...
____________________________________________

The End
..._____________________________

...
     Als ich meine Nächte noch arbeitend im Taxi verbrachte, wartete ich wieder einmal vor dem Gasthaus "Lindbauer" auf Kundschaft. Im Radio lief gerade die Sendung "Gedanken" - damals gab es immerhin noch eine hörenswerte Sendung auf diesem volksverdummenden Kanal Ö3, neben dem Popmuseum von Wolfgang Khos, wie mir jetzt einfällt, aber den haben sie mittlerweile ja auch schon abgedreht.

Als sich die Tür des Gasthauses öffnete, erschien eine kleine, zierliche Frau, schwarz und schön. (soll ich sagen: "Negerin"? - das dumme mit den klingenden Wörtern ist, daß sie politisch so unkorrekt sind. Schade.) Sie setzte sich auf den Rücksitz hinter mich und gab mir in breitem, amerikanischen Englisch zu verstehen, daß noch jemand komme.

     Nach wenigen Minuten des gemeinsamen Wartens, wir schwiegen, nur das Radio mit seinen "Gedanken" machte angenehme Stimmung, öffnete sich die Wirtshaustür ein zweites Mal. Es zeigte sich ein Mensch von sagenhaften Ausmaßen: Mann, Neger, Koloß, mindestens 2,20m groß und 190kg schwer.

Ich sah ihn mit großen Schritten auf mich zukommen und dachte ungefähr: pfoah.
Sein Versuch, durch die rechte, hintere Tür in das Taxi einzusteigen, scheiterte vorerst; ich mußte den Beifahrersitz bis zum Anschlag nach vorne schieben. Dann schob der Koloß jeden Teil seines gewaltigen Körpers behutsam in die viel zu kleine Fahrgastzelle. Endlich im Auto, sah die stattliche Erscheinung sehr unglücklich aus: Das Autodach drückte den Kopf des bedauernswerten Mannes fast in die Horizontale nach unten, und der vor ihm liegende Beifahrersitz preßte ihm die Knie gegen den Brustkorb. So eingeklemmt war es ihm nicht mehr möglich, die Wagentür zuzuschlagen. Das mußte ich von außen erledigen. Ich stieg aus um Hilfe zu leisten. Bei meinem Gang rund ums Auto zeigte sich mir das Taxi an der Grenze seiner Möglichkeiten: vorne sahen die Räder wie hervorquellende Augäpfel aus, und hinten schienen die Stoßdämpfer am Anschlag, die Reifen waren zur Hälfte unter den Kotflügeln verschwunden.

    Etwas in Sorge, der Mercedes könnte jeden Moment alle Viere von sich strecken, schlug ich unachtsam die Tür zu. Die aber federte zurück wie ein Gummiball, und aus dem Wageninneren jaulte es: Are you crazy???

Das tat mir leid. Erst jetzt sah ich: Der gewaltige Körper des Fahrgastes hing aus der Einstiegsluke wie ein zu großes Stück Fleisch über den Tellerrand; ich sagte öha, meinte sorry. Dann wartete ich verlegen, bis der Herr sein Jammern über den Schmerz eingestellt hatte und drückte die Tür langsam und fest so lange gegen seine Hüfte, bis das Blech ins Schloß schnappte.

Ich weiß heute nicht mehr, wohin die Reise geführt hat. Nur mehr ein Bild: Ich sehe uns über die Linzer Eisenbahnbrücke fahren. Im Radio stimmen Gitarrenklänge The End von den Doors an. Im Lichtkegel der Scheinwerfer die Brücke mit ihrer endlosen Reihe an Eisentraversen, die über mir und neben mir vorbeifliegen. Und gleichzeitig mit Jim Morrison fängt der Riese hinter mir zu singen an, mit der glockenhellen Stimme eines Wiener Sängerknaben -

... this is the end, beautiful friend ...this is the end, my only friend ... ... the end of everything that stands ..... no safety or surprise .... I'll never look in to your eyes ... again.... all the children are insane ...waiting for the summer rain

...und anschließend summt er im Duett mit der elektrischen Gitarre die schönste aller Melodien und seufzt: ...oh my god... isn't it bluesy?

 

Reinhard Winkler


=== Zurück zur Übersicht ===