird aufmerksam, er beginnt, dieses Buch, das er anfangs nicht so besonders mochte, lebhafter anzupreisen, und das ganze Rad dreht sich plötzlich wie von selbst. Damit soll keinesfalls geleugnet werden, dass sich unsere Lesegewohnheiten geändert haben. Ganz fraglos gibt es heute jede Menge andere Möglichkeiten, sich zu unterhalten. Druckerschwärze auf Papier ist nicht gerade der neueste Schrei im Medienbereich. Aber es kann passieren, es passiert immer wieder, und es passiert gar nicht so selten, dass ein Buch entgegen jeder Wahrscheinlichkeit ein Erfolg wird, manchmal ein riesenhafter. Es genügt ein einziger begeisterter Leser, der einem Freund von einem Buch erzählt, und der erzählt es dann drei weiteren, und plötzlich sind es Hunderttausende. Mundpropaganda heißt das Zauberwort. Die Marketingstrategen der größten Verlagskonzerne würden viel dafür geben, wenn sie wüssten, wie man so etwas in Gang bringt. Doch dafür reichen ihre Millionen nicht aus. Wie alles, was wirklich spannend und wichtig ist, entzieht es sich jeglicher Planung. Der Verlag, dem so etwas passiert, hat für viele Jahre ausgesorgt und kann sich wunderbare Bücher leisten, die ihm kein Geld bringen. So werden aber nicht nur einige Verlage überleben - und hoffen wir, dass es viele sind -, sondern auch die Literatur selbst.
Alle Verlagsmaschinerien
und Marktstrategien dieser Erde werden die Literatur, deren tiefstes Wesen
die Unfassbarkeit ist, nie völlig beherrschen, und das ist gut so.
"Glühwürmchens Rache" haben wir als Kinder, ich glaube nach einem alten
Buchtitel, in Situationen gesagt, in denen das nur scheinbar Schwache
unerwartete Triumphe feierte. Ich würde ein Zitat von Nikolaus Born als
Motto für jene vorschlagen, die heute trotz (oder vielleicht gerade wegen)
allem noch Literatur verlegen, in einem Literaturverlag arbeiten: "Was uns
das Leben versprochen hat, das wollen wir dem Leben halten."
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