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Light years

Eddie Vedder und Pearl Jam wissen nicht nur, was es heißt, einen geliebten Menschen zu verlieren, sie machen es noch einmal spürbar
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      E
ine Frau verlässt einen Mann. Es bleibt nicht bei dem einen Satz: Es ist aus. Sie fängt ganz von vorne an, zählt ihre Gründe auf, die zu der Entscheidung geführt haben - als wollte sie die nackte Tatsache der Trennung mit ihren Sätzen ankleiden. Dabei sind Kleider jetzt gar nicht nötig, auch wenn sie das Gefühl hat, dass man seine Scham jetzt wieder bedecken sollte. Er versteht das nicht. Er hört ihr zu, und er unterbricht sie natürlich nicht.

Er weiß zwar noch nicht, was passiert, aber er spürt es. Als würde eine Rasierklinge durch sein Innerstes gleiten. Vielleicht bleibt er äußerlich ganz ruhig. Er könnte zum Beispiel sagen, dass sie ihre Sachen packen soll, dass er sie nicht mehr sehen will. Er könnte die Lippen zusammenkneifen und ihr fest in die Augen blicken. Er könnte dann aufstehen und einfach gehen. Aber er wird sitzen bleiben und sie beobachten. Eine Zigarette rauchen. Tiefe Züge nehmen und den Rauch langsam herausblasen, so langsam wie möglich. Er wird sich nicht fragen, ob er ihr zeigen soll, was sie ihm antut. Seine Blicke verraten ihn. In seinen Augen steht die Angst, die auch ihr Angst macht. Traut sie ihm in diesen Augenblicken alles zu? Er weiß selbst nicht, was er denkt. Er spürt nur, dass hier etwas zu Ende geht. Irreversibel.

      Es war einmal anders. Sie hatten eine schöne Zeit. Spaziergänge im Frühling, unter blühenden Bäumen; Abende am Strand, sogar mit Palmen (Romantik? Kitsch?), und ein Zelt; die Rückeroberung der Sprache der Zärtlichkeit; viele Umarmungen und viel Lust. Komm, beschreib mir Liebe.

Es ist vorbei. Die Erinnerung dringt immer seltener durch den Zeitnebel. Er lebt ein anderes Leben. Er verändert sich. Er geht in das Plattengeschäft, um sich das neue Album seiner Lieblingsband anzuhören. Natürlich kauft er es. Wenn man einmal zu sammeln angefangen hat, hört man nicht mehr auf und außerdem war da ein Lied, bei dem er sofort dieses unbeschreibbare Etwas spürte, das man bei manchen Liedern spürt. Gespannt legt er zu Hause die CD ein und bleibt wieder bei diesem Lied hängen - Light years. Noch weiß er nicht, was ihn so sehr mit diesem Song verbindet.

Er fährt ein paar Tage weg. Das Lied fährt mit. Es lässt ihn nicht mehr los. Er hört es drei Mal hintereinander, vier Mal, fünf Mal... Es hält ihn gefangen. Immer wieder die Zeilen:


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     Er läuft in den Wald, um diese Zeilen zu singen, ja, er schreit sie aus sich hinaus. Er brüllt. Bis die Stimme bricht. Hier, allein mit den Bäumen, in diesem unendlichen Grün, ist sie noch einmal ganz nah - ein letztes Mal. Er streichelt noch einmal ihre Seele, ihr Haar, ihr Gesicht, zieht sie zu einem letzten Kuss heran. Er weint. Es ist nicht fair, aber es ist gut. Es ist jetzt gut. Er macht sich frei. Diese Stimme und diese Musik machen ihn frei. Er kann jetzt gehen.


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Gudrun Weghals


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