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Feldstudien über ukrainischen Sex

Schlachtfeld Paarbeziehung: ein wirrer Kultroman aus der
Ukraine mit bedenklichen Tendenzen.

Von Kristina Werndl


    Wer hier bis zum Ende durchhält, darf sich gratulieren. Im Vergleich zu Oksana Sabuschkos Romanerstling ist Jelineks "Lust" (1989) ein Fall äußerster Spannung und Verve. Beide Autorinnen verbindet das Bemühen, die verbale und körperliche Gewalt und die verbohrte Unbeweglichkeit der Männer und ihre sadistischen Herrschaftsgelüste aufzuzeigen. Während die österreichische Nobelpreisträgerin den österreichischen Mann ins Visier nimmt, betreibt Sabuschko, ihres Zeichens berühmteste Literatin der orangen Republik, Feldstudien über die männliche ukrainische Spezies. Behauptet jedenfalls der Titel.

Jedoch: Die "Feldstudien über ukrainischen Sex" liefern weder repräsentatives Datenmaterial noch analytisch Erhellendes über ukrainische Männer, Beziehungen und Sex. Das autobiographische Kultbuch, das noch vor dem Erscheinen 1996 als Raubdruck zirkulierte und den Namen der Autorin berühmt machte, enttäuscht auf vielen Ebenen. Der Form nach ist es ein Monolog einer ukrainischen Schriftstellerin, die in einem wissenschaftlichen Vortrag einem amerikanischen Unipublikum die Geschichte ihrer noch schwärenden Amour fou mit einem Künstler-Landsmann darlegt. In der formalen Ausführung überzeugt das ganz und gar nicht, und auf inhaltlicher Ebene wird es sogar problematisch.

    Wie vorsätzlich provokativ (oder doch unbewusst?) hier Klischees bestätigt und Denkmodelle fortgeschrieben werden, ist abstoßend (zumal wenn man das eklatante Naheverhältnis der Ich-Erzählerin zur Autorin berücksichtigt). Osteuropäische Männer werden als "brutal, aber wenigstens leidenschaftlich" bezeichnet – entspricht das der Realität? Man erfährt nichts Genaues darüber. "Schade, dass Ihr Land [die USA] eigentlich keinen ordentlichen Krieg kannte", ist zu lesen, "ein Krieg ermöglicht uns, viel vom Leben und Sterben zu begreifen, denn aus den einzelnen Schicksalen, wie bedeutungsvoll sie auch sein mögen, lernt für gewöhnlich niemand etwas".

Die Erzählerin begegnet einem "Schwarzen" und überlegt sich, ob es nicht seine Richtigkeit habe, dass "Sklaven keine Kinder in die Welt setzen sollten". Fernab dem Wunsch nach political correctness, der auf literarischem Gebiet nichts zu suchen hat, ist hier eine tendenziöse Prosa zu beklagen, die durch eine ungelenke und fehlergespickte Übersetzung sicher nicht dazugewonnen hat. Ihr tabubrechendes Verdienst liegt zum einen im Umstand, dass Sabuschko dem weiblichen Begehren nach wildem, "unzivilisiertem" Sex zum Ausdruck verholfen hat, zum anderen darin, dass sie der gesprochenen Sprache Eingang in die Literatur verschafft hat. Seit neun Jahren führt das Buch in der Ukraine die Bestsellerliste an; es scheint eine gesellschaftliche Gestimmtheit zu treffen.

    Die "Feldstudien" haben eine interessante Rezeptionsgeschichte, von der Lektüre des Buches kann aber nur abgeraten werden. Die essayistischen Abschnitte: höherer Unsinn; kein scharfsinniger Witz; eine vertrackte Sprache; schiefe, bemühte Bilder. Gar nichts lernt man über den Blick der Fremden auf die USA, nichts über die ukrainische Diaspora, wenig über den unbekannten Osten Europas. Wer einen inneren Monolog literarischen Ranges lesen möchte, der durch Unmittelbarkeit, Rohheit und poetische Wucht überzeugt, dem sei Andrzej Stasiuks Debüt "Die Mauern von Hebron" empfohlen; auch dieses handelt vom Gefangensein, aber auf einem Niveau, das einem die Nöte des Menschen begreiflich macht.


 

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