Zirkelschluß im Big-Brother-Haus
Aus dem Leben eines negativen Eskapisten

"Big Brother zeigt das Leben, wie es wirklich ist."
Diese von Fans und Medienexperten gleichermaßen geprägte Einschätzung wird des  
öfteren als gewichtiges Argument für die Existenz immer extremerer Real-Life-Shows 
angeführt. Was beide aber nicht wissen: Das Bedürfnis nach gesteigerter "Realität"
wird in Wahrheit gar nicht erfüllt.

Von Franz Wagner


     Die Wirklichkeit im übertragenen Sinne ist eine reichlich beschränkte Angelegenheit.
Auf gerade einmal 150 Quadratmetern spielte sich bei RTL II noch bis vor kurzem die Tele-Vision einer zur Guckkastengröße geschrumpften Form des 'echten' Lebens ab, mit Anklängen an das wahre, das unverfälschte und natürliche Dasein, an Brotbacken und Bauchmuskelertüchtigung, an archetypische Lagerfeueraktivitäten oder ans glücklich freilaufende Huhn.
Tatsächlich hat der unbeirrbare Glaube der Zuseher an Freiheit und Spontaneität unter den Kamera-den der Big-Brother-Observationsgemeinschaft etwas seltsam Schizophrenes an sich. Vor allem das junge Publikum, sprich: "Die 3. Generation" wiederholt in penetrantester Weise die offenbar alles entscheidende Formel: "Leb so wie du dich fühlst, leb dein Leben so, wie du selber nur willst." Das soll also heißen: Nie durften Menschen vormals so frei und ungezwungen leben wie im Hause der 28 Kameras. Noch in keinem anderen Fall als eben gerade hier war die Chance höher, sich selbst zu verwirklichen und das eigene Dasein kreativ zu gestalten. Und kurz gesagt oder auf die Spitze getrieben: Nur das Leben in Gefangenschaft bietet das höchstmögliche Maß an Freiheit.
Doch niemand unterschätze RTL II: Wo für andere solcherart Gedanke im Widerspruch versandet, zeigt hier der Kölner Privatsender den unbedingten Willen zum Un-Sinn. Ganz gezielt benutzt RTL II sein Image als Medium der Jugend und das liberal-spontane Lebensgefühl seines jugendlichen Publikums, um mit dessen Hilfe - und geradezu schamlos effektiv - das autoritäre Konzept hinter Big-Brother stillschweigend zu verharmlosen und schließlich – man denke erneut an den Ohrwurm der 3. Generation – ins genaue Gegenteil zu verkehren. Kann es also wahrhaft Schöneres, Vergnüglicheres oder gar Spannenderes geben als von vorn bis hinten – Veronas Spezialtoilette einmal ausgenommen -, kontrolliert, manipuliert, kommerziell ausgeschlachtet zu werden?
Freilich versteht es RTL II in beeindruckend unverdächtiger Manier, die Tatsache der allseitigen Kontrolle ohne weiteres durch so naiv-selbstsichere Persönlichkeiten wie etwa Zlatko oder Jürgen zu ersetzen, die nunmehr den Eindruck erzeugen (sollen!), als ob eigentlich sie selbst es sind, die die Kameras kontrollieren – und nicht umgekehrt.
"Jetzt sieh Dir das an!" plaudert da beispielsweise Jürgen kokett mit einem der 28 surrenden Objektive und winkt es routiniert zu sich heran, während er mit dem Finger auf John zeigt, der gerade irgendeine Aktion vollführt. Bei Szenen wie diesen wird nun allerdings Entscheidendes kommuniziert: Ein Großteil der Big-Brother-Insassen hat offenbar nicht nur die Fähigkeit, sich mit seinen Geiselnehmern (also den Kameras) zu solidarisieren. Menschen wie Zlatko oder Jürgen haben darüberhinaus sogar Spaß an und mit ihren Kontrolloren und bringen es fertig, durch ihre besonders publikumsträchtige Art jede Kritik am Ausspioniertwerden unmittelbar ins Lächerliche zu ziehen. Die Tatsache des Ausgeliefertseins an den Voyeurismus der Zuseher ist für die Bewohner des Big-Brother-Hauses also nicht etwas, gegen das es zu opponieren gälte – oder doch im mindesten sich zu verweigern -, sondern tritt auf als eine Art gutmütiges Schicksal, mit dem man sich so unbeschwert als möglich zu arrangieren hat. "So sind eben die Regeln.", wird Jürgen dann nicht müde, wieder und wieder zu betonen, oder: "Ist doch alles nur ein Spiel."
Und mitgespielt muß werden, in aller Ernsthaftigkeit. Würde sich etwa ein Insasse weigern, beim erfolgreichen Abschluß einer "Wochenaufgabe" - die z. B. im Aufbau eines LEGO-Turms besteht -, nicht in einen mindestens ebenso überschwenglichen Jubel auszubrechen wie dereinst Sir Norman Foster bei der Fertigstellung seines "Millenium-Tower", so wäre der Spieler sofort entlarvt als jemand, der nicht mehr imstande ist, die lächerlichsten Regeln eines zutiefst autoritären Systems durch die eigene - scheinbar spontane - Aktivität zu übermalen.
Nicht die großen, die wirklich bedenklichen Angriffe auf die Würde der öffentlich Zur-Schau-Gestellten sind es aber, die durch derartige Strategien der Befehlsverweigerung konterkariert werden könnten. Die Erweiterung des Rechtsbegriffs erfolgt vielmehr in besonders kleinen, gerade noch erträglichen, um nicht zu sagen, verführerischen Dosen:
Oder wie sonst ist etwa das allabendliche Aufzwingen bestimmter (natürlich höchst quotenträchtiger) Gesprächsthemen zu erklären, einer Art ultimativer Beobachtung sogar noch des Innenlebens der Kandidaten. Wie anders dürfte man sich wohl die gezielte Steuerung aller schriftlichen Ausdrucksmöglichkeiten deuten, die dadurch zum Ausdruck kommt, daß im gesamten B-B-Haus kein einziger Stift oder anderes Schreibmaterial vorhanden sein darf, und wenn, dann höchstens kurzfristig: zum Beschriften von Interviewkarten oder anderen kommerziell verwertbaren Produkten? Wie sonst kommt man zurecht mit dem Umstand, daß sämtliche Lebensbedingungen der eingesperrten Personen nur auf das alleinige Ziel hinauslaufen, Aggression und gegenseitige Verachtung zu provozieren - Rationierung der Nahrungsmittel, vorgeschriebene Duschzeiten, gezieltes Heraufbeschwören gegenseitigen Mißtrauens durch die Abschottung einzelner Kandidaten im "Sprechzimmer" usw. Und welch kleine und unscheinbare Menschenrechtsverletzungen werden schließlich erst mit "Der Bus" oder "Gefesselt" auf den durchschnittlichen Medienkonsumenten zukommen, mit welchen noch ganz undenkbaren neuen Sendeformaten werden dann Kritiker oder Medienbehörden immer neue Kompromisse (1) aushandeln? Und schließlich: Welche Gewohnheitseffekte werden uns alle diese "Real-Life-Soaps" am Ende bringen?
Man darf jedenfalls Schlimmeres ahnen, bedenkt man allein die außergewöhnliche Selbstverständlichkeit, mit der auch gegenwärtig schon die Herabwürdigung des Individuums zum beliebig ausschlachtbaren Inventarstück vorangetrieben wird. "Wir wollen unseren Spaß!" verlautbart die gleichnamige Gesellschaft völlig unbeeindruckt - sowohl im als auch außerhalb des TV-Kerkers -, und malt sich dabei die eigene Gefängniswelt, das bis ins Kleinste reglementierte Leben, auch jetzt schon in den buntesten Farben aus, unschuldig darum bemüht, sich und dem Zuseher die virtuellen Gitterstäbe nicht allzu deutlich ins Auge stechen zu lassen.
Die größere Schizophrenie zeigt sich jedoch in folgendem Satz: "Big Brother zeigt das Leben, so wie es wirklich ist." Aus der Sicht der Big-Brother-Macher müßte ein derartiges Diktum inzwischen eigentlich einem Verbot anheim gefallen sein, auch dann, wenn er sich wie inzwischen vielleicht kein anderer, zum intimen Glaubensbekenntnis der Fangemeinde rund um die Sing-Sang-Truppe des B-B-Hauses erhöhen durfte. Zeigt er doch schonungslos dem kleiner werdenden Rest der Welt, warum selbige von John de Mol und einem "Leben wie es wirklich ist" schrittweise inhaliert zu werden beginnt. Aber dazu später.
Das gewöhnliche Leben, fragen wir in der Zwischenzeit, sei also nicht mehr "wirklich"? Also vielleicht schon ein wenig metaphysisch, ins Surreale abgleitend, ins Land der schmelzenden Uhren und der langbeinigen Elefanten. Oder gar ein Alptraum, mit dem Gefühl schmerzlicher Enge in Brust und Hirn und dem bedrückenden Gedanken an die Keanu-Reevsch'e "Matrix", dieser Scheinwelt aus kalter, berechnender Intelligenz von milliarden konform ins System integrierter Schaltkreise, die wir selbst sind?
Wahrscheinlich, ja. Das muß es sein. Es muß eine Welt sein, in der alles nach bestimmten Ordnungen und Regeln abzulaufen hat, in der Mensch wie Natur innerhalb genau definierter Bereiche zu funktionieren haben, und wo das Vorhandensein umfassender Kontrolle in immer ausgefalleneren Lebenssituationen regelrecht eingefordert wird. Ein Lawinenunglück wie in Galtür ist in dieser Welt ein nicht hinzunehmendes Ereignis, entspricht einem unzulässigen Kontrollverlust, der nach Verantwortlichen und nach Schuldigen verlangt, die diese Kontrolle wiederum verloren, sich den geltenden Normen widersetzt haben - auch dann, wenn diese Forderung noch so irrational, weil unmöglich ist, da Natur wie Mensch sich nie in exakt kalkulierbarer Weise vorherbestimmen lassen.
Der oft bis ins Absurde gehende Wunsch nach Kontrolle läßt aber, gerade wegen seiner derart extremen Ausprägung, auch das umgekehrte Bedürfnis nach Chaos, nach der extremen und ungezügelten Natur, auch der des Menschen, vermuten, ein Bedürfnis nach ebenso uneingeschränkt lebenden, ungeschminkten, "echten" Menschen (Zlatko!) und des weiteren auch nach "Abenteuer" und nach "Kampf" ("Inselduell", "Expedition Robinson") bis hin vielleicht sogar zum Krieg oder dem absurden Wunsch, mitten im Vorgarten plötzlich von einer Gewehrkugel getroffen zu werden (2), das Begehren intensiver und unkontrollierter Erlebnisse, die Gier auf Gespräche nachts in Ö3, "wo alles erlaubt und nichts verboten ist", kurz: nach allem, was einer bis ins Detail reglementierten, unendlich langweilig und starr gewordenen "Scheinwelt" den Garaus macht.
Ja und da ist es nun wieder, dieses Wort: "Scheinwelt", eine offenbar korrekte Bezeichnung für jene Art von Realität, in der sich ein nicht unbedeutender Teil der Big-Brother-Seher gegenwärtig befindet. Nimmt man nun ein anderes Wort: "Eskapismus", und definiert dies grob als Flucht aus der real gegebenen in eine Schein-Wirklichkeit, so trifft der Begriff "Negativer Eskapismus", den ich nun einführen möchte, den Zustand des eben angeführten Real-Life-Show-Rezipienten sogar ziemlich exakt. Geflüchtet wird diesmal nämlich in entgegengesetzter Richtung, fort aus jener Art von "Schein", den das wirkliche Leben gegenwärtig bietet, und schnurstracks hinein in ein anderes "reales" Leben: das Dasein in der Fernsehwirklichkeit unserer "Helden des Alltags".
Das Paradoxe dabei ist nun allerdings, daß die Zuseher in ihrem Bedürfnis nach "echten" Erlebnissen und nach unmittelbarer Weltaneignung in Wahrheit wieder nur auf ein Konstrukt treffen, sich von einer Scheinwelt in eine andere flüchten und dabei völlig übersehen - und dies nicht zuletzt auf Grund der oben beschriebenen Verschleierungsstrategie von RTL II -, daß die Welt von Zlatko & Co. eigentlich ganz und gar nicht das bietet, was man sich als Rezipient erwartet.
Wo sich an der Oberfläche ein scheinbar kreatives, unabhängiges, spontanes und sinn-erfülltes (man denke etwa an die "Tages- und Wochenaufgaben") Leben im Container entfaltet, und wo deshalb auch die Bewohner sofort zu "unseren Helden" werden, weil offenbar nur noch sie alle jene obgenannten Privilegien besitzen, so sieht man allerdings auf der anderen Seite und bei näherer Betrachtung gerade jenes äußerst langweilige, sinn-entleerte und und in einen Regelkanon eingezwängte "Schein-Leben", aus dem zwar die Zuseher eigentlich zu entfliehen trachten, es aber nun erneut und diesmal sogar in extrem gesteigerter Form in den Medien nachzuvollziehen haben - wenn auch nur unbewußt und in vollständiger Unwissenheit über die tatsächlichen Verhältnisse.
Und so sitzt nun also bis auf weiteres die halbe Nation hinter ihrem kleinen Fenster zur großen, weiten und vor allem "ehrlichen" Welt, greift herzhaft nach der Freiheit, und umfängt doch nichts weiter als einen grauen, gleich-geschalteten elektronischen Kasten, nichts ahnend vom furchtbar fröhlichen Prozeß der Vergesellschaftung, der inzwischen mit ihnen veranstaltet wird.

 

Anmerkungen:

(1) Die für "Big-Brother" zuständige Medienbehörde wollte die Sendung ursprünglich verbieten lassen, einigte sich dann aber mit RTL II im Sinne eines Kompromisses darauf, daß die Kandidaten nicht mehr 24, sondern "nur" noch
23 Stunden pro Tag überwacht werden dürften. In diesem Fall nämlich - so die Medienbehörde - bliebe die Menschenwürde weiterhin gewahrt.

(2) Vgl dazu den Artikel von Jens Jessen: "Die Eingeschlossenen".
Erschienen in: Die Zeit, 9. März 2000, S. 42.


=== Zurück zur Übersicht ===