Sputum wie eine Hibiskusblüte
...
Wie Robert Louis Stevenson seine alten Tage verbringt.

Von
Kristina Werndl


    Der Schotte Robert Louis Stevenson, Autor von Klassikern wie Die Schatzinsel und Der seltsame Fall des Doctor Jekyll und des Mister Hyde, starb im Dezember 1894 44-jährig in seinem Haus Vailima bei Apia in Westsamoa. Stevenson garantierte spannungsreiche Unterhaltung mit höchster Raffinesse. Um seine Person und sein Schreiben dreht sich Alberto Manguels Erzählung Stevenson unter Palmen. Was darf der Leser von Manguel erwarten?

Der Untertitel – Eine metaphysische Kriminalgeschichte – lässt ein Verbrechen vermuten. Ein Jungfrauenmord unter Kokosnüssen? Braunes Mädchenfleisch geschändet unter Palmen? Erschlagen von einem finsteren Bösewicht oder doch nur Opfer herabfallender Papayas?

     Fragen wie diese stellen sich und kommen dem Erzählgeschehen eigentlich recht nahe. Da eine Kriminalgeschichte aber bekanntlich davon lebt, dass ein Verbrechen bzw. seine Aufdeckung erzählt wird, soll an dieser Stelle nicht mehr verraten werden, als dass auch in Manguels Kriminalgeschichte die genretypischen Ingredienzien nicht fehlen: ein Mord, ein Indizienbeweis, Verdächtige, ein Aufdecker, die alarmierte Masse und jede Menge Gerüchte und böse Beschuldigungen. "Metaphysisch" wird die Kriminalgeschichte nicht ohne Grund genannt, denn das hinter der sinnlich erfahrbaren, natürlichen Welt Liegende mischt in der Geschichte gehörig mit und erschwert Romanfiguren sowie Leser Verständnis und Aufklärung des Geschehens.

Da sind einmal die fanatisierten Dorfbewohner, die in einer mythischen Weltsicht und dumpfem Aberglauben gefangen sind und die – wie der einheimische Richter vermeint – nach dem Mädchenmord einen Sündenbock suchen: "Kaum taucht hier ein Fremder auf, schon wirft man ihm jedes Verbrechen unter der Sonne vor, und nichts davon ist wahr." Stevenson wird unverschuldet zur persona non grata. Doch hat er wirklich so gar nichts mit dem Mord zu tun? Die Frage ist schwierig zu beantworten, was an der personalen Erzählperspektive liegt. Kein außenstehender Erzähler kommentiert das Geschehen. Einzig die eingestreuten Dialoge, die an vielen Stellen das Inquisitorische, das Frage-Antwort-Spiel der Wahrheitssuche gestalten, erlauben dem Leser, sich als Fährtenleser im Dschungel der Un- und Halbwahrheiten zu bewähren. Wir stoßen auf widersprüchliche Fährten. So scheint Stevenson unschuldig, wenn er sich überrascht davon zeigt, dass sein Hut weg ist und ausgerechnet am Mordschauplatz gefunden wird, verdächtig jedoch, wenn er bestreitet, die Ermordete zu kennen und der Leser genau weiß, dass er dieser begegnet ist. Gleichfalls leugnet er die Bekanntschaft eines gewissen Mister Baker, eines seltsamen Kauzes, der einem Schemen gleich im Dorf herumspukt.

     Dieser Mister Baker ist womöglich Teil jenes metaphysischen Bereichs, der die empirische Erfahrung übersteigt. Niemand hat den gottesfürchtigen Missionar, dem ein langes Sündenregister nachgesagt wird, mit Sicherheit gesehen. Er taucht unvermutet auf und verschwindet ebenso wieder. Seine Unterredungen mit Stevenson kreisen um persönliche Dinge, die er eigentlich nicht wissen kann, und finden ausnahmslos ohne Zeugen statt. So fragt sich der Leser mit der Zeit, ob dieser Mister Baker nun real ist oder einzig im Kopf des lungenkranken Stevenson existiert. Man kann vermuten, dass Manguel mit dieser Gestalt einem Modell folgt, das bei Stevenson vorgebildet ist und in der Medizin als Schizophrenie bezeichnet wird: dem des Doktor Jekyll und Mister Hyde. Stevenson ein psychisch Erkrankter, dessen Eigenbewusstsein gestört ist und der eigene Körperteile, Gedanken und Gefühle als fremd bzw. von außen gesteuert erlebt? Ein Abkömmling Doktor Jekylls, dessen Alter Ego Mister Baker Romane hasst und just jene Züge von Bigotterie und Sexualfeindlichkeit zeigt, die Stevenson fremd sind? Eine solchermaßen rein psychologische Deutung das Geschehens lässt sich ebenso argumentieren wie die des kollektiven Rufmords, nach der Stevenson den Sündenbock abgibt für ein unverschuldetes Unglück und der Missionar unabhängig von ihm existiert. Denn während er noch mit dem Richter disputiert, geht an anderem Ort ein Haus in Flammen auf und es heißt, Stevenson sei als Brandstifter erkannt worden. Rufmord oder Doppelgängertum? In der Erzählung selbst ist von einem Geist die Rede, dem körperlosen Trugbild eines Lebenden, das seinen nahenden Tod ankündigt, dann wiederum vom Schatten eines Menschen, der ein Eigenleben führt. Die Art, wie die Figur des Mister Baker eingeführt wird, lenkt die Assoziationen des Lesers auf sein mögliches Schattendasein: Auf dem Weg zum Strand bemerkt Stevenson, dass er nicht allein ist, ...

"...als sich zwischen den gedrungenen Stelzenwurzeln etwas zu regen begann. Was er für einen Schatten von vielen gehalten hatte, war ein Mann, der sich nun zu ihm umdrehte und ihn zu mustern schien. Er trug einen breitkrempigen Hut, der dem seinen ähnelte, und obwohl Stevenson sein Gesicht nicht sehen konnte, sah er, dass der Mann ein Weißer war."

     Das bislang Verratene klingt packend? Ist es nicht. Das Buch lässt einen durchgehenden Spannungsbogen vermissen. Zwar ist alles, was eine gute Erzählung ausmachen könnte, hineingepackt, und doch überzeugt die Kombination wenig. Naturbilder und Vergleiche ("reife Früchte fielen herab, platzten auf wie frische Wunden, um ihren glänzenden Samen zu verstreuen") sind brav dosiert über den Text verteilt und evozieren Sinnlichkeit, eine Sinnlichkeit, die der Text ansonsten nicht aufweist.

Auch wenn man sich auf Motivsuche begibt, wird man fündig. Als Stevenson hustet, sieht er in seinem Taschentuch "einen großen Fleck von der Farbe der Hibiskusblüte, die das Mädchen im Haar getragen hatte." Jenes Mädchen wird später tot aufgefunden. Hat sie etwas mit Stevensons letztlich letaler Erkrankung zu tun? Ist die Szene ein Hinweis auf Stevensons Verfallenheit an die dreizehnjährige Grazie, die ihn bei ihrer kurzen Begegnung anscheinend so betört hat, dass seine Frau Fanny in einer Vision ihre Gestalt annimmt? Diesem Erlebnis folgt ein Traum, dessen dionysische Dimension unter der unspezifischen, ein wenig plumpen Schilderung leidet: "sonnendurchglühte Berghänge, weibliche Formen, schwankende Flaschenhälse" vermengen sich mit "roten Blutstropfen zu einer wahnhaften Topographie".

     Am Rande berührt die Erzählung sämtliche Themen, die sich anbieten: den Konflikt zwischen den ursprünglichen Inselbewohnern und den weißen Missionaren, Korruption und Vetternwirtschaft unter den Invasoren, das unbestimmte Heimweh nach dem fernen Schottland, das Problem des Alterns, das angesichts der verderbten tropischen Schönheit für Stevenson akut wird, die sexuelle Entfremdung zwischen den Eheleuten, Schreibprobleme. Nicht eben sicher umschifft Manguel dabei die Klippen der Klischees und Stereotype, beispielsweise wenn er von der "natürlichen Grazie" spricht, mit der sich das spätere Mordopfer bewegt, oder die besondere Nacktheit der Samoa-Frauen rühmt. Hier wird – freilich aus der Sicht Stevensons – ein Südseebild gezeichnet, wie es uns aus den Projektionen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bekannt ist: die naive, unverfälschte Welt der "Primitiven" abseits der Zivilisation. Die Frage stellt sich, von welchem Belang das für uns noch ist.

Die strukturelle Offenheit ist nicht uninteressant. Aber auch sie überzeugt nicht wirklich, denn anders als etwa bei Kafka bleiben allzu viele Parameter unbekannt und entsteht der Eindruck von Unentschlossenheit seitens des Autors. Die Wahrheit bleibt hinter dem Schleier der Maya verborgen, der Leser soll sich auf das Mordgeschehen einen Reim machen, gleichwohl auf das überraschende Ende. Platt und überdeutlich wird die schlichte Handlung mit teilweise abgegriffenen Motiven und internen Verweisen aufgeputzt, die dem wenig aufregenden, einfach gestrickten Text den Anschein literarischer Komplexität verleihen. Das, was nach der Lektüre bleibt, ist desinteressierte Ratlosigkeit. Eine Metaphysik zum Gähnen.


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