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Egyd Gstättner: Das
Mädchen im See
Dieses Buch über die Qualen des
Nichtrauchens ist besser als jede
Raucherausstiegshilfe: Zwar kuriert es nicht die Lust am
blauen Dunst, sondern steigert
sie – aber so lustig wie Egyd Gstättners Leidensmanifest ist garantiert kein im
Laden
erhältlicher Ratgeber. Kein Plädoyer fürs Rauchen – aber eines fürs Lesen.
Von Kristina Werndl
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Egyd
Gstättner.
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Gstättner.
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In Kärnten gibt es Ortstafeln. In Kärnten gibt es aber auch den Wörthersee, auf dessen Grund der Sage nach ein Voralpenatlantis und eine hübsche schwarzhaarige Volkslieddichterin liegen. Letztere interessiert den schreibblockierten Schriftsteller Egyd Gstättner, der als rekonvaleszenter Herzpatient ohn’ Unterlass den See umrundet. Der Peripatetiker auf dem Drahtesel wirft von seinem Fahrradsitz aus gasbauch- und nikotinentzugsgetrübte Blicke auf das wilde Kärnten, wo sich Österreich in seiner liederlichsten Form präsentiert: tourismusgeile Bürgermeister, GTI-Prolos, Supermarktkassierinnen mit Rechtschreibschwäche. "Wenn man nichts mehr beabsichtigt, kann man immer noch besichtigen." Die erwähnte Volkslieddichterin, die mit ihrem singulären Kärntnerlied in Moll als Urmutter der carinthischen Literatur firmiert, ist dem fahrenden Dichter dabei eine ebenso aufmerksame Zuhörerin wie Olimpia dem Nathanael (in E. T. A. Hoffmanns "Sandmann") – was einmal mehr bestätigt, dass Mann mit leblosen Frauen die befriedigendsten Gespräche führen kann. Gstättners Erzählung "Das Mädchen im See" ist die Nachschrift seiner Trilogie "Die Nichtstuer des Südens". Hier wie dort geistert ein Egyd Gstättner als Figur durch die Erzählwelt, hier wie dort hält dieser leidgeprüfte Ich-Erzähler, der mit seiner spitzen Zunge für den Leser ein Glücksfall ist, die Erzählung kompositorisch zusammen. Gstättner bleibt auch in seinem jüngsten Buch seiner Poetik der systematischen Abschweifung, des Exkurses vom Exkurs treu. Ausgehend von Thesen erarbeitet er sich sprachliche Pointen, welche sich zu formidablen Pointenläufen auswachsen, die abschließend ironisch getoppt werden:
Gstättners irrwitzige Gedankengänge sind von Mythen des Alltags, Verweisen auf die E- und U-Kultur und Anekdotischem durchsetzt:
Gstättners Exkurs- und
Pointen-Prosa hat das Sequentielle einer Sketch-Show. Man könnte hier als
Vergleich die geniale englische comedy
"Little
Britain" anführen, mit der Matt Lucas und David Walliams über die
Insel hinaus Kultstatus erlangt haben. In "Little
Britain" (eine Kontamination aus Little England und Great Britain) begegnet
ein wilder Mix britischer Stereotype: die hirnverbrannte junge Mutter, die
den klassischen Weg vom Schulausstieg in die Schwangerschaft und
Kriminalität beschreitet; der schottische Hotelier, der seinen genervten
Gästen eine Geisterwunderwelt vorspielt; der Sozialhilfeempfänger, der sich
von einem vorgeblichen Rollstuhlfahrer ausnutzen lässt; der walisische
Schwule, der auf seinem Sonderstatus als Outlaw besteht, obwohl die Welt um
ihn sich fortentwickelt hat. In klarer Überzeichnung werden nationale
Charakteristika und Haltungen vorgeführt; doch indem sie lächerlich gemacht
werden, erfahren sie zugleich eine Affirmation. Diese Witzfiguren haben ohne
Zweifel ihre Verankerung in der realen Gesellschaft. Nicht unähnlich trifft
man bei Egyd Gstättner auf Abziehbilder österreichischer Identitäten; da ist
etwa die dumme Landbevölkerung oder der an der Provinz leidende Künstler
(der sich am Ende des Buches just dorthin zurückbegibt). Wobei nicht
verschwiegen sein soll, dass die (österreichische) Realität tatsächlich oft
nicht differenzierter ist als ein Comicstrip, man denke nur an die eingangs
erwähnten Ortstafeln.
Noch eines sei an dieser Stelle bemerkt. Heutzutage, wo in Großbritannien
der total ban on smoking herrscht und dessen Einführung im Land der Berge
klar nur mehr eine Frage der Zeit ist, ist plötzlich auch der Zugang zum
Rauchen in der Literatur ein anderer: Das Rauchen ist problematisch
geworden. Die ungetrübte Zigaretten-Euphorie in Judith Hermanns
Kurzgeschichten mutet richtiggehend historisch an. Dass Michel Houellebecq
demonstrativ raucht, passt ins Bild des unsozialen, reaktionären
Misanthropen, das er von sich zeichnet. Und wann bitte hat man zuletzt im
österreichischen Fernsehen einen Talk-Show-Gast rauchen gesehen? Bei
Gstättner darf man zumindest davon träumen: "Wir
rauchen letztlich nur aus dem einen Grund, weil wir nicht an Gott
glauben können, nicht an die Unsterblichkeit der Seele, nicht an ein
ewiges Leben. Wir rauchen, weil wir den Horror Vacui haben ...
Zweifellos wäre Christus heute selbst Kettenraucher ... Zweifellos hätte
sich Jesus Christus nach dem letzten Abendmahl am Gründonnerstag mit
Marlboro anästhesiert. Die Zigarette ist der Essigschwamm, der uns zum
Kreuz hinauf gereicht wird." Und wer möchte ohne Essigschwamm
leben? |
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