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Schrecken ohne Ende
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Christoph Ransmayrs dritter Roman "Morbus Kitahara" beschreibt eine verfallende
Welt am Ende eines grausamen Krieges, in der Sieger und Besiegte immer tiefer in eine
Spirale aus Vergeltung, Hass und Abstumpfung geraten. Liebe, Vernunft, Hoffnung und
Mut existieren nicht mehr. Der Stillstand, der die Menschen befällt, ist ein Zeichen der
Ausweglosigkeit. Keiner entkommt seinem Schicksal. Wer einmal im "Steinernen
Meer" leben musste, den lässt es nicht mehr los.

Von Franz Wagner
(01.12.2006)


    Kolkraben, die größten aller Krähenvögel, können ebenso alt werden wie Menschen. In Gefangenschaft geboren, lassen sie sich leicht erziehen und lernen, die menschliche Sprache zu imitieren. Sie verteidigen ihren Pfleger und zeigen sich überaus anhänglich, können aber im Alter bösartig gegenüber fremden Menschen werden. Sie verlassen nie ihr Revier, sind robuste Allesfresser und unempfindlich gegenüber Hitze und Kälte. Keiner findet verendetes Wild schneller als sie, und manchmal, wenn ihnen das nicht genügt, kann man sie dabei beobachten, wie sie langsam, über mehrere Stunden, einen Junghasen zu Tode quälen. Und noch eines weiß die Biologie über Vögel im Allgemeinen: "Als Nachfahren der Reptilien stehen sie uns Menschen ferner als die Säuger. Schon während ein Vogelpaar seine Jungen aufzieht, scheinen sich die Partner nicht mehr zu kennen, sondern sich nur zufällig am Nest zu treffen. Eine Vogelmutter sieht ungerührt zu, wie ein aus dem Nest gefallenes Kind vor ihren Augen verhungert; allenfalls mag sie es aufnehmen und an seine Geschwister verfüttern."

Willkommen in Moor, der Vogelwelt, einem Ort, an dem die Bewohner so kalt und gefühllos wie Reptilien geworden sind und sich nach Jahren der Auszehrung niemand mehr an ein Leben vor dem großen Krieg erinnern mag. Hier ist er immer noch gegenwärtig wo im übrigen Europa längst Friede herrscht. Hier, auf alpinem Gelände, weitab der Zivilisation und umgeben von einem Gebirge, das nicht ohne Grund "Steinernes Meer" genannt wird, leben Menschen; graue, ausgezehrte Gestalten, die umherirren wie Schatten, im bitteren Wissen um die eigene schreckliche Vergangenheit und gequält vom Hass derer, die sie besiegten. Die Schrecken des Eises und der Finsternis, die Ransmayr in seinem viel beachteten literarischen Debüt beschreibt, sind auch im erzählerischen Zentrum von Morbus Kitahara zu spüren, in diesem ringsum von Bergen eingeschlossenen, sumpfigen, faulenden, traurigen Moor, in dessen halb zerbombten Hotels sich noch vor dem Krieg betuchte Städter zur Kur eingemietet haben. Doch jetzt wirkt alles wie erstarrt: "In den Häusern mühten sich früh alternde, stets dunkel gekleidete Frauen ab und in den Stollen hoch über den Dächern, hoch in den Abhängen, staubige, erschöpfte Männer. Wer hier zum Fischen hinausfuhr, der fluchte auf das leere Wasser, und wer ein Feld bestellte, auf das Ungeziefer, den Frost und die Steine."

    Moor verfällt, und mit ihm seine Bewohner. Aber warum? – Weil es Schuld auf sich geladen hat: 11.973 ermordete Zwangsarbeiter zählt im Roman das penibel geführte Totenbuch jenes Lagers im Moorer Steinbruch, in dem die Nazis bis 1945 verhörten und folterten. Jetzt herrschen dort die Sieger, verkörpert durch den US-Major Elliott, der an den "Eingeborenen des Dorfes" wütende Bestrafungsaktionen vollzieht. Mehr noch: Der zuvor technisch auf der Höhe der Zeit befindliche Ort wird von seinen Besatzern Stück um Stück dem Erdboden gleichgemacht. Erstes und zugleich sichtbarstes Zeichen ist die Demontage der Eisenbahnlinie, der wichtigsten Verkehrsverbindung der Moorer Bevölkerung ins Flachland durch die US-Armee. Eine Reihe teils existenzbedrohender Schikanen kommt in den folgenden Jahren auf die Besetzten zu: Gebirgspässe werden vermint, Reisen bedürfen der Erlaubnis des Militärs, Lebensmittel bleiben knapp und nicht selten wird Schmuggel zur Überlebensfrage. Durch die Verweigerung von Ersatzteilen unterbleiben Reparaturen und die Infrastruktur verfällt rapide. Räuberbanden ziehen durch das Dorf und hinterlassen eine Spur der Verwüstung. – Und das alles unter der Verantwortung der Besatzungsmacht USA? Hatten wir das nicht etwas anders in Erinnerung? Wo bleiben die Kaugummis? Wo die Zigarette rauchenden, freundlich grinsenden GIs?

Freilich, Ransmayr ist kein Historiker und erzählt Geschichten, nicht Geschichte. Trotzdem gestattet er sich in Morbus Kitahara eine interessante Frage: Was wäre mit Deutschland geschehen, hätte es nach Ende des Faschismus keinen ökonomischen Neubeginn gegeben, sondern den von außen erzwungenen Rückfall in eine vorindustrialisierte, agrarische Gesellschaft? Was, hätten sich die alliierten Siegermächte des Zweiten Weltkriegs statt an den Marshall-Plan, der den wirtschaftlichen Wiederaufbau der zerstörten Länder vorsah, an die reichlich abstrusen Ideen des US-amerikanischen Finanzministers Henry Morgenthau gehalten, der bereits 1944 mit folgenden Überlegungen zu einem künftigen post-faschistischen Deutschland an die Öffentlichkeit trat: "Was aus den Deutschen wird, ist mir egal ... Ich bin dafür, dass das alles erst einmal vernichtet wird … Die Lösung scheint schrecklich, unmenschlich, grausam zu sein. Wir haben den Krieg nicht gewollt. Wir haben nicht Millionen Menschen in die Gaskammern gejagt. Sie haben es so gewollt … Ich würde nicht davor zurückschrecken, unsere Empfehlungen so unbarmherzig zu machen, wie es nötig ist, um unsere Ziele zu erreichen."

   Exakt 20 Jahre sollte, so Morgenthau, diese Phase der Deindustrialisierung dauern. Statt von Morgenthau spricht Ransmayr von Lyndon Porter Stellamour als dem "Namen der Vergeltung" und macht aus zwanzig Jahren fünfundzwanzig. So lange währt der von den Moorern zynisch verspottete "Friede von Oranienburg" bereits. In diesem Zeitraum zwingt Major Elliott die gesamte männliche Bevölkerung des Dorfes wiederholt zu seinen verharmlosend "Stellamour-Parties" genannten Sühneaktionen. Während der fünfundzwanzig Jahre entspinnt sich die Geschichte der drei zentralen Figuren des Romans – Bering, der Schmied, Ambras, der "Hundekönig", und Lily, die "Brasilianerin".

Dass in einer Welt, die starr geworden ist vor Schreck, Personen und Orte in ihrer Entwicklung steckenbleiben, versteht sich dabei praktisch von selbst. Gleich seinen anderen Bewohnern ist auch den drei Protagonisten des Romans gemeinsam, dass sie Verlorene sind und unfähig, ihren Träumen – sofern sie überhaupt noch welche haben – Taten folgen zu lassen. Ein Umstand, der so manchen Leser bei Amazon bereits dazu veranlasst hat, Morbus Kitahara als frei von jeglicher Spannung zu brandmarken: de und langweilig" sei das Buch, weil es ihm schlichtweg an Handlung fehle. Das ist ein gewichtiger Einwand, auf den später noch eingegangen werden soll, liegt aber durchaus in der Absicht des Erzählers. Sieht man sich die Figuren genauer an, wird auch klar, warum: Da ist zum einen Bering – traumatisiert von den kriegsgeschädigten Eltern, im Stich gelassen und in der Obhut von Hühnern groß geworden, der jetzt, da die Besatzer keine neuen Ersatzteile mehr liefern, als Schmied zur Untätigkeit verdammt ist. Dann Ambras, ein ehemaliger Moorer KZ-Häftling, welcher nach seiner Befreiung von den auf Rache sinnenden Alliierten ausgerechnet zum Verwalter des hiesigen Granitbruchs bestellt wird, in dem die meisten Männer des Hochtals heute ihr Tagwerk verrichten; eine Arbeit übrigens, die – ein weiterer sarkastischer Zirkel Ransmayrs – nichts anderem dient als der Herstellung steinerner Denkmäler zu Ehren von L. P. Stellamour.

    Und schließlich ist da Lily, das Wiener Flüchtlingskind, das mit seinen Eltern nach Brasilien auswandern will, aber in Moor strandet, nachdem ihr Vater von früheren KZ-Häftlingen als Nazi-Folterknecht erkannt, gelyncht und schließlich von den Besatzern verschleppt worden ist. Ransmayr, der oft schon zu Recht für seine sprachliche Perfektion und erzählerische Präzision gelobt worden ist, zeigt hier sein ganzes Können, wenn er mit einigen Worten anschaulich macht, wie ein stilles Grauen sich mit all seiner zerstörerischen Energie einen Weg in Kinderaugen bahnen kann und dort zu einer tiefen Lähmung führt, die selbst durch alle spätere Rastlosigkeit nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist: "Lily erinnerte sich später vor allem an die … hellroten, wie zu einem Fest erleuchteten Fenster eines brennenden Bahnhofs. In einem Haus ohne Dach lagen schneebedeckte Menschen, und eines Abends staute sich die Kolonne vor den Kadavern von Kühen, denen Krähen ihre Schnäbel in Nüstern und Augen schlugen."

Als junge Frau läuft Lily später unruhig durchs Gebirge, überwindet die verminten Pässe und schmuggelt aus dem Flachland begehrte Güter nach Moor. Obwohl sie sich keinen Deut um die Verbote des Militärs schert, arrangiert sie sich doch mit den Besatzern und treibt Schwarzhandel mit ihnen. Wie Bering und Ambras ist Lily keine Revolutionärin, und wenn sie von ihrem geheimen Waffenlager im Steinernen Meer aus gelegentlich auf vorüberziehende Partisanen schießt, dann treibt sie nicht viel mehr dazu als die zur Lust am Töten gewordene Rache. Wie alle Bewohner des Dorfes ist sie in Moor, um zu überleben, nicht, um einen Krieg anzuzetteln; als eine, über die das Schicksal oder: die Armee bestimmt und nicht ihr eigener Wille, getrieben von Hass und Unrast wie die andern. Obwohl sie, die Grenzgängerin, als einzige die Macht dazu hätte, ist sie doch nicht fähig, ihren Traum, die Flucht nach Brasilien, in die Tat umzusetzen.

    Nur einen gibt es in Moor, der handelt: Bering, und auch er tut es letztlich nur ein einziges, entscheidendes Mal. Als Ambras einen Unfall mit seinem riesigen amerikanischen Automobil, einem Studebaker, hat, nimmt Bering seinen ganzen Mut zusammen und spricht ihn an: Er sei der Schmied und könne Ambras’ Wagen reparieren. Dieser lässt ihn gewähren, und so hämmert der junge Mann wochenlang an dem verbeulten Blech, bis der Wagen schließlich ein krähenartiges Aussehen angenommen hat. Ein Bild mit starker Symbolkraft: Die reptilienhafte Kälte des Vogels verschmilzt mit der Starrheit des Mechanischen unter Berings Händen zu einem bizarren Kunstwerk bar jedes menschlichen Anscheins und erinnert damit stark an jene animalische Roheit von Ambras’ wilden Hunden. Ihre Zuneigung erwirbt sich der frühere KZ-Häftling erst, nachdem er dem Anführer des Rudels mit einer Eisenstange den Schädel eingeschlagen hat. Treu ergeben wie einer seiner Hunde begleitet Bering seinen Herrn von jetzt an überallhin, etwa zu einem jener seltenen Konzerte, die eine Rockband in Moor gibt. Auch Lily ist dort. Als sie im Rausch der Musik für einen Moment ihre übliche Distanz vergisst, den Schmied an sich drückt und küsst, spürt Bering etwas, dass es in Moor eigentlich gar nicht gibt: eine seltene Art von Wärme, aber keine animalische diesmal, nicht die von Ambras’ gedemütigten Hunden und auch nicht jene stumme Vogelwärme, die ihm die Hühner gaben als er ein Baby war – nein: Bering ist dabei, sich zu verlieben.

Doch dieser innige Moment zwischen den beiden währt nur kurz. Nach dem Ende des Konzerts ist die Brasilianerin wieder die Alte und zeigt sich kühl und unnahbar wie eh und je. Nicht so Bering; ab jetzt ist er nicht mehr derselbe. Das Schöne, das der junge Schmied mit Lily erlebt hat, hat ihn verändert, erschien wie ein kurzzeitiger Einbruch des Lichts in eine Welt aus Dunkelheit. Im Folgenden zeigt Ransmayr seinen verunsicherten Helden im Infight mit den eigenen Dämonen: Bering, der Vogelmensch, und Bering, der Liebende, sind ab jetzt dazu verdammt, an einem Ort zu leben, wo beide zusammen nicht existieren können. Und wenn, dann nur um den Preis einer radikalen physischen Veränderung – einer Krankheit: Morbus Kitahara, der "Verfinsterung des Blicks".

     Die schwarzen Flecken in Berings Augen, die den Schmied von nun an mit Angst über seine baldige Erblindung belegen, sind jedoch keineswegs, wie in der Kritik wiederholt behauptet worden ist, ein Symbol für die zunehmende Weltabgewandtheit oder den moralischen Verfall des Schmieds, sondern gerade umgekehrt ein Zeichen von Berings Hellsichtigkeit: Mit dem kurzen Aufblitzen des strahlendsten aller menschlichen Gefühle entdeckt der Protagonist die Welt von Moor als moralische Düsternis. Nicht in ihm ist diese Schwärze, die er sieht, sondern in den Menschen dort draußen, den unzähligen Traumatisierten, von Krieg, Hass und Rache Besessenen. Die Schwärze in seinen Augen lässt sich beschreiben mit dem Kribbeln eines Arms, der eingeschlafen war, sie begleitet einen Aufwachprozess, der zur Sichtbarmachung des Leidens führt, und ist damit ein erster Schritt zu dessen Ende.

So weit lässt Ransmayr es aber nicht kommen, denn die drei Optionen, vor denen Bering nun steht, führen allesamt in ein Dilemma: Schafft der Held den Sprung vom Vogel zum Menschen und wird zum Liebenden, der die Welt von Moor zu retten vermöchte, dann erblindet er zur Gänze und ist unfähig, weitere Taten zu setzen. Ebenso unangenehm ist die zweite Variante: Berings Krankheit kommt zum Stillstand, aber damit würde auch das Erschrecken über Moor konserviert und weiter für alle Zukunft fortgeschrieben, ohne jede Hoffnung auf Besserung. Auch die dritte Option endet in einem Zwiespalt: Angenommen, die dunklen Stellen im Auge verschwinden und Berings Blick hellt sich wieder auf, so wäre der Preis dafür der Rückfall des Protagonisten in die moralische Schwärze Moors. Er würde wieder wie die anderen, unfähig, das Leiden zu erkennen.

    Welchen der drei Wege Ransmayr für seinen Helden bestimmt hat, spielt letztlich keine Rolle. Denn sie führen allesamt in die Ausweglosigkeit. Selbst die Tat, die Bering mit seinem Hilfsangebot an Ambras setzt, stellt sich letztlich als Weg in den Untergang heraus. Das ist das Perfide an Ransmayrs Welt: Ob die Figuren Entscheidungen treffen oder nicht, ob sie handeln oder Dinge bloß geschehen lassen, ob sie lieben oder hassen, hier ist es einerlei. Was einer auch tut – sein Ende ist vorbestimmt. Ähnlich wie in der Natur, in der die im Januar Brasiliens liegenden Toten wieder zur Nahrung für "schöne Vögel" werden, scheint auch Moor in den Naturzustand, in dem alles ein Kreislauf ist, zurückgefallen zu sein. Denkt man dies weiter, so ist es mehr als nur der Krieg, aus dessen blinder Maschinerie es in Morbus Kitahara kein Entkommen gibt – es ist das Leben selbst. Gerade das aber erscheint bedenklich: Gerät nämlich der Krieg zur Metapher für das Leben, wird ersterer in den Rang des Unaufhebbaren gestellt und damit letztlich verharmlost zu Gunsten eines allseits präsenten Nihilismus, dessen ästhetischer Faszination Ransmayr am Ende genauso zu erliegen scheint wie etwa Ulrich Horstmann in seinem "transzendentaldefätistischen Traktat" Das Untier: "Der wahre Garten Eden – das ist die Öde. Das Ziel der Geschichte – das ist das verwitternde Ruinenfeld. Der Sinn – das ist der durch die Augenhöhlen unter das Schädeldach geblasene, rieselnde Sand."


 

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