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Vater, komm, erzähl vom Krieg
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Hans Weiss beweist aufs Neue, dass große Themen noch keine großen Bücher machen.

Von Kristina Werndl
(14. 10. 2005)





Kristina Werndl
kristina.werndl [at] gmail.com

ist Redakteurin des
Aurora-Magazins.

 


Hans Weiss
Mein Vater, der Krieg und ich
Kiepenheuer & Witsch, 2005.

 

 

 

 

Das Buch versammelt sämtliche wirkmächtige Themen: Krieg, Heimkehr, verlorene Liebe, Nazitum, Irrenhaus

 

 

 

 

 

 

 

Der Macht der eingefügten Tagebuchauszüge kann man sich nicht entziehen: Das Wissen um ihre Echtheit beeindruckt in jedem Fall

 

 

 

 

    Die meisten Buchtitel sind falsch. Sie sind entweder undurchsichtig ohne den Plot im Kopf ("Die Blechtrommel") oder lenken vom Eigentlichen ab ("Der Zauberberg"). Oder aber sie lügen. So ist etwa Musils Mann ohne Eigenschaften logisch betrachtet nicht eigenschaftslos: Er besitzt zumindest die Eigenschaft, Mann zu sein. Man sollte von der Leserschaft nicht erwarten, dass sie ihr Hirn an der Garderobe abgibt und einem betrügerischen Verkaufsversprechen aufsitzt. Unter solchen Umständen sind allfällige Geldrückforderungen eine adäquate Reaktion; erboste Festspielbesucher/-innen haben vorgemacht, wie so etwas geht.

Es geht auch anders. Selten war ein Titel so wahr wie derjenige von Hans Weiss’ neuem Buch "Mein Vater, der Krieg und ich". Weiss, der sich als gewissenhafter Aufdeckjournalist einen Namen gemacht hat, ist es gewohnt, seine Kernbotschaft direkt in die Titelzeile zu packen: "Bittere Pillen", "Mit Hochdruck leben", "Schwarzbuch Markenfirmen", "Asoziale Marktwirtschaft". Vier Millionen Mal haben sich die Bücher des Vorarlberger Bestsellerautors bislang verkauft. Ob er mit seinem belletristischen Zweitling an diese Erfolge wird anknüpfen können, scheint fraglich.

    Weiss kann formulieren. Daran lässt er in "Mein Vater, der Krieg und ich" keinen Zweifel. Auch das Handwerk des Recherchierens beherrscht der publizistisch Versierte aus dem Effeff und nützt es für seine Geschichte, welche um die (Nach-)Kriegsvergangenheit des Vaters kreist. Der Sohn (d.h.: der Autor) macht sie dem Leser über Tagebuchauszüge zugänglich, die den Vater implizit charakterisieren. Die Nachkriegseinträge lassen eine vom Krieg gezeichnete Psyche aufscheinen, wie sie bei ehemaligen Soldaten des Zweiten Weltkriegs, die ihre Gefühle nur vorsichtig bis widerwillig äußern, öfters begegnet.

Das Buch versammelt sämtliche wirkmächtige Themen: Krieg, Heimkehr, verlorene Liebe, Nazitum, Irrenhaus. Und doch stellt sich die Frage nach der künstlerischen Relevanz. Der Autor verfügt einfach nicht über genügend Originalität, um seine persönliche Familiengeschichte auf ein für die Allgemeinheit relevantes Level zu heben. Der Text ist solide, aber es fehlt ihm an Poetizität, an Beschreibungsmacht. Etwa in der Geburtsszene, in der hilflose drei Pünktchen (...) das Schriftbild gestalten. Sie tragen denkbar wenig zum Verständnis des Vorganges bei. Margit Schreiners nüchterner Geburts-Realismus in "Heißt Lieben" eröffnete dem Leser ungleich poetischere Perspektiven. Die gelegentlich eingestreuten Literarisierungsmittel muten im uniformen Meer der korrekt abbildenden Sätze wie Fremdkörper an. Mit fortgesetzter Lektüre ermüdet der sprachlich einfach gestaltete Text trotz seines kriminalistischen Recherche-Charakters immer mehr.

"Mein Vater, der Krieg und ich" ist so unverschleiert autobiographisch, dass einen mitunter das Gefühl beschleicht, es handle sich weniger um ein literarisches Kunstwerk als um ein wohl geschriebenes Tagebuch. Der Verlag hat diesen Umstand vermutlich bemerkt und das Buch ohne das verkaufsfördernde Roman-Label herausgebracht; stattdessen preist er es höchst fragwürdig als "poetisch wie ein Roman und präzise wie ein historisches Werk".

    Freilich schließen sich exzessive Introspektion und Universalität nicht aus. Autobiographie kann extrem welthaltig sein. Beispiele hierfür gibt es unzählige, man denke nur an Josef Winklers literarische Welten. Das notwendige Etwas großer Kunst ist bei Hans Weiss nicht auffindbar. Der Text ist zugleich zu persönlich und zu wenig artifiziell. Mag er aus einer Notwendigkeit heraus geboren sein, diese Notwendigkeit vermittelt sich nicht. Gleichwohl kann man sich der Macht der eingefügten Tagebuchauszüge nicht entziehen: Das Wissen um ihre Echtheit beeindruckt in jedem Fall.

Wiederholt sucht der Sohn im Leben des Vaters Parallelen zum eigenen Leben und zur eigenen Person. Dieses absichtsvoll-absichtslose

 Identifizieren mit dem Erzeuger, der Schreibimpuls nach dessen Siechtum bzw. Tod, die Thematik des Textes insgesamt erinnern an Peter Henischs "Die kleine Figur meines Vaters". In diesem 30 Jahre alten Klassiker setzte sich Henisch mit der Vergangenheit seines Vaters als embedded photographer an der deutschen Front auseinander. Der darin enthaltene Schlüsselsatz "Ich möchte wissen, wer er ist, um mir darüber klar zu werden, wer ich bin" könnte Weiss’ Buch entstammen. Dieses kann nicht mit der literarisch glücklichen Konfliktsituation aufwarten, dass der Vater mit den Nazis sympathisierte. "Mein Vater..." reicht der "Kleinen Figur meines Vaters" nicht das Wasser.

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