.
..

Lauschen, Schauen, Träumen

Der Fabrikantensohn und Harvard-Absolvent Henry David Thoreau zieht im
Jahre 1845 in eine von ihm selbst erbaute Hütte in den Wäldern von Massachusetts, um
zwei Jahre in Einsamkeit zu verbringen. Die Aufzeichnungen seines Experiments erscheinen
später unter dem Titel "Walden".
Gandhi, Martin Luther King und so mancher Pazifist
haben aus diesem Text Kampfgeist und Ermutigung geschöpft.

Von Walter Wagner
(01. 03. 2007)


    Am Unabhängigkeitstag des Jahres 1845 zieht Henry David Thoreau, Bürger von Concord, Massachusetts, in eine von ihm selbst erbaute Hütte am Walden-See ein, um ein in der amerikanischen Kulturgeschichte wegweisendes Wohnprojekt in Angriff zu nehmen. Zwei Jahre lang wird er ganz auf sich allein gestellt in der Wildnis leben und dabei versuchen, nicht nur der Natur und ihren Geheimnissen, sondern auch sich selbst näher zu kommen. 1854 erscheint der Bericht seines Experiments unter dem Titel Walden und damit einer der ersten Klassiker jenseits des Atlantiks.

Seine vergleichsweise trivial anmutende Flucht aus der Zivilisation wird von den Zeitgenossen hämisch kommentiert. Der Fabrikantensohn und Harvard-Absolvent Thoreau, so glaubt man in Concord, sei nun vollends übergeschnappt. In dem geschäftigen Städtchen hat man sich längst an den Anblick des kauzigen Flaneurs und Müßiggängers gewöhnt, als aber bekannt wird, dass sich Henry David in die Wälder Neuenglands zurückzieht, sorgt dies doch für Erstaunen. Dabei hat der spätere Schriftsteller gar nicht vor, ganz von der Bildfläche zu verschwinden. Kaum eineinhalb Meilen von der Stadt entfernt bezieht er für die nächsten zwei Jahre Quartier. Auf diese Weise hat er genügend Abstand von der ihm lästigen Gesellschaft, sorgt aber zugleich dafür, dass er im Gespräch bleibt. Schließlich trachtet er nicht nur nach persönlicher Läuterung, sondern möchte insgeheim auch ein wenig provozieren. Thoreau will nämlich mit minimalem finanziellem Aufwand autark und ganz seinen Neigungen entsprechend leben. Zu diesem Zweck hat er sich Vorräte angelegt, die er mit den Erträgen aus seinem Bohnenfeld ergänzt. Hinzu kommen dann und wann eine Forelle, die ihm ins Netz geht, und Heidelbeeren, die im Wald gleich hinter Hütte gedeihen.

    So beginnt Thoreaus Robinsonade. Je nach Jahreszeit arbeitet er auf seinem Acker oder macht sich an seiner Hütte zu schaffen. Daneben bleibt Zeit zum Lauschen, Schauen und Träumen, und wahrscheinlich sind es gerade jene von diesem angenehmen Nichtstun erfüllten Augenblicke, in denen sich die Wahrnehmungen assoziativ zu Wörtern und Sätzen verdichten. Thoreau denkt und schreibt; in seinem Tagebuch erprobt er sein literarisches Vermögen, gleichzeitig arbeitet er an A Week on the Concord and Merrimack Rivers, seinem ersten Buch, das eine Floßfahrt mit seinem Bruder schildert und zur Feuerprobe wird, die er nicht besteht. Das Manuskript erscheint 1849 im Eigenverlag und erweist sich als Flop: Von den 1.000 gedruckten Exemplaren verkauft er nur 220 – doch die Literaturgeschichte wird ihm Recht geben.

Die Monate ziehen ins Land. Thoreau beginnt erst in der Stille, sich richtig zu entfalten. Stets schöpft er Neues aus der Tiefe seiner Empfindungen und staunt über das, was ihm Flora und Fauna zuflüstern. Schon das Spiel der sich im See spiegelnden Wolken vermag seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Thoreau ist Mystiker, und wenn er Besuch erhält, dann kommt er meist gelegen. Er deckt auf, rückt seine drei Stühle zusammen und taucht ins Gespräch ein. Bisweilen drängen sich bis zu zwanzig Personen in seiner engen Hütte. An Neugierigen und Sensationshungrigen mangelt es also nicht. So berichtet der Schriftsteller, dass er oft, von Spaziergängen heimgekehrt, einen Strauß Blumen, einen Zweig oder sonstige Mitbringsel auf dem Tisch vorfindet. Manche stöbern in seiner Abwesenheit in der Kleiderkiste herum, andere wieder interessiert, ob die Laken gewaschen sind. Thoreau dokumentiert diese rüden Heimsuchungen sarkastisch und notiert: "While civilization has been improving our houses, it has not equally improved the men who are to inhabit them." Er ist Kulturpessimist und Misanthrop; zwei Eigenschaften, die ihn auf Anhieb sympathisch machen.

    Thoreau sucht die Natur auf, nicht weil er des Daseins überdrüssig geworden ist, sondern just weil er sich nach einer tieferen, spirituellen Daseinsform sehnt, zu der ihm die Menge den Weg versperrt. Der Ausgangspunkt und das Ziel seines Trachtens ist und bleibt stets das Individuum: "Be a Columbus to whole new continents and worlds within you, opening new channels, not of trade, but of thought."

Mag sein, dass Thoreau nicht immer jene Reflexionshöhe erreicht, die er anstrebt. Worauf es letztlich ankommt, wenn sich Ideen häuten, um Literatur zu werden, ist das ästhetische Zutun, die elegant arrangierte Syntax, die geschickt platzierte Pointe, die das silberne Reden zum Erklingen bringen. Der Verfasser von Walden hat uns in diesem Band unzählige Proben seiner Sprachkunst geliefert, die obendrein ungeahnte Perspektiven auf die vorbeiziehende Kulisse einer gar nicht so fremden Epoche eröffnen.

    Thoreaus emsige, geschäftstüchtige Landsleute ehren Gott und das liebe Geld und sehen es gar nicht gern, wenn schwachbrüstige Reformer ihren Sklaven zur Flucht verhelfen. Henry David ist einer dieser Spielverderber, die entlaufene Schwarze nach Kanada schleusen, selbst wenn sie damit Strafen riskieren. Insofern scheint es nur konsequent, dass er sich weigert, einem Staat Steuern zu entrichten, der an dieser Barbarei festhält. Er wird dafür ins Gefängnis geworfen, das er nach einer Nacht wieder verlässt, um Jahre später seine berühmte Schrift Civil Disobedience zu verfassen. Gandhi, Martin Luther King und so mancher Pazifist haben aus diesem Text Kampfgeist und Ermutigung geschöpft. Und das ist eben auch charakteristisch für den Einzelgänger Thoreau: Seine mitunter wenig spektakulären Aktionen entfalten erst lange nach seinem Ableben ihre volle Wirkung.

Wäre Thoreau also ein posthumer Hype? Ja und nein. Niemand würde sich heute mehr an die Eremitage am Walden-See erinnern, hätte nicht Thoreau in seinem Buch Walden davon Zeugnis abgelegt. Wer einen spannenden Plot mit zahlreichen Wechselfällen erwartet, sollte von der Lektüre Abstand nehmen. Wer indes mit dem frühen Hippie und geistigen Vater der Ökologiebewegung um die Wette denken möchte, wird sich an dem Band delektieren. Als literarisch-philosophisches Dokument besticht er durch die eloquente Radikalität seiner Zivilisationskritik, die im exemplarischen Selbstversuch von Walden gipfelt.

Das ist nicht wenig, und fast hat man Scheu, das hehre Wort Glück dabei in den Mund zu nehmen. Thoreau war es bei diesem legendären Gang in die Wildnis (ebenso wie zuvor und danach) um den in der amerikanischen Verfassung plakativ verankerten pursuit of happiness zu tun, dieser vielleicht einzigen Konstanten in unserer von Widersprüchen und Irrungen erfüllten Existenz.

    Nicht als Missionar, sondern als Aufklärer spricht er zu seinen Lesern und fordert sie auf, sich ihres Verstandes zu bedienen. Übertrüge man Thoreaus Gedankengut auf die Gegenwart, dann hieße dies, nicht professionellen Trendsettern und Zukunftsforschern, nicht den Belehrungen und Mahnungen bezahlter Experten, sondern lediglich sich selbst zu vertrauen. Denken will freilich gelernt, will geübt sein, und dazu bedarf es geistiger Freiräume, die meist dort beginnen, wo Erwerbsarbeit aufhört. Thoreau, wäre er ein Zeitgenosse gewesen, hätte über die nicht enden wollenden Bildungsdebatten gelacht. So braucht es wohl ein Heer fungibler Systemerhalter, aber es braucht auch den Schelm, den intelligenten Quertreiber, der fähig ist, eigenständig und originell zu denken. Das ist ein anstrengendes und meist einsames Geschäft, nicht zuletzt deshalb, weil es an der Peripherie betrieben wird, dort nämlich, wo auch Thoreau Position bezog: "I delight to come to my bearings, not to live in this restless, nervous, bustling, trivial Nineteenth Century, but stand or sit thoughtfully while it goes by."

Es ist ein Leichtes, ihn, den charismatischen Teilzeit-Anachoreten, des Eskapismus zu bezichtigen. Vergessen wir indes eines nicht: Thoreau begnügte sich nicht damit, seinen Zeitgenossen den Spiegel vorzuhalten, seine satirischen Pfeile zielen vielmehr auf die menschliche Spezies schlechthin. Er zählt zu jenen, deren Horizont ans Zeitlose grenzt und die daher in der Gegenwart auf Unverständnis stoßen müssen. Indem er fragt, was er zu seinem Wohlergehen benötige, antwortet er den vielen, die sich auf die gleiche Suche begeben haben, mit dem eindringlichen Aufruf: "Simplicity, simplicity, simplicity!"

    Wer Walden Zeile um Zeile, Absatz um Absatz geduldig liest und sich, Ballast abwerfend, auf ein Zwiegespräch mit dem Autor einlässt, wird sich dem Zauber dieser eigentümlichen Schrift kaum entziehen können. Gewiss, es bedarf einer besonderen Gestimmtheit, einer seltenen Affinität zur scheinbar stummen Natur, über die er mit wohltuender Gewissheit befindet: "We need the tonic of wilderness [...]. We can never have enough of Nature." Dass der begeisterte Waldgänger 1862 im Alter von nur 44 Jahren verstarb, verleiht diesem Diktum indes eine verstörend tragische Note.

Doch Thoreau lebt, und die Zahl seiner Anhänger und Nachfolger wächst. Thoreau, das ist mit Sinn erfüllte Subversion, das ist gleichsam ein Therapeutikum gegen die Krankheit der Inhaltslosigkeit. Das ist Mündigkeit in Zeitläuften inflationären Konformismus. Und plötzlich begreife ich, es ist mir gleichgültig, nicht modern zu sein.


 

=== Zurück zur Übersicht ===