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Fairplay in Prishtina
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Therapie am Rasen oder auf der Couch – ein österreichisches Amateurfußballteam
will der leidgeplagten Bevölkerung Kosovos kickend über Kriegsgräben
hinweghelfen. Ein Spiel mit ungewissem Ausgang.


V
on Kristina Werndl
(12. 09. 2008)

...



Kristina Werndl
kristina.werndl [at] gmail.com

ist Redakteurin des
Aurora-Magazins.


 

 

 

 

Linktipp

"Peace Kicking Mission"
 

 

 

Bezeichnenderweise
sind der Hass und die
Distanz da am geringsten,
wo man traditionell eng
zusammenlebt und wirt-
schaftlich verwoben ist:
in Städten wie Prizren
und Peja zum Beispiel.

 



 

 


 

Unter Milosevic war
die albanische Bevöl-
kerungsmehrheit im Kosovo
gezwungen, auf Ämtern
serbisch zu reden, sie
erlebte die Schließung
albanischer Schulen
und Ausbildungsstätten,
Repressionen und Terror.

 

 


 

Flagge des Kosovo
(seit Februar 2008)

 

Flagge Albaniens

 

 

 

Qualifizierte Infor-
mationen über Land
und Leute hätten dem
Film Peace Kicking
Mission gut getan und
dem mit der komplexen
Thematik in der Regel
wenig vertrauten west-
lichen Betrachter einen
echten Mehrwert
verschafft.


 

 

Linktipp

http://derstandard.at/
druck/?id=3356566

 


 

Im Film äußert sich ein
Teilnehmer des Turniers
auf die Frage, ob im
Zubringerbus politisiert
worden sei, sinngemäß:
Fußball ist Fußball, und
Politik ist Politik. Fußball
ist kein Kommunikator.
Oder nur am Rasen.
Das politische Feld kennt
andere Spielregeln.

   "Merhaba" – das ist türkisch für "Hallo". Welcher Österreicher kennt diesen Gruß? Noch immer allzu wenige; ein untrügliches Zeichen für das ausbleibende Interesse und die fehlende Kommunikation zwischen der einheimischen Bevölkerung und den in Österreich lebenden Türken. Letztere belegen mit rund 115.000 Menschen nach Serben/Montenegrinern und Deutschen immerhin Platz 3 unter den Ausländern in Österreich.

Solche und ähnliche Überlegungen zur (fehlenden) Mehrsprachigkeit kommen einem zwangsläufig beim Betrachten von Peter Waldenbergers Film "Peace Kicking Mission" in den Sinn, der im UN- und nunmehr EU-Protektorat Kosovo gedreht wurde. Selbst wenn die Ursachen der Sprachlosigkeit in Österreich und Kosovo historisch anders gelagert sind. Die Peace Kicking Mission will, liest man auf der Website der Produzenten name*it, den gefilmten Beweis antreten, dass "sprachliche und kulturelle Barrieren über das gemeinsame Fußballspiel schnell ausgeräumt werden oder gar nicht existieren."

Zu diesem Zweck reisen österreichische Amateurfußballer plus Reporter durch den Kosovo und rekrutieren albanische und serbische Hobbyfußballer für ein multiethnisches Fußballturnier in der Hauptstadt Prishtina. Die Kamera filmt die Österreicher auf ihrem Streifzug durch das jüngste Land Europas, wo rund 90 % Albaner und 5 % Serben auf engstem Raum zusammenleben – und doch meilenweit voneinander entfernt.

   Wie anderswo in Europa ist unter der jungen Bevölkerung die verbreitetste Fremdsprache Englisch. Aber auch Deutsch ist allerorts und im Film zu hören. Der Kosovo – der ja sprichwörtlich für Rückständigkeit und Korruption steht und vielen als etwas Entlegenes, Fremdes gilt – ist eben mitten unter uns: schätzungsweise 30.000 Kosovo-Albaner leben aktuell in der Alpenrepublik. Vor allem während des Milosevic-Regimes bzw. der Kriegshandlungen im Kosovo Ende der 1990er Jahre flüchteten sie nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz. Albanische Kinder sind hier groß geworden, bevor sie – wie es Arigona Zogai bevorstehen könnte – in ein Ihnen kulturell und nicht selten auch sprachlich entfremdetes Land zurückkehrten oder abgeschoben wurden. Diese "Neokosovaren" sprechen die komplexe Landessprache mit ihren etwa 100 Pluralklassen oft fehlerhafter noch als die angestammte Bevölkerung.

Ernsthaft problematisch wird es freilich abseits sprachlicher Feinheiten; da, wo die Kommunikation gänzlich fehlt. Die Rede ist von der Koexistenz der Albaner und Serben. Bezeichnenderweise sind der Hass und die Distanz da am geringsten, wo man traditionell eng zusammenlebt und wirtschaftlich verwoben ist: in Städten wie Prizren und Peja zum Beispiel. Diesen Umstand streift im Film ein junger serbischer Bauer, der Seite an Seite mit albanischen Bauern lebt. Mit dem albanischen Übersetzer des Österreicher-Teams allerdings redet er serbisch. Versteht er kein Albanisch? Will er es nicht verstehen? Immerhin sprechen seine Nachbarn diese Sprache. Hier hätte man sich als Zuseher – wie an anderen Stellen des Filmes – ein forciertes Nachhaken und Hinterfragen gewünscht, das potenzielle Risse einer scheinbar intakten bzw. funktionsfähigen Oberfläche sichtbar macht.

   Sprachpolitik ist ein hochinteressantes Diskussions- und Betätigungsfeld, aus dem sich vieles über die Geschichte eines Landes und seine Erinnerungskultur lernen lässt. Ein dezenter Hinweis auf den Ortstafelstreit im Kärnten Jörg Haiders sei erlaubt, denn schließlich hat der Wahnwitz auch im engsten geografischen Umfeld seinen festen Wohnsitz.  900 Kilometer oder 13 Autostunden von Wien entfernt, im Kosovo, weigern sich des Albanischen kundige Serben in dieser Sprache zu kommunizieren. Umgekehrt gilt dasselbe; die Gründe sind zum Teil durchaus nachvollziehbar: Unter Milosevic war die albanische Mehrheit im Kosovo gezwungen, auf Ämtern serbisch zu reden, sie erlebte die Schließung albanischer Schulen und Ausbildungsstätten, Repression und Terror. Heute sprechen die kosovo-albanischen Teens und Twens nur noch selten Serbisch; man lebt – und das gilt für die beiden Gruppen im ganzen Land – gewaltfrei, aber separiert nebeneinander. Ununterbrochen die Gemüter erregt die Etablierung des Serbischen als zweite offizielle Amtssprache – ein Zugeständnis der Regierung von Hashim Thaçi an den Westen ganz auf der Linie des multiethnischen Ahtissari-Plans. Ebenso abgelehnt wird die bei der Unabhängigkeitserklärung im Februar 2008 eingeführte Landesflagge mit ihren sechs weißen Sternen vor blauem Hintergrund – ein Stern pro Minderheit. Sie weht bislang nur auf offiziellen Gebäuden, immer an Seite der ungleich populäreren roten albanischen Adlerflagge.

Qualifizierte Informationen über Land und Leute hätten dem Film Peace Kicking Mission gut getan und dem mit der komplexen Thematik in der Regel wenig vertrauten westlichen Betrachter einen echten Mehrwert verschafft. Anerkannte Expertinnen wie die im Kosovo tätige Tiroler Historikerin Verena Ringler hätten zum Beispiel auf einer Meta-Ebene Hintergrundinformation zu den gezeigten Bildern und Interviews vermitteln können. Dem Einwand, keine Expertise sei objektiv, ließe sich dabei leicht begegnen: auch die Auswahl der Filmszenen ist schließlich nicht neutral und immer (unbewusst) lenkend.

Das zeigt sich eindrucksvoll an einer an sich harmlosen Filmszene: Da spielen Kinder auf einem mistdurchwachsenen Feld zwischen weidenden Kühen. Dieses "Idyll" ist mit einer flotten schrägen Musik unterlegt. Man möchte gleich mitwippen. Aber dieses Bild vom fröhlichen Hinterwäldlertum, das einem da suggeriert wird, ist doch problematisch. Ebenso jene Einstellungen in diesem insgesamt bewusst amateurhaft gestalteten Film, wo Kinder traubenförmig die Kamera umringen – man denkt notgedrungen an jene Fernsehbilder von afrikanischen Kindern mit Hungerbäuchen und heraustretenden Augen. Eine Fährte, die nicht aufgegriffen wird.

   Die Journalisten Peter Waldenberger, Monika Kalcsics, Clemens Foschi, Thomas Haunschmid und Christian Lerch befremden ein wenig; zu wenig eingearbeitet in Gegenwart und Geschichte des Kosovo, schlicht zu naiv scheinen sie im Film. Diese Naivität als Trumpf zu sehen und sich so "gewappnet" auf vermintes Gebiet zu begeben, war die erklärte Vorgehensweise der Peace Kicking Mission. Allerdings wäre bei dieser problematischen Strategie eine Sache unbedingt stärker zu beachten gewesen: bei den Gesprächen vom Bauarbeiter bis zum Lokalpolitiker mehr journalistischen Eifer und Hinterfragungswillen an den Tag zu legen. Denn die verbale Übereinstimmung, dass Fußball die Menschen näher bringt, ist schnell erzielt, diese "Weisheit" ist geradezu trivial. Ob sie eine Auswirkung auf den konkreten Alltag hat bzw. wie das zu erreichen wäre, ist die Frage der Stunde. Im Film äußert sich ein Teilnehmer des Turniers auf die Erkundigung, ob im Zubringerbus politisiert worden sei, sinngemäß: Fußball ist Fußball, und Politik ist Politik. Fußball ist kein Kommunikator. Oder nur am Rasen. Das politische Feld kennt andere Spielregeln. So beweist der Film letztlich nur eine Prämisse, die nicht wirklich in Zweifel stand: Fußball bringt die Leut‘ z’samm. Das ist als Ergebnis etwas dünn, wenn man von Zuschauerseite argumentiert. Von Seiten der Organisatoren und Turnierteilnehmer gedacht ist es ein Gewinn.

Schön, dass die Aktivitäten der Peace Kicking Mission vor Ort fortgesetzt werden sollen und dass der Film einen recht unbekannten Fleck Land an der Peripherie Europas ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt – über die Euro 2008 hinaus, in deren Vorfeld die Peace Kicking Mission losgetreten wurde.

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