Advanced Research Projects Agency
Eine kurze Geschichte des Internet

Was Millionen vernetzter Computer heute verbindet, ist eine Technologie, die fast
ausschließlich auf die Bemühungen einer im kalten Krieg gegründeten Forschungsorganisation
zurückgeht: der ARPA. Mit ihrer Hilfe gelang es, die weltweit erste Verbindung zwischen
zwei weit voneinander entfernten Computern herzustellen. Daraus entwickelte
sich das ARPA- und später das INTERNET.

Von Franz Wagner


      Wahrscheinlich nie zuvor in der Geschichte hat ein Reisegefährte mehr Aufsehen erregt. In der Nacht des 4. Oktober 1957 beförderte eine in der Nähe des Aral-Sees stationierte SL4-Trägerrakete das erste von Menschenhand gefertigte Objekt in eine Höhe von etwa 600 Kilometer über dem Erdboden.

Was eigentlich als wissenschaftliche Sensation ersten Ranges hätte gefeiert werden müssen, war in weiten Teilen der westlichen Welt Grund für besorgte, teils hysterische Reaktionen. Die UDSSR waren offensichtlich gerade dabei, mit ihrem 84 kg schweren und nur 58 cm großen Sputnik I (russ. "Weggenosse") in den Weltraum vorzudringen, und Amerika mußte tatenlos zusehen. Die bis dahin unbestritten führende Wissenschafts- und Technologiemacht USA war eiskalt von ihrem russischen Kriegsgegner überrumpelt worden. Ein solcher Verlust an Einfluß und Ansehen im Bereich der Technologiepolitik wog zwar schwer, wäre allerdings noch zu verschmerzen gewesen, aber, schlimmer noch: Die Bedrohung, die durch den "Satellit 1957 Alpha 2", wie Sputnik I offiziell hieß, ausging, war eine absolut reale. Auf beiden Seiten des Atlantiks hatte das atomare Vernichtungspotential inzwischen fast unvorstellbare Ausmaße angenommen. Knapp 18.000 Atomsprengköpfe allein auf amerikanischer Seite hätten jederzeit zum Einsatz kommen können. Und genau um diesen Einsatz, oder besser gesagt, um den Transport der Bombe auf das Territorium des Feindes, ging es schließlich.

Rußland hatte mit dem Start einer Rakete in den Weltraum gezeigt, daß es von nun an fähig war, einen nuklearen Sprengkopf mitten in das Herz Amerikas zu befördern. Sputnik I war der eindeutige Beweis, daß die UDSSR über Interkontinentalraketen verfügten, und das "Gleichgewicht des Schreckens" neigte sich plötzlich beängstigend stark auf die Seite des Kommunismus. Jetzt mußte Amerika handeln, und zwar schnell.

Elf Tage nachdem der neue Erdbegleiter seine ersten Signale an die russische Bodenstation übermittelt hatte, traf sich auf der anderen Seite des Atlantiks ein hochrangiges wissenschaftliches Beraterkomittee mit Präsident Eisenhower, um dem "Gespenst der atomaren Vernichtung" (Eisenhower) die Stirn zu bieten. Wichtigstes Ergebnis der Konferenz war zunächst die Ernennung eines "Sonderberaters für Wissenschaftsfragen", aber die wirklich zündende Idee kam einige Tage später vom damaligen Verteidigungsminister McElroy. Er schlug vor, einen straff organisierten und finanziell bestausgestatteten Think Tank zu gründen, der als zentrale Koordinierungsstelle für die Organisation wissenschaftlicher Forschungsprojekte gedacht war.

Am 7. Januar 1958 war es dann soweit: Eisenhower legte dem Kongreß das Gesuch für die Gründung der ARPA (Advanced Research Projects Agency) vor, und schon fünf Tage später standen sowohl der zukünftige Leiter als auch das Budget der ARPA fest. Kaum zu glauben: Von den damals knapp fünf Milliarden US-Dollar, die jährlich für Forschung und Technik vom Staat aufgewendet wurden, gingen sofort zwei Milliarden Dollar an die neu gegründete Behörde. Was aber nicht unbedingt verwundert, wenn man weiß, daß die ARPA damals noch die Oberaufsicht über sämtliche US-amerikanischen Raumfahrt- und strategischen Raketenforschungsprojekte innehatte.

Doch dabei sollte es nicht bleiben. Das Pentagon war der Ansicht, daß sowohl die Entwicklung neuer Raketen als auch der Vorstoß in den Weltraum in Zukunft unter dem Dach einer eigenen Behörde, der im Spätsommer 1958 ins Leben gerufenen "National Aeronautics and Space Administration" (NASA) vereint werden sollten. Damit verlor die ARPA mit einem Schlag annähernd ihr gesamtes Budget, aber was noch schwerer wog: Niemand wußte, für welchen Zweck die verbliebenen 150 Millionen Dollar in nächster Zeit verwendet werden sollten, jetzt, da man in Wahrheit zu einer "toten Katze im Kartoffelkeller" (Aviation Week) degradiert worden war. Nicht das Finanzielle war also das Problem. Was die ARPA nun vor allem brauchte, war ein neues, sinnvolles Betätigungsfeld, eine Umdefinition ihrer bisherigen Arbeitsschwerpunkte. Im letzten Moment schlugen die Wiederbelebungsversuche an - die "tote Katze" war noch einmal mit dem Schrecken davongekommen. Das Verteidigungsministerium mußte zugestehen, daß ein langfristiger technologischer Vorsprung nicht allein durch das Herumschrauben an diversen Raketenmotoren gewährleistet werden konnte – was inzwischen der Job der NASA und anderer militärischer Einrichtungen war. Im Gegensatz dazu sollte sich die ARPA in Zukunft zu einer Fördereinrichtung für Grundlagenforschung und Sonderprojekte aller Art entwickeln.

Was hier ein wenig nach "reiner" Wissenschaft und nach einem Rückzug in den berüchtigten Elfenbeinturm klingt, avancierte in Wirklichkeit zum schon bald gerühmten "ARPA-Stil", einer lockeren und flexiblen bis risikofreudigen wissenschaftlichen Mentalität, die so gar nicht zu den verstaubt hierarchischen Amtsgepflogenheiten im dritten Stock des Pentagon passen wollten, in dem nun die Mitarbeiter der neuen Behörde für Grundlagenforschung ihr Quartier bezogen hatten. Selbst auf den ersten Blick "verrückte" oder nur wenig ausgereifte Ideen bekamen jetzt meistens eine Chance, und wie ungewiß die Erfolgsaussichten eines Projekts auch waren, fast immer wurden die entsprechenden Mittel schnell und unbürokratisch vergeben. Die Crème de la Crème der amerikanischen Wissenschaft, allen voran Universitäten wie MIT, Stanford, Berkeley, Harvard, UCLA usw. standen mit der ARPA in ständigem Kontakt, nicht zuletzt deshalb, weil viele Verantwortungsträger im Stab der Behörde selbst zuvor an diesen Universitäten studiert und geforscht hatten.

Einer von ihnen war der 47-jährige Psychoakustiker J.C.R. Licklider, ein hervorragender Psychologe, der seit 1950 Studien zum menschlichen Hörsystem am MIT unternommen hatte und der nebenbei einer damals ziemlich ausgefallenen Leidenschaft nachhing: dem Computer. Dabei konnte oder wollte Mitte der 50er Jahre, überspitzt gesagt, im Normalfall nur derjenige einen Computer bedienen, der ihn auch selbst gebaut hatte. Jeder einzelne der damals existierenden Großrechner war eine Welt für sich, kein Betriebssystem glich auch nur im entferntesten dem anderen, und wer sich – als Laie – vornehmen wollte, Einblick in die Geheimnisse eines solchen Ungetüms zu nehmen, mußte entweder reichlich naiv, überheblich oder ein Genie sein. Licklider gehörte eindeutig zu letzterer Kategorie. Ein Kollege berichtet:

"Er sprach in seinem näselnden Missouri-Dialekt, und wenn man gerade von draußen hereinschneite, fragte man sich ‚Wer zum Teufel ist dieser Bauerntrampel’. Doch wenn man selbst gerade an dem betreffenden Problem arbeitete und hörte, wie er es auf den Punkt brachte, dann war es, als ob die Sonne aufginge."

Eines Tages ließ Licklider die Idee nicht mehr los, sich eingehend mit dem im Keller des Lincoln Lab am MIT aufgebauten TX-2, einem Nachfolgemodell des weltweit ersten "Minicomputers", vertraut zu machen. Stundenlang saßen er und Wesley Clark, der für den TX-2 verantwortliche Ingenieur, vor einer völlig neuartigen, interaktiven Grafikkonsole, und je länger sich Licklider in jene neue Welt aus Bits und Bytes vertiefte, desto revolutionärer stellte er sich die zukünftige Nutzung dieses neuen Mediums vor. Waren Computer bisher bloße Rechenautomaten gewesen, extrem teuer, schwerfällig, und ausgestattet mit einem Betriebssystem, dessen Bedienung fast an Magie grenzte, so sollte in Zukunft jedermann Zugang zu "Heimcomputerkonsolen" oder "Fernsehgeräten, die zu einem allumfassenden Netzwerk verknüpft waren", bekommen. In seinem 1960 erschienenen, richtungsweisenden Essay "Man Computer Symbiosis" wurde er noch deutlicher:

"Wirklich effektive Interaktion mit Information über eine gute Konsole und ein gutes Netzwerk zu einem guten Computer macht Spaß, und das läßt den Prozeß zu einem Selbstläufer werden."

Kurze Zeit später, im Jahr 1962, war Joseph Carl Robnett Licklider zum neuen Leiter der Abteilung "Command and Control" bei der ARPA geworden.

Sofort packte er die Gelegenheit beim Schopf und erklärte den offenbar ziemlich unbedarften Herren im Verteidigungsministerium, daß es sich bei einem Computer nicht um einen Apparat handle, den man zuerst mit Informationen über russische Truppenbewegungen füttert, um dann das weitere Verhalten Chruschtschows ausgerechnet zu bekommen – im Gegenteil: Ein Computer, so Licklider, solle in Zukunft viel mehr können, als bloß numerische Berechnungen für wissenschaftliche Zwecke auszuführen. Verhaltensforschung im Bereich der militärischen Kommando- und Kontrollstruktur sei ja schön und gut, aber warum denke man nicht auch an Themen wie: Time-Sharing, Computergrafik, Dialogbetrieb oder Künstliche Intelligenz? Wären damit die 14 Millionen Dollar Budget nicht viel besser angelegt? Licklider muß letzten Endes jedenfalls ein sehr überzeugendes Auftreten an den Tag gelegt haben, denn Tatsache ist, daß das Pentagon schon zwei Jahre später grünes Licht für die Umbenennung der Abteilung in Information Processing Techniques Office (IPTO) gab, dem "Büro für Grundlagen der Datenverarbeitung".

Neben den oben angesprochenen Themen galt Lickliders Hauptinteresse vor allem dem inzwischen äußerst dringlich gewordenen Problem, die immer größer werdende Zahl unterschiedlicher Computer, Betriebssysteme, Programmiersprachen und Programme auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Was der Leiter des IPTO forderte, war eigentlich schon längst überfällig: Alle bisherigen Systeme mußten endlich standardisiert und als nächstes eine Kommunikationsmöglichkeit, ein umfassendes Computernetzwerk errichtet werden, sodaß ein an diesem Netzwerk beteiligter Großrechner die Ressourcen des jeweils anderen Rechners nutzen konnte, also konkret dessen Rechenzeit, diverse Softwareanwendungen oder Datenbanken. Sprunghaft wie Licklider einmal war, wollte er die Verwirklichung dieses Projekts allerdings nicht mehr selbst in die Hand nehmen, und verabschiedete sich schon 1965 wieder an seine frühere Universität, das MIT. An seiner Stelle sollte von nun an Robert Taylor, ein studierter Psychologe und Mathematiker mit dem gleichen Hang zur Informatik wie Licklider, die Geschäfte des IPTO übernehmen.

Auch Taylor wußte, daß ein künftiger Rechnerverbund die Effizienz von Forschung und Entwicklung nicht nur rapide steigern konnte, sondern auch mußte – schon aus finanziellen Gründen. So war es bisher etwa keine Seltenheit, daß zwei oder mehr Universitäten gerade an sehr ähnlichen Problemen, zum Beispiel im Bereich der Computergrafik, gearbeitet hatten, ohne daß auch nur die geringste Chance für eine wechselseitige Arbeitsteilung oder Spezalisierung bestand. Niemand konnte so letztlich vom gerade erzielten Fortschritt des jeweils anderen profitieren, und ebenso kostspielige wie zeitraubende Doppelgleisigkeiten waren an der Tagesordnung. Um in Zukunft der ARPA einen Batzen an Geld, Ärger und Aufwand zu ersparen, beauftragte Taylor schließlich einen fähigen jungen Computer- und Telekommunikationsexperten namens Lawrence G. Roberts mit einer fast unlösbar scheinenden Aufgabe: Er sollte eine Gruppe von Autisten irgendwie dazu bringen, sich in Zukunft nicht mehr für das jeweils einzige Wesen im Universum zu halten.

Man könnte es auch anders formulieren: Stellen Sie sich vor, Sie schieben eine CD-ROM in den Kassettenschacht Ihres analogen Videorekorders. Was passiert? Nichts! Offensichtlich gibt es hier ein fundamentales Kommunikationsproblem: Beide Medien sind nicht kompatibel, sie besitzen völlig unterschiedliche Funktionsprinzipien. Wie aber sollte es nun Larry Roberts gelingen, zwei oder mehrere Großrechner, die bisher nicht das mindeste miteinander zu tun haben wollten, die oft nicht nur tausende Kilometer, sondern vor allem hinsichtlich ihrer Hard- und Software ganze Welten voneinander entfernt waren, zu einem freundschaftlichen Handshake zu bewegen?

Der entscheidende Gedanke wurde von Wesley Clark, dem TX-2 Programmierer des Lincoln Lab, am Rande einer Computerkonferenz in Ann Arbor (Michigan) vorgebracht: Nicht die Großrechner ("Hosts") selbst sollten das Versenden und Empfangen von Daten besorgen, sondern eine ganze Reihe zwischengeschalteter, kleinerer Computer, sogenannter Interface Message Processors (IMP), die in gewissem Sinn als "Universalübersetzer" zwischen allen beteiligten Hosts fungieren konnten. Das eigentliche Netzwerk bildeten also die IMPs, ausschließlich mit ihrer Hilfe sollte es dem jeweiligen universitären Mainframe möglich sein, mit einem anderen Hauptrechner Kontakt aufzunehmen – inklusive des unschätzbaren Vorteils, daß alle Hosts lediglich die "IMP-Sprache", nicht aber zugleich die Sprachen aller anderen Hosts beherrschen mußten, damit ein wechselseitiger Datenaustausch gewährleistet werden konnte.

Da die ARPA selbst größtes Interesse an einem schnellen Aufbau sämtlicher IMP-Knoten hatte, übernahm sie von Anfang an die Finanzierung und volle Verantwortung für das ab sofort zur Ausschreibung freigegebene ARPA-Net-Projekt. Den Zuschlag zum Bau der IMPs – und somit auch zum Aufbau des ARPA-Nets – erhielt schließlich eine kleine, aber sehr innovative Consultingfirma in Cambridge (Massachusetts): Bolt Beranek and Newman (BBN).

Der offizielle Startschuß für die Entwicklung der Netzknoten erreichte Frank Heart, den Leiter des BBN-Teams, exakt am 1. Januar 1969. Larry Roberts hatte BBN genau neun Monate Zeit gegeben, einen handelsüblichen Honeywell DDP-516 Minicomputer zu 80.000 Dollar das Stück in eine zuverlässige und schnelle Datenübertragungsmaschine zu verwandeln. Jeder einzelne der fertigen, kühlschrankgroßen IMPs sollte letztlich also nichts anderes tun als "Daten senden und empfangen, Fehler suchen und beim Auftreten von Fehlern Daten nochmals übertragen, den Datenverkehr lenken und nachprüfen, ob die Nachrichten an den beabsichtigten Zielen angekommen waren."

Wenn alles glatt ging, würden die beiden ersten von insgesamt 19 geplanten IMP-Standorten an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) und dem SRI (Stanford Research Institute) realisiert werden. Doch bis dahin mußten sich die Mitarbeiter bei Bolt Beranek and Newman noch gewaltig ins Zeug legen. Es standen nach wie vor ein Bündel schwerwiegender Fragen ins Haus, die unbedingt gelöst werden mußten. Das Problem schlechthin bestand in der Form der Datenübertragung selbst: Sollten die Informationsbits alle zusammen in einem Stück oder vielleicht doch besser als einzelne "Datenpakete" getrennt voneinander über die Telefonleitungen verschickt werden? Und was tun, wenn aus irgendeinem Grund eine Leitung zu einem der IMP-Knoten ausfiel? Wie konnte eine Botschaft trotzdem sicher von einer Küste der USA zur anderen übertragen werden?

Die Lösung lag sehr viel näher, als Larry Roberts ahnen konnte. Im eigenen Archiv der ARPA verstaubte seit einigen Jahren ein Artikel, der genau zu diesen Fragen Revolutionäres beisteuern konnte, ohne daß dies bisher jemandem sonderlich aufgefallen wäre. Den Text hatte Paul Baran verfaßt, ein Mitarbeiter der RAND-Corporation, die 1946 von den USA gegründet worden war, um das nach dem 2. Weltkrieg erreichte Niveau der stragetischen Operationsplanung weiter aufrecht halten zu können. Der Rüstungswettlauf zwischen Amerika und Rußland ließ auch Baran nicht los, und zu Beginn der 60er Jahre sinnierte der studierte Elektrotechniker über das Problem der Überlebensfähigkeit von Kommunikationssystemen bei und nach einem atomaren Angriff auf die Vereinigten Staaten.

Wenn die Kommandostrukturen dezentral und netzwerkartig verteilt waren, überlegte Baran, dann konnte auch nicht mit einem einzigen Schlag das gesamte Nervenzentrum des Landes lahmgelegt werden. Es mußten dafür nur genügend Knoten und eine Mindestzahl an Leitungen von und zu diesen Knoten existieren, sodaß eine Nachricht auch dann noch an ihr Ziel gelangen konnte, wenn eine größere Zahl an Knoten oder Leitungen inzwischen ausgefallen war. Für Larry Roberts und BBN bedeutete diese Erkenntnis Barans, daß alle angepeilten 19 IMP-Standorte letztlich eine gewisse Mindestredundanz aufweisen mußten, das heißt: Jeder einzelne Knoten sollte am Ende mit zumindest zwei, besser aber mit drei oder vier weiteren Knoten verbunden sein. Falls ein IMP versagte, schickte man die Botschaft einfach auf einem anderen Weg zum Ziel-Host.

Baran betrat jedoch nicht nur auf dem Gebiet der Netzwerkstruktur völlig neuen Boden, auch die Datenübertragung selbst sollte von ihm revolutioniert werden. Stellen Sie sich vor, Sie müßten ein altes Bauernhaus abtragen und an einem neuen Standort, einem Freilichtmuseum zum Beispiel, wieder aufbauen. Die effizienteste und sicherste Lösung, den Transport zu bewerkstelligen, besteht nun darin, nicht das ganze Gebäude auf einmal zu bewegen, sondern Stück um Stück zuerst zu zerlegen, alle Teile sorgfältig zu numerieren und zuletzt im Museum wieder korrekt zusammenzusetzen. In ähnlicher Form stellte sich Baran den Transport einer Botschaft vom Standort A zum Ort B vor: Jede Nachricht sollte vor ihrer Versendung in kleine Pakete aufgeteilt werden und sich dann völlig selbsttätig den jeweils besten und schnellsten Weg durch das mehrfach redundante Netz aus Telefonleitungen suchen. Ist ein Knoten blockiert, umgehen ihn die Daten einfach und finden automatisch die jeweils schnellste Ausweichroute zu ihrem Zielort (von Baran "dynamisches Routing" genannt), an dem sie zuletzt wieder zusammengefügt und als ursprüngliche Nachricht vom Nutzer gelesen werden können.

Die Ideen Paul Barans erwiesen sich schließlich als absoluter Volltreffer. Genau jenes von ihm beschriebene Prinzip der "Paketvermittlungstechnik" (packet switching) war der letzte Puzzlestein, der zur Realisierung des ARPA-Netzes noch gefehlt hatte. Zeitgerecht am 1. Oktober konnte deshalb sowohl die kalifornische UCLA als auch das Stanford Research Institute einen nagelneuen IMP auf ihrem Universitätsgelände in Empfang nehmen, und der allererste Kontakt zwischen ihren beiden Großrechnern, die den jeweils anderen bisher gemieden hatten wie der Teufel das Weihwasser, stand unmittelbar bevor.

"LOGIN": Fünf Buchstaben, die den ziemlich unspektakulären, aber definitiven Beginn des ARPA-Nets in der ersten Oktoberwoche des Jahres 1969 markieren – eingegeben in Los Angeles, empfangen kurze Zeit später vom Mainframe des SRI. Alles funktionierte. Die Forderung Larry Roberts' nach Zuverlässigkeit hatte sich erfüllt, und bald sollten weitere Knoten folgen: Die Universitäten von Santa Barbara und Utah, das MIT, die RAND-Corporation, Harvard, Lincoln Laboratory, Stanford, Carnegie-Mellon-University usw. Ende 1970 waren insgesamt 12 Netzknoten in Betrieb, und zwei Jahre nach dem Start hatte BBN schon 29 IMPs – also weit mehr als die ursprünglich konzipierte Anzahl an Rechnern – fertiggestellt und ans Netz angeschlossen, welches zu der Zeit oft nur mehr schlicht als "The Net" bezeichnet wurde.

Ein entscheidender Sprung zur allgemeinen Verbreiterung und Öffnung des Netzwerks ermöglichte schließlich die Erfindung eines sog. "Terminal-IMPs"(TIP), den die ARPA und BBN erstmals im Herbst 1971 der Öffentlichkeit präsentierten. War ein Zugang zum Netz bisher nur über einen Großrechner in Kombination mit einem IMP möglich gewesen, so konnten sich nun bis zu 63 User gleichzeitig und direkt über einen Terminal-IMP ins Netz einloggen – alles, was man brauchte, war eine Tastatur, ein Bildschirm und eine Leitung zum nächsten TIP, und schon konnten beispielsweise von verschiedenen Mainframes Dateien abgerufen oder E-mails verschickt werden (wobei im Jahr 1973 drei Viertel des gesamten ARPA-Datenverkehrs allein aus E-mails bestand!).

Anfang der 70er Jahre war das ARPANET zwar weiterhin der unumstrittene Platzhirsch, aber der Wettlauf zur allgemeinen Vernetzung hatte schon eingesetzt, und die Konkurrenz schoß wie Pilze aus dem Boden. Sowohl in England als auch in Frankreich wurden eigene Netzwerkprojekte auf die Beine gestellt, und in den USA versuchte man sich erstmals an drahtlosen oder satellitengestützten Übermittlungsvarianten. Unabhängig von der ARPA entwickelten sich außerdem verschiedene Wissenschafts- oder Bildungsnetze, wie etwa das NSFNET der National Science Foundation oder das NYSERNET (New York State Educational Research Network), und Anfang der 80er Jahre gingen Neugründungen wie das BITNET oder das ausschließlich der Kommunkation dienende USENET fast schon im Rauschen einer Unzahl weiterer Netzwerkprojekte unter.

Dennoch blieb eine entscheidende Frage noch einige Zeit unbeantwortet: Wie sollten alle diese Netze letztlich untereinander kommunizieren können?

Im Herbst 1973 startete die ARPA deshalb das sogenannte "Internetting-Projekt", das dafür sorgen sollte, sämtliche bis zu diesem Zeitpunkt existierenden Netzverbindungen, ganz gleich welcher Technologie oder Geschwindigkeit, mit dem ARPANET zusammenzuschalten. Ungefähr zur selben Zeit wurde die "International Network Working Group" (INWG) aus der Taufe gehoben, welche sich in nächster Zeit ganz der Aufgabe widmen wollte, die Paketvermittlungstechnik, die bewiesenermaßen innerhalb eines Landes funktioniert hatte, nunmehr auf eine globale Ebene zu bringen und so ein "internationales Netz der Netze" zu schaffen.

Vint Cerf, der Leiter der INWG, und dessen Kollege Robert Kahn zeigten sich der Aufgabe, eine solche globale Vernetzung tatsächlich umzusetzen, mehr als gewachsen. Im Sommer 1974 hatten sie gemeinsam einen Artikel verfaßt, der sowohl das geeignete Übertragungsprotokoll als auch die entsprechende Hardware beschrieb, mittels derer eine Zusammenschaltung aller bis dato vorhandenen Netze gelingen konnte. Ihrer Ansicht nach sollten ein sog. Transmission Control Protocol (TCP) und ein jeweiliger Routing-Computer für einen reibungslosen Datenaustausch zwischen allen beteiligten Systemen sorgen. Ihre Ideen brachten den Durchbruch. Nun kannte die elektronische Vernetzung – im wahrsten Sinne – keine Grenzen mehr, neue und immer neue Netze entstanden, und alle waren sie verbunden über die von Cerf und Kahn konzipierten Router und das auch heute noch als Standard definierte TCP/IP-Protokoll. Das ARPANET selbst ging im Laufe der 80er Jahre zunehmend in diesem "Rauschen" unter, aber vor allem auch deshalb, weil es gegen die viel schnelleren "Backbones" des neuen NSF-Netzes keine Chance mehr hatte. Als Ende 1989 der letzte IMP an der Universität von Maryland abgeschaltet worden war, fielen auf der 20-Jahr- und gleichzeitig Trauerfeier des ARPANET, folgende letzte (erste)Worte:

"Am Anfang schuf die ARPA das ARPANET.
Und das ARPANET war wüst und leer.
Und es war finster in der Tiefe.
Und der Geist der ARPA schwebte über dem Netzwerk, und die ARPA sprach: ‚Es werde ein Protokoll.’ Und es ward ein Protokoll. Und die ARPA sah, daß es gut war.
Und die ARPA sagte: ‚Es seien mehr Protokolle’ Und es geschah so. Und die ARPA sah, daß es gut war.
Und die ARPA sagte: ‚Es seien mehr Netzwerke’ Und so geschah es."


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