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Kopflos ins Sekundenglück
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Judith Hermann erzählt wieder, von Dreißigjährigen in der Fremde und vom
Aufbruch ins unentdeckte Land der Seele.

Von Kristina Werndl





Kristina Werndl
kristina.werndl [at] gmail.com

ist Redakteurin des
Aurora-Magazins.

 


Judith Hermann.
Nichts als Gespenster.
S. Fischer, 2003; 318 S.

 

 

 

Die Figuren in Hermanns Erzählungen ähneln einander. Sie sind allesamt auf der Suche. Nach was eigentlich? Mobil, ohne fixen Job, reisen sie durch die Welt

 

 

 

Hermann interessiert nicht die Stadt, sondern die Beziehungen zwischen den Figuren, den Paaren, die Gewichte, die sich ändern, die Sicherheiten, die aufbrechen und sich verflüchtigen

 

 

 

 

 

 

 

Hermanns Hauptfiguren sind immer weiblich und sprechen zumeist aus der Ich-Perspektive. Diese Erzählerinnen sind um die Dreißig und gleichen sich darin, dass sie alle, im übertragenen Sinn, kopflos sind

 

 

 

 

Hermanns Erzählfiguren bleiben blass, werden nur äußerlich, durch ihre Gesten und anhand ihrer Kleidung geschildert, nie erfährt man, was sie denken, was sie im Kopf haben

 

 

 

 

 

 

 

 

     Die beiden stärksten Erzählungen spielen im hohen Norden, wo der Himmel unglaublich blau ist und die Nordlichter tanzen. "Wouldn’t it be nice / if we could live here / make this kind of place / where we belong", singen die Beach Boys.

Diese Verse sind Judith Hermanns neuem Erzählband Nichts als Gespenster vorangestellt, sie berühren den entscheidenden Punkt der sieben darin versammelten Erzählungen: die Frage der eigenen Identität. Ist man der, der man vorgibt zu sein? Kennt man sich, kennt man den anderen wirklich? Wohin gehört man überhaupt?

   Akut werden diese Fragen an ganz bestimmten Orten, deren Besonderheit den Figuren unvermittelt bewusst wird. "Ich hatte das Gefühl, als habe der Zufall mich in dieses Zimmer gespült, damit ich etwas herausfinden sollte über mich", sagt eine Figur.

Die Figuren in Hermanns Erzählungen ähneln einander. Sie sind allesamt auf der Suche. Nach was eigentlich? Mobil, ohne fixen Job, reisen sie durch die Welt, waren in sämtlichen europäischen Hauptstädten, sind mal hier, mal da, wollen sich verlieren in der Fremde: im Osten, im schmutzigen, im Müll versinkenden Prag, wo es zum eisigen Silvestertreffen kommt, oder in Karlovy Vary mit seinen heilenden Wassern, das des Nachts im Belle Etage sein zweites, erhitztes Gesicht zeigt. Sie suchen im Norden an den Grenzen der Zivilisation, wo die weißen Schneefelder mit dem Horizont verschmelzen und wo die zwei Musiker auf ihrem Festival-Trip in Tromsø hängen bleiben wie Hans Castorp im Berghof. Sie suchen im Westen und treffen auf ein mythisches Amerika, wie man es aus den Kinofilmen und Western kennt, mit seinen Motels längs der Straße und Geistern im aufgelassenen Hotel International, die – Geist oder nicht – recht lebenspraktische Ratschläge liefern. In Venedig leuchtet ihnen das Licht des Südens, einem Venedig wohlgemerkt, das mehr einer Filmkulisse mit den Versatzstücken Rialtobrücke und Canale Grande gleicht denn einer vitalen Stadt.

   Fast entsteht der Verdacht, Hermann habe sich diese Stadt nur mittels Reiseführer erschlossen, so stereotyp und platt wird sie beschrieben, so undifferenziert ist wiederholt von ihrem Licht und ihren Farben die Rede. Schlimm ist das nicht, denn Hermann geht es um etwas anderes. Nicht topographische Eigenheiten interessieren sie, sondern die Beziehungen zwischen den Figuren, den Paaren, die Gewichte, die sich ändern, die Sicherheiten, die aufbrechen und sich verflüchtigen. Diese metamorphotischen Konstellationen sind es, woraus ihre Erzählungen die Spannung entwickeln.

Was also suchen die Figuren? Sie folgen einem fundamentalen Trieb, wie ihn Aristoteles bestimmt hat: "Wir leben, um nach Glück zu streben." Sie sind Glücksgräber, die auf ihren Reisen einer beengenden Wirklichkeit entfliehen. Sie wollen sich verlieren, von sich selbst entfernen, finden die Wüste schön, weil es hier gelinge, "an nichts mehr zu denken." Zwischendurch buddeln sie in ihrer Vergangenheit.

   Jede Erzählung – mit Ausnahme der letzten – hat den selben Aufbau. Einem Prolog aus der Gegenwart der Erzählung folgt – motiviert etwa durch das Betrachten einer Fotografie – die Schilderung eines zurückliegenden Ereignisses, abschließend befinden wir uns wieder in der Erzählgegenwart. Zuweilen sind gegenwärtige und vergangene Passagen ineinander verzahnt. Die Anekdote, das Erzählen in der Erzählung, ist als Strukturelement bedeutend. Erzähltechnisch geschickt bringt Hermann zudem Brief, Foto oder Anrufbeantworter zum Einsatz, um eine Figur schärfer zu konturieren oder um scheinbar Vergessenes zu aktivieren und ans Licht der Textoberfläche zu zerren. Das ist originell und erhellend. Denn da kein auktorialer Erzähler vorhanden ist, ist der Blick eingeschränkt und weiß der Leser nie mehr als die Erzählerfigur.

Hermanns Hauptfiguren sind immer weiblich und sprechen zumeist aus der Ich-Perspektive. Diese Erzählerinnen sind um die Dreißig und gleichen sich darin, dass sie alle, im übertragenen Sinn, kopflos sind. Entscheidungsschwach oder orientierungslos, nach dem Motto "es kommt, wie es kommt", lassen sie sich lenken und reagieren, wenn überhaupt, aus dem Bauch heraus. Sie sind sich gleichwohl ihrer Entscheidungsfreiheit bewusst, so etwa die namenlose Heldin in der witzigen Erzählung "Die Liebe zu Ari Oskarsson".

   Nicht alles an diesen Erzählungen ist gelungen. Neben dem etwas monotonen Aufbau stört vor allem eines: die unzureichende Charakterisierung der handelnden Figuren. Sie bleiben blass, werden nur äußerlich, durch ihre Gesten und anhand ihrer Kleidung geschildert, nie erfährt man, was sie über die alltäglichen Verrichtungen wie Essen, Trinken, Schlafen und Rauchen hinaus interessiert, was sie denken, was sie im Kopf haben. Vielleicht aber ist es falsch, hier mehr zu fordern: Köpfe, die reflektieren, die sich auch in besonderen, emotionalen Momenten eines sprachlichen Ausdrucks bedienen, der nachvollziehbar ist. Denn in Hermanns nikotinschwangerer Erzählwelt funktioniert die Kommunikation vielfach als ein Sprechen unter Eingeweihten. Dieses beschwört ein Gefühl und transportiert eine Wirklichkeit, die dem Leser nicht immer zugänglich sind: "Mir ist danach, in einem dunklen Keller zu sitzen und Trickfilme zu gucken in Schwarzweiß." An die Stelle von Argumenten tritt ein esoterisches Verstehen. Einige Textstellen sind schlichtweg unverständlich, auch was die Interpunktion betrifft: "Ist Venedig eine gefährliche Stadt. Ist nicht überhaupt alles mehr oder weniger gefährlich, also ungefährlich, also nichts." Gelegentlich wirken Sätze aufdringlich symbolisch, finden sich nichtssagende Vergleiche ("sein Rücken war wie eine weite Landschaft") und Pathetisch-Abgestandenes ("Es gab kein Wort, das zwischen uns hätte stehen können, kein Schweigen und keine Vertrautheit").

Dennoch fesselt Hermanns Sprache, die sich vornehmlich aus Hauptsätzen und alltäglichem Vokabular zusammensetzt. Sie gleitet so widerstandslos die Kehle des Lesers hinab wie den Figuren ihr Gin Tonic. Eine gewisse Monotonie indes ist nicht zu übersehen: Bis auf zwei Ausnahmen spricht keine Figur eine "eigene" Sprache. Auch deshalb bleiben sie merkwürdig konturlos. Dieser Vorwurf trifft freilich nur dann, wenn es Hermann daran gelegen ist, realistische Figuren in ihrem spezifischen situativen Umfeld zu zeichnen, die nach psychologischen Gesetzmäßigkeiten agieren. Dieser realistisch-naturalistische Zugriff scheint gegeben.

   Nichts als Gespenster – eine Prosa, die nichts beklagt, in welcher Politik keine Rolle spielt, in der der Leser wenig erfährt, da die Figuren selbst nichts wissen wollen. In gewisser Weise ein biedermeierliches Buch, das facettenreich ums Private und Beziehungsmäßige kreist. Die Botschaft? Es gibt sie, Augenblicke des Glücks: der Duft einer Mandarine und Kindergesichter im Garten frühmorgens an einem Spätsommertag, das Liegen neben dem Idol unter dem eingeschneiten Auto, das es freizuschaufeln gilt usw. Sie entschädigen die Figuren für ihre unaufgeregte Existenz. Sie erscheinen als solche aus dem Vergleich mit dem vorangegangenen Zustand, gefrieren eine Situation für ein Sekundenglück: ephemer und kostbar und darum wert, in der Erzählung erinnert und erzählt zu werden. Bei einigen Geschichten kann der Leser diese Einschätzung teilen.

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