...

Was bleibt
...
Anna Mitgutsch plädiert in einer gedächtnisfeindlichen Zeit für das Erinnern.

Von Kristina Werndl
(15. 12. 2003)





Kristina Werndl
kristina.werndl [at] gmail.com

ist Redakteurin des
Aurora-Magazins.

 


Anna Mitgutsch.
Familienfest.

Luchterhand, 2003. 413 S.

 

 

 

 

Metamorphose, nicht Erosion und Verfall, ist das Verlaufsgesetz der Leondouri-Sippe.

 

 

 

 

 

 

In der Auseinandersetzung mit der jüdischen Religion vollzieht sich der Kampf der Familienmitglieder um ihre eigene Identität.

 

 

 

 

 

 

 

 

Umwerfend sind die Landschaftsbeschreibungen, besonders die Schilderungen des Meeres.

 

    "Ich will etwas lernen von Literatur, etwas, das zeitlos ist, etwas über die Abgründe der menschlichen Seele", formulierte Anna Mitgutsch jüngst im Salzburger Literaturhaus, wo sie aus ihrem Roman Familienfest vorlas. Mit diesem Boston-Roman hat sie selbst, indem sie über den Wert des Erinnerns schreibt, eine solche Literatur hervorgebracht. Auf 400 Seiten wird der Leser mit über zwei Dutzend Mitgliedern einer jüdischen Großfamilie bekannt gemacht, deren mythischen Bezugspunkt der einst aus Europa in die USA emigrierte Joseph Leondouri bildet. An den ihm nachfolgenden Generationen entwickelt Mitgutsch ein vielschichtiges Porträt amerikanischer Juden des 20. Jahrhunderts, das über individuelle Eigenheiten hinaus immer auch eine allgemeine soziologische Entwicklung durchscheinen lässt.

Vergleichbares hat der österreichische Realist Ferdinand von Saar in seiner Novelle Seligmann Hirsch (1889) versucht. Hier wie dort behalten die Einwanderer ihre gewohnten Konventionen bei und heben sich sprachlich und religiös von der fremden Umgebung ab, wohingegen sich die nachfolgende Generation scheinbar mühelos assimiliert und ihren Kindern protestantische, dem neuen Umfeld angepasste Namen gibt. Schon die zweite Generation allerdings besinnt sich wieder stärker ihres jüdischen Erbes.

   Mitgutschs Familienroman zeichnet diese gesellschaftlichen Wandlungsprozesse nach. An drei Festtagen innerhalb von zwei Jahren findet die verstreute Familie um die Hauptfigur Edna zusammen, jedem dieser Tage entspricht ein Kapitel. Die Abfolge der Feste symbolisiert den Verlauf der religiösen Befindlichkeit der Leondouri-Sippe: Dem Pessach-Seder, an dem geschlossen des biblischen Auszugs aus Ägypten gedacht wird, folgt der säkulare Thanksgiving Day, der unter den wenigen Erschienenen als angespanntes und weitgehend sinnentleertes Zusammentreffen erlebt wird, und schließlich Ednas Begräbnis, das im Bewusstsein der Hinterbliebenen das Ende einer Ära darstellt. Adina, Ednas Großenkelin, die die Zuneigung der alten Frau gewonnen hat, fasst nach deren Tod den Entschluss, nach Europa zu reisen, wo die Wurzeln der Familie liegen. In ihr keimt die Hoffung auf ein Fortbestehen. Metamorphose, nicht Erosion und Verfall, wie sie Edna allenthalben ausmachte, ist das Verlaufsgesetz der Leondouri-Sippe in der Geschichte.

In der Auseinandersetzung mit der jüdischen Religion vollzieht sich der Kampf der Familienmitglieder um ihre eigene Identität, die großen historischen Katastrophen in Europa spielen dabei keine maßgebliche Rolle. Dass Identität der Geschichte und der Geschichten bedarf, ist Ednas zentrales Programm. In der Mitte ihres 90. Jahrzehnts angekommen, wirft sie – wie Ingeborg Bachmann das einmal ausgedrückt hat – "das Netz der Erinnerung aus, wirft es über sich und zieht sich selbst, Erbeuter und Beute in einem, über die Zeitschwelle, die Ortschwelle, um zu sehen, wer [sie] war und wer [sie] geworden ist." (Das dreißigste Jahr). Vornehmlich geschieht das anhand der seitenlangen Rückblenden, aus denen sich der Roman zusammensetzt. Edna lebt die fundamentale jüdische Tradition des Sich-Erinnerns, wenn sie am Pessach-Seder wortreich die Ereignisse des Auszugs aus Ägypten vergegenwärtigt und diese mit der Übersiedlung ihrer Sippe nach Amerika parallelisiert. Denn durch das rituell geregelte Erinnern wird Identität gestiftet, dadurch allein kann (eine) Geschichte vor dem Vergessen bewahrt werden. Darum auch ist ihr Erzählen ein Anreden gegen den eigenen Tod: "Das einzige Mittel gegen den Tod, hatte sie zu Lea gesagt, ist eure Erinnerung an mich."

   Edna ist die am besten konturierte Figur des Romans. Ihre scharfsinnigen Beobachtungen machen die Lektüre aufschlussreich und genussvoll für denjenigen, der an einer profunden Analyse der menschlichen Umwelt interessiert ist; en passant bekommt man ein Wissen um religiöse jüdische Rituale mitgeliefert. All die anderen Figuren auseinander zu halten, fällt mitunter nicht eben leicht. Es kann einem wie bei seiner eigenen Verwandtschaft ergehen, wo bereits die Großonkel und Großcousinen nicht mehr als blasse Namen sind.

Umwerfend sind die Landschaftsbeschreibungen, besonders die Schilderungen des Meeres. In ihrer suggestiven Sinnlichkeit und atmosphärischen Dichte, in ihrer gekonnten Rhythmisierung machen sie die Faszination nachvollziehbar, die die Leondouris seit Generationen für dieses Gewässer hegen.

"Es war kein geeigneter Ort zum Baden, denn es gab keinen Sandstrand, nur große Felsbrocken, auf denen man weit hinausbalancieren konnte. Aber in der Bucht lag ein kleiner Fischerhafen, und Joseph zeigte ihnen, wie die Hummer mit ihren großen Scheren schwerfällig in ihren Fallen nach einem Ausweg tasteten und wo man am frühen Morgen, wenn die Bote bei Ebbe im funkelnden Wasser schaukelten, Miesmuscheln sammelte. Sie hingen in schwarzen Trauben an den schlüpfrigen Wänden salzwasserunterspülter Höhlen, ihre blau schillernden Schalen atmeten kaum merklich im Rhythmus der Brandung, und man hörte den feinen Klang des Wassers, das zwischen den glatten Muschelrändern in ihr Inneres strömte."

  Auch die Sehnsucht ist ein wiederkehrendes Motiv und Wesenszug der Leondouris. Treffend sind die Vergleiche, die Mitgutsch findet, etwa um einen Seelenzustand auszuleuchten. So steht der unglückliche Vater eines behinderten Jungen sinnierend am Strand, "über die Mauer der Wellenbrecher gebeugt wie über den Betstuhl in der Synagoge".

Anna Mitgutsch ist ein ausgedehnter, thematisch überreicher, exakt komponierter Text gelungen, der besonders da zu fesseln weiß, wo sich die Eindrücke elementarer Natur oder auch urbaner Landschaften zu atmosphärisch dichten Satzperioden ballen.

(Ausdrucken?)

...

 

=== Zurück zur Übersicht ===