Advanced Research Projects Agency
Eine kurze Geschichte des Internet

Was Millionen vernetzter Computer heute verbindet, ist eine Technologie, die fast
ausschließlich auf die Bemühungen einer im kalten Krieg gegründeten Forschungsorganisation
zurückgeht: der ARPA. Mit ihrer Hilfe gelang es, die weltweit erste Verbindung zwischen
zwei weit voneinander entfernten Computern herzustellen. Daraus entwickelte
sich das ARPA- und später das INTERNET.

Von Franz Wagner



 

 

Neil McElroy,
der 52-jährige Verteidigungsminister unter Präsident Eisenhower, kam ursprünglich aus der Waschmittelbranche. Nicht nur die Gründung der ARPA, sondern auch die Erfindung der "Seifenoper" geht auf ihn zurück. Als Werbemanager bei Procter&Gamble führte er in den 50er Jahren die Strategie ein, Produkte wie "Oxydol", "Ivory" oder "Tide" erstmals auch in Form von Radio- und Fernsehspots anzupreisen.

 

 

Die erste elektronische Diskussionsgruppe des ARPANET wurde am 7. Juni 1975 von Steve Walker ins Leben gerufen und auf den Namen "Message Services Group", kurz MsgGroup getauft. Die Gruppe kam auf etwa 100 Teilnehmer und existierte mehr als 10 Jahre lang. Auch inoffiziell existierten mehrere Gruppen, als erste davon eine mit dem Titel "SF-Lovers", für alle Science-Fiction-Fans.

 

 

Das erste E-mail
innerhalb des ARPANET wurde von Ray Tomlinson, einem Mitarbeiter bei Bolt Beranek and Newman, im Jahr 1972 verschickt. Tomlinson hatte zuvor ein Mailprogramm für das "Tenex"-Betriebssystem des Interface Message Processors der ARPA geschrieben, das aus zwei Teilen bestand: SENDMSG und READMAIL. Eine Vorgabe des Programms war, den Namen des E-mail-Nutzers vom Namen der Maschine (also dem jeweiligen IMP) zu trennen, und Tomlinson entschied sich für das bisher kaum genutzte "@"-Zeichen, um Verwechslungen mit anderen Buchstaben zu vermeiden. Heute steht der "Klammeraffe" quasi stellvertretend für das Internet selbst.

 

 

Kevin MacKenzie,
ein Teilnehmer der MsgGroup, äußerte am 12. April 1979 in einem Diskussionsbeitrag die Befürchtung vor einem Bedeutungsverlust der Kommunikation im Internet. Wenn man per E-mail kommuniziert, so MacKenzie, dann sei es unmöglich, auch die Gestik, Mimik und den Tonfall der direkten Rede zu übertragen. Dadurch würden zunehmend wichtige Bedeutungsnuancen, Ironie oder Sarkasmus, verloren gehen. Er schlug deshalb vor, den Zeichensatz in E-mail-Nachrichten zu erweitern. Wenn z.B. ein Satz nicht ganz ernst gemeint sei, solle der Schreiber ihn um einen Strichpunkt und eine Klammer erweitern, also so: ;-) ... oder was immer einem so einfällt. Die Smileys waren geboren.

 

 

Datenpakete in Form von Funkwellen zu verschicken, darauf kam als erster Norm Abramson von der Universität Hawai. Das sog. ALOHANET übertrug mit Hilfe kleiner Funkgeräte Daten zwischen sieben Computern, die auf vier Hawai-Inseln verteilt waren. Die ARPA unterstützte dieses Projekt, weil das Militär ein besonderes Interesse an der Idee mobiler, vernetzter Computer  - installiert in Fahrzeugen oder Schiffen - hatte. Auf dieser Grundlage wurde einige Zeit später die drahtlose Variante des ARPANET, das sog. "Packet Radio Network" vorgestellt, das Relaisstationen in jeweils mehreren Kilometern Abstand erforderte. Das Projekt wurde später aus Kostengründen wieder eingestellt, lebt aber weiter in seiner heutigen Version als Mobiltelefon-Datenübetragung.

 

 

 

Doug Engelbart,
ein Forscher des Stanford Research Instituts, war an zwei bedeutenden Projekten beteiligt: Zum einen geht auf ihn die Erfindung der "Computermaus" zurück, die er unter folgendem Namen zum Patent anmeldete: "Koordinaten-Positionsindikator für ein Datensichtsystem". Andererseits trat Engelbart kurz nach der Gründung des ARPANET als Initiator und erster Leiter des "Network Information Center" (NIC) auf, einer Art "Clearingstelle" des ARPA-Netzes, die auch heute noch für die Registration und Organisation von Internet-Adressen bzw. Domains zuständig ist (siehe z.B.: http://www.nic.at)

 

 

 

Das Transmission Control Protocol (TCP) überprüft, ob alle Daten korrekt empfangen wurden. Falls nicht, werden die fehlenden Pakete erneut angefordert. Im Jahr 1978 wurde TCP um das IP-Protokoll erweitert. IP steht für "Internet Protocol" und ist verantwortlich für die Aufteilung und Übertragung der zu versendenden Daten.

 

 

 

Die erste elektronische Zeitschrift des ARPANET - und somit der Vorläufer aller heutigen E-zines - entstand im März 1973: Die "Arpanet News" erschien monatlich in Papierform, war aber auch im Netz verfügbar und zeigte sich inhaltlich als eine bunte Mischung aus Konferenzankündigungen, aktuellen Meldungen von Rechnerstandorten, Zusammenfassungen von Fachartikeln und diversen Personalia. Als wichtigste Rubrik erschien die Serie "Feautured Sites", in der eine ständig größer werdende Zahl von Systemmanagern angab, was ihr jeweiliger Mainframe an Daten oder an Rechenzeit einem potentiellen ARPANET-User anbieten konnte. So beschrieb z.B. die Western Case University ihren eigenen Großrechner wie folgt: "Case ist offen für Kooperationsvorschläge, auch für Zeittauschhandelsgeschäfte mit anderen Standorten gegen Arbeiten, die hier vorliegenden Interessen entgegenkommen, sowie für Zeitverkäufe als Dienstleistung."

 

 

 

Im Mai 1973 zählte das ARPANET auf Grund einer Schätzung des Network Information Center (NIC) ca. 2.000 Nutzer.

 

 

Der erste Versuch, verschiedene Einzelnetzwerke weltweit miteinander zu verbinden, fand im Oktober 1977 unter der Leitung von Vint Cerf und Bob Kahn statt. Die zu übertragende Botschaft startete in San Franciso, wurde über das (oben erwähnte) Packet Radio Network, dann durch das ARPANET und als nächstes über eine Satellitenstandleitung nach London verschickt, gelangte wieder durch das SATNET zurück zum ARPANET und zuletzt an die Universität von Südkalifornien in Marina Del Rey. Auf der dabei überwundenen Strecke von über 150.000 Kilometern ging kein einziges Bit verloren. Somit war der Beweis, dass sich tatsächlich ein "INTERNET" verwirklichen ließ, klar und eindrucksvoll erbracht worden.

 

 

 

Anfang der 80er Jahre war die Zahl der am ARPANET angeschlossenen Rechner auf mehrere tausend angewachsen, und jeder einzelne dieser Hosts besaß einen Namen, der eine eindeutige Identifizierung ermöglichen sollte. Auf Grund der großen Masse an Hosts taten sich bei ebendieser Identifikation immer mehr Hindernisse auf - der begrenzte Namensvorrat musste irgendwie erweitert und besser organisiert werden. Im November 1983 wandten sich deshalb Jon Postel, Paul Mockapetris (ISI) und Craig Partridge (BBN) mit ihrem neu konzipierten "Domain- Namensystem" (DNS) an die Fachöffentlichkeit. Jede Adresse sollte von nun an hierarchisch strukturiert sein und sich vom Stamm über die Äste bis hin zu den Blättern aus verschiedenen Informationsebenen zusammensetzen, von denen die jeweils darunter platzierte einen immer spezielleren Teil der Netzwerkadresse enthalten sollte. Das DNS-System wurde in der Folgezeit heftig diskutiert, zuletzt (im Jahr 1986) einigte man sich aber auf sieben "Topleveldomains", das heißt, es durfte von nun an sieben verschiedene Hosts geben, die alle den selben Namen tragen konnten: host.edu, host.com, host.gov, host.mil, host.net, host.org und host.int. Auch heute noch wird das System der (Länder-)Domains laufend erweitert. Zuletzt wurde z.B. die Einführung einer neuen Domain innerhalb der Europäischen Union (host.eu) verwirklicht.

 

 

 

Den Grundstein für das INTERNET haben (siehe oben) eindeutig Vint Cerf und Bob Kahn gelegt, aber wer heute vom "Internet" spricht, meint in der Regel vor allem dessen grafisch aufbereitete Benutzeroberfläche, also das World-Wide-Web. Das im Jahr 1990 vom Europäischen  Kernforschungsinstitut CERN entwickelte WWW schuf erstmals die Möglichkeit, Dateien nicht nur z.B. per FTP von einem anderen Rechner herunterzuladen, sondern direkt und unmittelbar am Bildschirm zu betrachten, wodurch zum ersten Mal auch eine gegenseitige Verlinkung auf Dateien an völlig unterschiedlichen Standorten ermöglicht wurde. Tim Berners Lee und Robert Caillon haben 1990 mit ihrem WWW gewissermaßen die "Software"-Variante dessen entwickelt, was Bob Kahn und Vint Cerf 1973 als "Hardware"-Version ausgetüftelt hatten. Einen weiteren Schritt hin zu einem Mehr an Benutzerfreundlichkeit unternahm 1993 Marc Andreessen, ein Student am National Center for Supercomputing Applications (NCSA), als er mit der Erfindung eines Web-Browsers namens "Mosaic" aus dem bisher rein textorientierten WWW eine grafisch ansprechende und auch für Laien auf Anhieb verständliche Anwendung machte. Andreessen entwickelte übrigens ab 1994 eine weiterentwickelte Form von Mosaic, den NETSCAPE-Browser.

 

Linktipps

http://www.arpa.mil

http://www.bbn.com

http://www.sri.com/technology
/timeline2.html

http://www.lk.cs.ucla.edu/LK/
Inet/birth.html

http://www.mit.edu

http://www.rand.org

 

Literatur

Katie Hafner; Matthew Lyon:
Die Geschichte des Internet. Heidelberg: dpunkt-Verlag, 2000.

      Wahrscheinlich nie zuvor in der Geschichte hat ein "Reisegefährte" mehr Aufsehen erregt. In der Nacht des 4. Oktober 1957 beförderte eine in der Nähe des Aral-Sees stationierte SL4-Trägerrakete zum ersten Mal ein von Menschenhand gefertigtes Objekt in eine Höhe von 600 Kilometern über dem Erdboden. Was eigentlich als wissenschaftliche Sensation ersten Ranges hätte gefeiert werden müssen, war in weiten Teilen der westlichen Welt Grund für besorgte, teils hysterische Reaktionen. Mit ihrem bloß 84 kg schweren und 58 cm großen Sputnik I (russ. "Weggenosse") hatten die UDSSR es geschafft, die bis dahin unbestritten führende Wissenschafts- und Technologiemacht USA buchstäblich über Nacht in einen kollektiven Schockzustand zu versetzen. Zwar erwies sich der "Satellit 1957 Alpha 2", wie Sputnik I offiziell hieß, nicht als direkte Bedrohung, doch Russland hatte mit dem Start einer Rakete in den Weltraum gezeigt, dass es von nun an fähig war, einen nuklearen Sprengkopf mitten in das Herz Amerikas zu befördern. Sputnik I war der eindeutige Beweis, dass die UDSSR offenbar schon seit einiger Zeit über eine unbekannte Zahl an Interkontinentalraketen verfügten, und das "Gleichgewicht des Schreckens", zu dem allein auf US-Seite 18.000 einsatzbereite Atomsprengköpfe zählten, neigte sich plötzlich beängstigend stark auf die Seite des Kommunismus. Jetzt musste Amerika handeln, und zwar schnell.

    Elf Tage nachdem der neue Erdbegleiter seine ersten Signale an die russische Bodenstation übermittelt hatte, traf sich auf der anderen Seite des Atlantiks ein hochrangiges wissenschaftliches Beraterkomittee im Büro des amerikanischen Präsidenten, um, wie Dwight D. Eisenhower es damals selbst formulierte, dem "Gespenst der atomaren Vernichtung" die Stirn zu bieten. Wichtigstes Ergebnis der Konferenz war zunächst die Ernennung eines "Sonderberaters für Wissenschaftsfragen", aber die wirklich zündende Idee kam einige Tage später vom damaligen Verteidigungsminister McElroy. Dieser schlug vor, einen straff organisierten und finanziell bestens ausgestatteten think tank ins Leben zu rufen, der als zentrale Koordinierungsstelle für die Organisation wissenschaftlicher Forschungsprojekte gedacht war.

Am 7. Januar 1958 war es dann soweit: Eisenhower legte dem Kongress das Gesuch für die Gründung der ARPA (Advanced Research Projects Agency) vor, und schon fünf Tage später standen sowohl der zukünftige Leiter als auch das Budget der ARPA fest. Kaum zu glauben: Von den damals knapp fünf Milliarden US-Dollar, die jährlich für Forschung und Technik vom Staat aufgewendet wurden, gingen sofort zwei Milliarden Dollar an die neu gegründete Behörde. Was aber nicht unbedingt verwundert, wenn man weiß, dass die ARPA damals noch die Oberaufsicht über sämtliche US-amerikanischen Raumfahrt- und Raketenforschungsprojekte innehatte.

Doch dabei sollte es nicht bleiben. Das Pentagon war der Ansicht, dass sowohl die Entwicklung neuer Raketen als auch der Vorstoß in den Weltraum in Zukunft unter dem Dach einer eigenen Behörde, der im Spätsommer 1958 ins Leben gerufenen "National Aeronautics and Space Administration" (NASA) vereint werden sollten. Damit verlor die ARPA mit einem Schlag annähernd ihr gesamtes Budget, aber was noch schwerer wog: Niemand wusste, für welchen Zweck die verbliebenen 150 Millionen Dollar in nächster Zeit verwendet werden sollten, jetzt, da man in Wahrheit zu einer "toten Katze im Kartoffelkeller" (Aviation Week) degradiert worden war. Nicht das Finanzielle war also das Problem. Was die ARPA nun vor allem brauchte, war ein neues, sinnvolles Betätigungsfeld, eine Umdefinition ihrer bisherigen Arbeitsschwerpunkte.

    Im letzten Moment schlugen die Wiederbelebungsversuche an - die "tote Katze" war noch einmal mit dem Schrecken davongekommen. Das Verteidigungsministerium musste zugestehen, dass ein langfristiger technologischer Vorsprung nicht allein durch das Herumschrauben an diversen Raketenmotoren gewährleistet werden konnte – was inzwischen der Job der NASA und anderer militärischer Einrichtungen war. Im Gegensatz dazu sollte sich die ARPA in Zukunft zu einer Fördereinrichtung für Grundlagenforschung und Sonderprojekte aller Art entwickeln. Was hier mitunter noch nach "reiner" Wissenschaft und einem Rückzug in den berüchtigten Elfenbeinturm klingt, avancierte in Wirklichkeit zum schon bald gerühmten "ARPA-Stil", einer lockeren und flexiblen bis risikofreudigen wissenschaftlichen Mentalität, die so gar nicht zu den verstaubt hierarchischen Amtsgepflogenheiten im dritten Stock des Pentagon passen wollten, in dem nun die Mitarbeiter der neuen Behörde für Grundlagenforschung ihr Quartier bezogen hatten. Selbst auf den ersten Blick "verrückte" oder nur wenig ausgereifte Ideen bekamen hier meistens eine Chance, und wie ungewiss die Erfolgsaussichten eines Projekts auch waren, die dafür benötigten Mittel flossen zügig und wurden nur in den seltensten Fällen verweigert. Die Crème de la Crème der amerikanischen Wissenschaft, allen voran Universitäten wie MIT, Stanford, Berkeley, Harvard, UCLA usw. standen mit der ARPA in ständigem Kontakt, nicht zuletzt deshalb, weil viele Verantwortungsträger im Stab der Behörde selbst zuvor an diesen Universitäten studiert und geforscht hatten.

Einer von ihnen war der 47-jährige Psychoakustiker J.C.R. Licklider, ein hervorragender Psychologe, der seit 1950 Studien zum menschlichen Hörsystem am MIT unternommen hatte und, ganz nebenbei, einer damals ziemlich ausgefallenen Leidenschaft nachhing: dem Computer. Dies war schon deshalb ungewöhnlich, weil Mitte der 50er Jahre, überspitzt gesagt, im Normalfall nur derjenige einen Computer bedienen konnte resp. wollte, der ihn auch selbst gebaut hatte. Jeder einzelne der damals existierenden Großrechner war eine Welt für sich, kein Betriebssystem glich auch nur im Entferntesten dem anderen, und wer sich – als Laie – vornehmen wollte, Einblick in die Geheimnisse eines solchen Ungetüms zu nehmen, musste entweder reichlich naiv, überheblich oder ein Genie sein. Licklider gehörte wohl eher zu letzterer Kategorie. Ein Kollege berichtet:

"Er sprach in seinem näselnden Missouri-Dialekt, und wenn man gerade von draußen hereinschneite, fragte man sich 'Wer zum Teufel ist dieser Bauerntrampel’. Doch wenn man selbst gerade an dem betreffenden Problem arbeitete und hörte, wie er es auf den Punkt brachte, dann war es, als ob die Sonne aufginge."

    Eines Tages ließ Licklider die Idee nicht mehr los, sich eingehend mit dem im Keller des Lincoln Lab am MIT aufgebauten TX-2, einem Nachfolgemodell des weltweit ersten "Minicomputers", vertraut zu machen. Stundenlang saßen er und Wesley Clark, der für den TX-2 verantwortliche Ingenieur, vor einer völlig neuartigen, interaktiven Grafikkonsole, und je länger sich Licklider in jene neue Welt aus Bits und Bytes vertiefte, desto revolutionärer stellte er sich die zukünftige Nutzung dieses neuen Mediums vor. Waren Computer bisher bloße Rechenautomaten gewesen, extrem teuer, schwerfällig, und ausgestattet mit einem Betriebssystem, dessen Bedienung fast an Magie grenzte, so sollte in Zukunft jedermann Zugang zu "Heimcomputer-Konsolen" oder "Fernsehgeräten, die zu einem allumfassenden Netzwerk verknüpft waren", bekommen. Bereits in seinem 1960 erschienenen, richtungsweisenden Essay "Man Computer Symbiosis" spricht er als Erster aus, was heute für jeden Heimcomputer-Nutzer zur alltäglichen Erfahrung zählt:

"Wirklich effektive Interaktion mit Information über eine gute Konsole und ein gutes Netzwerk zu einem guten Computer macht Spaß, und das lässt den Prozess zu einem Selbstläufer werden."

Kurze Zeit später, im Jahr 1962, war Joseph Carl Robnett Licklider zum neuen Leiter der Abteilung "Command and Control" bei der ARPA geworden. Sofort packte er die Gelegenheit beim Schopf und erklärte den seiner Ansicht nach reichlich unbedarften Herren im Verteidigungsministerium, dass es sich bei einem Computer keineswegs um einen Apparat handle, den man zuerst mit Informationen über russische Truppenbewegungen füttert, um dann das weitere Verhalten Chruschtschows ausgerechnet zu bekommen – nein: Ein Computer, erklärte Licklider mit geradezu pädagogischer Geduld, solle in Zukunft viel mehr können als simple numerische Kalkulationen für wissenschaftliche Zwecke auszuführen. Verhaltensforschung im Bereich der militärischen Kommando- und Kontrollstruktur sei ja schön und gut, aber warum denke man nicht auch an Themen wie: Time-Sharing, Computergrafik, Dialogbetrieb oder Künstliche Intelligenz? Wären damit die 14 Millionen Dollar Budget nicht viel besser angelegt? Lickliders beständiges Drängen blieb nicht ohne Wirkung. Nicht zuletzt auf Grund von dessen Überzeugungsarbeit gab das Pentagon schon bald darauf grünes Licht für die Umbenennung der Abteilung in Information Processing Techniques Office (IPTO), dem "Büro für die Grundlagen der Datenverarbeitung".

Frei von bürokratischen Hindernissen konnte sich Licklider ab sofort einem Problem zuwenden, dass nicht nur aus seiner Sicht einer ebenso schnellen wie umfassenden Lösung bedurfte: Irgend jemand musste endlich dafür sorgen, die immer größer werdende Zahl unterschiedlicher Computer, Betriebssysteme, Programmiersprachen und Programme auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Eine solche Vereinheitlichung, dachte Licklider, könne aber nur mithilfe eines groß angelegten Computernetzwerks zu lösen sein, so dass, zum Beispiel, ein an diesem Netzwerk beteiligter Großrechner die Ressourcen des jeweils anderen Rechners nutzen können würde, also konkret dessen Rechenzeit, diverse Softwareanwendungen oder Datenbanken. Sprunghaft wie Licklider einmal war, wollte er die anschließende Verwirklichung dieses Projekts allerdings nicht mehr selbst in die Hand nehmen, und verabschiedete sich schon 1965 wieder an seine frühere Universität, das MIT. An seine Stelle trat Robert Taylor, ein studierter Psychologe und Mathematiker mit dem gleichen Hang zur Informatik wie Licklider.

Auch Taylor wusste, dass ein künftiger Rechnerverbund die Effizienz von Forschung und Entwicklung nicht nur rapide steigern konnte, sondern auch musste – schon aus finanziellen Gründen. So war es bisher etwa keine Seltenheit, dass zwei oder mehr Universitäten gerade an sehr ähnlichen Problemen, zum Beispiel im Bereich der Computergrafik, gearbeitet hatten, ohne dass auch nur die geringste Chance für eine wechselseitige Arbeitsteilung oder Spezialisierung bestand. Niemand konnte so letztlich vom gerade erzielten Fortschritt des jeweils anderen profitieren, und ebenso kostspielige wie zeitraubende Doppelgleisigkeiten waren an der Tagesordnung. Um so in Zukunft der ARPA einen Batzen an Geld, Ärger und Aufwand zu ersparen, beauftragte Taylor einen fähigen jungen Computer- und Telekommunikationsexperten namens Lawrence G. Roberts mit einer fast unlösbar scheinenden Aufgabe: Salopp gesagt sollte er nichts weniger, als eine Gruppe elektronischer Autisten irgendwie dazu zu bringen, sich in Zukunft nicht mehr für das jeweils einzige Wesen im Universum zu halten.

    Man könnte es auch anders formulieren: Stellen Sie sich vor, Sie schieben eine CD-Rom in den Kassettenschacht Ihres analogen Videorekorders. Was passiert? Nichts! Offensichtlich gibt es hier ein fundamentales Kommunikationsproblem: Beide Medien sind nicht kompatibel, sie besitzen völlig unterschiedliche Funktionsprinzipien. Wie aber sollte es nun Larry Roberts gelingen, zwei oder mehrere Großrechner, die bisher nicht das Mindeste miteinander zu tun haben wollten und oft nicht nur tausende Kilometer, sondern, vor allem hinsichtlich ihrer Hard- und Software, ganze Welten auseinander lagen, zu einem freundschaftlichen Handshake zu bewegen?

Der entscheidende Gedanke wurde von Wesley Clark, dem TX-2 Programmierer des Lincoln Lab, am Rande einer Computerkonferenz in Ann Arbor (Michigan) vorgebracht: Nicht die Großrechner ("Hosts") selbst sollten das Versenden und Empfangen von Daten besorgen, sondern eine ganze Reihe zwischengeschalteter, kleinerer Computer, sogenannter Interface Message Processors (IMP), die in gewissem Sinn als "Universalübersetzer" zwischen allen beteiligten Hosts fungieren konnten. Das eigentliche Netzwerk bildeten also die IMPs, ausschließlich mit ihrer Hilfe sollte es dem jeweiligen universitären Mainframe möglich sein, mit einem anderen Hauptrechner Kontakt aufzunehmen – inklusive des unschätzbaren Vorteils, dass alle Hosts lediglich die "IMP-Sprache", nicht aber zugleich die Sprachen aller anderen Hosts beherrschen mussten, damit ein wechselseitiger Datenaustausch gewährleistet werden konnte.

Da die ARPA selbst größtes Interesse an einem schnellen Aufbau sämtlicher IMP-Knoten hatte, übernahm sie von Anfang an die Finanzierung und volle Verantwortung für das ab sofort zur Ausschreibung freigegebene ARPA-Net-Projekt. Den Zuschlag zum Bau der IMPs – und somit auch zum Aufbau des ARPA-Nets – erhielt schließlich eine kleine, aber sehr innovative Consultingfirma in Cambridge (Massachusetts): Bolt Beranek and Newman (BBN).

    Der offizielle Startschuss für die Entwicklung der Netzknoten erreichte Frank Heart, den Leiter des BBN-Teams, exakt am 1. Januar 1969. Larry Roberts hatte BBN genau neun Monate Zeit gegeben, einen handelsüblichen Honeywell DDP-516 Minicomputer zu 80.000 Dollar das Stück in eine zuverlässige und schnelle Datenübertragungsmaschine zu verwandeln. Jeder einzelne der fertigen, kühlschrankgroßen IMPs sollte letztlich also nichts anderes tun als "Daten senden und empfangen, Fehler suchen und beim Auftreten von Fehlern Daten nochmals übertragen, den Datenverkehr lenken und nachprüfen, ob die Nachrichten an den beabsichtigten Zielen angekommen waren." Wenn alles glatt ging, würden die beiden ersten von insgesamt 19 geplanten IMP-Standorten an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) und dem SRI (Stanford Research Institute) realisiert werden. Doch bis dahin mussten sich die Mitarbeiter bei Bolt Beranek and Newman noch gewaltig ins Zeug legen. Nach wie vor standen ein Bündel schwer wiegender Fragen ins Haus. Das Problem schlechthin bestand in der Form der Datenübertragung selbst: Sollten die Informationsbits alle zusammen in einem Stück oder vielleicht doch besser als einzelne "Datenpakete" getrennt voneinander über die Telefonleitungen verschickt werden? Und was tun, wenn aus irgendeinem Grund eine Leitung zu einem der IMP-Knoten ausfiel? Wie konnte eine Botschaft trotzdem sicher von einer Küste der USA zur anderen übertragen werden?

    Die Lösung lag sehr viel näher, als Larry Roberts ahnen konnte. Im eigenen Archiv der ARPA verstaubte seit einigen Jahren ein Artikel, der genau zu diesen Fragen Revolutionäres beisteuern konnte, ohne dass dies bisher jemandem sonderlich aufgefallen wäre. Den Text hatte Paul Baran verfasst, ein Mitarbeiter der RAND-Corporation, die 1946 von den USA gegründet worden war, um das nach dem 2. Weltkrieg erreichte Niveau der stragetischen Operationsplanung weiter aufrecht halten zu können. Der Rüstungswettlauf zwischen Amerika und Russland ließ auch Baran nicht los, und zu Beginn der 60er Jahre sinnierte der studierte Elektrotechniker über das Problem der Überlebensfähigkeit von Kommunikationssystemen bei und nach einem atomaren Angriff auf die Vereinigten Staaten. Wenn die Kommandoeinheiten nicht alle an einem Ort versammelt, sondern dezentral und netzwerkartig verteilt waren, überlegte Baran, dann konnte auch nicht mit einem einzigen Schlag das gesamte Nervenzentrum des Landes lahmgelegt werden. Es mussten dafür nur genügend Knoten und eine Mindestzahl an Leitungen von und zu diesen Knoten existieren, sodass eine Nachricht auch dann noch an ihr Ziel gelangen konnte, wenn eine größere Zahl an Knoten oder Leitungen bereits ausgefallen war. Für Larry Roberts und BBN bedeutete diese Idee, dass alle angepeilten 19 IMP-Standorte letztlich eine gewisse Mindestredundanz aufweisen mussten, das heißt: Jeder einzelne Knoten sollte am Ende mit zumindest zwei, besser aber mit drei oder vier weiteren Knoten verbunden sein. Falls ein IMP versagte, schickte man die Botschaft einfach auf einem anderen Weg zum Ziel-Host.

    Baran betrat jedoch nicht nur auf dem Gebiet der Netzwerkstruktur völlig neuen Boden, auch die Datenübertragung selbst sollte von ihm revolutioniert werden. Stellen Sie sich vor, Sie müssten ein altes Bauernhaus abtragen und an einem neuen Standort, einem Freilichtmuseum zum Beispiel, wieder aufbauen. Die effizienteste und sicherste Lösung, den Transport zu bewerkstelligen, besteht nun darin, nicht das ganze Gebäude auf einmal zu bewegen, sondern Stück um Stück zuerst zu zerlegen, alle Teile sorgfältig zu nummerieren und zuletzt im Museum wieder korrekt zusammenzusetzen. In ähnlicher Form stellte sich Baran den Transport einer Botschaft vom Standort A zum Ort B vor: Jede Nachricht sollte vor ihrer Versendung in kleine Pakete aufgeteilt werden und sich dann völlig selbsttätig den jeweils besten und schnellsten Weg durch das mehrfach redundante Netz aus Telefonleitungen suchen. Ist ein Knoten blockiert, umgehen ihn die Daten einfach und finden automatisch die jeweils schnellste Ausweichroute zu ihrem Zielort (von Baran "dynamisches Routing" genannt), an dem sie zuletzt wieder zusammengefügt und als ursprüngliche Nachricht vom Nutzer gelesen werden können.

Die Ideen Paul Barans erwiesen sich schließlich als absoluter Volltreffer. Genau jenes von ihm beschriebene Prinzip der "Paketvermittlungstechnik" (packet switching) war der letzte Puzzlestein, der zur Realisierung des ARPA-Netzes noch gefehlt hatte. Zeitgerecht am 1. Oktober konnte deshalb sowohl die kalifornische UCLA als auch das Stanford Research Institute einen nagelneuen IMP auf ihrem Universitätsgelände in Empfang nehmen, und der allererste Kontakt zwischen ihren beiden Großrechnern, die den jeweils anderen bisher gemieden hatten wie der Teufel das Weihwasser, stand unmittelbar bevor.

"LOGIN": Fünf Buchstaben, die den ziemlich unspektakulären, aber definitiven Beginn des ARPA-Nets in der ersten Oktoberwoche des Jahres 1969 markieren – eingegeben in Los Angeles, empfangen kurze Zeit später vom Mainframe des SRI. Alles funktionierte. Die Forderung Larry Roberts' nach Zuverlässigkeit hatte sich erfüllt, und bald sollten weitere Knoten folgen: Die Universitäten von Santa Barbara und Utah, das MIT, die RAND-Corporation, Harvard, Lincoln Laboratory, Stanford, Carnegie-Mellon-University usw. Ende 1970 waren insgesamt 12 Netzknoten in Betrieb, und zwei Jahre nach dem Start hatte BBN schon 29 IMPs – also weit mehr als die ursprünglich konzipierte Anzahl an Rechnern – fertiggestellt und ans Netz angeschlossen, welches zu der Zeit oft nur mehr schlicht als "The Net" bezeichnet wurde.

    Ein entscheidender Sprung zur allgemeinen Verbreiterung und Öffnung des Netzwerks ermöglichte schließlich die Erfindung eines  "Terminal-IMPs"(TIP), den die ARPA und BBN erstmals im Herbst 1971 der Öffentlichkeit präsentierten. War ein Zugang zum Netz bisher nur über einen Großrechner in Kombination mit einem IMP möglich gewesen, so konnten sich nun bis zu 63 User gleichzeitig und direkt über einen Terminal-IMP ins Netz einloggen – alles, was man brauchte, war eine Tastatur, ein Bildschirm und eine Leitung zum nächsten TIP, und schon konnten beispielsweise von verschiedenen Mainframes Dateien abgerufen oder E-mails verschickt werden (wobei im Jahr 1973 drei Viertel des gesamten ARPA-Datenverkehrs allein aus E-mails bestand!).

Anfang der 70er Jahre war das ARPANET zwar weiterhin der unumstrittene Platzhirsch, aber der Wettlauf zur allgemeinen Vernetzung hatte schon eingesetzt, und die Konkurrenz schoss wie Pilze aus dem Boden. Sowohl in England als auch in Frankreich wurden eigene Netzwerkprojekte auf die Beine gestellt, und in den USA versuchte man sich erstmals an drahtlosen oder satellitengestützten Übermittlungsvarianten. Unabhängig von der ARPA entwickelten sich außerdem verschiedene Wissenschafts- oder Bildungsnetze, wie etwa das NSFNET der National Science Foundation oder das NYSERNET (New York State Educational Research Network), und Anfang der 80er Jahre gingen Neugründungen wie das BITNET oder das ausschließlich der Kommunkation dienende USENET fast schon im Rauschen einer Unzahl weiterer Netzwerkprojekte unter.

Dennoch blieb eine entscheidende Frage noch einige Zeit unbeantwortet: Wie würden alle diese Netze letztlich untereinander kommunizieren können? Zu diesem Zweck startete die ARPA im Herbst 1973 das sog. "Internetting-Projekt", das dafür sorgen sollte, sämtliche bis zu diesem Zeitpunkt existierenden Netzverbindungen, ganz gleich welcher Technologie oder Geschwindigkeit, mit dem ARPANET zusammenzuschalten. Ungefähr zur selben Zeit wurde die "International Network Working Group" (INWG) aus der Taufe gehoben, welche sich in nächster Zeit ganz der Aufgabe widmen wollte, die Paketvermittlungstechnik, die bewiesenermaßen innerhalb eines Landes funktioniert hatte, nunmehr auf eine globale Ebene zu bringen und so ein internationales "Netz der Netze" zu schaffen.

    Vint Cerf, der Leiter der INWG, und dessen Kollege Robert Kahn zeigten sich der Aufgabe, das Konzept für eine solch globale Verknüpfung zu entwickeln, mehr als gewachsen. Im Sommer 1974 hatten sie gemeinsam einen Artikel verfasst, der sowohl das geeignete Übertragungsprotokoll als auch die entsprechende Hardware beschrieb, mittels derer eine Zusammenschaltung aller bis dato vorhandenen Netze gelingen konnte. Ihrer Ansicht nach sollten ein sog. Transmission Control Protocol (TCP) und ein jeweiliger Routing-Computer für einen reibungslosen Datenaustausch zwischen allen beteiligten Systemen sorgen. Als die Umsetzung dieses Konzepts schließlich die ersten Erfolge zeitigte, kannte die elektronische Vernetzung bald schon und im wahrsten Sinne – keine Grenzen mehr; neue und immer neue Netze entstanden, und alle waren sie verbunden über die von Cerf und Kahn konzipierten Router bzw. das auch heute noch als Modem-Standard definierte TCP/IP-Protokoll. Das ARPANET selbst ging im Laufe der 80er Jahre zunehmend in diesem "Rauschen" unter und wurde zu einem Netz unter vielen. Am Ende hatte es gegen die viel schnelleren "Backbones" des neuen NSF-Netzes keine Chance mehr. Als Ende 1989 der letzte IMP an der Universität von Maryland abgeschaltet worden war, fielen auf der 20-Jahr- und gleichzeitig Trauerfeier des ARPANET, die nicht ganz ernst gemeinten letzten (ersten) Worte:

"Am Anfang schuf die ARPA das ARPANET.
Und das ARPANET war wüst und leer.
Und es war finster in der Tiefe.
Und der Geist der ARPA schwebte über dem Netzwerk, und die ARPA sprach: 'Es werde ein Protokoll.’ Und es ward ein Protokoll. Und die ARPA sah, daß es gut war.
Und die ARPA sagte: 'Es seien mehr Protokolle’ Und es geschah so. Und die ARPA sah, daß es gut war.
Und die ARPA sagte: 'Es seien mehr Netzwerke’ Und so geschah es."

(Ausdrucken?)

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