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Charisma aus dem Reagenzglas
Der Moderator auf der Suche nach dem Sinn

Das "abgeschmackte Sammelsurium aus Gscheiterem und Blöderem", das seit
einiger Zeit die Fernsehwelt regiert, lässt vor allem eines vermissen: Einen roten Faden.

Von Franz Wagner



 

 

 

Gute Bücher bieten Orientierung

     Der Mensch lenkt, aber das System denkt voraus. Dabei steuern Global positioning systems den Autofahrer oft nur scheinbar fern. Denn eigentlich besitzt das GPS mehr Ähnlichkeit mit Büchern und Geschichten, die den Leser durch geistige Landschaften begleiten.
Wer gute Bücher im Gepäck hat, wird ebenso leicht die passende Richtung finden wie einer, der sich lieber raumzeitlich bewegt. Im Roman wie auf der Landkarte gibt ein roter Faden den Weg vor, und der Erzähler macht Routenvorschläge, denen wir folgen können, aber nicht müssen. Ein gutes Buch erlaubt Umwege, und ein hervorragendes GPS hat den Abstecher nach Dresden eingespeichert, wenn uns, mit Verlaub, der alte Baedeker darauf verweist, dass der kürzeste Weg von München nach Hamburg fast immer auch der ödeste ist.
Dank GPS finden wir dorthin, wo wir wollen. Das eben ist der Sinn einer roten Linie: Der Erzähler baut Straßen, entrollt eine Handlung, gibt Fingerzeige und legt Köder aus; der Leser lässt sich führen, aber auf welchem Weg er zum Ziel gelangt, bleibt seine Sache.

 

Manchmal geht rote Faden verloren - im Fernsehen zum Beispiel

 

 

 

 

 

Ausnahmen bestätigen die Regel: 'Großes Kino' und ARTE-Themenabende

     Was aber hilft ein Kompass, wenn die Infrastruktur fehlt? Wenn der Leser keine Ideen und Konzepte, vor allem aber keine Menschen mehr findet, die, aus einer Vergangenheit kommend, mit ihm gemeinsam in die Zukunft erzählt werden und für ihn eine Geschichte bekommen, mit der sich etwas anfangen lässt? Wenn es das nicht gibt, führen alle Straßen ins Nirgendwo, Dresden und Hamburg verschwinden von der Landkarte, aus Autobahnen werden Forstwege und der Sinn verdrückt sich ins Unterholz.

Nicht viel anders ergeht es dem Durchschnitts-GPSler mit dem Fernsehen. Die Satelliten schicken zwar immer mehr Daten ins Haus, aber der Zuseher am Boden verliert langsam die Orientierung. Der Positionsabgleich missglückt, weil die Referenzobjekte fehlen.
Manchmal zeigen sich wohl Lichtblicke. Das große Kino zum Beispiel, wenn es zufällig mal ins Wohnzimmer flimmert, und von ARTE-Themenabenden wollen wir sowieso nicht reden. Wir könnten ja nicht mehr aufhören damit, es hielte uns auf keinem Fernsehsessel mehr; geradezu aufspringen würden wir, das Telefonbuch hervorkramen, die nächstbeste Nummer wählen und eine wildfremde Person am anderen Ende der Leitung vor den Kopf stoßen, indem wir dieser dringend ans Herz legen, sich unverzüglich von Vera Russwurm ab- und den Kindersoldaten auf den Straßen Yamoussoukros zuzuwenden. Yamoussoukro ist übrigens die Hauptstadt der Elfenbeinküste, einem kleinen schwarzafrikanischen Land, in dem die Menschen durchschnittlich 44,7 Jahre alt werden.

 

Chmelar live: "Was aber auffällt, ist, dass in dieser Sendung über nichts, aber auch über wirklich gar nichts nicht gesprochen wird."

     Wie einem guten Buch sollten wir auch dem Fernsehen gelegentlich die Frage stellen, wo uns das hinführen wird; ob das Ziel noch erkennbar ist oder ob dieses zusehends von Reichweiten und Marktanteilen vernebelt wurde; wo das alles hinausläuft, wenn die Info ohne Tainment nicht mehr existieren kann. Bei Chmelar live zum Beispiel, wie kommt einem das vor? Es ist eine Tragödie! Oder nein, eine Komödie! Zwischen zwei Gags, was sehen wir? Furchtbare Zustände im Flüchtlingslager Traiskirchen. Zur Orientierung: Wir befinden uns auf ATV+, irgendwo zwischen ernsthafter Komik und dem komischen Gefühl, als wäre die Sache mit Traiskirchen bloß ein Witz. Was aber besonders auffällt, ist, dass in dieser Sendung über nichts, aber auch über wirklich gar nichts nicht gesprochen wird.

 

 

"Willkommen Österreich" -   wo bleibt der Sinn des Ganzen?

Das ist allerdings kein Zufall. Schaut man sich nämlich die Genese des Dieter Chmelar genauer an, ist ein Kurzbesuch bei Willkommen Österreich Pflicht. Der erste Eindruck ist ein Déjà vu. Ferngesteuerte Autos fahren auf infrastrukturlosen Landkarten einem ungewissen Ziel entgegen – wer weiß, wo’s langgeht, gewinnt. Das Preisgeld hält sich allerdings in Grenzen. Unwillkürlich muss man hier an den hypothetischen Fall jenes Mannes denken, welcher in Salzburg ins Auto stieg, weil er nach Wien wollte, auf die öffentlich-rechtliche Autobahn auffuhr und eine halbe Stunde später bei Sankt Johann im Walde steckte, mitten im dunklen und unbekannten Oberösterreich. Wer so im Kreis geführt wird, stellt zu Recht – ganz wie im Roman – die Frage nach Inhalt oder Ziel, kurz, nach dem Sinn des Ganzen. Aber wie man das Fahrzeug auch dreht und wendet – es fehlt der rote Faden.

 

Vom Kindchenschema bis zum Weinprediger: die Themenpalette von "Willkommen Österreich"

 

 

 

Routiniertes Miene-wechsel-dich-Spiel der Moderatoren

     Um was geht es also in Willkommen Österreich? Nun, ehrlich gesagt: um nichts, oder besser: um eigentlich alles. Von der Lebensbeichte eines des Schweigens nicht mehr fähigen Schlafzimmerfensterspechtlers bis zum Kindchenschema der herzigsten Putzerl und Viecherl des Tages, von den trockenen Genüssen eines Weinpredigers und höchst unerotischen Eröffnungen einer bekannten Sexualkundlerin, von Schauspielern, die über den Krebs gesiegt und gleichzeitig ihren neuen Film beworben haben wollen, von rüstigen Adabeis und hoch gerüsteten Frauenzimmern der Ans-Herz-Drücker- und Busserlausteiler-Society, von Lebensrettern und Liebestötern, Gesundheitsaposteln und Gehörnten, vom illustren Zurschausteller bis zu jenem, der bloß zufällig nah am Geschehen gewesen. Das Miene-wechsel-dich-Spiel von Lizzi Engstler und Wolfram Pirchner, die inszenierte Diplomatie eines inzwischen zu einem noch privateren Sender übergewechselten Dieter Chmelar, die gespielte Gemütlichkeit von einer extra für das urbane Publikum kreierten Martina Rupp und die alles und jeden ganz und gar vereinnahmende Nettigkeit des neuen Mannes an ihrer Seite, dessen hervorstechendste Eigenschaft eine ist, die wir bisher noch nicht entdeckt haben – sie alle umwerben den Zuseher in ewig gleichem  Rhythmus mit einer Mischung aus weltmännischem Varieté-Theatralikum und bieder-bürgerlicher Kaminfeuer-Romantik.

 

Ein Wunsch nach besseren Tagen: Günther Nenning und Hans Peter Heinzl

 

 

 

 

"Gesendet wird immer noch vom Küniglberg, aber Ausstrahlung hat das keine mehr."

Man möchte angesichts dieses abgeschmackten Sammelsuriums aus Gscheiterem und Blöderem sich unverzüglich zurückwünschen in eine Zeit, als Günther Nenning vom legendären Sofa des Club 2 aus die Fernsehwelt regierte oder die Gedankenexzesse eines Hans Peter Heinzl deutlich sichtbare Spuren auf der Mattscheibe hinterließen. Sogar der altbackene Seniorenclub, meinte Hermes Phettberg vor einiger Zeit, sei doch zumindest eine "kleine Erinnerung daran, dass es früher Menschen im Fernsehen gegeben hat."

     Wir wissen nicht, wo das Club 2-Sofa hingekommen ist, und noch weniger können wir begreifen, was in Gottes Namen aus Günther Nenning geworden ist, aber eines trauen wir uns sagen: gesendet wird immer noch vom Küniglberg, aber Ausstrahlung hat das keine mehr. Ohne Ausstrahlung gibt es auch keine Eindrücke. Und wenn wir nicht beeindruckt sind, dann liegt das wohl auch daran, dass die gelegenheitsmoderierenden Aushängeschilder von einst heute zunehmend durch professionell gecastete Couch-Potatoes ersetzt werden; ausgesucht fesche, junge Anchorklone, die von ihrem Teleprompter wie der Esel von der Karotte durch die Sendung geschleppt werden und ihre von Nachrichtenagenturen übernommenen Neuigkeiten in einem Ton vermitteln, der bisher nur von Touristensprechautomaten oder von den Tonbanddiensten der Telekom Austria hervorgebracht werden konnte.

 

 

 

Moderatoren von heute funktionieren tadellos: Ästhetisch ansprechende Gesichter formen rhetorisch einwandfreie Sätze

Was tut der ORF dagegen – und mit ihm ein Großteil des schreibenden Feuilletons? Sie trauern. Beweinen die verflossenen Größen von einst; dass es nie mehr solche geben wird wie Horst Friedrich Mayer und Robert Hochner, dass sich die noch verbliebenen Bildschirmpersönlichkeiten – Barbara Coudenhouve-Calergi, Hugo Portisch, Paul Lendvai – langsam in Luft auflösen und der ultimative Welterklärer nicht in Sicht ist.

     Dabei agieren die Moderatoren von heute gar nicht fehlerhaft. Sie funktionieren sogar überraschend gut. Ästhetisch ansprechende Gesichter formen rhetorisch einwandfreie Sätze, trennen Nachricht von Meinung, sagen herzlichwillkommenzurmittagszeitimbild und gutenabendauswien und stellen ihren Studiogästen gern, höchstens aber zweimal dieselbe Frage.

Ja, Journalisten machen, das kann er schon der ORF, daran wollen wir nicht zweifeln. Aber fehlt da nicht noch was? Etwas mehr Individuelles, Unverbildetes, Farbiges, ein Präsentator, "der die Hauptabend-News ebenso kompetent wie glaubwürdig präsentieren kann."(© TV-Media)? Aber wie in aller Welt soll später jemand glaubwürdig sein, der schon mit 20 Jahren in den ORF eingetreten ist?

 

"Selbst ultramoderne Newsrooms und affengeile Newsflashes können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sendungen, Gesichter und Formate sich immer ähnlicher sehen."

Die Politik hat dagegen längst das Prinzip des Quereinsteigers gesetzt – und oft gehörig übertrieben. Patrick Ortlieb zum Beispiel, Ex-Skirennläufer. Gerade sucht er noch einen Job, tags darauf findet er sich im Hohen Haus wieder. Trotzdem. Selbst ultramoderne Newsrooms und affengeile Newsflashes können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sendungen, Gesichter und Formate sich immer ähnlicher sehen. Auch die EU hat jetzt zugestanden, dass das Aussehen allein kein sicheres Erkennungsmerkmal mehr ist. Was aber einst für Pässe gelten soll, lässt sich ebenso auf Nachrichtensprecher anwenden. Spätestens in zehn Jahren wird der ORF nicht mehr Namen, sondern Fingerabdrücke am Bildschirm einblenden – einblenden müssen, schon aus Sicherheitsgründen und um zu vermeiden, dass sich plötzlich Tiba Marchetti als Lou Lorenz ausgibt oder einer der Kabelträger aus Jux Dieter Bornemann imitiert und Liveschaltungen zum Korrespondenten nach Israel und New York macht.

 

Moderatoren vom Fließband

 

 

 

 

Universalkünstler werden zu UNIVERSAL-Künstlern

     Verräterisch zeigt sich aber auch die Sprache: Infotainment-Stars von heute sind schon lange keine bunten Vögel mehr wie Günther Nenning, sondern werden im eigenen Haus zunächst aufgebaut, später eingekleidet von, sagen wir, Dolce & Gabbana, powered by Quote und zuletzt in einer Linie ausgerichtet von Lieutenant Commander Werner Mück. Würde Gerald Ford noch leben, er wäre sicher besessen von dem Gedanken, statt Autos Moderatoren vom Fließband laufen zu lassen.

So ein Konzept lässt sich natürlich auf andere Berufsgruppen erweitern. Nehmen wir zum Beispiel Leute, die – im weitesten Sinne – singen. Wer hier früher vielfältige Talente hatte, kritisierte mit seinen Songs zuerst Elternhaus und Kirche, ging später hart mit sich selbst ins Gericht und wurde am Ende Universal-Künstler wie André Heller. Heute werden Talente per Televoting ermittelt, anschließend von Hannes Eder kritisiert und am Schluss, bei guter Führung, dürfen die Interpreten sich – jedenfalls für den Moment – UNIVERSAL-Künstler nennen.

 

"Armin & Ingrid" oder etwa doch lieber "Die Sendung ohne Namen" ?

 

 

 

 

"Chris und Chris" - das neue ORF-Kulturmagazin für Jugendliche

     Tatsächlich laboriert der ORF, und nicht nur er, an einer seltsamen Schiefheit: einerseits wird nach charismatischen Presentern Ausschau gehalten, nach Gesichtern, die dem Sender gut stehen und mindestens so unverwechselbar sind wie das St. Pöltener Rathaus: "Barbara Karlich", "Vera" und "Vera am Mittag", "Johannes B. Kerner" und "Beckmann", "Maischberger" und "Sabine Christiansen", "Bei Stöckl" und "Arabella". Wenn das so weitergeht, wird es gewiss nicht mehr lange dauern, und der ORF benennt den Report in "Claudia Reiterer" und die ZIB 2 in "Armin & Ingrid" um. Auf der anderen Seite wird weiter am Anonymitätsprinzip gearbeitet und Formate wie "Die Sendung ohne Namen" aus dem Hut gezaubert.

Den Vogel schießt aber das neue ORF-Kulturmagazin fürs jugendliche Publikum ab: in den "Sunshine Airlines" tritt kein üblicher Moderator mehr auf, sondern Chris und Chris, ein Zwillingspärchen, das von Folge zu Folge jeweils gegen ein anderes genetisch identisches Duo ausgetauscht wird. "Wir wollen nicht, dass Chris und Chris prominent werden und irgendwann für die Sendung stehen", gibt David Schalko an, der Programm-Verantwortliche. "Menschen" wie Hermes Phettberg sie sich wünscht, gibt es in so einem Flugzeug freilich keine mehr. Auf Bewertungen und Kommentare wird ebenfalls verzichtet, darauf achtet Schalko besonders:

"In Kunstsendungen ist normalerweise immer Meinung spürbar. Das wollten wir komplett ausklammern und dadurch den Gästen die Chance geben, sich zu entfalten und selbstkritisch zu sein. Sunshine Airlines soll für Kunst interessieren, aber dabei nicht manipulieren."

 

Ist jeder Kommentar schon eine "Bevormundung durch den Autor" ?

     So weit, so klar: die Jugend verabscheut Autoritäten und will nicht belehrt, sondern 'gewöhnliche' Leute – wie die Leichtathletin Karin Mayr – über Kunst sprechen hören. Der Hypertext-Apologet Robert Coover hat sich einmal ähnlich autoritätskritisch über die traditionellen Formen von Literatur geäußert. Die abschließende Bewertung eines professionellen Kommentars, behauptet Coover zum Beispiel, verhindere nämlich einen weiteren Diskurs, vor allem aber bevormunde überhaupt jeder Autor und jedes Buch den Leser, welcher – o grausames Schicksal – dazu verdammt sei, bloß zuzuhören und nicht auf der Stelle eigene Einwürfe machen beziehungsweise dem Schreiber noch während des Schreibens ins Wort fallen zu können. Coover plädiert daher für das kommunistische Buch: nicht einer allein, sondern viele auf einmal müssten gemeinsam Literatur produzieren, niemand darf sich das Recht herausnehmen, gescheiter als alle anderen zu sein.

 

Sven Birkerts behauptet das Gegenteil: "Bevormundung" sei überhaupt erst der Sinn des Schreibens und Lesens

Für Sven Birkerts, dem Autor der Gutenberg-Elegien, haben solche Ideen freilich etwas "Ungeheuerliches". Gerade die "Bevormundung durch den Autor" sei ja überhaupt ...

"...der Sinn des Schreibens und Lesens: der Autor meistert die Mittel der Sprache, um eine Vision zu schaffen, die den Leser fesselt und in gewisser Weise überwältigt; der Leser nähert sich dem Werk, um sich dem schöpferischen Wollen eines anderen zu unterwerfen. Prämisse für diese Begegnung im Medium Text ist, dass der Autor das an Weisheit, Einsicht und Perspektive auf die Lebenserfahrung besitzt, woran es dem Leser fehlt...Erhält der Leser die Möglichkeit, am Text mitzuarbeiten, mitzuwirken oder im Rahmen der Textgestaltung in irgendeiner Form als befugter Mitspieler aufzutreten, der einen gewissen Einfluss auf den Ausgang des Spiels hat, dann sind die Grundvoraussetzungen des Lesens in Frage gestellt. Die Einbildungskraft emanzipiert sich von dem Zwang, bei jedem Schritt der Anleitung des Autors zu folgen. Die Notwendigkeit wird vom Thron gestürzt, und Beliebigkeit tritt an ihre Stelle."

     Da haben wir's also. Schon wieder ist der rote Faden verloren gegangen. Nach dem Ende des inneren Zusammenhangs, einem ziellosen Fahren im Kreis und dem gescheiterten Versuch, Charisma im Reagenzglas zu züchten und Menschen ohne Biographie zu Ombudsleuten in Weltangelegenheiten zu machen, löst der ORF sich zuletzt ins ideenlose Nichts der Unendlichen Geschichte auf, ein alles und insbesondere Sehergebühren verschlingendes schwarzes Loch, in dem Meinungen nicht mehr erwünscht und Wissen jenseits von Millionenshows nicht mehr vermittelt wird.

 

Um Bilder wirklich zu 'sehen', muss man sie verstanden haben - was soviel bedeutet wie: Man muss sie erklärt bekommen

 

 

 

 

In den Sunshine Airlines beschränkt der ORF sich aber höchstens auf Sätze wie: "Ich verstehe einfach nicht, was daran Kunst sein soll."

Nicht, dass es so falsch wäre, die junge Generation zu ermuntern, sich selbst ins Spiel zu bringen und Formen der Kunst in den Alltag zu integrieren. Trotzdem erinnert sich Ihr Autor lieber an eines jener "Tausend Meisterwerke", wo für fünfzehn kurzweilige Minuten bloß ein einziges Bild zum Thema stand, ein Stillleben, das vom Sprecher mit nicht weniger Liebe zum Detail bedacht wurde wie vom Maler selbst. Farbenfroh und doch kontrastreich erhielt der Zuseher Einblick in Lebenswelt und Gedankenreichtum eines Künstlers, der nicht nur die Wirklichkeit abbildet, sondern Ideen zum Ausdruck bringt. Der Redakteur machte sich zum Beispiel die Mühe, uns auf die kleine, unscheinbare Maus aufmerksam zu machen, welche im zwielichtigen Halbdunkel den Käse anknabbert und die dem Maler selbst für das Vergängliche des Lebens stand. Damals haben wir eines gelernt: Um Bilder wirklich zu sehen, muss man sie verstanden haben – was soviel bedeutet wie: Man muss sie erklärt bekommen.

     In den Sunshine Airlines beschränkt der ORF sich jedoch äußerstenfalls auf kurze Statements von maximal halbgebildeten Personen, die Analysen von kaum überbietbarer Anspruchslosigkeit über ausgewählte Exponate zum Beispiel aus dem Wiener MUMOK zum Besten geben: "Ich verstehe einfach nicht, was daran Kunst sein soll." Ihr Autor dankt heute Gott, oder wer immer dafür verantwortlich war, dass er damals nichts Vergleichbares über diesen alten Meister gehört hat.

 

Die Distanz zur Kunst wird durch Sendungen wie "Sunshine Airlines" immer größer

 

 

 

Am Ende bleiben banale Geschwätzigkeit und gelegentliche Witzelei

Unter Bildungsfernsehen versteht das öffentlich-rechtliche Fernsehen jetzt wohl eher, seine jugendlichen Zuseher dazu zu ermuntern, gerade das Wesentliche nicht zu sehen und sich in ein langsam erkaltendes Universum aus Halbwissen und Vorurteilen einzuspinnen, in welchem die Distanz zur Kunst in Wahrheit immer größer wird. Aus dem sonst so marktschreierisch beworbenen Prinzip des lebenslangen Lernens entsteht so bloß eine weitere Version des Tatbestands, dass in Österreich die Lehrer vorzeitig in Pension gehen und ihre Schüler allein vor der Tafel sitzen lassen.

     Chris und Chris werden keine Eintagsfliegen bleiben. Sie werden sich ebenso unaufhaltsam vermehren wie der hundert- und tausendfach verfielfältigte Held aus "Copy Shop", dem oscarnominierten Kurzfilm von Virgil Widrich, werden irgendwann die Programmdirektion infiltrieren und mittels ASTRA digital über ein Reich herrschen, in dem die Sonne niemals untergeht. Chris und Chris werden dabei selbstverständlich demokratisch legitimiert bleiben und sich selbst zum Teletest-Sieger krönen.

Was dann noch bleibt, ist banale Geschwätzigkeit und gelegentliche Witzelei.

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