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Schrei nach Liebe

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Margit Schreiners "Heißt lieben" beginnt erfolgversprechend.
Dann aber gleitet ihr das Verfahren aus der Hand.


Von Kristina Werndl
(21. 10. 2003)


    "Da unsere Mütter erfahrungsgemäß Krankheiten ignorieren, wenn sie ihnen nicht in den Kram passen, beginnen wir zu lügen. Wir sprechen von unaufschiebbaren beruflichen Terminen, und da auch das nichts nützt, schieben wir unsere Kinder vor. Wir erfinden ansteckende Kinderkrankheiten wie Masern oder Scharlach. Am Ende bringen wir unsere Mütter um, weil wir nicht mehr lügen wollen."

Denn die Mütter tun Bedenken "immer mit einem Lachen ab", obgleich "sie selbst vor allem und jedem Angst" haben, akzeptieren "nicht die geringsten Einwände" und sind "naturgemäß" am schlimmsten, wenn sie ihre Liebe zeigen wollen. Kurzum: "Die Mütter sind die Ruhestörer und die Meinungsterroristen der Familien."

   Diese radikalen Worte lesen wir in Margit Schreiners jüngstem Text "Heißt lieben". Er eröffnet mit einem fulminanten Prolog, einem Plädoyer einer angeblichen Muttermörderin, die sich zugleich verteidigt und Anklage leistet. Sie wirft mit apodiktischen Tönen, Allaussagen, Definitionen und dem Vokabular der Totalität und Ausschließlichkeit um sich, wie es von Thomas Bernhard-Figuren bekannt ist. Diese namenlose Ich-Erzählerin nimmt uns sofort für sich ein.

Ob wir wollen oder nicht, sind wir Zeugen der Anklage. Denn das kollektive "wir", in dem die Sätze herausgewürgt werden, zieht uns auf die Seite der Klägerin, die ihre Vorwürfe in Präsensform serviert: als allgemein gültigen Sachverhalt, der nicht verjährt. Doch entgegen gängiger juristischer Praxis wird sie allmählich parteiisch und nimmt für die Beklagte Partei. Das ist, vereinfacht, der Verlauf, den Schreiners Text nimmt.

    "Heißt lieben" ist der Abschlussteil ihrer Trilogie der Trennungen, von der man – frei nach Bachmann – als einem Liebesartenprojekt sprechen könnte. Das Buch ist in drei Kapitel gegliedert, die das Kardinalthema "Liebe" variieren: "Tod" (die Liebe zwischen Mutter und Tochter), "Hochzeit" (die Liebe zwischen Mann und Frau), "Und eine Geburt" (die künftige Liebe zum Neugeborenen). Daneben dominieren die Themen Vergänglichkeit, Auflösung, Imagination, Scheitern, Schuld und Sehnsucht. Große Themen also, die zunächst gekonnt angegangen werden. Der Hauptsatz-Hagel, die isolierten Nebensätze und Nominalsätze des Prologs unterstreichen auf formaler Ebene, was auf Inhaltsebene kommuniziert wird: Anklage, Klarstellung und Distanz. Der Rhythmus ist einpeitschend:

"Gegen Scharlach hat unsere Mutter keine Chance. Es gibt eine gesellschaftliche Übereinkunft, ein scharlachkrankes Kind nicht mit dem Zug weißgottwohin zu transportieren. Aber Schuldgefühle bleiben zurück. Weil wir die Mutter angelogen haben."

Komisch wird es mitunter, wenn eine subjektive Erfahrung als objektive verkauft wird: "Natürlich haben wir ständig vor unseren Müttern davonlaufen müssen, um nicht verrückt zu werden." Solchen Generalisierungen möchte man jäh widersprechen: So ist die eigene Mutter nicht! Komisch auch die Stellen, wo windige Behauptungen durch pseudowissenschaftliche Argumente gestützt werden. Der Schwachsinn hat Methode: "Insofern", "zur Folge haben", "in der Natur der Sache liegen" – nach Art einer wissenschaftlichen Beweisführung seziert die Tochter-Klägerin die Mutter, deren Habitus und Sprechweisen, hartnäckige Nies- und Hustenanfälle als Symptome einer verkrampften, kleinbürgerlichen Welt lesbar sind.

     Im Verlauf des Textes weicht der pamphletistische Gestus einem versöhnlichen Ton, ändert sich die Distanz zum Erzählten. Wirkt die lachende Mutter auf das Erzähler-Ich zunächst ähnlich furchteinflößend wie Hermann Kafka auf seinen Filius, kehrt sich das Kräfteverhältnis um, als die Mutter zum Pflegefall wird. "Erst wenn unsere Mütter krank und hilflos geworden sind, überwinden wir unseren Ekel." Das Emotionsthermometer steigt an. Und die germanistisch schwer zu erfassende Textdimension der Emotionalität wird bei der Lektüre evident. Denn in dem Maße, wie die Erzählerin Zuneigung zur kranken Mutter entwickelt, wandelt sich der Ton im Text hin zum Sanften, Abgerundeten, "Gefühligen". Auch der Leser rückt der Mutterfigur näher.

Die theoretischen Sätze des Prologs werden anschließend in der Durchführung illustriert. Hier vollzieht der Text bewusst einen Bruch: Das "wir" wird zum "ich", die Erzählstimme aus dem Off als erwachsene Tochter kenntlich, die retrospektiv von ihrer Schreibmaschine aus die letzten Monate der Mutter beschreibt und zunehmend an Kontur gewinnt. In Kapitel 2 sind wir in der Gegenwart der Erzählerin angelangt.

     Die Liebesszenen dieses zweiten Kapitels schmecken fade, daran kann selbst das schüchtern eingebrachte Kannibalismusmotiv nichts ändern. Einmal erklingt Goethes fünfte Römische Elegie als Hintergrundmusik. Brav stellen sich zu den geschilderten Szenen der Liebe, in denen der Erzählerin ein Männerkörper zur Landschaft und "Projektionsfläche für die Erinnerung" wird, freirhythmische Gedichte ein, als poetisierende Einschübe zwischen die immer gewürzloser gewordene Erzählung kredenzt. Das gesamte Kapitel hinterlässt den Leser ratlos. Was will uns Schreiner darin sagen? Welche Funktion hat die seitenlang geschilderte Hochzeit, deren ritueller Ablauf den Erzählvorgang strukturiert, in Hinblick auf die intendierte Aussage des Textes?

Wo nicht mehr der Modus des apodiktischen Sprechens regiert, häuft sich das Erzählen erinnerter Szenen, häufen sich Beschreibungen des Umfelds. Beschreibungen allerdings sind nicht die Stärke der Autorin:

"Meine Tochter reckt den Hals. Das Brautpaar steht nun gemeinsam vor dem Altar, Musik beginnt zu spielen und die fünf alten Männer fangen zu singen an. In der Kirche steht ein Heiliger in einer Nische, der trägt einen Köcher auf dem Rücken und hat einen Jagdhund dabei. Die Figuren sind bunt angemalt."

Es gelingt Schreiner nur unbefriedigend, bestimmte Stimmungen entstehen zu lassen. Ihr Verbalstil hält wenig Adjektive bereit, und wenn, dann fehlt es diesen oft an Genauigkeit; mitunter gibt sie sich sprachlich recht salopp, ans Mündliche angelehnt. Durch die beschränkte Perspektive der Ich-Erzählerin bedingt erfahren wir, wie jemand aussieht, was jemand tut, und nicht, wie eine andere Figur denkt. Umso mehr wäre mimetisches Talent in der Schilderung der Umwelt gefragt. Welchen Farbton hat jenes Ding, welche Kantate erklingt hier eigentlich? Doch Überbegriffe wie "Musik", "Heiliger" oder "bunt" dominieren, und sie besitzen wenig Anschaulichkeit.

     Man spürt die Ernsthaftigkeit, mit der der Roman verfasst wurde, und er ist gut, wo er sich radikal gibt: zu Beginn. Dann gerät der bis dahin streng durchgeformte Text aus den Fugen. Verloren gehen die Beschränkung im Wortmaterial, die beschwingte Ironie, das groteske Pathos. Dunkelheit und Kitsch greifen Raum, verbrauchte Bilder, versprengte Details, konventionelle Metaphern wirbeln an die Textoberfläche, auf der sie verharren. "Mit jemandem schweigen dürfen": Keine Platitüde, zugegeben, aber in dieser Formulierung schon allzu oft gehört. Die Korrelation zwischen Inhalt und Darstellungsform büßt an Schlüssigkeit ein. Der Text gewinnt an Ornat, er verliert an Gehalt.

Ohne die Ironie der Anfangstakte wirken die zwischengeschalteten Aphorismen und Allaussagen ("Frauen werden sentimental, wenn sie ihre Tage haben") als fragwürdige Trivialitäten und verkommen zu billigen Kalenderweisheiten und gefühliger Emphase ("Nur wer keine Eltern mehr hat, kehrt freiwillig heim"). Was anfangs ironisch interpretierbar war, die pseudowissenschaftlichen Sätze um Liebe und Tod, wirkt nach beendeter Lektüre weit weniger komisch oder gar als gänzlich ernst gemeint.

    Aus den Schlusssätzen ließe sich, suchte man danach, die Legitimation des Textes beziehen. Da heißt es: "Das Leben ist schon merkwürdig. Fast so merkwürdig wie der Tod." "Merkwürdig" heißt hier "seltsam", aber auch "würdig, erinnert zu werden" und also niedergeschrieben zu werden. Abseits einer generellen Abrechnung mit der Mutterrolle wird die Entstehungsmotivation des Textes erahnbar: die Auseinandersetzung mit einem konkreten Individuum.

Manch einer wird in "Heißt lieben" den Wiedererkennungseffekt zu schätzen wissen: die ungelüfteten Zimmer der elterlichen Wohnung, die mütterliche Bevormundung und Erpressungstaktik. Dabei ist eine Müttergeneration beschrieben, die heute, wo die Mütter von ihren Töchtern äußerlich kaum mehr unterscheidbar und die Reibeflächen zwischen den Generationen abgeschliffen sind, zu den aussterbenden Teilen der Bevölkerung zählt. Die Auseinandersetzung einer jungen Frau mit ihrer Mutter läse sich wohl bedeutend anders.


 

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